04. Juni 2013

Agamben und das lateinische Imperium

von Felix Menzel / 15 Kommentare

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

lat_kaiserreichNils Minkmar hat allen „Grund zur Sorge“. Das liegt nicht nur an der Reaktion der französischen Jugend auf die Homo-Ehe und die Politik von François Hollande. Auch in anderen südeuropäischen Staaten kündigen sich Umwälzungen einer Größenordnung an, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Der britische Europaabgeordnete Nigel Farage der immer erfolgreicheren UK Independence Party (UKIP) hat vor einigen Wochen sogar vor einer gewaltsamen Revolution im Süden Europas gewarnt. Die wirtschaftliche Situation der Euro-Staaten sei so katastrophal, daß die Auswirkungen der Revolution definitiv auch in den Teilen Europas spürbar wären, in denen die Menschen noch glauben, ihre „Heile Welt“ werde ewig halten.

Doch Vorsicht! Allein eine schlechte Entwicklung der Wirtschaft und soziale Probleme werden den Impuls zur Lösung der europäischen Krise nicht liefern. Das Ganze ist kein Selbstläufer, wie das Beispiel Spanien mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent belegt. Der Autor Carlos Wefers Verástegui hat das eindrucksvoll im Laufe des letzten Jahres beschrieben. Der unideologische, soziale Protest der Bewegung „15. Mai“ (auch bekannt als „Los Indignados” , die „Empörten”) hält zwar bis heute an, aber er ist harmlos, weil er schnell zu einer typisch demokratischen Spielwiese verkommen ist:
Unfähig, sich politisch artikulieren zu können, richteten es sich die „Empörten” in den Innenstädten häuslich ein. Sie bildeten utopische Siedlungen und Zeltstädte, in denen immer wieder dieselben endlosen Diskussionen, zum Beispiel über Rätedemokratie mit Direktakklamation, zu vernehmen waren. Einzelne Stimmen, die forderten, die Monarchie König Juan Carlos´ abzuschaffen, waren aber in der Minderzahl. Nur mit Plakataktionen, immer wieder begleitet von der programmatischen Beteuerung der eigenen Gewaltlosigkeit, war nichts zu erreichen. Der 15-M war damit, im schlimmsten Sinn des Wortes, harmlos.

2011 startete die Bewegung „15. Mai“ furios. Interessant ist, daß es damals den meisten Demonstranten noch vergleichsweise gut ging. Inzwischen hat sich das geändert: Die Bewegung ist tot, und den jungen Leuten geht es wirklich schlecht. Verástegui sieht den Grund dafür in der Schuldenfalle, die der spanischen Jugend zum Verhängnis wurde. Die Jugend habe sich in den Jahren des Wohlstandes verschuldet, um sich ein angenehmes Leben zu gönnen. Die Schulden waren solange kein Problem, wie jeder Arbeit hatte. Mit der Arbeitslosigkeit schnappte dann die Falle zu und ruinierte ganze Familien.

Als Ausweg bietet sich seither für viele nur noch eine Auswanderung – vorzugsweise nach Deutschland – an. Der spanische Staat, die Europäische Union und Deutschland unterstützen diese Pläne, weil sie ein gemeinsames Interesse daran haben, daß es ruhig bleibt. Die Rechnung ist einfach: Wer auswandert, beteiligt sich nicht am Aufstand. In welche ungewisse Zukunft die Auswanderungswilligen entlassen werden, schildert Verástegui mit eigenen Erfahrungen von einem Eures-Workshop „Leben und Arbeiten in Deutschland“ ebenso: Es gehe dabei nicht um Hilfe für die Arbeitslosen, sondern die Interessen der „deutschen“ Wirtschaft. Massenhaft sollen Menschen nach Deutschland kommen, ohne daß sie sich sicher sein können, hierzulande auch eine Arbeit zu finden:
Worum es tatsächlich geht, ist der Übermut und die Tyrannei der Wirtschaft, die keine Nationalitäten und Grenzen mehr kennt, die Menschen nicht „für voll“ nimmt, und durch systematische und selektive Zuwanderung die Löhne der Inländer, sprich der Deutschen, zu drücken sucht. Was den „deutschen Arbeitsmarkt“, der mir plötzlich nicht mehr so deutsch vorkommt, betrifft, so steht fest, dass dieser seinen Nutzen aus dem Zerfall des spanischen Gemeinwesens zieht. So wie es die Spanier selbst mit anderen Nationen gemacht haben, als es ihnen noch gut ging.

