08. Mai 2014

Fühle lokal, denke national: Roger Scruton über grüne Philosophie

von Erik Lehnert / 9 Kommentare

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

rogerscrutongruenephilosophieRezension aus Sezession 59 / April 2014

Was sich mit dem Beiwort »grün« schmückt, erweckt zunächst den Verdacht, dieses Lieblingswort der Zivilgesellschaft solle die eigentlichen Ziele verbrämen: linke Politik, flächendeckende Emanzipation, Gleichheitsideologien. Man kann in Deutschland kein Buch mit dem Titel Grüne Philosophie veröffentlichen und darauf setzen, daß der Leser sich die Mühe macht, den Unterschied zum gemeinhin »Grünen« zu entdecken.

Im Deutschen gibt deshalb zu Recht der Untertitel an, wohin die Reise geht: »Ein konservativer Denkansatz«. Beim englischen Original ist das nicht nötig: Roger Scruton ist dort als einer der profiliertesten konservativen Philosophen bekannt. In Deutschland hat sich das bislang nur in einschlägig interessierten Kreisen herumgesprochen.

Das vorliegende Werk ändert das hoffentlich, denn es handelt sich nicht nur um ökophilosophische Erwägungen, sondern um einen großen Wurf. Scrutons Buch ist eine fulminante Verteidigungsschrift des richtigen Lebens (unter starker Bezugnahme auf die deutsche Philosophie, insbesondere auf Hegel) und gleichzeitig eine Abrechnung mit Gesinnungsethik und modernen Heilsversprechen.

Scruton geht davon aus, daß konservatives Denken und Naturschutz »von Natur aus« zusammengehören: »Umweltschützer und Konservative führen denselben Kampf.« Dabei geht es ihm weniger um das Argument, daß in einer Gesellschaft, die eine freie Wirtschaft mit garantierten Eigentumsrechten hat, weniger Energie verbraucht wird als im Staatssozialismus.

Entscheidend sei, daß die soziale Ökologie gewahrt werde, denn auch das soziale Kapital gehöre zu den schutzbedürftigen Ressourcen. Dem widerspreche auch nicht, daß alles Leben (und damit auch die Gesellschaft) im Tod ende: »Der Konservativismus ist die Politik des Aufschubs, dessen Zweck darin liegt, Gesundheit und Leben eines sozialen Organismus so lange als möglich zu gewährleisten.«

Dabei geht es Scruton nicht um die Ausschaltung des Risikos, sondern um eine Folgenabschätzung für unsere Entscheidungen. Das sei ein übliches Verfahren, an dem sich nur Bürokraten nicht orientierten, weil es ihnen nicht darum gehe, eine gute Lösung zu finden, sondern das Problem als gelöst zu bezeichnen. Es sei gute ökologische Tradition, den konservativen Ansatz an sich selbst zu erproben. Denn der Hinweis, daß es nur die Konzerne seien, die ihre Kosten auslagerten, falle auf uns zurück: Wir hielten es nämlich nicht anders, sondern folgten zunächst egoistischen Motiven und müßten deshalb dafür sorgen, daß etwas Hemmendes uns bremst. Scruton schlägt Burkes »Erbprinzip« und de Maistres »Frömmigkeit« vor. Die Motivation, Umweltschutz überhaupt zu praktizieren, sei »das Land selbst – Objekt einer Liebe, die ihren stärksten politischen Ausdruck im Nationalstaat gefunden hat«. Der Slogan einer konservativen Umweltschutzbewegung sollte lauten: »Fühle lokal, denke national.«

Scruton führt entsprechende Einwände gegen übernationale Strukturen, Organisationen und andere Gebilde ins Feld. Diese müßten am Anspruch des konservativen Umweltschutzes scheitern, weil ihnen der Bezug zu einem konkreten Land fehle. Dagegen habe die Oikophilie, die Liebe zum eigenen Haushalt, was Scruton auch mit dem deutschen Wort »Heimatgefühl« umschreibt, alle notwendigen Voraussetzungen. Das folge nicht aus einer Nutzenerwägung, sondern aus der zweckfreien Liebe zur Schönheit der Heimat. Die damit verbundenen Implikationen sind radikal gegen den herrschenden Multikulturalismus gerichtet: Dieser sei nur für Intellektuelle unter ihresgleichen unproblematisch, die Gesetzgebung habe sich aber nach der Mehrheit der Bürger zu richten, die durchaus zwischen zugehörig und nichtzugehörig unterscheide. Einwanderung müsse daher kontrolliert werden.

