27. November 2014

Chronik des Bombenkriegs: 27. November 1944 – Die R.A.F. zerbombt Freiburg im Breisgau

von Benedikt Kaiser / 5 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Freiburg zählte 1939 circa 100.000 Einwohner. Bereits zu Beginn des deutschen Angriffs auf Frankreich im Mai 1940 erlebte die Stadt im Breisgau ihren ersten Luftangriff. Allerdings waren an diesem Tag noch keine alliierten "Luftgangster" für die Toten (22 Kinder) verantwortlich, wie Joseph Goebbels meinte, sondern das friendly fire dreier von der Route abgekommener deutscher Jagdbomber.

Im Herbst 1943 gab es leichtere Bombardements der US Air Force, im April 1944 galt Freiburg als Ausweichziel für Ludwigshafen. Statt dessen visierten die US-Luftstreitkräfte irrtümlich das schweizerische Schaffhausen an, warfen fast 400 Spreng- und Brandbomben ab und töteten 40 Menschen. Der damalige amerikanische Präsident, Franklin D. Roosevelt, mußte sich bei der neutralen Schweiz entschuldigen und leistete 40 Millionen Franken Entschädigung.Freiburg 1944

Am 27. November flogen indes R.A.F.-Bomber ihrerseits Angriffe auf Freiburg. Die Stadt verfügte zwar über "keine nennenswerte Industrie", so Jörg Friedrich in seinem Standardwerk zum Bombenkrieg, wurde aber aufgrund ihrer Lage an einer Eisenbahn-Transportroute sowie der Bauweise als geeignet für Flächenbombardements befunden. Man vermutete zudem Truppenverschiebungen im gesamten südwestdeutschen Raum über das Breisgau.

Die britischen Bomberstaffeln setzten sich aus 342 Lancaster-Maschinen zusammen. Sie warfen innerhalb von nur 25 Minuten insgesamt 1.457 Tonnen Spreng- und 266 Tonnen Brand- und Markierungsbomben auf die Innenstadt ab. Besonders verheerend wirkten Zeitzünderbomben. 2797 Menschen starben, 9600 wurden verletzt.

Außerdem wurde der malerische Kern Freiburgs fast vollständig zerstört und mit ihm zahlreiche historische Bauwerke, darunter die Franziskanerklosterkirche St. Martin (gebaut 1262), der Basler Hof (1494/96), das Alte Rathaus (1557/59), das Sickinger Palais (1769/73) sowie das Stadttheater (1905/10).

Literaturhinweise:
Günter Zemella: Warum mußten Deutschlands Städte sterben? Eine chronologische Dokumentation des Luftkrieges gegen Deutschland 1940-1945, 648 S., 24.90 €  hier bestellen
Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, 589 S., 10.95 € – hier bestellen
Jörg Friedrich: Brandstätten.
Der Anblick des Bombenkriegs, 240 S., 25 € – hier bestellen

(Bildquelle)

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (5)

Daniel
27. November 2014 12:07
Die 22 toten Kinder des "Friendly Fire"-Angriffs 1940 rühren von einem tragischen Volltreffer auf einen vollbesetzten Spielplatz im Stadtteil Stühlinger.

Der Angriff vom 27. November 1944 ist hier in Freiburg noch in lebendiger Erinnerung; am vergangenen Sonntag gab es einen großen Gedenkgottesdienst im Freiburger Münster, das ja, mitten in der Zerstörungsschneise liegend, nahezu unversehrt blieb. Diese verlief, gezogen vom besten "Städteeinäscherungsinstrument" der RAF, der Bomber Group No. 5, vom Schloßberg über die Altstadt nach Westen Richtung Stühlinger, dort nach Norden drehend bis zum Neuen Messegelände. Die Kaiser-Joseph-Straße zwischen Martinstor und Siegesdenkmal war nahezu eingeebnet, der alte Bertholdsbrunnnen war zerstört, ebenso die Universität, "dem Katheder Erasmus von Rotterdams", wie Jörg Friedrich schreibt, von der nicht mehr viel stand.

Zu den Gründen für den Angriff schreibt Friedrich:
Bei der Zerstörung Freiburgs am Abend des 27. November 1944 ging es um gar nichts. Äußerer Anlaß war der Bahnhof und der vermutete Aufenthalt einer größeren Truppenanzahl. Für die Besetzung Süddeutschlands ist Freiburg kein Ausgangspunkt gewesen, weil östlich davon der Schwarzwald sich erhebt."

Und weiter:
"Der Angriff kostete 2700 Menschenleben. Alles nördlich und westlich des Münsters gelegene Stadtgebiet war total zerstört. Von der gotisch-barock vermischten Altstadt blieb nach fünfundzwanzig Minuten Bomber Command eine Million Kubikmeter Schutt. Keine der Eisenbahnanlagen hat es getroffen."

