14. August 2014

Kulturkritik I: Konsumismus und mögliche Fluchten

von Erik Lehnert / 0 Kommentare

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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In einem seiner letzten Interviews hat Wilhelm Hennis auf die Frage, was denn von dem kulturkritischen Impuls geblieben sei, der das deutsche Denken so lange befeuert habe, geantwortet: „Wenn wir inhaltlich ein westliches Land nach Normalmaß geworden sein sollten, so ja deshalb, weil uns der kulturkritische Geist dieses Widerspruchs erfolgreich ausgetrieben worden ist. Der Impuls ist aufgesogen worden vom Konsumismus des Genußmenschen.“

Was Hennis mit seiner Antwort als selbstverständlich voraussetzt, ist, daß es diese eigene deutsche Denkweise gegeben hat. Das läßt sich nicht nur anhand der Werke deutscher Denker und Dichter nachweisen, sondern auch ganz konkret an einem Phänomen wie der Lebensreformbewegung festmachen. Die Niederlage von 1918 bedeutete eine ernsthafte Schwächung dieses kulturkritischen Geistes, weil die „Händler“ mit ihrer materialistischen Zivilisation über die „Helden“ der idealistischen Kultur gesiegt hatten. Der Todesstoß erfolgte 1945.

Seither hat sich die westliche Zivilisation gegen Kulturkritik immunisiert, indem sie sich als alternativlos versteht. Das hatte in Zeiten des Kalten Krieges seine innere Berechtigung. Dadurch jedoch, daß es die Bedrohung (und damit auch Alternative) des Kommunismus gab, herrschte eine relative Freiheit im Denken. Nicht zuletzt weil der Westen das freiheitlichere System sein wollte, blieb der Konformitätsdruck erträglich. Seit dem Ende des Kommunismus ist der Westen als Sieger übriggeblieben und hat offenbar Mühe, die Sinnfrage zu beantworten, wenn man nicht bereit ist, sich mit dem Konsumismus zu begnügen.

Auch in einer unter diesem Banner geeinten Welt bleiben Fluchten möglich. Im Waldgang hat Ernst Jünger eine dieser Möglichkeiten beschrieben. Für das System, für das es keine andere Bedrohung als diese Einzelnen gibt, stellt sich das Problem, den Waldgängern, den einsamen Wölfen auf die Schliche zu kommen. Das ist heute zweifellos einfacher als noch zu Jüngers Zeiten. Die neuen Medien bieten jedem die Möglichkeit, die Welt an seinen persönlichen Problemen teilhaben zu lassen. Wer dieser Versuchung nicht widersteht und etwas Zweifelhaftes äußert, wird es schwer haben, wieder Aufnahme unter die Gutmeinenden zu finden.

Das Verfahren ist seit Stalins Zeiten im Grunde gleich geblieben: Wenn man eine Chance haben will, nimmt man die Anklage durch Selbstkritik vorweg. Der reuige Sünder wird nicht erschossen, sondern bekommt Gelegenheit, ein Bekenntnis abzulegen. Der Wortlaut ist variabel. In jedem Fall darf das Bekenntnis zu deutscher Schuld, alleinseligmachender Demokratie und Gleichheit aller Menschen nicht fehlen. Um nicht den letzten Rest an Selbstachtung zu verlieren, kann man sich bemühen, seine Schandtaten als menschliches Irren, das unter den besten Vorsätzen geschehen sei, darzustellen. (Allerdings sollte man nicht auf allzu viel Verständnis hoffen.) Schließlich landet man in der Bewährung, der tätigen Reue. Ob am Ende die Absolution steht, bleibt ungewiß.

Die Folgen dieser Vorgehensweise liegen auf der Hand: Potentielle Waldgänger werden abgeschreckt und diszipliniert, geistige Ödnis und Konformität breiten sich aus. Da dieses offenbar bezweckt wird, kann die Austreibung der Kulturkritik nicht verwundern. Sie ist das Korrektiv zu Gegenwartsbezogenheit und Fortschrittsanbetung und garantierte deren Beschränkung auf einzelne Lebensbereiche. Die Abwesenheit von Kulturkritik führt dagegen, in Form des Konsumismus, zur Ausweitung auf alle Lebensbereiche.

Hinweis: Bei der Sommerakademie zur Kulturkritik sind noch Plätze frei.

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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