Wenn Angela Merkel dieser Tage von einem „Binnenmarkt im Arbeitsmarkt“ spricht, dann hat sie die systemerhaltende, aber identitätszerstörende Wirkung dieser Forderung garantiert im Blick. Nur aus einer festen Gemeinschaft heraus entsteht nachhaltiger Widerstand. Ein einsamer Spanier in Berlin hingegen wird gegen nichts rebellieren. Er wird im besten Fall versuchen, unter Einsatz seiner Ellenbogen das Beste für sich herauszuholen und sich in die neue Gesellschaft zu integrieren.

Wer nach einer Begründung für unsere schwierigen metapolitischen Bemühungen sucht, sollte sich dies immer vor Augen halten: Soziale Schieflagen und fehlkonstruierte Währungen können mit der richtigen Staatstechnik behandelt werden. Selbst wenn die Rettungsstrategie schiefgeht, haben die Herrschenden häufig immer noch Oberwasser, weil keine echten Alternativen am Horizont auftauchen.

Welche Alternativen für Europa gibt es aber nun – gerade für den erschütterten Süden?

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hat im März in seinem Heimatland und Frankreich eine beachtenswerte Debatte losgetreten, die inzwischen auch in Deutschland angekommen ist. In Anlehnung an Alexandre Kojève schlug er die Bildung eines „lateinischen Imperiums“ vor,  bestehend aus Italien, Spanien und an der Spitze Frankreich. Dieses Imperium solle sich als Bewahrer der europäischen Kultur und Lebensform der Wirtschaftsmacht Deutschland entgegenstellen. Agamben bringt also den altbekannten Gegensatz von Kultur und Zivilisation ins Spiel und wendet ihn so, daß der Süden mit dem durchökonomisierten Norden (Deutschland und das angelsächsische Reich) brechen müsse, um zu eigener Identität und Stärke zu gelangen:
Nicht nur ergibt es keinen Sinn, von einem Griechen oder einem Italiener verlangen zu wollen, dass er wie ein Deutscher lebt, doch selbst wenn das möglich wäre, würde es zum Verschwinden eines Kulturguts führen, das vor allem in einer Lebensform liegt. Und eine politische Einheit, die Lebensformen lieber ignoriert, ist nicht nur zu kurzer Dauerhaftigkeit verdammt, sondern bringt es nicht einmal fertig, sich als solche darzustellen – wie Europa sehr eloquent beweist.

Jürgen Kaube von der FAZ hat Agamben daraufhin vorgeworfen, mit „aggressiven nationalen Stereotypen“ zu spielen. In der Überschrift bezeichnet er ihn despektierlich als „Berlusconis Philosoph“, der „krude Thesen“ liebe. Als Replik zu diesem Kommentar hat die FAZ vor wenigen Tagen ein Gespräch mit Agamben geführt, das es in sich hat, weil er seine Thesen konkretisiert. Agamben schwächt zunächst den Vorwurf des Nationalismus ab:
In Europa liegt die Identität jeder Kultur immer schon an den Grenzen. Ein Deutscher wie Winckelmann oder Hölderlin kann griechischer sein als ein Grieche. Und ein Florentiner wie Dante kann sich genauso deutsch fühlen wie der schwäbische Kaiser Friedrich II. Genau darin besteht ja Europa: in dieser Einzigartigkeit, die immer wieder die nationalen und kulturellen Grenzen überschreitet.

