19. Februar 2011

Das Manifest der Vielen

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich habe eine peinliche Entdeckung gemacht: tief drinnen bin ich ein eingefleischter Liberaler. Dem Liberalismus liegt nämlich nach Carl Schmitt der Glaube daran zugrunde, daß es möglich sei "den Gegner mittels rationaler Argumentation von der Wahrheit eines Arguments zu überzeugen." (So zusammengefaßt im eben in der Edition Antaios erschienen "Handbuch der Schlüsselwerke".) 

Wieso sich diese drollige, fixe Idee so hartnäckig in meinem Inneren hält, ist mir selber ein Rätsel, denn gleichzeitig sagt mir mein Verstand, daß es dabei um eine höchst irrationale Vorstellung handelt. Diese Erkenntnis habe ich insbesondere im Umgang mit Liberalen und liberaler Argumentation gewonnen (eine durchaus typische Erfahrung).  Dieser läuft regelmäßig auf ein Schlagworte-Wrestling und ein ermüdendes "Ich-seh-etwas-was-Du-nicht-siehst"-Spielchen hinaus. Spätestens an diesem Punkt, wo über das verhandelt wird, was Heimito von Doderer "Apperzepionsverweigerung" nannte, erübrigt sich jegliche Diskussion.

Das mag im Prinzip bei jedem fundamentalen Dissens der Fall sein, was die Auseinandersetzung mit den Liberalen so besonders widrig und ärgerlich macht, ist deren verblüffende Fähigkeit, die eigenen Widersprüche nicht wahrzunehmen und sich via selbstreferentieller Rhetorik hermetisch gegen ihre Erkenntnis abzuschotten. Die Lektüre liberaler Texte führt oft zu einem puren "Brainfuck": es ist, als müßte man den Gedankengängen eines Schizophrenen nachfolgen. Oder in eine Welt hinabtauchen, in der oben und unten, schwarz und weiß vertauscht wurden. Oder die Tiraden eines Irren über sich ergehen, der offenkundig anderen genau das vorwirft, was er selber tut.

Das alles ging mir erneut durch den Kopf, als ich in dem frisch im Blumenbar-Verlag erschienen Anti-Sarrazin-Anthologie "Manifest der Vielen - Deutschland erfindet sich neu" , herausgegeben von der Doppelpaß-Besitzerin Hilal Sezgin, blätterte. Das "Viele" im Titel ist dabei irreführend, denn nach "Vielfalt", Abweichungen und Überraschungen wird man darin vergeblich suchen. Im wesentlichen handelt es sich bei den dreißig Autoren um linksliberal argumentierende, die Assimilation und "deutsche Leitkultur" ablehnende Deutschtürken und -orientalen , die von Beitrag zu Beitrag diesselbe ermüdende Melodie spielen. Als sachliche Auseinandersetzung ist es fast völlig wertlos, eine reine Propaganda-Nummer; dennoch ist die Lektüre äußerst aufschlußreich.

Die Teilnehmer dieser in Wirklichkeit relativ homogen zusammengesetzten Einheitsfront werden im Geleitwort von Christoph Peters lustigerweise "muslimische Intellektuelle der unterschiedlichsten ethnischen Herkunft und konfessionellen Positionierung" genannt. Das Manifest zeige "eindrucksvoll", wie "vielgestaltig, geistreich, aufgeklärt, zeitgenössisch, zukunftsträchtig, analytisch, gesellschaftskonform und gesellschaftskritisch muslimische Positionen in Deutschland heute sind", wovon allenfalls "zukunftsträchtig", "zeitgenössisch" und "gesellschaftskonform" zutrifft.

Für den Verfasser des "Geleitwortes"soll das Buch "all die kenntnisreichen, differenzierten und reflektierten Muslime, die es in diesem Land in großer Zahl gibt" zu Wort kommen lassen, um einen "wirklichen Dialog zwischen den verschiedenen Auffassungen darüber zu beginnen, was die Stellung des Menschen in der Welt ist und welche Schlüsse für die Gesellschaft und das individuelle ethische Verhalten daraus zu ziehen sind (...)." Und das, "statt" Leute wie eine ungenannte, "von der islamischen Geistesgeschichte unbeleckte türkischstämmige Soziologin" durch "die deutschen Talkshows" zu jagen.

