30. Juni 2015

Die Zerstörung der Vernunft

von Martin Sellner / 73 Kommentare

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Nachdem der erste Schub unserer Kampagne samt Demo erst einmal vorbei ist, beginnt für uns in Österreich eine Zeit der „Ernte“ und Sammlung. Einen Schwall an Interessenten, Kontakten, Anfragen und Spenden gilt es nun in die Bewegung einzufügen. Das Asylunwesen wird uns den Sommer über weiterhin aktivistisch auf Trab halten und im Herbst stehen in Wien Wahlen an, zu denen wir erneut groß in Erscheinung treten wollen.

Dennoch bietet sich jetzt ein kurzes „Intervall“, eine Pause zur Reflexion. Gute Demoberichte gibt es bereits hier und hier. In diesem Beitrag soll es um ein anderes Thema gehen.

Unter den Büchern, die mich in einer wichtigen Phase geprägt haben, finden sich auch einige marxistische „Klassiker“. Meine Beschäftigung mit Marx, Adorno und Co war damals eine Art selbstauferlegte „Feindaufklärung“. Lauernd wie ein Spürhund ging ich durch die Texte und versah sie mit beißenden, (rückblickend ziemlich plumpen) Glossen. Die Logik war recht einfach: Was sie guthießen, lehnte ich ab, und was sie verfemten, war mir sympathisch.

Einer dieser „Feind-Texte“, der mich „prägte“, stammt aus Georg Lukacs´ Spätwerk.Er heißt „Die Zerstörung der Vernunft“. In diesem umstrittenen Werk nimmt uns der ungarisch-jüdische Philosoph mit auf eine atemberaubende Tour de Force durch die deutsche Geistesgeschichte. Seine These: seit der Romantik weist sie latente faschistoide Tendenzen auf, die sie ideengeschichtlich zu Hitler führte.

Kernbotschaft ist, dass mit Hegel der Zenit der geistig aufklärerischen Entwicklung erreicht wurde, die nicht nur „abendländisch“ sondern universalistisch sei. Hegels Denken, seine Geschichtsphilosophie um „Weltgeist“ und „Ende der Geschichte“ zieht nach Lukacs aber nicht den nötigen materiellen Schluss aus dem Gedachten. Sie larviert liberalistisch und in bürgerlicher Klassenverblendung um den einzig möglichen Schluss herum: den Marxismus.

Der Marxismus ist für Lukacs, in teils prophetischem Pathos, der Sukkus, die Krone, die große Mündung, in die das Delta allen Denkens einfließen muss, wenn es nur ehrlich, formal logisch und moralisch bleibt. Hegels bürgerliche Weigerung, diesen Schritt (eine radikale materialistische Deutung seiner Geschichtsphilosophie und die „praktische Weltveränderung“) zu tun und die materielle Gleichheit als Voraussetzung einer wahren Freiheit zu postulieren, ist nach Lukacs ein geistiger Leerlauf, in dem die Zentripetalkraft Überhand nimmt. Es kommt zur „Zerstörung der Vernunft“.

Das bürgerlich-liberale Denken Hegels, zu schwach und unwahrhaftig um den logischen marxistischen Fortschritt zu erringen, degeneriert und gleitet in sentimentale Ablenkung, Mystik, Irrationalismus, und am Ende Wahnsinn und Grausamkeit, die allein das Aufrechterhalten der Klassenunterschiede rechtfertigen könnten.

Diese laterale Fluchtbewegung zum Fortschritt des Geistes, die in der Romantik bereits angelegt sei, sieht Lukacs mit Kierkegaard und Schopenhauer beginnen. Nietzsche ist ihr Erzvater; die gesamte deutsch geprägte Lebensphilosophie, insbesondere Dilthey, Klages, Simmel und natürlich Heidegger gehören zu dieser Tendenz der Selbstzerstörung der Vernunft und werden von Lukacs' Bannstrahl getroffen.

Das ist der zentrale Vorwurf, der heute auch insgeheim hinter den politisch korrekten Verdikten aller „Rechten“ steht. Mit „Gestrigkeit“ und „Begrenztheit“ wirft man ihnen, wirft man uns eigentlich den „Verrat“ am „Projekts der Aufklärung“ vor. Wir hätten die große, breite Straße des Humanismus, die vom „emanzipatorischen Gehalt“ der Bergpredigt bis zur Deklaration der Menschenrechte führt, verlassen und streunten als „Parias“ im faschistoiden Unterholz am Rande des dunklen Waldes.

