Krisenjournalismus - Dirk C. Fleck über die vierte Macht

von Felix Menzel / 7 Kommentare

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

die-vierte-macht-dirk-fleck-schatten-versand(Rezension aus Sezession 51 / Dezember 2012)

Dirk C. Fleck hat sogenannte Topjournalisten zu ihrer Verantwortung rund um einen »Wertewandel« in der Gesellschaft befragt. Nutzen sie, so seine Leitfrage, in heutigen Krisenzeiten ihren Einfluß als vierte Macht, um die Zuschauer, Zuhörer und Leser aufzuklären und zu sensibilisieren?

Der Schweizer Soziologe Kurt Imhof schafft es im Gespräch mit Fleck als einziger der in diesem Buch Befragten, den Finger in die richtige Wunde zu legen. Er prangert die »Empörungsbewirtschaftung« der Medien an, erklärt den »neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit« als einen Prozeß, der zu einer »Folgenlosigkeit von öffentlichen Auseinandersetzungen« führe, weil es nur noch auf eine »moralisch-emotionale Urteilsbildung« ankomme. Imhof gelingt es darüber hinaus, zu erklären, wie beunruhigend es ist, daß die Öffentlichkeit die supranationalen Machtzentren nicht im Blick hat, dafür aber naiv glaubt, das Internet setze ein globales »Demokratiepotential« frei. Das sei ein Wunschdenken, das die »Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitsallokation« mißachte.

Damit ist eigentlich das Wesentliche zum Verhalten der Massenmedien in Krisenzeiten gesagt. Dirk C. Fleck hat aber noch mit 24 anderen Journalisten und Wissenschaftlern über das Thema gesprochen, die jedoch durch die Bank ihre eigene Rolle schönreden, was bei der Auswahl der prominenten Gesprächspartner auch nicht verwundert (u. a. Giovanni di Lorenzo, Michel Friedman, Kai Diekmann, Anne Will). Wäre es so, wie es die Befragten schildern, müßten lediglich alle Medien verstaatlicht werden, damit sie nicht mehr den Marktmechanismen unterlägen, und die »heile Welt« wäre greifbar nah – an den Journalisten selbst kann es ihrer Ansicht nach nicht liegen!

Sie schätzen sich alle als unglaublich krisen- und umweltbewußt ein. Wenn man nur in den Machtzentren der Verlagskonzerne auf sie hören würde! Die angeblich drohende »Klimakatastrophe« wäre bald Schnee von gestern, weil die Gesinnungsethiker an der Tastatur dann nur noch über Umweltthemen berichten würden, um die Welt zu retten.
Allein diese Einseitigkeit beweist jedoch, wie schlecht es um den deutschen Qualitätsjournalismus steht. Keiner der Befragten kommt auf die Idee, daß es neben der »Klima-katastrophe« auch noch andere drängende Probleme in Deutschland und auf der Welt geben könnte. Und die »Skandalokratie«, ist sie vielleicht selbst ein Problem?

Nur Imhof hat darauf eine gute Antwort parat.

Dirk C. Fleck: Die vierte Macht. Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten, Hamburg: Hoffmann und Campe 2012. 317 S., 22.99 €

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Kommentare (7)

Ein Fremder aus Elea
Klimakatastrophe?

1. Das Grönländische Eis flösse, wenn es denn schmölze, nicht gen Island, sondern gen Westen Richtung Kanada, gebirgskettenbedingt. Der Golfstrom ist also nicht in unmittelbarer Gefahr.

2. Zwischen dem Anstieg der Temperatur und dem Anstieg des Kohlendioxidsgehalt der Luft liegen 800 Jahre, und zwar in der genannten Reihenfolge. Was das heißt? Daß der Gleichgewichtspunkt der Kohlendioxidkonzentration bei größerer biologischer Aktivität höher liegt. Die Treibhauseigenschaft des Kohlendioxids hat bei der in der Erdatmosphäre heute vorhandenen Konzentration keine meßbaren Auswirkungen.