Warum dann das „lateinische Imperium“? Agamben bestreitet beharrlich das Vorhandensein von Europa als eigenständiger politischer Größe. Denn:
Der kleinste Nenner von Einigkeit wird noch erreicht, wenn Europa als Vasall der Vereinigten Staaten auftritt und an Kriegen teilnimmt, die in keiner Weise im gemeinsamen Interesse liegen, vom Volkswillen mal ganz zu schweigen. Sowieso gleichen diverse Gründerstaaten der EU – wie etwa Italien mit seinen zahlreichen amerikanischen Militärbasen - eher Protektoraten als souveränen Staaten. In der Politik und beim Militär gibt es ein atlantisches Bündnis, aber sicher kein Europa.

Die Idee vom „lateinischen Imperium“ soll vielmehr helfen, die kulturelle Einheit zurückzugewinnen und die wirtschaftlichen Zwänge zurückzudrängen. Es gehe dabei nicht „gegen Deutschland“, sondern um die Zerstörung der „historischen Identität“:
Indem sie die deutschen Städte bombardierten, wussten die Alliierten auch, dass sie die deutsche Identität zerstören konnten. In gleicher Weise zerstören Spekulanten heute mit Beton, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitstrassen die italienische Landschaft. Damit wird uns nicht nur einfach ein Gut geraubt, sondern unsere historische Identität.

Die Wirkung von Agambens metapolitischer Attacke liegt in der Dreistigkeit begründet, in Zeiten einer Wirtschaftskrise ähnlich wie in Frankreich wieder damit anzufangen, nicht allein über die sozialen Probleme zu sprechen, sondern das Grundsätzliche anzupacken. Er spricht in dem Interview von den europäischen „Kulturen und Lebensformen“, die durch einen Rückgriff auf die Geschichte bewahrt werden müßten. Dabei müsse man gerade eine „Musealisierung der Vergangenheit“ verhindern:
Ganz offensichtlich sind heute in Europa Kräfte am Werk, die unsere Identität manipulieren wollen, indem sie die Nabelschnur zerstören, die uns noch mit unserer Vergangenheit verbindet. Stattdessen sollen die Unterschiede eingeebnet werden. Europa kann aber nur unsere Zukunft sein, wenn wir uns klarmachen, dass es erst einmal unsere Vergangenheit bedeutet. Und diese Vergangenheit wird zunehmend liquidiert.

In der letzten Antwort des Gesprächs weist Agamben daraufhin, daß es die Aufgabe Europas sein könnte, die menschlichen Handlungen jenseits der einseitigen Fokussierung auf die Ökonomie neu zu organisieren. Das klingt nach Décroissance, einer nachhaltigen Wachstumszurücknahme zugunsten der Kultur, und ist der Kern des Anliegens von Agamben.

Kaube hat mit seiner Kritik also vollkommen daneben gezielt. Dabei wäre es so einfach gewesen, die Idee des „lateinischen Imperiums“ mit Hilfe Agambens früherer politischer Antworten zu zerpflücken. In der Gesellschaftsanalyse war er schon immer nah bei uns, die Antworten hingegen waren vollkommen andere. Agamben sieht einen Siegeszug der Beliebigkeit. Doch anders als wir wendet er dies in seiner Essaysammlung Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik ins Positive. Für die europäische Staatenwelt wünscht er sich, daß sie sich zugunsten von „aterritorialen“ und „extraterritorialen“ Räumen auflöst, damit die „Dreieinigkeit von Staat-Nation-Territorium“ aufhört zu existieren. An anderer Stelle schreibt Agamben, daß er die beliebige Gesellschaft als liebenswert empfinde. Beliebigkeit bedeute, das Geliebte so zu akzeptieren, wie es ist.

Wie sich dies mit dem „lateinischen Imperium“ verträgt, muß die eigentliche Frage an Agamben sein. Sollte er sie nicht zufriedenstellend beantworten können, ließe dies auch einen wichtigen Schluß zu: Zumindest die klugen Seismographen (zu denen Agamben zählt) merken im entscheidenden Moment, im Ernstfall, sehr schnell, daß es jetzt nicht mehr auf ihre theoretischen Konstrukte ankommt. Es zählt nur noch, sich entschieden für eine Sache, nämlich die Verteidigung des Eigenen, einzusetzen.