Dieses Bild, das Lukacs' Buch evozierte, und daneben die „Gestalt“ eines patriotischen Lagers, die in seiner Feindaufklärung hervortrat, war für mich eine Zeitlang sehr inspirierend. „Jenseits von Gut und Böse“, außerhalb aller Normen und Schablonen und der kristallinen Sphäre des „politisch Korrekten“ zu sein, um aus der Tiefe des Raumes dem großen schwerfälligen Troß der westlichen Ideengeschichte in die Flanke zu fallen. Auch die „barbarische“, ja dämonische Rolle, die man als solcher Außenseiter und Waldgänger für die braven Trotter auf der hellen Straße einnimmt, hatte etwas durchaus Anziehendes.



Was ist dran an Lukacs' These? Tatsächlich hat der „Irrationalismus“ eine gewisse Tradition im rechts-konservativen Lager. Eine Vernunftkritik, ein Maßhalten gegen die totalitären Aufklärungsansprüche der Moderne, ein „Warnen und Wehren“ gegen das Zerreißen aller Schleier, das Plündern aller Kristallhöhlen und Entzaubern aller Mythen ist seit eh und je als Wesenszug der Konservativen zu sehen. Oft gleitet es auch in Sentimentalität und Erlebniskult ab.

Die Verwandtschaft zur Romantik liegt auf der Hand. Notierte doch bereits Friedrich Schlegel im Athenaeum:
Aber ist denn die Unverständlichkeit etwas so durchaus Verwerfliches und Schlechtes? – Mich dünkt das Heil der Familien und der Nationen beruhet auf ihr; (..) kein frevelnder Verstand es wagen darf, sich der heiligen Grenze zu nähern. Ja das Köstlichste was der Mensch hat, die innere Zufriedenheit selbst hängt, wie jeder leicht wissen kann, irgendwo zuletzt an einem solchen Punkte, der im Dunkeln gelassen werden muß, dafür aber auch das Ganze trägt und hält, und diese Kraft in demselben Augenblicke verlieren würde, wo man ihn in Verstand auflösen wollte.

Diese Tradition des Hütens und Wahrens, ein „Pathos der Distanz“ gegen die „Taster und Greifer“ des modernistisch-kritischen Menschen, eint von Nietzsche bis Jünger, George und Heidegger viele unserer Vordenker.

Haben die Linken recht, wenn sie uns vorwerfen, dass wir uns mit einem logisch unhaltbaren „Ego non“ vor den unweigerlichen Konsequenzen der Vernunft und des Fortschritts, Globalisierung, Technisierung, Auflösung der Völker und Kulturen, Bildung einer One World, etc. versperren? Dass wir aus Angst vor Aufklärung und Aufhebung unserer geliebten Fetische Nebelwände entfachen und Blendgranaten werfen, uns in Ästhetik und Emotionen, in die Kraft der Parolen und Bilder flüchten, weil wir keine ethisch vertretbaren, logischen Argumente haben? Ist unser „Kampf“ nur eine Flucht ins Geschichtslose, Irrationale, die infantil, wie das Kind, das sich im Wandschrank versteckt, den Fortschritt, die Ab- und Weiterfahrt der „Menschheit“ verweigert?

Viele „politisch Korrekte“ allen voran Typen wie Thomas Assheuer würden dem begeistert zustimmen. Die linksliberale „Bildungselite“ hat ohnehin bereits ein Klassen-Ressentiment kultiviert, das alles Konservative, Patriotisch-Rechte mit Dummheit oder böswilliger Denkverweigerung gleichsetzt.

Auch einige Rechte würden dem oben skizzierten Bild wohl mit einem schmissigen „me ne frego“ zustimmen und sich zu Romantik, Irrationalismus und einer heroischen Verteidigung des „Mythos“ um seiner selbst willen bekennen.
Tatsächlich ist aber meiner Ansicht nach ein rechtes Lager, das traditionale Restbestände nur um ihrer selbst willen verteidigt, nicht in der Lage, die bestehende Hegemonie der Linken zu überwinden und aus der Rolle des „Engstirnigen“, „Gestrigen“ und „Kleingeistigen“ herauszutreten.

Die teilweise wirklich infantile und fetischartige Fixierung auf bestimmte traditionale Splitter, die man gar nicht wirklich verstanden hat, hält uns vielleicht davon ab, dem herrschenden Denkgebäude den entscheidenden Schlag zu versetzen. Wir befinden uns nämlich wirklich in einer Zeit der Götzendämmerung; der Troß des westlichen Universalismus trottet müde, ausgedorrt und hoffnungslos auf der Straße des Fortschritts dahin. Er löst sich langsam auf und taumelnd, tänzelnd säumen ihn postmoderne Aussteiger, die den Kitzel des „verbotenen Irrationalen“ am Waldrand kosten, sich aber nicht ganz von der universalistischen Menschheitsmoral lösen wollen.



