08. September 2014

Protokoll: zwischentag in Bonn

von Felix Menzel / 6 Kommentare

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

10Am Ende war es wieder ein ganz toller Tag, der uns ein Leben lang im Gedächtnis bleiben wird, weil wir zuvor einige Hürden überspringen mußten, um letztendlich in Bonn eine Büchermesse durchzuführen. Für eine Gesamtbewertung des zwischentages 2014 ist es noch zu früh. Also protokolliere ich kurz, was im Vorfeld der Messe und am Sonnabend in Bonn geschah.

September/Oktober 2013. Bereits vor dem zweiten zwischentag spüren wir den heftigen Gegenwind, dem sich die Messe bis heute stellen muß. Wenige Wochen vor der Veranstaltung kommt es in Berlin zu einer Kündigung der Räumlichkeiten, die jedoch zum Glück wieder zurückgezogen wird. Wenige Tage nach der sehr erfolgreichen Messe am 5. Oktober 2013 verüben radikale Linke dann einen Farbbeutelanschlag auf den Veranstaltungsort.

Ende April 2014. Ich stelle das neue Konzept vor. Mir ist zu diesem Zeitpunkt bereits klar, daß es derzeit nahezu unmöglich ist, einen zentral gelegenen Veranstaltungsort für eine Messe mit bis zu 1.000 Besuchern zu finden. Deshalb soll der zwischentag durch Deutschland wandern. Minimalziel: 200 Besucher, 12 Aussteller und drei, vier Vorträge am Nachmittag.

Anfang Juni 2014. Ein geeignetes Hotel in Düsseldorf ist gefunden. Sollte es hier zu einer Kündigung kommen, müßte es doch wohl genügend Ausweichvarianten geben, oder?

Ende Juni 2014. Es läuft zu diesem Zeitpunkt zu gut: Bereits 20 Aussteller aus vier europäischen Ländern haben sich für die Messe angemeldet. Namhafte Referenten wie Prof. Dr. David Engels haben Vorträge zugesagt. Einzige Enttäuschung: Einige Unternehmen aus dem libertären und bürgerlich-konservativen Spektrum lehnen eine Teilnahme am zwischentag grundsätzlich ab. Sie sind nicht einmal bereit, sich einem Streitgespräch auf der Messe zu stellen, obwohl sie jahrezehntelang für Meinungsfreiheit gestritten haben. Ich treffe die – im Nachhinein betrachtet – falsche Entscheidung, den zwischentag aufgrund der Nachfrage doch etwas größer aufzuziehen. Wir buchen im Düsseldorfer Hotel zusätzliche Räume und könnten so locker 400 bis 600 Messegäste zulassen.

Ende Juli 2014. Das Hotel in Düsseldorf kündigt den Vertrag mit uns. Alle Stadtratsfraktionen der etablierten Parteien, Regionalpresse und Antifa warnen vor unserer Messe. Die Verhandlungen mit anderen Hotels in den kommenden Tagen zeigen, daß der öffentliche Druck Wirkung zeigt. Kaum noch jemand ist bereit, unsere Messe aufzunehmen. Wir finden trotzdem etwas, suchen aber weiter nach Alternativen, da neuerliche Kündigungen nicht ausgeschlossen werden können. Wenige Tage nach der Kündigung durch das Hotel zieht zudem Prof. Engels seine Zusage für seinen Vortrag wieder zurück.

Anfang August 2014. Als wir vor dem zweiten zwischentag ebenfalls nach Alternativräumlichkeiten suchen mußten, bot ein Leser seine Hilfe an. Der Verein, in dem er als Geschäftsführer arbeite, hätte passende Räume für uns, die absolut sicher seien. Einziges Problem: Sie liegen nicht in Berlin, sondern im Westen. Aufgrund unserer Probleme in Düsseldorf kontaktiere ich den Leser wieder, der nun noch einmal betont, daß wir bis zu drei Tagen vor Messebeginn in seine Vereinsräume umziehen könnten und er dabei überhaupt keine Probleme sehe. Obwohl ich ihn warne, ist er sich weiter sicher, daß er auch die Lokalpresse im Griff hätte. Die würden schließlich auch in Zukunft bei seinen Vereinsveranstaltungen Fotos schießen wollen.

Wir sind uns mündlich einig, den ursprünglich für Düsseldorf geplanten zwischentag in diese Vereinsräume zu verlegen. Nach einem Vor-Ort-Termin kippt bei dem Leser jedoch die Stimmung. Er hat große Sorge, daß es in der Woche nach der Messe zu Antifa-Anschlägen kommen könnte. Auch diese Option entfällt also.