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Kommentare (15)

Ein Fremder aus Elea
04. Juni 2013 09:36
Nun ja, ich denke der Hintergrund dieser Äußerungen besteht darin, daß Agamben davon ausgeht, daß Deutschland, selbst wenn es da wollte, eine Politik der europäischen Identitäten nicht unterstützen kann, weil es nicht souverän ist, und somit das romanische Europa zum Bruch und zum feindlichen Gegensatz aufruft.

Oder, um es kürzer zu sagen, wenn die angelsächsische Welt der Feind ist, dann muß auch Deutschland der Feind sein, da es eine Provinz derselben ist.
Rumpelstilzchen
04. Juni 2013 10:20
"Seit mehr als zwei Jahrhunderten konzentriert sich die Energie des Menschen auf die Ökonomie. Vieles deutet darauf hin, dass für den homo sapiens vielleicht der Moment gekommen ist, die menschlichen Handlungen jenseits dieser einzigen Dimension neu zu organisieren. Das alte Europa kann gerade da einen entscheidenden Beitrag für die Zukunft leisten."
(Giorgio Agamben)


" Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern". Karl Marx , 11. Feuerbachthese


Konservatives Manifest
Ein Gespenst geht um in Europa, aber wer glaubt noch an Gespenster ?

Die Kommunisten und Kapitalisten haben die Welt verändert bis zum Ruin,
Es kommt darauf an , sie zu bewahren.



Nach einer Studie "Telefonica Global Millenial" treibt junge Europäer die Sorge um die Zukunft um, wobei traditionelle Werte wie Familie wichtiger sind als Geld und Karriere.
Es gibt eine DImension neben der reinen Ökonomie, begründet in der Traditon Europas.
eulenfurz
04. Juni 2013 12:29
@Rumpelstilzchen
Es gibt eine DImension neben der reinen Ökonomie, begründet in der Traditon Europas.


Das ganze Leben war "Ökonomie", zu allen Zeiten, und wahrscheinlich früher mehr als in heutiger Zeit, in welcher für fast jeden Westeuropäer mehrere Tagesstunden für müßiggängerischen Fernsehkonsum bleiben oder in welcher Faulpelze von Staats wegen auch durchgefüttert werden, wenn sie keinen einzigen Handschlag machen.

Früher bestand die "Ökonomie" im Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät. Die heute beklagte "Ökonomisierung" ist lediglich die effektivere Nutzung der Ressource "Zeit", ermöglicht bspw. durch eine rigorose Arbeitsteilung, welche den einzelnen Zahnrädern allerdings auch den Sinn der "Job"-Tätigkeit verschließen und zu Unzufriedenheit führen kann.

Das muß man also schon so konstatieren, daß erst die Möglichkeit des Müßigganges zu Kultur und Zivilisation führte und letzten Endes im gesellschaftlichen Zerfall endet.

Soziale Schieflagen und fehlkonstruierte Währungen können mit der richtigen Staatstechnik behandelt werden.


"Soziale Schieflagen"? Was man dem einen gibt, nimmt man immer dem anderen. Was "sozial" und "gerecht" ist, hängt vom Blickwinkel desjenigen ab, der erhält oder abgibt.