„Gott“, die westlich-universalistische Ideologie einer totalen Erkenntnis, die eine unbegrenzten Machbarkeit und Steuerbarkeit impliziert, ist tot. Die Metaerzählung, auserwählter Träger einer Wahrheitsmission zu sein, ist in den cultural, linguistic, narrativ und sonstigen „turns“ der neueren Geistesgeschichte so gründlich gerupft worden, dass wenig von ihr übrig geblieben ist.

Die Erkenntnis, dass jedes Wissen in einer bestimmten ethnokulturellen Traditionslinie steht, dass alles ,was wir sagen, denken und tun, Zitat von Zitaten ist, dass es keinen neutralen Standpunkt „jenseits“ der Geschichte und Kontingenz gibt, von dem aus sich die Gesellschaft „analysieren“ ließe, ist nicht mehr zu hintergehen.

Damit ist letztlich der Ideologie der Aufklärung der Boden unter den Füßen weggezogen. All ihre Appelle, all ihre Schlagworte von „Menschenrecht“ bis Weltstaat“ entpuppen sich als leere Phrasen, Dogmen und getarnte Machtansprüche. Ein bohrendes schlechtes Gewissen plagt die Don Quichottes der Aufklärung und treibt sie in Ethnomasochismus und Selbstaufgabe.

Aus dem Ende der großen abstrakten Ideologien haben sie sich in einen gefährlichen, rassistisch aufgeladenen Selbsthass und Schulkult geflüchtet, dessen abstruse Riten und Gedenk-Kultbauten, sich direkt proportional zur sozialen und wirtschaftlichen Krise vermehren. Der Troß geht nicht mehr voran. Er tritt auf der Stelle und dreht sich im Kreis, in den eigenen Untergang.

Nur die „frei gewordenen“ Partisanen, die das Ganze aus dem Dickicht des Waldes beobachten, könnten das Potential „postmoderner Kritik“ gegen das universalistische Schwerezentrum dieses Denkens lenken, ohne dabei selbst in relativistischer Nabelschau zu enden. Unsere Aufgabe ist es, das, was ideengeschichtlich längst „zu Ende gedacht ist“, das Scheitern der modernen Ideologien, der totalitären „Aufklärung“ und damit der Idee von Menschheit, Weltstaat und „no border“ seine Geltung zu verschaffen.

Warum gelingt uns das bisher nicht? Ich glaube, dass wir Lukacs' Kritik ernst nehmen müssen. Wenn wir die alte universalistische Moral und ihr „Menschheitsprojekt“ im Namen eines reinen Partikularismus kritisieren, einer tribalistisch-nationalen Moral, eines „Klassenbewusstseins“, also letztlich aus einem egoistischen Standpunkt selbsterhaltender Vernunft, egal auf welche Gruppe er sich bezieht, werden wir sie niemals überwinden.

Unsere Aufgabe ist hier, eine andere Perspektive, eine andere Form von Ethik und Ganzheitlichkeit zu entwickelt, in der die Lebensinteressen unseres Landes in eine Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und Mitwelt eingebettet sind. Wenn wir aus dem Scheitern des westlich-aufklärerischen Projekts und seiner linearen Geschichte in einen heroischen Nihilismus verfallen und als einzigen Sinn des eigenen Daseins den Erhalt des eigenen Daseins predigen, begeben wir uns selbst in die Rolle des „Irrationalen“, die uns unsere Gegner aufdrängen wollen.

Eine wahre „Aufklärung“, wenn man dieses Wort beibehalten möchte, muss sich auch stets selbst über ihre eigenen Grenzen und Bedingtheiten aufklären. Tut sie das nicht, wird sie ein unbegrenzter Schwachsinn, wie wir ihn heute in der marxistisch-kapitalistischen „no border“-Ideologie erleben und erleiden.

Unsere Aufgabe ist es heute, wie es Alex Kurtagic einmal formulierte, alternative Konzepte von Ethik, Sinn und Geschichte zu entwickeln, die den Egalitarismus widerlegen und der Pluralität der Welt entsprechen. Sie werden aber nur dann tragfähig sein, wenn sie an die ideengeschichtliche Tradition Europas anknüpfen und eine gewisse „universale Sehnsucht“ stillen.

Es geht also vielleicht weniger darum, dem „Troß“ in die Flanke zu fallen, als ihn wieder anzuführen, zu neuen Ufern zu führen. Wir brauchen eine Generation an freien Radikalen, die keinen effektvollen „Ausbruch“ aus der abendländischen Kultur und Geistesgeschichte inszenieren, sondern sie weitererzählen will.

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Kommentare (73)

Ein Fremder aus Elea
30. Juni 2015 11:51
Ich glaube nicht, daß wir subjektiv davon abhängen, etwas nicht verstehen zu müssen, und wie Aldous Huxley glaube ich weiterhin, daß, was einer nicht versteht, und daraus sein Glück schöpfen mag, ein anderer bis auf die vierte Nachkommastelle zu berechnen im Stande sein mag.