Peters selbst gehört jenem kuriosen, immer öfter auftauchenden Patrick-Bahners-Typus des liberalen Intellektuellen an, der sich auf bizarre Weise in den Islam verschossen hat. Peters beklagt, daß "nationale Identität und deutsche Leitkultur aus dem Kartoffelsack gezaubert werden", während vergessen werde, daß der Islam für die geistige Entwicklung Europas "während der letzten zwölfhundert Jahre in nahezu allen Bereichen, von den Naturwissenschaften bis hin zur Baukunst, immense Bedeutung gehabt hat." Die Rede vom "jüdisch-christlichen Abendland" hält er für heuchlerisch, denn Thora, Bibel und scholastische Theologie kennen keine "Trennung von Kirche und Staat, Toleranz gegenüber Andersgläubigen und Frauenemanzipation." (Wie Peters die Wertschätzung dieser Dinge mit seiner glühenden Islam-Liebe in Einklang bringt, bleibt sein Geheimnis.)

Die strahlende Überlegenheit der islamischen Kultur über das "christliche Abendland", "zu dessen Doktrin jahrzehntelang der Antisemitismus gehört hatte", hätten indessen schon Lessing, Wieland und Goethe erkannt.  Was heute in Deutschland nach Sarrazin geschehe, sei nichts weiter als ein Wiedergänger der Zeit vor 1945, als Deutschland von "Chauvinismus, Rassismus und stumpfer Propagandahörigkeit" beherrscht wurde. Das altbekannte Symptombild eben: deutscher Selbsthaß, NS-Neurose, nachgeholte Widerstandsgesten, und eine übertriebene Glorifizierung und Idealisierung des Fremden bei gleichzeitiger Abwertung des Eigenen.

Unter den Verfassern des "Manifests" finden sich fast sämtliche Unterzeichner des berüchtigten "Offenen Briefes deutscher Muslime und Musliminen an den Bundespräsidenten Christian Wulff"vom letzten September.  Es handelt sich bezeichnenderweise vor allem um eher linke und säkularisierte Vorzeigeintegrierte aus Medien, Politik und dem akademischen Bereich, die nun plötzlich ihre "muslimische" Identität entdeckt zu haben scheinen.

Es dauerte bekanntlich nicht lange, bis Wulff auf diese Schmeichelei reagierte und in seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit den Islam als "Teil Deutschlands" begrüßte.  Ich habe diesen aufschlußreichen Brief hier analysiert. Der Geist ist derselbe, der aus dem "Manifest der Vielen" spricht. Darin wird Wulff auch von einer Fereshta Ludin mit den Worten "Thank you, Mr. President!" gedankt, als wäre er ein deutscher Obama. "Zwanzig Jahre habe ich auf diesen Satz gewartet... Sie haben mit Ihrer Rede ein neues Kapitel des Zusammenlebens in Deutschland aufgeschlagen."
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Der Verlag stellt sein Buch so vor:
Um sich nicht abzuschaffen, muss Deutschland sich neu erfinden. Dreißig profilierte Autorinnen und Autoren schreiben über ihr Leben in Deutschland, über Heimat und Identität, über ihr Muslim- oder Nicht Muslim-Sein anlässlich der Sarrazin-Debatte. Begriffe wie Migrant, Moslem, Deutscher, Fremder lösen sich dabei immer mehr auf, in den Vordergrund treten kritische Analysen und persönliche Geschichten. Ergebnis ist eine Vielfalt der Stimmen für »das Eigenrecht gelebten Lebens« (Hilal Sezgin).

Die Argumentation ist liberal, denn sie besteht darin, zu behaupten, daß es nur Individuen, nur "Menschen" in einer "Gesellschaft" gäbe und alle Pauschalisierungen und Identifikationen beliebig machbar und daher auch dekonstruierbar seien. "Deutsche", "Türken", "Muslime", "Fremde"... das gibt es doch eigentlich nicht, das wird nur "gemacht". Diese Strategie der Brausetablette funktioniert freilich nur auf dem Papier; sie ist letztlich nichts anderes als Bestandteil eines mit "Double-binds" gespickten Psychokriegs, mit dem dem Gegenüber der Boden unter den Füßen weggezogen werden soll, während er durch die Hintertür unter den eigenen Füßen zementiert wird. Duch diese kommen dann auch die Gruppeninteressen plötzlich wieder ins Spiel. Das muß nicht einmal eine bewußte Strategie, eine Form von Taqqiya sein, um zu funktionieren.  Es ist "politische Mimikry", nicht, weil sie ihre politischen Ziele verhehle, sondern, weil sie sie in eine den Umständen angepaßte Sprache zu verpacken versteht.