Mitte/Ende August. In Düsseldorf kündigt unsere letzte Option. Ich schicke einen Mitarbeiter mit einem Mietwagen durch ganz NRW, um nach Alternativen zu suchen und mit allen Vermietern vorher offen über alle möglichen Probleme zu sprechen. In Solingen, recht nah bei Düsseldorf, finden wir etwas, in Duisburg und in Dortmund. Das Gespräch in Dortmund läuft am besten. Mein Mitarbeiter gewinnt den Eindruck, daß die Vermieterin zuverlässig ist und sich im Vorfeld gründlich über unsere Messe informiert haben muß, da sie von sich aus nach den uns leider bestens bekannten Störenfrieden fragt.


Anfang September. Alle Messegäste erhalten den Veranstaltungsort in Dortmund zugeschickt, doch es bleibt erstaunlich ruhig. Die Aussteller wußten ihn bereits eine Woche länger.

5. September, 12 Uhr. Die Antifa berichtet über den Veranstaltungsort und bedankt sich bei einem auskunftsfreudigen Aussteller für die Information. Danach klingelt das Telefon in Dortmund ohne Unterbrechung. Über Antifa-Seiten erfahren wir, daß sich die Vermieterin zunächst mit der Polizei absprechen möchte. Wir stehen selbst natürlich auch mit der Dortmunder Polizei in telefonischem Kontakt, die darauf hinweist, daß es schwierig sei, unsere Veranstaltung zu schützen. In der Vergangenheit mußte sich die Polizei in Dortmund mehrmals den Vorwurf gefallen lassen, sie greife nicht hart genug gegen rechts durch. Damit scheint nun Schluß zu sein. Der zwischentag hat keine Chance in Dortmund.

5. September, 15 Uhr. Wir sind bereits unterwegs nach Dortmund, als die Vermieterin absagt. An einem Rasthof informieren wir alle Aussteller und Messegäste über den Umzug nach Bonn auf das Haus der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die über einen großen Garten verfügen. Danach haben wir fünf Stunden im Auto Zeit, um mit einer wackligen Internetverbindung und Telefon die Messe vorzubereiten. Zum Glück unterstützen uns die Mitglieder der Raczeks großartig. Schon am Abend stehen 20 zusätzlich angemietete Bierbänke zur Verfügung, die mit einem Transporter auf die Schnelle besorgt werden konnten.

6. September, 9 Uhr. Es ist wie immer auf dem zwischentag. Natürlich sind noch nicht alle Aussteller pünktlich zum Aufbau da. Das wird noch zum Problem, weil kurz nach neun die ersten Antifa-Aktivisten eintreffen, die den Eingang besetzen. Die kurz darauf eintreffende Polizei wirkt zunächst etwas hilflos und unentschlossen. Trotzdem versichert der Einsatzleiter, daß er in Kürze die Spontandemo der Linken räumen lassen werde. Diesen Worten folgen wenige Taten. Unsere Aussteller und Messegäste haben es sehr schwer, den Hauseingang zu erreichen. Einige suchen auch erst einmal ein Café auf und kommen etwas später.

11:30 Uhr. Mit einer halben Stunde Verspätung beginnt die Messe. Der Vortragsraum für ca. 80 Zuhörer ist sofort voll. Trotz der widrigen Umstände gelingt es, von 11:30 Uhr bis 17 Uhr ein durchgängiges Begleitprogramm durchzuführen. Das Wetter spielt zum Glück auch mit (abgesehen von der letzten halben Stunde). Nur eine Gewerkschaft namens GDL (Lokführer) vermasselt einigen Interessenten, die mit der Bahn anreisen wollten, den Tag.

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16:30 Uhr. Mein abschließender Vortrag über den Nazivorwurf beginnt. Es gibt aus meiner Sicht vier mögliche Reaktionen, die allesamt gefährlich sind: Anpassung an den Mainstream in vorauseilendem Gehorsam, Distanzierung von absurden Vorwürfen, Jammern und die Vernachlässigung von den eigentlich wichtigen Sachthemen. Was wir in der Auseinandersetzung mit dem Nazivorwurf und seinen Begleiterscheinungen zu tun haben, ist auszuloten, was in Deutschland noch möglich ist und was nicht. Konkret heißt das, daß der Umgang mit unserem Kreis zeigt, welche eigentlich selbstverständlichen Freiheiten wirklich allen Bürgern gewährt werden und welche zu Exklusivrechten für diejenigen mit der „richtigen“ oder einer belanglosen Gesinnung verkommen sind.