Die Kunst die Menschen glücklich zu machen, ihnen alles vorzuschreiben, aber sie dennoch glücklich zu machen...

Sie ist schon weit gediehen, aber ganz mag sie am Ende doch nicht aufgehen.

Zu fragen wäre eher, ob die Aufklärung aufklärt oder verblödet.

Sieht sehr nach letzterem aus und wenn man dies und jenes bedenkt, mag man dabei sogar eine Zwangsläufigkeit am Werke sehen.
Meier Pirmin
30. Juni 2015 12:18
Neben vielem Ärgerlichem, das aber hauptsächlich auf den Verzicht auf eine brauchbare Einwanderungsgesetzgebung zurückzuführen ist, hat der Islam wenigstens noch den Vorteil, dass er auf wenn es sein muss unhöfliche Art darauf aufmerksam macht, dass Gott im Gegensatz zu Nietzsche nicht tot ist. Hier könnte sich Sellner echt täuschen. Es lohnt sich für einen Konservativen noch immer, die mathematischen Theologen Nicolaus von Cues und Blaise Pascal zu lesen und sich nach diesen Grössen zu orientieren. Klarer und logischer als Marx und erst noch mit mehr Lesevergnügen. Unter den Muslimen würde ich Avicenna und Averroës noch als geniessbar und lehrreich einschätzen. Von iranischen Fundis wurde ich zwar vor diesen beiden gewarnt, umso besser!


Noch was: wenn man sich wirklich mit der deutschen romantischen Philosophie auseinandersetzt, es muss nicht unbedingt die Hegelsche Rechte sein, merkt man schnell mal, dass die Systeme zwar dann und wann absurd, in der Regel aber weniger irrationalistisch sind als man denkt. Irrationalismus und romantisches Denken sind nicht identisch. Beispielsweise bei Schelling deutlich zu entnehmen. Selbst Novalis, dessen gewaltiges Schaffen, u.a. als Schüler der Bergakademie Freiberg, trotz seinem frühen Tod in kritischen Ausgabe gegen zehn dicke Bände umfasst, war nicht einfach der Träumer der blauen Blume, als der er in die Literaturgeschichte eingegangen ist. U.a. befasste er sich tiefsinnig mit dem Mittelalter und mit Paracelsus und war auch mathematisch noch begabt.
Coon
30. Juni 2015 12:37
Die im 19. Jahrhundert in den Universitäten betriebene und geförderte Wissenschaft sieht sich hinsichtlich des Anspruches auf Wahrheit unmittelbar neben ihren grossen Konkurrenten, die christlichen Kirchen. Wo letztere ihre Wahrheit auf Glauben aus Offenbarung begründet, ersetzt die Wissenschaft den Glauben durch vermeintlich letzte Gewissheit und begründet doch nur Aberglauben. In diesem Sinne sind die 2 folgenreichsten Verirrungen des 19. Jahrhunderts der Marxismus und der Darwinismus. Sie sind die Monumente der Antiaufklärung und der Verdrängung des Strebens nach Freiheit. Ach ja, die von Darwins Neffen ersonnene und auf den Menschen bezogene Rassentheorie und die Psychoanalyse wollen wir auch nicht vergessen.

In diesem Sinne kann ich nur empfehlen den Marxismus und seine Denker möglichst weiträumig zu umgehen. Jeder, der einmal mit einem "echten" Marxisten gesellschaftliche Fragestellungen diskutiert hat, wird feststellen wie unfruchtbar es ist mit jemandem zu sprechen, der sich in Besitz der absoluten und geschichtlichen Wahrheit weiss. Unabhängig seiner literarischen Qualitäten muss ich daher Lukacs Kritik schon prinzipiell abweisen. Wer seine Weltsicht auf derart faulen Zauber gründet, kann gar keinen inhaltlich sinnvollen Beitrag zu den Fragen unserer Zeit liefern.

"Wenn wir die alte universalistische Moral und ihr „Menschheitsprojekt“ im Namen eines reinen Partikularismus kritisieren, einer tribalistisch-nationalen Moral, eines „Klassenbewusstseins“, also letztlich aus einem egoistischen Standpunkt selbsterhaltender Vernunft, egal auf welche Gruppe er sich bezieht, werden wir sie niemals überwinden."