Nicht alle sind so offen und so aggressiv wie Feridun Zaimoglu, der den Reigen mit einem Beitrag eröffnet, der den Titel "Es tobt in Deutschland ein Kulturkampf" trägt. (Wie er sich selbst diesen vorstellt, kann man sich auf der Netzseite der von ihm mitbegründeten Initiative "Kanak Attak" ansehen.) Wo er recht hat, hat er recht. In diesem "Kampf" ist aus seiner Sicht aber selbstverständlich nur eine Seite gerechtfertigt und legitimiert durch den "Humanismus". Der Feind, das sind hier die "Konservativen", die "Schwarzen", die "rechtskonservativen Krakeeler", das "rechte Volk",  die "Volksnahen", überhaupt alle, die viel vom "Volk" reden.

Was sie vorbringen, wird dadurch erledigt, daß es gleichsam in Anführungsstriche gesetzt und für irreal erklärt wird. Die Konservativen hätten "die Lüge vom Rückzug der Türken aus der deutschen Gesellschaft" verbreitet und "machten Stimmung gegen Parallellwelten, die es nicht gibt". Dank ihrer Propaganda glauben die Deutschen allmählich die "Märchen" von der "schleichenden Landnahme", daß "das Boot voll sei", daß "der Ausländer gefährlich fremd sei", und so weiter.

Die Tirade gipfelt in der Anklage:
Unanständig ist es, die alten Einwanderer in den Hinterhofgebetsräumen als Anhänger eines fremden Glaubens zu beleidigen, ohne je einen Moscheeraum von innen gesehen zu haben. Unanständig ist es, nur Haufen und Horden zu sehen, wo es doch Menschen sind, die dieses Land als ihr eigenes Land betrachten.

Dem entgegenzutreten, nennt Zaimoglu "Humanismus" und "Linkssein". Das ist wohlgemerkt der Appell an das "Linkssein" von einem, der sich selbst als Anhänger der "Gegenaufklärung" sieht, und Bekenntnisse von sich gibt wie:
Eren Güvercin: Herr Zaimoglu, noch eine persönliche Frage zum Schluss: Woher nehmen Sie eigentlich die Kraft für solch eine große Lesetour, wo Sie fast jeden Tag in einer anderen Stadt auftreten, und nebenbei noch zahlreiche Termine mit Verlag und Presse haben?

Feridun Zaimoglu: Die einzige Allmacht, die Kraft spendet und entzieht, ist Allah, der Erhabene. Wenn Er will, werde ich weitermachen. Gelobt sei seine Einheit.

Die ganze Rede ist ein Musterbeispiel dafür, wie einer gleichzeitig behaupten kann, daß es einen Kulturkampf gibt und daß es ihn nicht gibt.  Und  dafür, wie der Begriff des "Humanismus" als Gleitmittel benutzt wird, um ein sehr partikuläres Interesse durchflutschen zu lassen.

Im Kern diesselbe Nummer, nur in akademischer klingendem Lila, bringt die als Sarrazin-Kritikerin berüchtigt gewordene (und blamierte) Naika Foroutan, die an der Humboldt-Universität Berlin ein Kulturkampfprojekt mit dem programmatischen Titel „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle (HEYMAT)“ leitet. Ihr Beitrag "Gemeinsame Identität im pluralen Deutschland" ist ein unfaßbarer Begriffskuddelmuddel, den vollzuständig aufzulösen mir an dieser Stelle die Geduld und der Platz fehlt.

Nur soviel: Das "eigentliche Tabu" des Landes sei "ein tief sitzender Rassismus, der sich schleichend und stetig vom Rand der Gesellschaft in die Mitte hinbewegt, um dort für eine veritable Krise zu sorgen." Dieser äußere sich etwa darin, daß "das Fremde" (Sperrung von Foroutan) als "Bedrohung" wahrgenommen wäre, daß man vom "Fremden" eine kulturelle Anpassungsleistung erwarte (!), ja daß überhaupt die Rede von "den Muslimen" als kollektive Menschengruppe aufkomme.  "Auf der emotionalen Ebene werden sie als Integrationsverweigerer und Abweichler von der Volksnorm inszeniert" (Sperrung von mir).