Dabei waren die Lancaster-Bomber aus Frankreich radargelenkt worden

Friedrich:
Auf Lastwagen stationierte Oboe-Sender sicherten Freiburg die präziseste Zielanpeilung, deren Bomber Command fähig war. Außerdem schien (...) Vollmond."
Meier Pirmin
27. November 2014 16:37
+"Auf den Turm des Freiburger Münsters" hatte der bedeutendste Bewohner Freiburgs an jenem Tag, Reinhold Schneider (1903 - 1958) schon vor der Bombardierung ein Sonett gedichtet mit den Anfangszeilen "Steh unzerstörbar...", was als Prophetie ausgelegt wurde. Ich gehe von katholischen oder sonstwie kultivierten Bomberpiloten aus, welche diese Voraussage wahr machten. Reinhold Schneider, dem zur Kriegs- und Nachkriegszeit tausende schrieben, galt damals gemäss Edzard Schaper, dem Deutschbalten, als "das Gewissen Deutschlands". Er schrieb in Karl Ludwig von Guttenbergs "Weissen Blättern", wie Jochen Klepper, Bergengruen, Ida Friederike Görres, Klaus Bonhoeffer, Baader (Vater des späteren Terroristen). Dabei war Reinhold Schneider als Pazifist prinzipienethisch ein Gegner des Hitlerattentats, so wie er sich 1951 gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands gewandt hatte. 1958 wandte er sich in seinem eindrucksvollsten Werk "Winter in Wien" mit abgrundtiefer Verachtung gegen "Euromarkt" und "Euratom", so wie er schrieb: "Der russische Nihilismus stellt in Verpflichtung, der amerikanische Nihilismus ist das Nichts für das Nichts", wobei die Verwechslung von Stalinismus und Nihilismus ein Irrtum war. Reinhold Schneider verdient in jeder Hinsicht eine Wiederentdeckung, womit ich mir auch mit meinem bedeutendsten Weggefährten bei der deutschen Rechten, Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939 - 2012) einig war. Nicht im Sinn einer Beanspruchung, sondern als Appell an das Gewissen. Dem Nationalismus sprach er, wie Bergengruen, den "Ludergeruch der Revolution" nach. Er war über die meiste Zeit seines Lebens ein konservativer Monarchist, nach Preisgabe dieser Idee eine Art Anarch, wenngleich nicht gerade im Jüngerschen Sinne. Ich grenzte in meiner Dissertation "Reinhold Schneider als historiographischer Schriftsteller" (Bern - Frankfurt 1977) Schneider gegen Jünger ab, bei Beachtung des enormen literarisch-geistesgeschichtlichen Ranges beider Autoren.

Dr. phil. Pirmin Meier, Autor, ehem. Vizepräsident der Reinhold Schneider-Gesellschaft e.V., Postfach, CH-6215 Schweiz
Bernhard
27. November 2014 22:33
Haben die Amis vielleicht die Schweiz mit ihrem einmaligen Angriff warnen wollen, ihre recht guten Handelsbeziehungen zum Reich abzubrechen?
Meier Pirmin
28. November 2014 18:44
@Benhard. Wenn Sie mich damit als Schweizer ansprechen wollten. Am 1. April 1944, kein Aprilscherz, wurde Schaffhausen, nördlich des Rheins gelegen, von einem US-Geschwader bombardiert mit einer recht hohen Anzahl von Opfern. Ein früherer Kantonsparlamentspräsident von Schaffhausen hält fest, dass es nicht Folge mangelnder Geographiekenntnisse gewesen sei, sondern vorsätzlich, wiewohl die Amerikaner an die Schweiz und an Schaffhausen Genugtuung bezahlt haben, es sei um ein "Zeichen" an die Schweiz gegangen. Die Handelsbeziehungen mit dem Deutschen Reich waren für das neutrale Land selbstverständlich, denn die Aufgabe der Schweiz und der Schweizer Regierung im 2. Weltkrieg war nicht die Erringung eines "Antifaschismus"-Preises, sondern das Überleben des Landes unter optimalen Bedingungen. Dieses Ziel wurde erreicht, es war also die Folge einer erfolgreichen Politik. Die erfolgreichste Politik ist die mit am wenigsten toten Landsleuten, falls Sie von mir einen Anfängertyp wollen. Wenn aber schon Schaffhausen: die gemeinsten Exzesse des Fremdenhasses, die es in der Schweiz je gab, war die sogar so bezeichnete "Kristallnacht" im Juni 1945 gegen deutsche Geschäftsinhalber in Schaffhausen, deren Scheiben von einem linken Mob eingeschlagen wurden; sogar eine ganz kleine deutsche Kioskinhaberin wurde aus dem Lande gejagt. Andererseits haben in Schaffhausen 1915, 1916, 1917 und 1918 der deutsche Hilfsverein, der deutsche Männerchor, der Kriegerverein Germania und weitere deutsche Organisationen mit jeweils mehr als 1000 Personen auf schweizerischem Gebiet, in der Stadt Schaffhausen, unter Beisein auch von Schweizer Offizieren und Politikern, den Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. gefeiert. Organisator war der spätere Industrielle Bruno Moersen, verheiratet mit einer Nichte von Stefan George. Sein Haus in Schaffhausen, eine Villa, wurde am 1. April 1944 von den Amerikanern bombardiert. Seine Einbürgerung in der Schweiz 1921 war äusserst umstritten, wiewohl er der beste Stahlingenieur der schaffhauserischen Industrie war.
Bernhard
29. November 2014 19:48
@ Meier Pirmin

Danke für die interessanten Infos.

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