Herr Sellner, Lukacs hat Sie reingelegt. Der Mann war Marxist und wie jeder gute Marxist hatte er es ganz einfach, die universalistische Moral und das Menschheitsprojekt im Schnellverfahren zu überwinden: Durch Parteilichkeit. Und... Sie sind raus.
trommelmann
30. Juni 2015 12:40
wie luzid die aufklärung wirklich ist, muss einmal ausgiebig diskutiert werden.

mich stört, dass die linke kein auge für das schöne, gute, verworrene, das dickicht der menschlichen existenz und der natur hat. sie hat ja, mmn, keine kategorien dafür; ihr egalitarismus ist nicht nur doppelbödig, sondern auch nivellierend und destruktiv.

was neben lukacs auch andere verköpfelte philosophen an kontinuitäten konstruierten, ist nicht nur schrecklich simplizierend, sondern auch gesellschaftlich fatal. viel zu lange "durfte" sich niemand mit romantischen ideen auseinandersetzen, da man prompt mit auschwitz hausierte (ja, und es gab und gibt leute, die den stuß wirklich glaubten und sich geistig limitieren ließen).

dass der NS bestandteile aus romantisierenden geistern hatte, ist unbestritten. aber dessen gedankengebäude auf herder etc zurückzuführen, ist grotesk (von auschwitz rede ich erst gar nicht). der hat wirklich nichts verstanden.

diesen troß, der in meinen augen eher einem totenmarsch gleichkommt, anführen zu wollen, ist ja durchaus in ordnung. es klingt organisch, nicht nach revolution. wie die IB das mit "freien radikalen" bewerkstelligt, weiß ich nicht.
darin sehe ich auch das problem meiner generation. wir haben revolten hinter uns im 20 jhdt, die schlussendlich in einem roten krieg endeten (bewusst plakativ: der nationale sozialismus gegen den internationalen).
nun als junger aufzutreten und keine radikale abkehr des hier und jetzt erneut zu fordern, ist verständlich. die frage ist, ob die idee der IB, friedlich, quasi durch einen wettstreit der ideen an die spitze zu kommen, aufgeht.
ich plädiere selbst aber in ähnlicher weise dafür, eine nicht-linke zivilgesellschaft aufzubauen. die ingredienzien dafür haben die identitären: ideen, ideale, mut und tatkraft. vor allem aber: keine parteipolitik. wer einmal in dem politischen system drinnensteckt, ist verloren.
ich verfolge die entwicklung der IB recht genau und bin von ihr in weiten teilen überzeugt. politik gehört wieder viel stärker auf die straße.
Thomas Wawerka
30. Juni 2015 12:42
Sie haben einen sehr geschmeidigen Stil, Herr Sellner - aber das nur nebenbei. Inhaltlich fällt mir eine gewisse Nähe zum letzten Artikel von Lutz Meyer auf. Grundton: Konservative können nicht immer nur dagegen, sie müssen auch mal für etwas sein.
Es ist ja in der Tat so, dass wir uns mit Utopien schwer tun. Zum einen sind wir mehr an der Gestaltung unseres sozialen Nahraums interessiert als an großen Gesellschaftsexperimenten. Zum anderen haben wir ein gesundes Misstrauen gegen alle säkularen Heilsversprechen, die auf den Ideologemen "Fortschritt", "Machbarkeit" usw. aufgebaut sind, weil wir zumindest noch eine Ahnung von der conditio humana haben (ein Thema der europäischen Geistesgeschichte, das ja anscheinend für obsolet erklärt wurde). Aber es ist auch so, dass wir uns ohne einen Hoffnungsbilderschatz immer im Nachteil gegenüber denen befinden werden, die leuchtende Bilder von der Zukunft an die Wand malen, sei's nun zu Recht oder zu Unrecht. Wie sehr sich die Leute solche Bilder wünschen, sieht man ja an der ungebrochenen Beliebtheit des Science-Fiction-Genres. Wie sieht die Zukunft aus, auf die wir hoffen? Es wäre schon von Vorteil, wenn wir dazu mehr sagen könnten als die Zukunft zu formulieren, auf die wir nicht hoffen.
Wir Konservativen sind genauso wie die Progressiven ein Kind der Epoche, der Moderne (ich bitte um Entschuldigung wegen des vereinnehmenden "wir", ich mach's nur der Einfachkeit halber). Die Revolution war der Urknall der Epoche, danach riefen die einen "Schneller! Weiter! Höher hinaus!", die anderen versuchten zu bremsen, wo sie konnten. Das Konservative "immer scheitern", liegt an der Dynamik der Epoche (mit "Metaphysik" hat das allerdings nichts zu tun) - vgl. auch Sloterdijks "zivilisationsdynamischen Hauptsatz": "Die Summe der Freisetzung von Energien übersteigt regelmäßig die Leistungsfähigkeit kultivierender Bindekräfte." In der Dynamik der Epoche haben die Progressiven ihren Platz und die Konservativen, jene setzen Energien frei, diese versuchen, kultivierende Bindekräfte zu stärken oder auch nur noch zu retten.
Als Theologe beschäftige ich mich viel mit der Zeitgeschichte des Neuen Testaments. Es ist aufschlussreich, wie ähnlich der Prozess von Hellenisierung und dem Widerstand dagegen, dem Judaismos, dem Prozess entspricht, den wir erleben - in dem wir leben. Und noch aufschlussreicher, wie Jesus darauf reagiert hat. Er hat sich eben nicht mit dem Widerspruch begnügt, mit dem Rückzug auf die sichere Position des Judaismos, sondern hat sich aus diesem fruchtlosen Gegensatz befreit und "eine andere Perspektive, eine andere Form von Ethik und Ganzheitlichkeit" entwickelt. Zeit seines Lebens hat er damit, objektiv historisch betrachtet, nicht viel ausgerichtet, aber die Folgen waren von ungeheuren Ausmaßen.
Ich frage mich: Was hieße das übertragen auf mich, auf "uns"? Die Moderne hat mich als Konservativen ebenso geschaffen und mir einen Platz in ihrer Dynamik zugewiesen, wie meinen politischen Gegnern. Als Konservativer bin ich ihr Kind - ihr Gefangener? Vielleicht wär's gut, mal damit anzufangen, dass man anerkennt, was uns die Moderne denn alles an Gutem gebracht hat. Dazu "ja" sagen und damit den Platz, den man von der Epoche zugewiesen bekommen hat, verlassen ... und Hoffnungsbilder entwickeln.
Kurz: Mehr Kwanzaa für Europa!
https://de.wikipedia.org/wiki/Kwanzaa
Arminus Arndt
30. Juni 2015 13:10
Zu fragen wäre eher, ob die Aufklärung aufklärt oder verblödet.