Es wären die "Ressentiments" in der "Bevölkerung", die "aus Menschen Muslime machen, aus Nachbarn Verdächtige. Aus einer pluralen deutschen Gesellschaft eine entfremdete Nation aus echten Deutschen und Ausländern." Woher kommen nun aber diese ominösen "Ressentiments" (von "Ängsten" zu sprechen, hält sie für eine Flucht vor "dem wahren Kern der Debatte"), die man indessen "ernst nehmen müsse"? Foroutan ist wenigstens nicht so dumm, die Ursache allein bei einer seelisch anrüchigen Verfassung der deutschen "Rassisten" zu suchen.

Das klingt dann so:
Es sind Ressentiments, Vorurteile, Unbehagen gegenüber Männern und Frauen, die zum Großteil jünger sind, manchmal lauter, anders aussehen, manchmal anders sprechen, ihre Rechte kennen, sie einfordern, ihr Recht auf Anderssein offen leben, statt sich assimiliert zu lassen (sic), nicht mehr unauffällig übersehen werden wollen, nicht am Rande agieren, in die Mitte der Gesellschaft drängen und die Mitte dadurch umformen.

Selbstbewußt und subversiv agierend, mit Textzeilen wie "Denn dies ist unser Deutschland/ euer Deutschland fuck it/dies hier ist das neue Deutschland" dem Land den Spiegel vorhaltend, ihm tagtäglich bewußt machend, daß es sich wandelt...

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Das ist nun inhaltlich nichts weiter, als das, was Zaimoglu als perfide und unhumanistische Rede der "Konservativen" diffamiert hat, lediglich in eine wattigere, entschärfende und ins Positive gewendete Sprache verpackt (im NLP nennt man soetwas "Re-Framing").

Die "Männer und Frauen", um die es hier geht, sind demographisch im Vorteil ("zum Großteil jünger"), haben ein aggressiveres Sozialverhalten ("manchmal lauter"), enstammen einem anderen ethnischen Genpool ("anders aussehen"), sprechen eine fremde Sprache ("manchmal anders sprechen"), verweigern sich der Assimiliation und kulturellen Anpassung und fordern das Recht auf diese Verweigerung offensiv ein, indem sie die liberalen Spielregeln gegen die Gesellschaft selber wenden ("ihre Rechte kennen, sie einfordern, ihr Recht auf Anderssein offen leben"),  und setzen aktiv raumergreifend ihre eigenen Interessen durch ("in die Mitte der Gesellschaft drängen und die Mitte dadurch umformen.")

"Euer Deutschland, fuck it" - "Scheiß auf euer Deutschland" zitiert Foroutan den Rapper Samy Deluxe und findet das ganz schneidig "selbstbewußt" und "subversiv", weil es einer Gesellschaft "einen Spiegel" vorhalte, die verbissen an ihrem alten Deutschland festhält, statt es den unwiderstehlichen jungen Migranten in die Hände zu geben. Dabei zitiert sie ihn falsch, denn er singt eindeutig "Denn dies ist unser Deutschland, euer Deutschland/ Fuck it, dies hier ist das neue Deutschland". Aber wer weiß, vielleicht war das ja ein "Freud'scher Verhörer", wenn es soetwas gibt. Ich könnte es mir gut denken.

Foroutan stellt ihrer eigenen Argumentation ein Bein, auch wenn sie sich noch so bemüht, sprachkosmetisch darum herumzutänzeln. Was sie beschreibt, setzt ja zwingend voraus, daß es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die ganz von selbst ein "Wir"-Gefühl und ein Fremdheits- oder Andersseingefühl hat, ohne daß die Projektionen irgendwelcher "Rassisten" dies erst erzeugen würden. Über die Tatsache dieser realen Spaltung muß ständig hinweggetäuscht werden, indem je nach Bedarf einmal die Existenz der einen, einmal die Existenz der anderen rhetorisch von der Bildfläche getrickst wird. Das ist die Kunst der Sozialwissenschaftler!

