17. Dezember 2014

Chronik des Bombenkriegs: 17. Dezember 1944 – Die R.A.F. zerbombt Ulm und Neu-Ulm

von Benedikt Kaiser / 16 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Ulm zählte 1939 circa 65.000 Einwohner, die bayerische Schwesterstadt Neu-Ulm 13.200. Die mittelalterliche Kunst- und moderne Industriestadt Ulm wurde am 17. Dezember 1944, einem dritten Advent, von über 300 Bombern mit Spreng- und Brandbomben, darunter solche mit Langzeitzünder, angegriffen. 606 Menschen starben, bis zu 50.000 wurden obdachlos.

Von den 11.115 in Ulm vorhandenen Gebäuden blieben, nach den Angaben Jörg Friedrichs, nur 1.763 unbeschädigt. Dabei handelte es sich größtenteils um Häuser und Anlagen in den Randgebieten der Stadt, obwohl hier eines der eigentlichen Primärziele, die Deutz-Werke, lagen. Der Kern der Stadt wurde von den Bomber-Strategen ins Visier genommen, da die altertümliche Bauweise mit viel verarbeitetem Holz dem geplanten Feuersturm entgegen kam. Dieser entwickelte sich auch wie geplant – doch der berühmte Ulmer Münster überstand ihn auf wunderliche Weise.

Ulm 17. Dezember 1944

Das benachbarte Neu-Ulm war im Laufe des Zweiten Weltkriegs derweilen 22 Mal Ziel alliierter Bombardements. Insgesamt geht man von 300.000 über der beschaulichen Kleinstadt abgeworfenen Bomben aus. Der schwerste Angriff ereignete sich ebenfalls am 17. Dezember 1944. 80 Prozent der Stadt wurden zerstört, desgleichen alle Brücken über die Donau.

Die Stadt lag, wie Günter Zemella angibt, unter 2,1 Millionen Kubikmeter Schutt. Dies sorgte dafür, daß zahlreiche der 1.200 Leichen erst nach mehreren Tagen aus den Trümmern geborgen werden konnten. Erschwerend kam hinzu, daß weitere Angriffe auf die Stadt folgten.

Literaturhinweise:
Günter Zemella: Warum mußten Deutschlands Städte sterben? Eine chronologische Dokumentation des Luftkrieges gegen Deutschland 1940-1945, 648 S., 24.90 €  hier bestellen
Jörg Friedrich: Brandstätten.
Der Anblick des Bombenkriegs, 240 S., 25 € – hier bestellen

(Bildquelle)

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (16)

Meier Pirmin
17. Dezember 2014 09:56
Verweise gerne auf meinen früheren Beitrag von anfangs Dezember zur Bombardierung der Schweizer Grenzstadt Schaffhausen, welche nach heutiger Einschätzung vorsätzlich erfolgte; ferner auf den posthum berühmt gewordenen Schriftsteller W.G. Sebald, der sich in seinen letzten Jahren mit dem Luftkrieg gegen Deutschland beschäftigte. Sein Todestag jährte sich in den letzten Tagen.
Langer
17. Dezember 2014 14:11
Und warum lese ich das mit Mitte 30 hier das erste Mal?
Nemo Obligatur
17. Dezember 2014 16:58
Hallo Herr Kaiser, danke für Ihre Übersicht. Der Untergang der alten deutschen Städte im Bombenkrieg ist ein trauriges Kapital. Wenn man heute nach Ulm kommt, hat vor allem das Fischer-Viertel noch viel Charme. Da lässt sich der Verlust des Ganzen nachempfinden. Mein Anliegen ist aber ein anderes und Sie brauchen meinen Kommentar fürwahr nicht zu veröffentlichen:
"der berühmte Ulmer Münster überstand ihn auf wunderliche Weise."
Muss das nicht heißen: "auf wundersame Weise"? Wunderlich wäre es, wenn z.B. ein alter Türmer durch einen besonderen Kniff die Flammen gelöscht hätte. Wundersam heißt ja eher, dass man sich nicht recht erklären kann wie und daher geneigt ist, an ein Wunder zu glauben. Freundliche Grüße
Michael Schlenger
17. Dezember 2014 20:33
Darüber, dass das gezielte Töten von Nicht-Kombattanten und das ebenso treffsichere Zerstören des historischen Erbes einer Nation ein Verbrechen ist, muss man kein weiteres Wort verlieren.