Sieht sehr nach letzterem aus und wenn man dies und jenes bedenkt, mag man dabei sogar eine Zwangsläufigkeit am Werke sehen.


In diese Richtung geht ja auch Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung". Ein Werk, welches sich für eine konservative und rechte "Aufarbeitung" oder Annahme schon seit längerem anbietet bzw. fast schon aufdrängt (evtl. gibt es das aber auch schon und mir ist es bloß noch nicht untergekommen).

Unabhängig davon war es eben gerade immer eine der herausragenden Stärken konservativen und rechten (damit meine ich gerade NICHT alles ns durchdrungene) Denkens, die Begrenztheit der menschlichen Möglichkeiten in Handlungsentscheidungen stets mit einzubeziehen, wenn man es religiös formulieren würde, käme einem das Wort "Demut" in den Sinn.

"Fortschritt" logisch zu Ende denken, führt meiner Meinung nach fast zwangsläufig zu einem "neuen Menschen" und zwar nicht nur durch psychologisch/erzieherische Manipulationen sondern konkret auch durch biologische - was in der Zeiten der Gentechnik mittlerweile nicht unbedingt mehr nur reine Theorie ist.

Der Konservative ist sich - neusprech ausgedrückt - der biologischen Hardwarekonfiguration Mensch und seines Betriebssystems "Vernunft" (vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft) voll bewusst und sieht auch keinen Sinn darin, daran zu manipulieren und orientiert vielmehr seine Entscheidungen an genau diesen Voraussetzungen und nicht an einem Wolkenkuckucksheim, einer Utopie eines wie auch immer gearteten "Fortschritts". Mit genau diesem Verhalten tritt dann aber auch gerade kein Stillstand ein, es führt vielmehr immer auch zu einer Weiterentwicklung aus dem bestehenden innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen. Man schreitet auch als Konservativer zwangsläufig "fort", nur akzeptiert man halt eher die Karten, die einem das Schicksal zugespielt hat, als die Utopisten und Neumenschmacher von der linken Zunft. Man ist auf dem "rechten Weg" eben ...
Patrick L.
30. Juni 2015 13:30
"Das gesamte 20. Jahrhundert bildet in Wirklichkeit dieses Interregnum. Es kann durchaus sein, daß es in nichts, in nichts anderes mündet als in den bereits eingeleiteten Prozeß des totalen Triumphs des Egalitarismus, der Vermassung und des endgültigen Untergangs der europäischen Zivilisation. Es kann aber auch sein, daß es nach der Ernüchterung das Ende des Egalitarismus herbeiführt. Dieses Ende ist für die meisten Zeitgenossen schwer vorstellbar, weil es nicht die ‚Verneinung’ der Gleichheit oder die Ära des ‚Inegalitarismus’ bedeutet, sondern vielmehr die Ära, von der an der Unterschied zwischen Egalitarismus und Inegalitarismus gegenstandslos sein wird, von der an die Wahl zwischen ,Rassismus’ und ,Antirassismus’, zwischen Kosmopolitismus und Verwurzelung keinen Sinn mehr haben wird, von der an der Streit zwischen reaktionären Traditionalisten und Progressisten, zwischen Links- und Rechtssensibilität nicht mehr wird stattfinden können, weil diese Grundfragen dann endgültig gelöst sind, weil etwas anderes dann auf dem Spiel steht, weil die Geschichtsordnung nach dem Wort Homers „durch den Blitz oder durch die Überzeugung“ wiederhergestellt sein wird." - Faye.
Gustav Grambauer
30. Juni 2015 13:49
Herr Sellner: wenn es Ihnen nicht zu langweilig ist, nehme ich Sie mal als 'Ösi" auf einen Ausflug in die "Ossi"-Welt mit:

