16. Dezember 2014

Alain de Benoist: Mein Leben. Wege eines Denkens – eine Rezension

von Benedikt Kaiser / 1 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Alain de Benoist_Mein Leben(Rezension aus Sezession 63 / Dezember 2014)

Ist Alain de Benoist der Vordenker der französischen Neuen Rechten? Sein deutscher Verlag verkündet implizit, daß die Identifikation des vielseitigen Denkers als Vorreiter der Nouvelle Droite (ND) lediglich ein hartnäckiges Mißverständnis sei. Nach der Lektüre des vorliegenden Erinnerungsbandes kann allerdings konstatiert werden: Benoist ist es natürlich doch und hat sich erst in den vergangenen zehn Jahren von dieser deutlichen Vordenkerrolle hin zu einem Stichwortgeber über die politischen Lager hinweg gewandelt.

Wie diese Wandlung vonstatten ging und welche aktivistischen, ideenhistorischen sowie metapolitischen Eckpfeiler ihren Anteil an den Entwicklungen des Ausnahmedenkers nahmen: davon berichtet Alain de Benoist in den gehaltvollen Gesprächen mit François Bousquet, dessen Namen man leider ebenso vergeblich in der deutschen Fassung sucht wie jenen des französischen Verlags. Dabei ist der Publikationsort – das Original Mémoire vive erschien 2012 in den Éditions de Fallois – schon deshalb interessant, weil er dem hiesigen Leser unter Beweis stellt, daß bei allen Ähnlichkeiten, die ein linksliberaler Zeitgeist in Deutschland wie in Frankreich hervorruft, im »Hexagone« doch noch erheblich mehr geistige Ungezwungenheit vorherrscht.

Daß Benoist über ein bestimmtes, ideologisch eingegrenztes »Milieu« hinaus gelesen wird, beweist alsdann nicht nur ein »unverdächtiger« Verlag, sondern auch seine ungeheure thematische Vielfalt, von der die Ausführungen zeugen. Benoist legte religiöse, philosophische, politische, kulturelle und ökonomische Arbeiten vor, und Bousquet ermöglicht seinem Gesprächspartner durch gezielte Fragestellungen, eine inspirierende Tour d’Horizon dessen zu bieten, was zuvor in fast 90 Büchern entfaltet wurde.

Die Wege eines Denkens sind facettenreich und voller Entwicklungsstränge. Sie lassen indes auch Kontinuitäten erkennen, deren wichtigste Bausteine Karlheinz Weißmann in seinem kundigen Vorwort zusammenfaßt. Hingewiesen wird unter anderem auf Benoists »doppelte Reserve gegenüber der Bourgeoisie«, und in der Tat ist es wohl ebenjene antibürgerliche Haltung, die Benoists Lebensweg am konstantesten begleitet. Das liberale Bürgertum erweist sich für den Nonkonformisten als »unreformierbar«, »unhaltbar«, geradezu als der »Hauptfeind«.

Inhaltliche Beliebigkeit und ideologische Abschwächung seien demnach ebenso Teil der bürgerlichen Welt wie die Notwendigkeit beständiger Kompromisse. Im Antiliberalismus der Anfangsjahre, der in den letzten Jahren verstärkt mit einem fundierten Antikapitalismus korreliert, trifft sich der Spiritus rector der ND ausdrücklich mit einem freien Geist von links, dem hierzulande noch zu entdeckenden Jean-Claude Michéa (Jg. 1950). Dieser politische Philosoph arbeitet – simplifizierend ausgedrückt – an einer Loslösung linker Theorie vom Liberalismus, Benoist an einer Loslösung rechter Theorie vom Liberalismus.

Pierre Drieu la Rochelle, den Benoist zustimmend zitiert, sprach seinerzeit von »linker Politik mit rechten Menschen«, die ihm vorschwebte. Vielleicht ist dies auch die beste Einschätzung der Vorstellungswelt Alain de Benoists, die ansonsten den Versuch jedweder Kategorisierung in der Tat zu einer heiklen Angelegenheit werden läßt.

  • Alain de Benoist: Mein Leben. Wege eines Denkens, Berlin: JF Edition 2014. 430 S. – hier bestellen

  • Zudem hat der Verlag Antaios auf seiner Netzseite einen Bücherschrank eingerichtet, der alle derzeit in deutscher Sprache erhältlichen Bücher Benoists versammelt.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (1)

von_der_Marwitz
16. Dezember 2014 22:17
Ein rechter Zizek! Dieses Buch ist ein echter Augenöffner. Es zeigt Alain de Benoist als einen Polyhistor, der dem Strukturalismus ebenso viel zu verdanken hat wie der Debatte um die Postmoderne. Dazu ist er ein bescheidener und charmanter Intellektueller.
Seine Abkehr von der Links-Rechts-Schablone ist ebenso bedenkenswert wie sein souveränes Ignorieren scheinbar naheliegender Populismen. Mit ihm als Vordenker wird die Querfront-Strategie wieder zur echten Option!
Es liegt sicher am engeren Klima der alten Bundesrepublik, dass es in Deutschland kaum vergleichbare Köpfe gibt. Hier verhinderte die Vorherrschaft der Frankfurter Schule, der Gruppe '47 etc. eben das Auftreten rechter Intellektueller.
Doch wie schon bei Nietzsche, Heidegger und Jünger, deren Rezeption erst von Frankreich nach Deutschland reimportiert werden musste, ist ein Franzose nun auch noch legitimer Erbe der konservativen Revolution. Hoffentlich wird sein jüngstes Buch zu Sombart, Spengler, Moeller van den Bruck, Niekisch auch bald bei uns veröffentlicht!
Der JF ist die Herausgabe seiner Schriften hoch anzurechnen, zumal sie ja seit geraumer Zeit - ganz im Gegensatz zum Antiliberalen de Benosit - eher eine liberal-konservative Ausrichtung pflegt.

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