Übersehen wird aber meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang ein weiterer Aspekt, der viel darüber aussagt, welchen Wert die politischen und militärischen Entscheider auf alliierter Seite ihren eigenen wehrpflichtigen Landsleuten beimaßen. Wenn man den Angaben trauen kann, gehörten die Bomberbesatzungen nämlich mit Abstand zu den Truppenteilen mit der höchsten Quote an Toten und Verletzten auf britischer Seite. Das waren buchstäblich Himmelfahrtskommandos, vielleicht annähernd vergleichbar den U-Boot-Einsätzen auf deutscher Seite.

Der Unterschied ist allerdings der, dass die Luftangriffe auf rein zivile und kulturell bedeutsame Ziele nichts anderes waren als eine ungeheure Verschwendung an Ressourcen (Personal, Treibstoff, Munition, Entwicklungskapazität usw.). Die Briten und Amerikaner haben ihre Flieger im Bombenkrieg gegen deutsche Städte sprichwörtlich verheizt, ohne dass dies den Krieg auch nur ein bisschen verkürzt hätte, eher im Gegenteil. Von der damit verbundenen Verheerung von Kulturgütern und dem tausendfachen Massenmord an Wehrlosen ganz zu schweigen.

Wer diese Angriffe befohlen und die industriellen, administrativen sowie personellen Kapazitäten dafür geschaffen hat, muss ebenso besoffen vor Selbstbewusstsein und Überlegenheitsgefühl gewesen sein wie der deutsche Generalstab. Insofern ähneln sich die Bilder auf fatale Weise. Stets ist es der mühe- und bedenkenlose Zugriff auf Dienstverpflichtete, der solche Exzesse ermöglicht.

Dies sei nebenbei den Apologeten eines „starken Staats“ ins Stammbuch geschrieben. Konservativ sein heißt nach meiner Auffassung vielmehr in erster Linie, skeptisch gegenüber den Heils- und Siegesversprechungen irgendwelcher Kollektive zu sein und sich auf die ureigenen Instinkte und Stärken zu besinnen. Die Schweizer kommen für mich in diesem Sinne dem Ideal aus persönlichem Wehrwillen und stolzer Selbstbestimmung am nächsten.

Leider wollen die Deutschen trotz fataler Erfahrungen von ihrer romantischen Staatsverehrung nicht lassen und werden daher auch ihre finale Auflösung im Zuge einer als Bereicherung bezeichneten neuerlichen Invasion hinnehmen. Das Geschäft der Bomber von einst wird heute auf schleichende, scheinbar gewaltfreie Weise bewerkstelligt.
Langer
17. Dezember 2014 20:35
Sollte so etwas nicht Teil des Geschichtsunterricht sein? Nennt mich was Ihr wollt, aber obwohl mir mein gesamtes Leben lang das Gegenteil gelehrt wurde, empfinde ich bei der Vorstellung der Bombardierung einer deutschen Stadt, in die ich nie einen Fuss gesetzt habe, und die es natuerlich total verdient hat, heftiger, als bei allen nichtdeutschen Staedten zusammen...
Yvonne
17. Dezember 2014 22:45
Finde ich gut, dass diese Dinge hier jetzt öfter thematisiert werden, ganz ohne Weinerlichkeit. Es muss ja reichen, die Vorgänge (zu Deutsch: die Verbrechen) einfach zu schildern. Unglaublich, wie es geschafft wurde, dass man hierzulande keinen Groll hegt gegen die Verursacher.
Stil-Blüte
18. Dezember 2014 00:03
Mit den Bombenangriffen auf alte deutsche Städte ging unweigerlich der über jahrhundertelang organisch gewachsene Ensmblecharakter verloren. Danach entstand eine schroffe Architektur mit plartten Dächern, die in der Berg- und Tal- bzw. Hügellandschaft deutscher Lanschaft richtige Brecher sind, abgesehen davon, dass sie funktional den Witterungen widersprachen: Das Dach, das Behüten, Beschirmen, Beschützen vor Sturm und Braus wurde abgeschafft. Flach, platt schneiden solche Gebäude in die Landschaft, ins Panorama wie ein Skalpell. Die musealen Restaurationen in Dresden, Potsdam, Görlitz (das verschont blieb), sind ehrenwert, aber - außer einem Tourismus - entsteht kein echtes Leben mehr; es kann nicht mehr wachsen, will sagen gedeihen und blühen wie eine (Stadt-)Landschaft.