Scruton geht von einer Politik aus, die Konflikte schlichten will. Damit einher geht Scrutons konservativer Grundgedanke, daß es kein geschichtliches Endziel gebe – für jegliche Form des Alarmismus und der Panikmache dagegen schon, und das heble das konservative Prinzip aus. Dies sei nur in Notlagen, beispielsweise einem Krieg, gerechtfertigt, aber eben nicht bei einer »erfundenen Notlage«. Der Klimawandel und die Reaktionen, die er ausgelöst hat, werden von Scruton als ein Beispiel für diesen Alarmismus angeführt. Die eingeleiteten Maßnahmen seien Panikhandlungen ohne Nutzenabwägung.

Scruton scheut sich nicht, seine Position als rechts zu bezeichnen, und weist alle, die meinen, diese Begriffe hätten sich erledigt, in die Schranken. Denn links und rechts »beschreiben keine Theorien oder Ziele, sondern Identitäten, die sich in der Struktur kollektiver Entscheidungen niederschlagen«. Das gelte selbst dann, wenn man diese Zuschreibungen für Idealtypen halte, die im Leben nie in Reinform vorkämen. Und so finden sich auch bei Scruton Anleihen aus dem libertären Gedankengut, insbesondere dann, wenn er den Umweltschutz beim Bürger, beim »kleinen Haufen« (Burke) besser aufgehoben sieht als beim Staat. – Damit gehört dieses Buch in die Hände all jener, die sich für die deutsche Nation verantwortlich fühlen.

Roger Scruton: Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz, München: Diederichs 2013. 444 S., 26.99 €

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Kommentare (9)

Rumpelstilzchen
08. Mai 2014 13:30
Wohl nirgendwo stehen Rechte und Linke so harmlos und unbedarft hintereinander wie an der Kasse eines Biosupermarktes.
Das ist so dämlich deutsch.
In der Hauspostille "SCHROT und KORN" Oktober 2013 wird dies plötzlich doch zum Thema:
Hilfe, braune Bios !!!

http://www.schrotundkorn.de/2013/201310b02.php
Da lob' ich mir Aldi mit seinen Biokarotten und seinem unaufgeregten Deutschsein.
Bio ist in Deutschland immer auch etwas unsexy. Unter rein ( ! ) ästhetischem Gesichtspunkt sind mir im Wald versteckte Kernkraftwerke lieber als durch Windparks verschandelte Felder, Wiesen und Auen.
So werde ich zwangsläufig zum Waldgänger. Obwohl ich alles Weite liebe.
Carsten
08. Mai 2014 14:55
Der Artikel in Schrot(t) & Korn ist echt zum Piepen! Und die Leserkommentare sehr aufschlußreich. Nicht mal mehr die Ökos wollen der "Gegen Rechts"-Propaganda folgen!

Es war der größte Fehler der Konservativen, sich das Bio-Thema von den Kommunisten vom Brot nehmen zu lassen, die damit ihr antideutsches Programm getarnt haben.

Die Grünen wären niemals so erfolgreich gewesen, wenn sie gesagt hätten "Wir wollen Familie, Nation und Bürgertum zerstören". Ihr genialer Trick war, das hinter dem Slogan zu verstecken "Wir wollen den Wald retten". Der Erfolg der Grünen unter diesem Motto ist sonnenklar. Schließlich ist die Liebe zur Natur ein deutsche Veranlagung, um nicht zu sagen "Ahnenerbe".

Der Witz ist, daß sich die Grünen, glaube ich, selbst nicht im Klaren darüber waren (und sind), daß sie ein zutiefst konservatives und deutsches Anliegen vertreten.

Und auch "Bio" mit seinem leicht ideologisierten Galubensanspruch und den 150%igen Anhängern ist sehr typisch deutsch.