Und ansonsten wird es zur Zeit nicht mehr wärmer, was auch immer den beobachtbaren Temperaturschwankungen zu Grunde liegen mag (gegenwärtig liegt der Periheldurchgang zwischen 1. und 5. Januar, er wird sich pro Jahr im Mittel um 25 Minuten weiter Richtung Frühling verschieben, die Winter werden kälter und länger, die Sommer heißer und kürzer - auf der Nordhalbkugel).

zu einer »Folgenlosigkeit von öffentlichen Auseinandersetzungen« führe, weil es nur noch auf eine »moralisch-emotionale Urteilsbildung« ankomme

Nun ja, in einer parlamentarischen Demokratie sind Parteien systembedingt darauf reduziert, unterschiedliche Skepsisgrade ein und derselben Glaubensrichtung abzudecken, wobei der skeptische Pol "rechts" und der unskeptische "links" genannt wird. Es ist also nicht weiter verwunderlich, daß eine politisch "links" eingestellte Presse nach Kräften die Grundlagen von Skepsis aus der Welt zu schaffen sucht.

Hier ein paar Gedanken vom 15. August letzten Jahres dazu:

http://bereitschaftsfront.blogspot.com/2012/08/parlamentarismus.html
Belsøe
Durchaus bemerkenswert, dass Beppe Grillo (man mag ansonsten von ihm halten was man will) an seine Bewegung neuerdings die Parole ausgibt: no talk shows. Kein hoffnungsdebiler Selbstmord durch freiwillige Auslieferung an sich als Korrektivkraft ausgebende Auftragssaboteure.

Für einen Moment habe ich übrigens überlegt, diesen Kommentar unter den Beitrag zur Mediensituation der IB zu setzen: Grillo vertraut der Tat und dem mittlerfreien Gespräch seiner Gleichgesinnten wohl mehr als den abermillionen Bildschirmen. Ein langer Weg, aber vielleicht der bessere?
Citizen Kane
"Nur Imhof hat darauf eine gute Antwort parat."
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Kenne das Buch nicht,
aber so dumm und naiv sind die nicht, als sähen sie nicht, was sie tun.

daher kann die Antwort nur lauten:

Die Eliten, die Protagonisten der Mediokratie sind von der herrschenden Oligarchie dazu eingesetzt deren Interessen zu vertreten und werden dafür angemessen besoldet.
Das mag für Intellektuelle zu "flach" sein, aber differenzieren heißt hier, wie es Martin Lichtmezs einmal so schön formuliert hat, das Offensichtliche verschleiern.
neocromagnon
Welches Potential das Internet auch immer hat, es dürfte noch spürbar werden. Es gibt Berichte, nach denen Polizei in Gebieten mit einem hohen Migrantenanteil bei Festnahmen oder nur Personenkontrollen, Probleme mit gewalttätigen Menschenmengen bekommt, die sich offensichtlich kurzfristig über Mobiltelefone koordinieren und z.B. Festnahmen verhindern. Dabei handelt es sich nur um spontane reaktive Koordination. Wenn man sich unter dem Gesichtspunkt Flashmobs und Geocaching anschaut, dann kann man eine Ahnung davon bekommen, welche Wirkung die soziale und mobile Koordinierung größerer Menschenmengen bei Unruhen, effektiv angewendet, noch haben könnte.
Th.R.
So wie es aussieht werden die Karten im etablierten Medienbetrieb derzeit neu gemischt. FR und Financial Times sind schon verschwunden, ZEIT, taz und vielleicht auch SPIEGEL könnten ihnen mittelfristig folgen. Überleben werden auf lange Sicht wohl nur die, die es schaffen, ihr Kerngeschäft erfolgreich im Onlinebetrieb weiterzuführen und die gegenüber den anderen Systemblättern einige gewisse Alleinstellungsmerkmale, insbesonderer hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausrichtung, aufbieten.