"Richtige Staatstechnik"? Die Machthaber handeln aus ihrer Sicht richtig, bspw. auf Geburtenverweigerung mit Sklavenimporten zu reagieren.
Steffen
04. Juni 2013 12:32
Mit der Annahme, dass Europa in seiner jetzigen politisch ökonomischen Gestaltung nicht mehr lange existieren wird, weil es dies besonders in ökonomischer Hinsicht nicht mehr kann, stellt sich mir folgende Frage: wohin sollten sich die Gewichte denn verlagern? Neben einem "lateinischen Imperium" auch ein germanisches? Mit den Briten wird es dahingehend einige Probleme geben, die bleiben an Nordamerika heften, wie ein Holzbock am Hund - oder verschiebt sich die Gewichtung eher in mittel- bis osteuropäische Gegenden? Vielleicht löst sich diese Problematik auch unter dem Paradigma, dass ein deutscher Staat, bzw. eine deutsche Nation wie wir sie heute kennen nicht mehr existieren wird, weil sie ebenfalls nicht mehr existieren kann - eine zweimonatige Rundreise durch Deutschland hat mir ein weiteres mal aufgezeigt, wie unterschiedlich doch die Interessen im Volk sind, sofern man in einigen Gegenden nicht von Völkern sprechen müsste - ich halte es für geradezu unmöglich, den jetzigen Zustand dieses Landes in einer Zukunft zu denken, in der Geld ein knappes Gut ist und Sozialstaat wohl undefiniert bleibt, vom Wohlfahrtsstaat selbstredend ebenso.
Kann überhaupt ein Zerbrechen unserer Nation, infolge von soz. und ökon. Verwerfungen, im Interesse der Deutschen sein?
rosenzweig
04. Juni 2013 14:10
"Früher bestand die „Ökonomie“ im Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät."
Sicher? In den letzten Jahren ist die Greuelpropaganda der Aufklärungsdemagogen, betreffend das dunkle ach so dunkle Mittelalter, demontiert worden. Heute wissen wir, daß in dieser Zeit die Menschen, zum ersten Mal in der Geschichte, nicht unterernährt waren. Und ca.126 Tage im Jahr waren Feiertage. Ein Vierteljahr war Feiertag. Die Kathedralen wurden von freien Menschen in ihrer Freizeit zur Ehre und zum Ruhm Gottes erbaut. Ein Wunder, nicht wahr, gemessen an dem niedrigen Stand der Produktivkraft im Vergleich zu heute. Die Welt damals war nicht ökonomisiert, weil die die Menschen in dieser Zeit eines nicht hatten, nämlich Schulden. Die mußten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie den Pfingstmontag abschaffen sollten, um Griechenlands Schulden zahlen zu können.
Karl
04. Juni 2013 14:53
Deutschland symbolisiert im heutigen Europa die Verdrängung aus dem Erbe, die systematische Entkulturierung, die Untreue gegenüber der Herkunft. Das von beiden Jalta-Komplizen auseinandergenommene Deutschland war das Labor der Amnesie, ein Symbol für den gemeinsam von UdSSR und USA gestarteten Versuch einer Auslöschung der europäischen Identität. Das Vaterland Goethes, Mozarts, Hölderlins wurde zur Figur des europäischen kulturellen Martyriums, wurde der Ort, wo sich die vorsätzliche und programmierte Zerstörung der kulturellen und nationalen Identität am wirksamsten herausgestellt hat. Darum wird möglicherweise aus Deutschland der stärkste Widerstand gegen diese identitäre Entwurzelung hervorgehen; eine Bewegung, die vielleicht zur Volksbewegung werden und das übrige Europa nach sich ziehen wird .... Der Verlust der kulturellen Identität, der den Europäern droht, sowie der Versuch, sie um ihre Herkunft – insbesondere ihre »griechische«, »homerische« – zu bringen, bildet die akuteste Gefahr, uns aus der Geschichte zu verdrängen, an uns einen endgültigen Ethnozid zu begehen, und zwar mit einer schrecklicheren Wirksamkeit als die politisch-militärische Neutralisierung oder die wirtschaftliche Kolonisierung, denen wir ebenfalls zum Opfer gefallen sind.

Man muß die nationalen, europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Man wird um so mehr ein Deutscher, Franzose oder Italiener sein, als man ein Europäer ist, und um so mehr ein Europäer, als man mit seiner deutschen, französischen oder italienischen Identität verbunden ist; selbst wenn ein »Deutscher« zu sein nicht genau das gleiche bedeutet wie ein »Franzose« zu sein. Es gilt demnach, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Diese »identitäre Gymnastik« wird übrigens in Frankreich am meisten Probleme aufwerfen, weil die französische Nation leider allzu oft ihren Nationalismus entweder als Universalismus (wie heute die USA) oder als Opposition zu ihren Nachbarn auslegte, in beiden Fällen nach einem antieuropäischen Schema. Alles ist aber immer möglich: War die »gaullistische« Ideologie – die es wiederzubeleben gälte – nicht im Grunde zugleich von dem Regionalismus und dem Bau eines blockfreien Europa-der-Nationen angezogen, in dem die französische Identität zur Behauptung der europäischen Macht beitragen sollte?