Das Fernsehen und die Presse in Nordrhein-Westfalen haben bisher nur über die Proteste gegen den zwischentag, nicht aber über die Messe selbst und die dort vertretenen Auffassungen berichtet. Auf zwischentag.de und Facebook finden sich einige Fotos von der Messe, PI hat bereits einen Bericht geliefert und auch der Polizeibericht ist sehr aufschlußreich.

Wie es weitergeht, werden wir nun gründlich analysieren. Klar ist: Wir haben ein großes Publikum, das sich für die Messe interessiert, wir verfügen über ausreichend interessante Aussteller, und wir werden in anderen Regionen Deutschlands (mit weniger Aufwand als diesmal) Räume finden.

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Kommentare (6)

Ein gebürtiger Hesse
08. September 2014 19:47
Ausgezeichnet, daß Sie alle durchgehalten und den Vereitelungsversuchen getrotzt haben. Das Zustandekommen dieses Zwischentages ist ein echter Sieg, zu dem ich Sie beglückwünsche!
Thomas
08. September 2014 21:34
Eine erschütternde Chronologie darüber, wie weit es in Deutschland inzwischen gekommen ist ..
Reichsvogt
08. September 2014 21:51
Erinnert mich an die 1. JF Sommerakademie in Ravensburg 1993. Guter Beginn in der Jugendherberge. Linkes Volk taucht auf. Diskussion der örtlichen Politik. CDU kippt um. Zunehmende Belagerung, Irritation und Ängstlichkeit anderer Herbergengäste. Herbergsvater Hosen voll, Angst um Sicherheit der anderen Gäste. Abbruch und Umzug mit dem Zug auf das Haus der Burschenschaft Rheno-Alemannia Konstanz und erfolgreiche Fortführung. Eigentlich hat sich in 21 Jahren wenig geändert. Außer, daß wir in Berlin 2 große Zwischentage fast unbehelligt abhalten konnten. Das hatte ich nicht erwartet.
Leo
09. September 2014 04:32
Ja, dass es in Berlin so ruhig sein würde beim 2. ZT hatte ich auch nicht erwartet, aber es war sehr angenehm so (Kind schlief zwischendurch!).
Der diesjährige ZT kam für mich nicht in Frage, da ich dienstlich vom 1. bis 5. unterwegs war (und privat was für den 6./7. vorhatte). Tendenziell halte ich einen Veranstaltungsort in Mitteldeutschland für besser - aus diversen Gründen - der Grund, Berliner zu sein, ist nur einer...
Ansonsten, allen Unkenrufen der letzten Zeit zum Trotz, glaube ich, dass sich - nach 25 Jahren, wieder mal aus Sachsen kommend - der Wind dreht. Man muss die AfD nicht mögen. Ein Fenster für frischeren Wind ist dennoch geöffnert worden. Punkt!
eulenfurz
09. September 2014 22:06
Vielen Dank für das Protokoll. Es ist richtig und wichtig, derartiges zu dokumentieren, und erschütternd, wie weit es schon gekommen ist.
WahrerSozialDemokrat
11. September 2014 20:44
Ich möchte mich zuerst bei den Veranstaltern und allen Mitwirkenden ganz herzlich für die Müh bedanken! Mit der Bitte „Never Surrender“, sprich weitermachen.

Zur Veranstaltung selbst kann ich wenig sagen, da ich erst am späten Nachmittag dazu stoßen konnte. Dennoch fand ich das Ambiente eher angenehm als unangenehm. Extra Dank dafür an die Gastgeber der Burschenschaft Raczeks.

Der Zwischentag ist nicht nur wegen der Vorträge wichtig (wie gesagt ich war zu spät), sondern auch um verschiedene Vertreter des noch „nonkonformen Mainstreams“ auch mal persönlich kennenzulernen. Da hört man von dem, da liest man was von jenem und dann trifft man sie auch mal. Ich mag da komisch sein, aber ich muss Menschen, deren Meinung(en) ich schätze auch mal hautnah erleben, um mir wirklich ein Urteil über sie oder über ihr Gesagtes und Geschriebenes zu bilden, da reicht mir Bewegung, Mimik, der zwischenmenschliche Umgang.

Ich war insgesamt positiv begeistert!

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