Man merkt an solchen Texten, daß es nicht seine Lagebetrachtungen und Zukunftsszenarien sind, die Thilo Sarrazin nicht verziehen werden, sondern daß er es wagt, diese als negative Entwicklung zu betrachten, und daß er so unverfroren ist, auf einem traditionellen Vorrecht der Stammbevölkerung gegenüber den Zugewanderten zu beharren. Seine Gegner, wie sie sich in dem "Manifest" äußern,  wollen Deutschland als Deutschland "abgeschafft" sehen, und sie machen keinen Hehl daraus.

Wenn Foroutan nun schreibt:
Es ist die Angst vor einem sich verändernden Deutschland, die wir ernst nehmen müssen, nicht die suggerierte Angst vor den Muslimen.

- dann geht es hier in erster Linie und ausbuchstabiert um die Frage, wie man den bockigen rest-resistenten Deutschen die Angst vor der Enteignung und Entfremdung ihres eigenen Landes nehmen, ja letztere akzeptabel machen kann.  Dazu gehört selbstverständlich auch die Delegitimierung nach hinten, die Verfälschung der Geschichte:
Selbst der Wunsch nach einem homogenen Deutschland ist nachvollziehbar, obwohl Deutschland nur in einem kurzen Moment seiner Geschichte homogen war: in der Zeit nach den Säuberungen des des Dritten Reichs bis zum Beginn der Einwanderung in den Sechzigerjahren...

Was natürlich historisch ein unglaublicher Quatsch ist, und ein unzulässiges, demagogisches Operieren mit dem Begriff der "Homogenität".  Aber die Stoßrichtung des Anrüchigmachens ist klar: es sind nicht die sich zunehmend der Integration verweigernden Einwanderer, die schuld sind, es ist nicht das langsame, aber sichere Kippen des Mehrheitsverhältnisses, das zur Folge hat, daß das (angeblich so) "plurale Deutschland aus dem Ruder" läuft, sondern die "Fantasien von einer homogenen Gesellschaft ohne Migranten". Es gibt einfach immer noch zuviele Deutsche, die sich verbrecherischerweise nicht damit abfinden wollen, in Zukunft nur eine Minderheit unter vielen (?) anderen zu sein.

Als Heilmittel gegen die "Ressentiments" plädiert Foroutan dafür, "gemeinsam eine Antwort darauf zu finden", "was denn eigentlich deutsch ist", also quasi den Nicht-Deutschen in dieser Frage ein demokratisches Mitspracherecht einzuräumen. Weiters müsse man das deutsche Selbstverständnis nach dem US-amerikanischen Modell umgestalten, allerdings mit Anpassungen an die stärker kollektiv-sozial ausgerichtete deutsche Seele:
Hier könnte der Traum eher in einem pluralen, multiplen Gemeinschaftsstreben nach kollektivem Glück die Ausformulierung einer neuen deutschen Identität antreiben.

Worunter sich freilich kein Mensch etwas Konkretes vorstellen kann.

Das "Manifest der Vielen" demonstriert unterm Strich "beredt" (Christoph Peters) vor allem eines: die völlige Gleichgültigkeit der Intellektuellen unter den Zugewanderten gegenüber den Rechten, Gefühlen, Ängsten und Problemen jener Autochthonen, die irgendwie noch in der altmodischen Idee befangen sind, als Volk ein Vorrecht in ihrem eigenen Land zu haben. Es wird wie selbstverständlich angenommen, daß dieses Vorrecht gar nicht existiert, ja es wird sogar mit gelehrten Traktaten die Identität der Deutschen selbst geleugnet, dekonstruiert und relativiert. Sie werden quasi in eine virtuelle Gummizelle gesteckt, in der ihre Wahrnehmungen zu Hirngespinsten und ihre Regungen von Selbstbehauptung und Identitätsgefühl zu ethisch verwerflichen, pathologischen Impulsen erklärt werden. "Gemeinsame Gestaltung" bedeutet letztlich, daß die Migranten immer mehr Mitsprache- und Teilnahmerechte erhalten sollen, und dafür immer weniger Anpassungsleistungen erbringen müssen.
Damit ist man nicht individuell integriert, sondern als Gruppe den Einheimischen gleichgestellt. Man wird also als Gruppe nicht Teil einer einheimischen Mehrheit, sondern erwirbt einen territorialen Besitzanspruch. Geht man auf ein solches Projekt ein, sollte man wissen, dass an seinem Ende die Auflösung der deutschen Nation steht, der Verlust der Heimat für den Einzelnen, das Aufgeben unseres Territoriums. Wir riskieren, was den Serben passiert ist, indem sie den Kosovo verloren haben.