„Diese Unternehmung muß von Eliten geführt werden, die Scharfsinn, unerschütterliche Ausdauer und vor allem unendliche Geduld aufweisen. Der eigentlichen Bekehrung des »Volkes« muß die Bildung einer Minderheit vorausgehen, die ihre Tradition zurückzugewinnen weiß, die innerlich wagt, die Fesseln des Egalitarismus und der tausendjährigen Ideologie des okzidentalen Humanitarismus zu brechen.“
„Der Urheber solcher Ideen, der Vorkämpfer dieser Verwandlung des europäischen Bewußtseins, dieser regenerierenden Umkehrung der Geschichte war Nietzsche, der die Ansicht vertrat, daß ein geschichtlicher Wieder-Anfang nur von ihm ausgehen könnte. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß seine Nachfolger den Aufschwung der egalitär-nihilistischen Bewegung nicht aufhalten könnten, und forderte uns auf, als aktive Nihilisten die Fortsetzung dieses Prozesses bis zur Fäulnis zu wünschen. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß sich die Europäer in das verwandeln würden, was sie heute geworden sind: in »köstliche Sklaven«.“
„Nietzsches Aufruf an die Europäer, den tausendjährigen Nihilismus des Judäo-Christentums zu überwinden, den egalitären Zyklus – wenn historisch möglich – aufzugeben und in dem Surhumanismus die Regenerierung ihrer Geschichte sowie die Rückkehr zu ihrer Identität zu erfahren – dieser Aufruf nimmt die Form eines Mythos (des »surhumanistischen Mythos«, den Wagner und Heidegger formulierten) an, das heißt die denkbar realitätsschwerste und stärkste Form.“
„Warum ein Mythos? Weil zu einer Zeit, wo alles Gedachte von jüdisch-christlichen und egalitären Werten geprägt ist, die surhumanistische Botschaft der neuen europäischen Identität – will sie die Geister nicht erschrecken – in einer irrationalen und verschlüsselten Form dargelegt werden muß, die mehr die Sensibilität als den Intellekt anspricht. Eine Regenierung des europäischen Paganismus, eine historische Verwirklichung des Surhumanismus, eine Überwindung des westlichen Egalitarismus setzen nämlich, wie Nietzsche es ausdrücklich betonte, eine Umwertung aller bislang angenommenen Werte voraus.“

„Die Anhänger einer europäischen Regenierung durch Überwindung und Lossagung vom Judäo-Christentum und Egalitarismus werden also bei ihren metapolitischen und kulturellen Unternehmungen darauf achten müssen, diesen »Anteil des Mythos«, der im Dunkeln den Rückgriff schützt, zu bewahren.“

Der neoeuropäische Geist muß sich die schöpferische Seele des Mittelalters zum Vorbild nehmen. Diese nahm die ungeheure Herausforderung auf, auf den Zusammensturz der gigantischen römischen Welt zu folgen, der bei dem Ausmaß der Katastrophe das Ende aller europäischen Kultur/Zivilisation hätte nach sich ziehen können. Trotz der Umwälzung, die den Übergang von der römischen zur mediävalen Welt hervorrief, blieb die europäische Identität nämlich verwandelt und sich identisch zugleich. Den gleichen Übergang, den gleichen Bruch müssen wir nunmehr vollziehen: uns verwandeln, um unsere Identität zu bewahren; mit der progressistischen »Tradition« brechen, um unser eigenes Wesen zu bewahren.
Ein Fremder aus Elea
04. Juni 2013 15:48
„Richtige Staatstechnik“? Die Machthaber handeln aus ihrer Sicht richtig, bspw. auf Geburtenverweigerung mit Sklavenimporten zu reagieren.