Ich sehe da durchaus eine Chance, dass hier auch rechte Medien zum Zuge kommen und gestärkt aus dieser Transformation hervorgehen können. Derzeit mangelt es noch an der technischen Umsetzung, denn ein einfaches, robustes Onlinebezahlsystem für solcherart Medienangebote ist immer noch nicht umgesetzt. Aber gerade das ist heute Voraussetzung für eine eZeitung, um im Onlinebetrieb Geld zu verdienen. Nur wer dort baldmöglichst Geld verdient, kann sich langfristig behaupten und wachsen. Und eine eZeitung, die auf solchen Füßen sicher steht, die kann sich den Luxus einer eigenen inhaltlichen Ausrichtung leisten, die vom Mainstream und von den verlautbarten Leitlinien des System abweicht.
Rumpelstilzchen
Immer noch der beste Beitrag über die vierte Macht



a href="http://http://www.focus.de/wissen/mensch/philosophie/tid-20094/debatte-die-neuen-jakobiner_aid_550734.html">
JeanJean
Der neue Jouralismus hat in der gesamten westlichen Welt die Rolle des Erziehers und Motors übernommen. Durch seine Krisen - und Skadalberichterstattung muss er den Bürger für die schönen Programme der Umverteilung und Verhaltensänderung weich klopfen, die glob gov für uns bereit stellt.

Man googele z.B. mal : "Demokratie erfahrbar machen - demokratiepädagogische Beratung in der Schule". Die dramatischen Ereignissen in Hoyerswerda und Lichtenhagen drängten zum entschlossenen Handeln. Kostprobe?

"Doch alle sind wir auf diesen Weg angewiesen: Die Europäische Union, der Europarat mit seinen 46 Mitgliedern, die OECD haben sich in strategischen Entscheidungen auf einige zentrale Leitwerte festgelegt, die ihre Entwicklung bestimmen sollen: Demokratie, Menschenrechte, soziale Inklusion und Nachhaltigkeit. ....

Der für die EU verbindliche Lissabon-Prozess, der die Union zu dem ökonomisch am weitesten entwickelten Teil der Welt machen soll, fordert Grundbildung, Berufsbildung und Hochschulbildung nachhaltig zu demokratisieren. Der Europarat hat EDC – Education for Democratic Citizenship – auf die Agenda seiner Mitgliedsländer gesetzt und das Jahr 2005 zum Jahr der Demokratieerziehung in Europa ausgerufen – ein Projekt, das der Europarat als Ausgangspunkt eines auf Dauer gestellten Programms versteht. ...

Stellen wir nach dieser kompakten und recht abstrakten Kurzfassung die Frage nach dem qualitativen Rahmen für Demokratielernen, zeigt sich, dass das transnational anerkannte, normativ legitimierte und international vereinbarte Ziel einer Education for Citizenship mit dem Ziel des Erwerbs von Kompetenzen für demokratisches Handeln den Erfahrungsraum
einer Lebensform anvisiert, in der junge Menschen Elemente der Praxis für ein Leben in der Demokratie erwerben. ..."

Man begegnet erstaunt, John Deweys amerikanisiertem, marxistischen Prinzip des "sozialen Lernens" und seiner "Schule von Morgen" als Motor der Transformation, auch im Bereich des "lebenslangen Lernens", unter leichter Modifikation, heute muss es "nachhaltig" sein, wo man geht und steht.

Wie bei der gesamten Frankfurter Schule, ein schönes Beispiel des transatlantischen ideologischen Ping Pongs, bei dem der Ball einst von Moskau aus ins Spiel geworfen wurde. Kommt Etwas aus den USA, kann es ja nicht marxistisch sein, sitzen Unternehmen im Boot, bemerkt der dumme Konservative gar nicht was er unterschreibt.

Wenn neben Bill Gates auch noch die WISE Stiftung Qatar und jeder Community Organizer aus Brasilien vom demokratischen "neuen Lernen" begeistert ist, zeigt das schließlich nur, dass die Evolution der Welt zum Frieden möglich ist. Wer das bezweifelt ist auszuspeien.

Selbst das offen funktionalistische Wahrheitsverständnis Deweys (und nicht nur Deweys natürlich), prägt ja die heutige Berichterstattung. Wahr ist was zum (richtigen) Handeln auffordert.

Manchmal wäre eine Rebellion gegen die Herrschaft der alten weißen Männer angebracht.

Hier noch ein kleines Beispiel für die Praxis der "Demokratieerziehung" :

http://www.youtube.com/watch?v=gQqcm0-zYMc

Für die allgemeine Verbreitung der notwendigen Narrative ist natürlich die Presse zuständig.

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