30. April 2013

Französischer Blätterwald (4) – Geschichte in Hochglanz

von Benedikt Kaiser / 0 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

00001 nrhIn Deutschland werben im konservativen Bereich vor allem zwei Geschichtsmagazine um Leser: Geschichte & Wissen kompakt erklärt sowie die eher altrechte Deutsche Geschichte. Europa und die Welt. In Frankreich gibt es keinerlei Alternativen – sie sind schlichtweg nicht notwendig. La Nouvelle Revue d’Histoire (NRH) deckt den Markt umfänglich ab.

Herausgeber ist mit Dominique Venner ein Historiker, der bereits in der Sezession vertreten war und dem deutschsprachigen Publikum wohl besonders aufgrund seiner fundierten Freikorps-Studie Söldner ohne Sold bekannt ist.

Venners Zeitschrift erscheint alle zwei Monate mit 66 Seiten im DinA4-Format. Daß die Zeitschrift ästhetisch ansprechend und reich bebildert gestaltet wird, ist gewiß nicht ihr größter Vorteil. Dieser liegt vielmehr in der wohltuenden Mischung aus Grundlagenartikeln, Portraits, Interviews sowie einem Dossier, das etwa die Hälfte des Raumes jeder Ausgabe einnimmt und in dem von verschiedensten fachkundigen Autoren detailliert ein spezielles Thema bearbeitet wird. Abgerundet wird das Pariser Magazin durch kurze und lange Rezensionen und einen sorgfältigen, nach voraussichtlichem Erscheinungsdatum angeordneten Kalender neuer Bücher.

Im Jahr 2013 sind bis dato zwei Ausgaben erschienen.
Nummer 64 (Januar/Februar) enthält – neben den stets vertretenen Kategorien – das Dossier „Das Ende der Habsburger“ und versammelt darin sieben Artikel, deren Inhalt den deutschsprachigen Lesern (vor allem aufgrund entsprechender Aufsätze der Neuen Ordnung) größtenteils bereits bekannt sein dürften, und eine beachtliche Chronik des Hauses Habsburg von 791 bis 1918. Zudem enthält Nr. 64 u. a. eine Abhandlung über italienischstämmige Pariser Gymnasiasten, die sich noch 1943 freiwillig zur Mussolini-Eliteeinheit Decima MAS meldeten, sowie ein Überblick über die „Geschichte der Linken in Frankreich“ aus der Feder Alain de Benoists, der damit eines seiner Spezialfelder bearbeitet. Der Kurzvorstellung Benoists kann zudem entnommen werden, daß der französische Philosoph an einem Werk über „Tiere und Menschen“ arbeitet, das der Stellung des Menschen in der Natur auf den Grund gehen möchte.


Das aktuelle Heft (Nr. 65, März/April) ist dem Verhältnis zwischen den USA und Europa gewidmet. Universitäre wie außeruniversitäre Wissenschaftler zeichnen diese mitunter spannungsgeladene Beziehung nach, ohne aber vor dem Heute Halt zu machen. Hervorzuheben sind Pascal Trabuchots Analyse der Beziehungen USA–Israel („Israel, der lästige Partner“), in der der Autor zeigt, daß das Verhältnis trotz jedweder Lobbyarbeit von AIPAC und Co. in den Vereinigten Staaten der Realpolitik unterworfen bleibt, und Tancrède Josserans geopolitischer Blick auf die Rolle der Türkei in westlichen Bündnissystemen („Die Türkei als widerspenstiges Instrument“).

Aus deutscher Perspektive sicherlich von besonderen Interesse ist die ausführliche Behandlung der Deutschen im Osten nach 1945. Ausgehend von R. M. Douglas’ Studie ‚Ordnungsgemäße Überführung‘ zeichnet Yves Nantillé die Vertreibungen detailliert nach, akribisch und mit Zahlen unterfüttert, doch nicht ohne Empathie für die individuellen Schicksale. Nantillé pickt sich den Bahnhof Hof heraus, um abseits allgemeiner Daten und Tragödien konkret zu zeigen, unter welchen Bedingungen die „Umsiedlungen“ auch Monate nach Kriegsende vonstatten gingen. In der bayerischen Stadt Hof, unweit der damaligen tschechoslowakischen Grenze gelegen, fuhr im Dezember 1945 ein Zug mit 650 vertriebenen Sudentendeutschen ein, von denen 94 bereits auf der – trotz Grenznähe dreitägigen – Reise verstarben, unter ihnen 22 Kinder. Nantillé greift sich dieses Beispiel als Einstieg für die folgende Gesamtschau, dem französischen Leser schildernd, daß dies nicht als Einzelfall zu vermerken ist, sondern daß solcherlei Leidenskapitel noch im Winter 1945 – und Jahre darüber hinaus – Gang und Gebe gewesen sind.

Das durchgehend auf hohem Niveau gehaltene Heft ist aber keineswegs auf den Zweiten Weltkrieg und damit verbundene Greuel beschränkt. Weitere Beiträgen zeigen die vielfältigen Facetten der NRH-Autoren. Die geistesgeschichtlichen Wurzeln des großartigen J. R. R. Tolkien werden ebenso behandelt (von Mathilde Tingaud) wie die österreichische Erzherzogin Maria Theresia (von Emma Demeester) oder neue archäologische Entdeckungen zur gallischen Geschichte (von Éric Mousson-Lestang).

La Nouvelle Revue d’Histoire ist ein empfehlenswertes Geschichtsmagazin mit europäischer Perspektive. Daß es auch für deutsche Leser mit rudimentären französischen Sprachkenntnissen lohnend ist, einen Blick in das Periodikum Dominique Venners zu werfen, liegt nicht zuletzt am regelmäßigen kompakten Überblick über Neues aus Literatur, Publizistik und Wissenschaft.

Die sechsmal im Jahr erscheinende Zeitschrift kostet im europäischen Auslandstarif 44.00 € jährlich (inkl. Porto); für 58.00 € (inkl. Porto) erhält man pro Jahrgang zusätzlich zwei Sonderhefte. Rabatt bei Abschluß eines Abonnements mit zweijähriger Laufzeit. Bestellungen – auch älterer Hefte – sind jederzeit über die Netzpräsenz möglich.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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