- eulenfurz

Ist das so? Welche Machthaber zu welchem Zweck?

Wenn Sie damit meinen, daß es gut für die BIP-Entwicklung ist, das wage ich zu bezweifeln. All diese Anwürfe... bestenfalls stecken noch kurzfristige Interessen dahinter, aber zumeist wahrscheinlich der reine Vernichtungswille.

Sieht man den Leuten doch auch an, der ganze Lebensstolz steckt in zerstörerischen Taten, die Sorte geht doch in die Millionen.
Theosebeios
04. Juni 2013 16:28
Herr Menzel, ich schätze Ihre Artikel sehr, aber eine "beachtliche Debatte" zum Stichwort "lateinisches Imperium"? Falls das von Berlusconi angestoßen sein sollte, will er damit etwa, ganz unsachlich gesprochen, ein neues Zeichen seiner Lebensfreude senden? Das ist doch eine Schnapsidee. Wer spricht denn da Latein? Und "Imperium" -- wo denen das Wasser bis zum Halse steht?

Von dem Herrn Agamben weiß ich nicht viel, auch weiß ich nicht, wie er diesen Gedanken im Italienischen ausgedrückt haben mag:

Beliebigkeit bedeute, das Geliebte so zu akzeptieren, wie es ist

Das klingt mehr nach einem Partyspruch von Berlusconi.
Demo Goge
04. Juni 2013 17:47
'Lateinisches Imperium' ???
Das Ding hat doch schon einen Namen: PIGS.

Ach ja, da ist Frankreich noch nicht mit dabei, na dann eben: france PIGS - und viel Spaß bei der weltpolitischen Imperiererei wünsch' ich!

Und die ökonomische Essenz dieses Kulturbeitrages war: Kauf das Buch 'Die Verteidigung des Eigenen' ?!
Schnippedilderich
04. Juni 2013 19:52
Wo ist der Unterschied, ob Deutschland seine Milliarden an Länder im Süden leistet oder gleich an ein lateinisches Imperium? Sicher, letztere Zahlweise hätte etwas von alteuropäischer Grandezza ...
Luise Werner
04. Juni 2013 22:04
"Das ganze Leben war „Ökonomie“, zu allen Zeiten, und wahrscheinlich früher mehr als in heutiger Zeit ... Früher bestand die „Ökonomie“ im Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät. Die heute beklagte „Ökonomisierung“ ist lediglich die effektivere Nutzung der Ressource „Zeit“, ermöglicht bspw. durch eine rigorose Arbeitsteilung, welche den einzelnen Zahnrädern allerdings auch den Sinn der „Job“-Tätigkeit verschließen und zu Unzufriedenheit führen kann."

@ eulenfurz

In Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" gibt es die Stelle, als der Held, Michel, auf Dienstreise abends am Meer steht und über das schwere Leben der Fischer vor hundert Jahren sinniert. Ein wohl sehr hartes und eintöniges und zuweilen auch kurzes Leben, wie er findet; und ein für ihn keineswegs beneidenswertes oder erstrebenswertes Leben. Und doch ist dies die Stelle im Buch, wo Michel seine ganze jämmerliche Existenz als erfolgloser Durchschnittshedonist besonders hart empfindet.
Und ob er sie beneidet, die Fischer! Eingebunden in ein Ganzes voller gegenseitiger Abhängigkeiten. Eingebettet in das Korsett religiöser Verrichtungen. Wie selbstverständlich Frau und Kinder am Hals - die eigene Familie, als Familie unter vielen Familien. Verpflichtungen, Ärger und Not. ABER: Ein Leben, was die Sinnfrage gar nicht erst stellt. Unter seinesgleichen, denen man sich nicht erklären muss. Bei sich. Mit einer Identität.
Dies wird Michel klar, dem lustlosen EDV-Systembetreuer aus einer Pariser Hochhaussiedlung, ohne Frau, ohne Freund, ohne Familie, ohne irgendeine Bindung oder Verpflichtung. Ohne Identität.
Rumpelstilzchen
05. Juni 2013 09:31
@Rosenzweig
Danke für Ihren Beitrag