Da es aber trotz allem Architekten gibt, die diesem Trend widerstehen, sollten wir hier deren Anliegen mehr würdigen.

Es wird mir ein Rätsel bleiben, wie deutschstämmige Amerikaner oder Emigranten so hundsgemein sein konnten, die Bombardierungen ihrer (ehemaligen) Laqndsleute auch noch zu preisen (Marlene Dietrich, Brecht, auch Thomas Mann). Wer angesichts der Bombardierung von Dresden erschüttert war, war Gerhard Hauptmann: ' Wer noch Tränen hat, der weine' (frei zitiert).

Übrigens - in der DDR nannte man den Bombenkrieg 'anglo-amerikanische Terrorangriffe'.
neocromagnon
18. Dezember 2014 02:39
@Langer
So ging es mir auch eines Tages. Hatte mit einem anderen weit heikleren Kriegsthema zu tun, über das man besser schweigt. Doch, ungeachtet all der wirren Dinge die im Internet auch verbreitet werden und ungeachtet der Notwendigkeit auch dort jede Behauptung kritisch selber zu überprüfen, mußte ich feststellen, daß ich Jahrzehnte lang sowohl von der deutschen Politik, den Medien als auch der Schule belogen worden war und sich viele Dinge definitiv nicht so ereignet haben können, wie uns das (mittlerweile mit dem Knüppel) nahezu täglich eingeleut wird.
Das ist nun auch schon einige Jahre her, doch es hat mich damals tief erschüttert und mein gesamtes Weltbild und vor allem mein Vertrauen in "offizielle" Quellen ins Wanken gebracht.
Davon hat es sich bis heute nicht erholt, im Gegenteil, es brechen ständig neue Steine heraus.
Ich habe mit denen und ihrem Staat innerlich jedenfalls nichts mehr zu tun.
neocromagnon
18. Dezember 2014 02:57
@Michael Schlenger
Möglicherweise ist das auch der Hintergrund für den deutschen Nachkriegsschuldkult. Die tatsächlich generalstabsmäßig geplante und industriell betriebene (man denke nur an die Entwicklung der Atombombe) Auslöschung ziviler Städte, ist in Wahrheit ein derart grober Zivilisationsbruch, daß er einen gesunden Geist nur entsetzen kann. Dem kann man nur mit dem propagandistischen Holzhammer beikommen.
Ein Leser
18. Dezember 2014 11:15
Die Briten und Amerikaner haben ihre Flieger im Bombenkrieg gegen deutsche Städte sprichwörtlich verheizt, ohne dass dies den Krieg auch nur ein bisschen verkürzt hätte, eher im Gegenteil. Von der damit verbundenen Verheerung von Kulturgütern und dem tausendfachen Massenmord an Wehrlosen ganz zu schweigen.


Es war ja gar nicht die Absicht, den Krieg zu verkürzen. Deutschland und Russland sollten sich gegenseitig zerfleischen und möglichst viele Menschen ums Leben kommen. Außerdem haben ein paar Leute an diesem Gemetzel sehr gut verdient. Es ist ja kein Geheimnis, dass viele der großen US-Vermögen auf Geschäfte im 1. und 2. Weltkrieg zurückzuführen sind. Immer daran denken: Für 100 Prozent Gewinn stampft das Kapital alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.
Strogoff
18. Dezember 2014 17:19
Stil-Blüte
Leider oder zum Glück ist mir der Name dieses lebenden Schauspielers entfallen der sagte, dass die Dresdner human gestorben sind. Sie wussten nämlich worfür.
Cato der Zensor
19. Dezember 2014 01:01
@ Stil-Blute

"Marlene Dietrich, Brecht, auch Thomas Mann"

Vor allem Thomas Mann, Brecht aber keineswegs. Die Genugtuung, die Thomas Mann angesichts der Zerstörung seiner Heimatstadt München zum Ausdruck brachte ("Endlich erhält der dumme Platz seinen geschichtlichen Lohn"), hat Brecht gegen Mann erheblich in Harnisch gebracht und war der Auftakt des jahrelangen Streits der beiden Exilautoren. Von Brecht stammt auch das Bonmot, den Deutschen sei angesichts von 30 SS-Divisionen die Unterwerfung unters Regime Hitlers zu verzeihen; nicht zu verzeihen sei ihnen der Erfolg der Romane Thomas Mann.
Thomas
19. Dezember 2014 16:08
@ Strogoff:

Ich kann Ihnen da auf die Sprünge helfen. Die von Ihnen erwähnte Verhöhnung der Opfer der Bombarbierung Dresdens stammt von dem jüdischen Schauspieler Michael Degen, der sagte: "Die Menschen in Dresden starben einen humanen Tod, denn sie wussten warum, die Menschen in Auschwitz wussten es nicht."
Karolus
19. Dezember 2014 22:50
@ Thomas

Und hat Degen mit dieser auf den ersten Blick zynisch klingenden Bemerkung nicht recht? Wieso musste die zwölfjährigen Marion Salomon aus Arnswalde in Hinterpommern in Auschwitz sterben. Sie und ihre Eltern wussten es nicht. Damit will ich die Bombenangriffe auf Dresden nicht ENTSCHULDIGEN (könnte ich als Nachgeborener sowieso nicht), aber den Blick auf das singuläre Ereignis der Geschichte der Neuesten Zeit lenken, dasJuden von Norwegen bis Griechenland und von Frankreich bis in die Sowjetunion zu Opfern werden ließ, weil sie Juden waren.
Karolus
19. Dezember 2014 22:52
@ Cato der Zensor

Thomas Manns Heimatstadt war nicht München, sondern Lübeck. Dass Sie als eifriger Leser seines mit dem Nobelpreis bedachten Romans "Die Buddenbrooks" übersehen haben!
Thomas
20. Dezember 2014 20:29
@ Karolus:

Da Sie mich direkt ansprechen, will ich Ihnen auch antworten. Tun Sie doch nicht so scheinheilig. Sie wissen genau, dass die oben zitierte suggestive Äußerung des jüdischen Schauspielers Michael Degen klar zur Botschaft hat, dass die deutschen Bombenopfer "wussten wofür" sie starben. Das konstruiert eine inakzeptable Kollektivschuldthese, da behauptet wird, sie hätten "gewusst" wofür sie sterben müssten - als ob jeder deutsche Durchschnittsbürger den Krieg gewollt und den darin stattfindenden Holocaust (der weitgehend unter Geheimhaltung im fernen Osten durchgeführt wurde) gebilligt hätte. Dass Degen auch noch erklärt, dieser Bombentod sei daher (weil die Opfer "gewusst" hätten "wofür") "human" ist widerwärtig; Degen hat sich dadurch als Gesprächspartner im Bereich Humanität selbst disqualifiziert und huldigt einer menschenverachtenden Sprache.

Im übrigen ist Michael Degen schon öfter durch solch negative und suggestive Kollektivschuldthesen aufgefallen. Sein 1999 erschienenes und später mit ihm verfilmtes Buch nannte er allen Ernstes "Nicht alle waren Mörder" - was anderes als "fast alle waren Mörder!" soll dies denn aussagen?

Degen hat also keineswegs Recht mit seiner Aussage, um direkt auf Ihre Frage zu antworten. Er ist ein unversöhnlicher, von Hass erfüllter Anhänger der Kollektivschuldthese, der das ganze deutsche Volk und dessen ganz überwiegend unschuldige Opfer der inhumanen Flächenbombardierungen gegen Zivilisten im 2. Weltkrieg zu beleidigen und verhöhnen versucht. Dass er als Jude die NS-Zeit im Versteck verbringen musste, ist traurig, entschuldigt oder rechtfertigt seine Äußerungen aber in keiner Weise.

Lieber Karolus, auch die 12-jährige Deutsche und ihre Eltern die im Bombenhagel von Dresden starben, wussten nicht wofür! Sie waren Geiseln eines ausser Kontrolle geratenen Regimes und eines zur inhumanen Barbarei eskalierten Krieges, mit Flächenbombardements deutscher Städte, die sich ausdrücklich gegen deutsche Zivilisten richteten und zum erklärten Ziel hatten, möglichst effizient möglicht viele davon zu töten.

P.S.
Ihre Singularitätsthese halte ich für eher problematisch.

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