22. August 2014

Kulturkritik II: Bodenhaftung

von Erik Lehnert / 0 Kommentare

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Kulturkritik ist ein großes Wort, das jedoch nicht im luftleeren Raum steht, sondern seine Wurzeln im Alltag hat. Jeder kritisiert ständig irgendetwas, indem er etwas beurteilt, Dinge gegeneinander abwägt oder versucht, Ordnung in die Vielzahl von Alternativen zu bringen. Wir fühlen uns zu dieser alltäglichen Kritik befähigt, weil dem Bewertungsmaßstab unsere eigene Erfahrungen zu Grunde liegen und wir keine absoluten Kriterien benötigen.

Um festzustellen, daß uns eine Marmelade nicht schmeckt, müssen wir weder wissen, wie die perfekte Marmelade schmeckt, noch müssen wir selbst eine bessere kochen können. Es genügt die Vorstellung oder die Erfahrung, daß es Marmeladen gibt, die uns besser schmecken, d.h., wir machen einen Vergleich und fällen ein relatives Urteil. Es kann aber auch sein, daß der Widerwille gegen den Geschmack so groß ist, daß wir etwas für ungenießbar halten und deshalb ein absolutes Urteil fällen.

Schwieriger fällt die Kritik bei geistigen Erzeugnissen, wie z.B. in der Kunst. Auch hier muß der Kritiker keine besseren Bilder malen oder Romane schreiben können als der kritisierte Maler oder Autor. Daß sich hinter jedem Kunstkritiker ein gescheiterter Künstler verbirgt, ist zwar ein naheliegender Verdacht, der aber nur in den wenigsten Fällen zutreffen dürfte. Der gute Kritiker verfügt über einen Maßstab, an dem er das Werk mißt und von daher sein Urteil fällt. Er muß dem Werk angemessen sein.

Eine Kritik, die einen Band Lyrik insgeheim an einem Kriminalroman mißt und ihm von daher mangelnde Spannung vorwirft, ist maßlos. Allerdings ist Langweiligkeit für kein Werk ein Gütebeweis (es sei denn man will genau diese schildern). In der Regel wird der Kritiker über einen angemessenen Katalog an Kriterien verfügen, an der er ein Werk mißt. Dieser reicht von den formalen, ohne die keine Kunst auskommt, bis hin zu den inhaltlichen, über die sich bekanntlich streiten läßt. Ein formal gutes Werk kann inhaltlich scheitern, z.B. wenn es epigonal ist.

Die Kultur ist die Summe aus den geistigen Erzeugnissen, die nicht nur die Kunst betreffen, sondern den ganzen Bereich des menschlichen Lebens, der von den Kleinigkeiten des Alltags bis hin zu weltanschaulichen Fragen und Entscheidungen reicht. Sie einer Kritik zu unterziehen, kann vom Verfall der Tischsitten bis hin zum Niedergang der Gemeinschaftsmoral reichen. Allerdings impliziert Kulturkritik, daß es eben um das Ganze geht und nicht um die Einzelheiten.

Daß wir heute bessere technische Erzeugnisse als in früheren Zeiten haben, kann daher nicht das alleinige Kriterium sein. Ebenso wird man die Folgen des technischen Fortschritts beachten müssen (und dabei eben einige der Versprechen, wie Zeitersparnis, als unerfüllt bezeichnen müssen). Friedrich Georg Jünger hat das in seinem Buch Die Perfektion der Technik in einer grundlegenden Art und Weise getan, so daß diese Erkenntnisse auch auf technische Erzeugnisse angewendet werden können, an die zu seiner Zeit noch gar nicht zu denken war: Daß der Mensch zum Knecht der Technik geworden ist und daß er durch Technik gewonnene Zeit nicht zu nutzen vermag, sind nur zwei Beispiele, die sich täglich beobachten lassen. Eine Konsequenz daraus ist nicht zuletzt, daß ihm im Alltäglichen die Befähigung zur Kritik abhanden kommt; was eine Kulturkritik unmöglich macht.

Die 15. Sommerakademie des IfS widmet sich der "Kulturkritik", nähere Informationen gibt es hier.

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.