In der abendländischen Geschichte waren Kirchen und Kathedralen in der Tat die einzigen großen Gemeinschaftsleistungen, die sich von Anbeginn jedem ökonomischen Nutzen verweigert haben.
Heute sind die großen Dome Europas Museen ( wie Herr Agamben feststellt) und erfüllen einen ökonomischen Aspekt. Sie werden von Touristen aus aller Welt überrollt und bringen Geld.
Die Großmoscheen in Europa sind dagegen keine Museen, sondern von Leben erfüllt. Im Unterschied zu Domen haben sie von Anfang an ökonomischen Nutzen, sind nicht Gemeinschaftsleistungen einzelner Muslime, sondern durch viel Geld aus entsprechenden Ländern gesponsert.
In ihnen wird nicht nur Gott verehrt, sondern auch Politik gemacht und im Umfeld Geschäfte.

Was die Schuldenfreiheit früherer Zeiten betrifft, ist zu empfehlen das Buch von Daniel Graeber: Debt - the first 5000 years. inwischen auch auf deutsch.
blixa
05. Juni 2013 14:00
Karl, Ihre Einlassung liest sich teiweise wie aus einer Propraganda-Broschüre der EU- Kommission: " nationalen Identitäten vereinigen" - das macht die EU täglich durch Totalharmonisierung und Gleichschaltung. Und dann kommt natürlich noch die unvermeidliche "Region" , sprich ein bisschen Folklore, die uns von den Eurokraten noch belassen wird, um Identität zu simulieren, die aber als politische Einheit völig irrelevant und keinerlei Widerstand zum Brüsseler Zentralisierungswahn zu leisten imstande ist .

Was soll mich eigentlich mit den Griechen von heute (von den i.Ü. die wenigsten die Nachfahren der GRiechen der Antike sein dürften) verbinden? Mit Leuten, die auf Kosten anderer leben und uns dafür auch noch als Nazis beschimpfen?

Wenn schon Europäer , dann allenfalls Nordeuropäer...
Nihil
06. Juni 2013 02:13
@Blixa: Nein, das ganze Europa muss es sein. Das hat überhaupt nichts mit dem antieuropäischen Konstrukt "EU" zu tun. Ich stimme Ihnen völlig bezüglich der Griechen zu: Sind das überhaupt Griechen? Ich meine nein, denn sie verhalten sich nicht wie Griechen, sondern wie jämmerliche Kommunisten (Barbaren!). Europa ist zu stark vernetzt, hat einen gemeinsamen kulturellen Ursprung im Indoeuropäertum (Das ist unser Mythos!) und bildet auch anthropologisch eine Gemeinschaft *in Vielfalt*. Die Wiedergeburt Europas wird allerdings von Mittel-, Nord- oder Osteuropa ausgehen, wohl nicht vom Süden. Es wird unsere Aufgabe sein den Süden wieder europäisch zu machen. Er wird eine Teil eines wahrhaften Paneuropas sein.
eulenfurz
06. Juni 2013 06:43
@Luise Werner
Vielen Dank für die Ausführungen, aber das "Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät" war keineswegs pejorativ konnotiert, sondern genau in dem Sinne, den Sie darlegen.

@Ein Fremder aus Elea
Ja, das ist so. Schieren Vernichtungswillen zu unterstellen, ist wohl zuviel Verschwörungstheorie, verschiedene Äußerungen in die Richtung begründen sich wohl eher in einem dafaitistischen Lifestile.

Die Rechnung hat wohl noch kein Volkswirt offiziell gemacht, ob die vergesellschafteten Kosten der Importierten die bei Bildung und Erziehung von Kindern eingesparten gesellschaftlichen Kosten (auch Produktivausfall der potentiellen Mütter) aufwiegen. Aus dem Bauch heraus: Ja, das tun sie. Kurzfristig.

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