- Richard Wagner apropos Naika Foroutan)

Mit dieser Argumentation gehen die migrantischen Intellektuellen freilich konform mit jener Deutschlandabschaffungsideologie, die die deutschen intellektuellen und politischen Eliten jahrzehntelang selbst kultiviert haben. Sie sind im Grunde von diesen herangezüchtet worden. Das ist die eigentliche "deutsche Leitkultur", die sie trefflich assimiliert haben. Als deren verwöhnte und verzogene Kinder bedienen sie sich ungeniert und unreflektiert dieses Instrumentariums, um damit ihre eigenen Interessen "in die Mitte der Gesellschaft zu drängen und diese dadurch umzuformen".

Lang genug haben sich die Deutschen vor sich selbst und der Welt zu rückgratlosen "Opfern" (ein Schimpfwort in Neukölln), Selbstentäußerern und Büßern gemacht, nun bekommen sie die Quittung präsentiert. Was kriecht, wird auch irgendwann getreten werden, und das zu Recht.

Was hätte man Sezgin, Zaimoglu oder Foroutan zu antworten? Man muß ihnen den umgekehrten Schuh anziehen, jenen "Spiegel vorhalten", zu dem die Deutschen so wenig Mut haben. Begreiflich machen, daß die Deutschen genauso wie sie ihren Status und Besitzstand wahren wollen, der ihnen ohne Gegenleistung dreist abverlangt wird. Daß sie ebenso ein "Eigenrecht gelebten Lebens" und ein Recht auf eine Zukunft nach ihren Vorstellungen haben. Daß ihre Angst ernstgenommen werden muß, und ihre realen, handfesten Gründe anerkannt. Denn in Wirklichkeit sind sie es, die zu Fremden "gemacht" werden. ("Fremd ist der Fremde nur in der Fremde", kalauerte Karl Valentin, und tausend linke Idioten haben diesen Satz mißverstanden, genauso wie jenen, daß jeder Mensch Ausländer sei - "fast überall".)

Ferner, daß es "unanständig ist", die alten, dummen, demokratiegläubigen Deutschen, die an ihrer gesetzlich verbürgten Volkssouveränität und ihrem Vaterland hängen, und selbst entscheiden wollen, wie es sich verändern soll, als "Rassisten" und Kryptonazis zu beleidigen. Daß es "unanständig" ist, "nur Haufen und Horden zu sehen, wo es doch Menschen sind, die dieses Land als ihr eigenes Land betrachten".

Ihren Schock darüber zu verstehen, mit einem Schlag mitten im "alternativlosen" Prozeß ihrer eigenen Enteignung und Abschaffung als Volk aufzuwachen, betrogen und hintergangen von ihren eigenen Eliten, die ihnen seit Jahrzehnten mit Versprechen von Demokratie und Wohlstand Wählerstimmen abschmeicheln. Nun hören sie mit ungläubigen Ohren einen Wulff im Schafspelz,  der lächelnd und mit einem unmißverständlichen Zungenschlag erklärt, der Islam "gehöre" zu Deutschland, wenn für eine "Tatsachenfeststellung" (Peters) gereicht hätte, zu konstatieren, daß er sich in Deutschland ausgebreitet hat. Und sie sind wütend, denn so haben sie nicht gewettet, als sie sich von ihren Eliten die Masseneinwanderung aus imkompatiblen Ländern einreden haben lassen und sie geduldig passiv hinnahmen.

Wer wagt nun à la Samy Deluxe "selbstbewußt" und "subversiv" auszusprechen: "Das ist unser Land. Scheiß auf dein Multikulti-Schland und deinen Islam. Wir wollen nicht, daß es sich so 'verändert', haha, yeah, wie ihr es wollt. Und wir haben darauf ein verbrieftes Recht, auch wenn ihr uns das streitig machen wollt, wir, die wir euch und eure Väter und Mütter mit einer beispiellosen Großzügigkeit aufgenommen haben und immer noch aufnehmen."

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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