Ich bin übrigens auch Bioladen-Kunde.
Strogoff
08. Mai 2014 17:01
Wie man im Bioladen einkaufen kann ist mir wirklich schleierhaft. Das ist auch so eine Luxuserscheinung unserer Zeit.
Hohe Preise und Gemüse das seine besten Tage bereits hinter sich hat schreckt mich eher ab.
Selbst für die Eierverpackung zahlt man noch.
Jeder wie er es mag.
Nordlaender
08. Mai 2014 21:55
@ Strogoff

Keine Ahnung. Denn als Gemütsmensch und Sehmann konnte ich es niemals je über mich bringen, aufgrund der biologisch gewandeten Damen, die in solchen Krämerläden wohl zu frequentieren pflegen, mich in einen solchen hineinzuwagen.
F. Roger Devlin
08. Mai 2014 22:45
Englische Besprechung der Englischsprachigen Ausgabe: "Environmentalismus als Heimatslieb" von Martin Witkerk -
http://www.thesocialcontract.com/artman2/publish/tsc_23_2/tsc_23_2_witkerk.shtml
Frankstein
09. Mai 2014 16:32
Ist das jetzt eine besondere Art von Sarkasmus, über meinem Kommentarfeld steht = servus Frankstein/ nicht Frankstein?
Dazu passt, dass mein letzter Kommentar nicht erschien. Bin ich jetzt ab-serviert?
Was die Grünen mit Bio zu tun haben, erschließt sich mir auch jetzt noch nicht. Die Grünen sind Bolschewisten und Faschisten, die Erwähnung im Zusammenhang mit dem Bio-Theater rückt sie in die Nähe von Menschenfreunden. Was sie mit Sicherheit nicht sind, würden allen Menschen Biokost verordnet, wären weite Landstriche menschenleer. Wenn alle so naturbewußt und nachhaltig handeln, wie die Grünen fordern, wäre Lebensraum für eine halbe Milliarde Menschen. Tatsächlich also sind die Grünen Totengräber der ( überzähligen ) Menschheit. Bitte einmal die Konsequenzen der Forderungen durchdenken, dann verbietet sich die Erwähnung irgendwelcher grünen Taten von alleine. Außer, man macht sich deren nachhaltiges Handeln zueigen. Hat ja irgenwie auch einen Reiz. Aber das ist schon wieder, ja was eigentlich? Rechts, nazistisch, bolschewistisch oder gar faschistisch ? Oder nur die Sicherung der eigenen ( unverdienten) Pfründe ? Oder glaube die Grünen, Ali Baba und die vierzig Millionen Räuber lassen die Bio-Läden ungeplündert ? Das wäre dann wiederum ein Hinweis auf nachhaltiges Handeln.

Kositza: Lieber Frankstein, Ihr Kommentar steht doch da, wo Sie ihn plaziert haben. Für die baukastensteinförmig-betuliche Anrede "Servus Frankstein/nicht Frankstein" ist das "System" verantwortlich. "Das System" fragt mich neuerdings, wenn ich einen Beitrag einstellen will: "Was bewegt dich?" Das System denkt anscheinend ein bißchen wie Ikea. Schön ist das natürlich nicht; dämliches System.