Wußten Sie eigentlich, daß Hacks die Kosmologie von Lukacs in der DDR zur sogenannten "Sozialistischen Klassik" ausgebaut hat?!

https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Hacks

Ich bekenne: ich war mal kurze Zeit nahe dran, Hacksianer zu werden. Immerhin war es bei mir mehr als "Feindbeobachtung", es war die Suche nach einem brauchbaren Gegenpol aus meiner Trotzreaktion auf die Kulturmarxisten / Gorbatschowianer heraus, welche in den 80er Jahren in Ostberlin Oberwasser hatten; krumme Gestalten, die umso mehr vom "Aufrechten Gang" gefaselt haben. Vor dem "Zünden" der Faszination bewahrt hat mich meine 1815er-Erziehung in einer NDPD-Familie, womit mir vom Elternhaus, unter allen Qualen über den grassierenden politischen Verrat, der Verdacht gegen jedweden Hauch eines napoleonischen Elements eingeimpft ward). Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, wie tief mich diese Erziehung habituell und kulturell geprägt und in mi den Ekel gegenüber der Moderne katalysiert hat. Mein Stein des Anstoßes an Hacks war dann nicht zufällig dessen Mißverhältnis zur Romantik,

http://www.eulenspiegel-verlag.de/programm-1/titel/332-zur-romantik.html

da ich dieese immer geliebt habe. (Es war bspw. bis zu uns durchgesickert, daß 1968 der Mob in der Heine(!)-Stadt Gättingen mit dem Ruf "Schlagt die Germanisten tot, färbt die Blaue Blume rot" aufarschiert ist.)

Kurz nach dem "Beitritt" bekam ich ein Flugblatt der LaRouche-Bewegung in die Hände, was mich veranlaßt hat, mich einwenig in deren Weltbild hinein zu vertiefen, wobei mir vieles rätselhaft blieb. Erneut war es genau das Verhältnis zur Romantik, mit dessen Kenntnisnahme ich auf einen Schlag sehr viel von dieser Bewegung verstand, hier der Schlüssel-Text:

https://www.bueso.de/artikel/historischen-wurzeln-des-gruenen-faschismus

Wieder waren es übrigens Anthroposophen, die die fundierteste Auseinandersetzung geliefert haben:

http://www.amazon.de/Das-Geheimnis-EAP-Geschichte-Hintergrund/dp/3926841052

http://www.flensburger-hefte.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/So2-DCSIN_01.pdf

Selbst bei Knobloch / Weihrauch fehlt aber noch die Auseinandersetzung mit dem Kern derer Feindschaft zur Romantik. Inwiefern reden die endaufgeklärten Romantikhasser "wie Blinde von der Farbe"?! ... weil sie nichts von der Essenz der Romantik wissen: dem Gralsmysterium.

Sicher ist es angebracht, an metapolitische Fragen kaltblütig heranzugehen. Darin liegt aber auch die Gefahr, sich grundsätzlich den Myriaden von der Moderne hinterlassener erkalteter Seelen hinzuzugesellen. Die "coolen" werden die Paria von morgen sein. Deshalb bin nur auf einer bestimmten Ebene metapolitisch disponiert und eigentlich ein Freund der "Wiederverzauberung der Welt" - immer dort wo`s hingehört.

Derzeit leben wir in der Postmoderne, die der Romantik gegenüber viel indifferenter ist als es die klassische Moderne war. Ich sage jedoch eine Renaissance der klassischen Moderne voraus, leider deutet bei der BRICS-Achse alles darauf hin. (Aber vielleicht ist das auch nur eine notwenidige Phase beim Durchgang durch die Rückabwickelung der Geschichte ...)

Herr Sellner, ich sag` Ihnen noch etwas Persönliches: freue mich immer so sehr, wenn mir - wie eher selten - junge Leute begegnen, die unverdorben sind. An Ihnen fällt mir das ganz besonders auf.

Ein ganz feiner, tief-auslotender und dabei ausgewogener Aufsatz, ... brillant. Zugleich haben Sie eine Anknüpfung an und inzident eine hochambitionierte Antwort auf Herrn Meyers Beitrag "Warum Konservative scheitern – metaphysisch betrachtet" geliefert. Ein Gesichtspunkt scheint mir zu fehlen: der eigentlich interessante Gegensatz besteht nicht zuwischen der Achse Hegel - Marx und der Romantik sondern zwischen der Weimarer Klassik und der Romantik. Neulich wurde ja hier schon Goethe seine Begegnung mit Napoleon sehr übelgenommen. Diese Seite sollte unbedingt einmal bei SiN beleuchtet werden.