Hartwig
09. Mai 2014 23:25
@ Frankstein
Es ist spät und eine knappe Flasche Weisswein und ein Glas Roter trübt allmählich meine Sinne. Dennoch glaube ich, dass ich auch völlig nüchtern mit Ihren Zuweisungen ala Faschisten, Bolschewisten etc. Verständnisprobleme gehabt hätte.
Wie dem auch sei; zum Thema: Nicht nur der heutig herrschende relative Komfort über alle Klassen und Rassen hinweg, sondern auch die schiere Zahl der Weltbevölkerung ist unmittelbares Ergebnis des fossilen Energie-Inputs, den wir seit knapp 200 Jahren haben, und den wir vielleicht noch ein paar Jahrzehnte aufrecht erhalten können. Danach ist uns entweder etwas Geniales eingefallen oder alle Karten werden ganz neu gemischt, beginnend mit der Nahrungsmittelproduktion.
Im Sezessionsheft "Heimatboden" gibt es dazu einen guten, grundlegenden Beitrag.
Frankstein
10. Mai 2014 09:47
Liebe Kositza, ich meine den Kommentar zur Inclusion vom 9.5.2014.
Zugegeben, ein bißchen provokant, aber jede Art von Betulichkeit geht mir allmählich auf den Wecker. Alle Welt behandelt uns mittlerweile wie geistige Dünnbrettbohrer, da muss man zuerst verbal gegenhalten. Aber nicht nur verbal. Ich beobachte seit einiger Zeit in verschiedenen Foren die Tendenz zu hochgeistigen Abhandlungen, gerade auch bei sogenannten Rechten. Es scheint Mode zu werden, sich in einschlägigen Blogs als rechts und national zu bezeichnen, um seine eigene Meinung zu verbreiten. Und unterschwellig wird immer die Dämlichkeit der Deutschen betont. Die Deutschen sind nicht dämlich, sie sind treuherzig, naiv, vertrauensselig und manchmal ein wenig infantil. Wenn man will, das letzte indegene Volk. Und eigentlich gehören sie unter Artenschutz, mindestens auf die Liste der bedrohten Völker. Ein Treppenwitz der Evolution. Die älteste, noch auf ihrem Territorium lebende Spezies, die älteste noch erhaltene Sprache und Kultur, der höchste Sozialisierungs- und Evolutionsgrad, ist/sind dem Verfall preisgegeben. Und wir baden unser Ego im Wettstreit um den größten Wortwitz. Die Situation könnte ernst sein, wenn sie nicht hoffnungslos wäre. ( Witz aus)
Frankstein
11. Mai 2014 09:58
Tut mir leid Hartwig, dass mein Kommentar Sie verstört. Eigentlich hat Scruton alles gesagt, was zu sagen ist. Aber er muss seine Bücher vermarkten und viele Rücksichten nehmen.
Das muss ich nicht und Ihr Hinweis auf den fossilen Energieinput liefert eine weitere Steilvorlage. Das ist grüne Gehirnwäsche par exellence. Zuerst ist kein Ende der fossilen Energie absehbar.
Die Mär vom Peak-Öl stammt aus grüner Agenda, damit sich grüne Bio-Bauern die Taschen mit Steuergeldern stopfen können. Wer anders, als die Grünen, stockt sein Einkommen mit Biogas-Anlagen und Windpark-Anleihen auf ? Wer anders, als die Grünen, profitiert also von der Energiewende ? Wer verweigert jeden technischen Fortschritt hin zu beherrschbarer atomarer Techologie, die vielleicht eines Tages die kalte Fusion ermöglichen könnte? Die Grünen - im Verein mit den Roten- verhindern eine Energie-Revolution, aus rein egoistischen Motiven. Darüberhinaus sprechen sie der Gemeinschaft die Fähigkeit zur Substitution ab, die in vergangenen Zeiten vielfach bewiesen wurde.
Dagegen setzen sie das Mantra der Endlichkeit schöpferischer Forschung. Sie denken und handeln eben nicht lokal und national, sondern egomanisch bis esoterisch.
Was ist das anderes als Bolschewismus und Faschismus. Und ich muss Rumpelstizchen energisch widersprechen, kein wirklich Konservativer steht im Bio-Laden.
Im Übrigen ist biologisches - und damit menschliches - Leben überhaupt nur möglich, weil es die natürlichen Zerfallsprozesse nutzt. Angefangen bei zerstörter Sternenmaterie, über die Strahlung der Sonne bis hin zu den lebensnotwendigen Mineralien, die aus Erosion und atomarem Verfall stammen. Auch der Körper eines grünen Ideologen strahlt genausoviel natürliche Radioaktivität, wie der stillgelegte Forschungsreaktor in Jülich. Auch der Grüne nutzt die vielfältige fossile Energie seit seiner Geburt. Angefangen auf der Endbindungsstation, über das Frühchenbett, das warme Fläschen, die Pampers bis hin zu warmen Kitas und Klassenzimmern. Und weiterhin über klimatisierte Hörsäle, Warmwasserheizungen und energieintensive Kommunikationsmittel. Der wahre Grüne heißt Rumpelstilzchen und wohnt im Walde.

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