Zuletzt: "Gott ist tot" heißt eigentlich nur JHWH ist tot.

- G. G.
Aristoteles
30. Juni 2015 14:18
@Thomas Wawerka

"Mehr Kwanzaa für Europa!"

Sehr guter Hinweis.
Neue Texte, neue Liturgien gehören her, die man mit unserer Nation, unseren Vorfahren, dem Heidentum, dem Christentum, einer integralen Kirche vereinbaren kann.

Was denken Sie, wie viele Gläubige einem zuliefen, wenn man verkündigte, dass es NICHT NUR einen Gott für die WELT, SONDERN AUCH einen Gott der DEUTSCHEN gibt (der durchaus - was spricht eigentlich dagegen - derselbe sein kann!)?
Der Gutmensch
30. Juni 2015 14:35
Mir ist das irgendwie zu hoch ... und ich glaub, es stimmt auch einfach nicht. Die ganze Aufklärung reduziert auf Menschenrechtler und Universalisten? Kopernikus war dann wohl ein solcher ... und sein Beitrag irgendwie entbehrlich ... ? Oder wie oder was?!

Gut beobachtet wurde, dass wir seit etwa 20 Jahren zu seltsamen Prunkbauten neigen; wie mein Mann sagt: Alles Pyramiden! Mögen die Erbauer und ihre Herren samt Hofstaat also drinnen verschwinden, und zwar bald. Hauptsache, die Türen schließen fest und gehen vor Ablauf der nächsten paar Tausend Jahre garantiert nicht mehr auf! Ich schreib ihnen auch gerne noch ein paar harsche Gesetze gegen gierige Grabräuber; das ist wirklich überhaupt kein Problem.

So, und was mich dann wieder aus meiner spießbürgerlichen Fassung bringt, ist die Anmutung, man dürfe sein Dasein nicht alleine mit seinem Dasein rechtfertigen, das wäre irgendwie ... "irrational"?! Ich glaub, ich hab da ein irgendwie ein Rauschen im Ohr - vor wem, bitteschön, soll ich mich hier rechtfertigen? Für mein - DASEIN!?

Nicht, dass ich dergleichen zum ersten Mal höre. Nee, der 10. Klasse Aufsatz in Deutsch hatte 1990 das Thema: Der Sinn Deines Lebens? Man wollte wohl prüfen, ob die jungen Leute das 1988 ausgegebene, fast gleichnamige Buch gelesen, verstanden und als Rüstzeug in den Kapitalismus mitnehmen würde ... aber selbstverständlich sollte sich der Schüler eine literarische Figur frei wählen. Ich wählte wohl die Falsche; "Die Römerin" von Alberto Moravia, aus reinem Schabernack. Und referierte selbstverständlich über deren Lebenssinn und nicht etwa über den meinen! Meiner ging meine Deutschlehrerin nämlich einen feuchten Kehricht an. Befand ich jedenfalls, denn ich war ja schließlich am Leben und zwar nicht bloß auf dem Papier und sah nicht ein, mich einer alten, politisch gerade schwer enttäuschten Schabracke zu erklären! Sie befand, das wäre zur Strafe (Thema verfehlt) nur eine Vier wert, was ich wahrlich mit Fassung trug.

Übrigens, lieber Autor, hab ich auch das Buch "Über den Sinn unseres Lebens" noch; ein wahrer Prachtband für DDR-Verhältnisse. Wenn Sie mögen, lasse ich es Ihnen zukommen und hinterher können Sie berichten, ob Sie dort fündig geworden sind. Oder Sie schreiben ein schönes Memo drüber. In der Pyramide; im Lichte der bunten LEDs.

Der Gutmensch.
Zadok Allen
30. Juni 2015 14:47
Es geht also vielleicht weniger darum, dem „Troß“ in die Flanke zu fallen, als ihn wieder anzuführen, zu neuen Ufern zu führen. Wir brauchen eine Generation an freien Radikalen, die keinen effektvollen „Ausbruch“ aus der abendländischen Kultur und Geistesgeschichte inszenieren, sondern sie weitererzählen will.


In Vorwegnahme einer längeren Ausführung zum Thema (mir fehlt gerade die Zeit): Vollständige Zustimmung zu dieser Aussage.

Lukacs' Theorie ist in ihrer primitiven Schablonenhaftigkeit kaum zu unterbieten. Bei sämtlichen heute noch virulenten ""linken"" Theorieansätzen (ich hasse die Gesäßgeographie mittlerweile so sehr, daß doppelte Anführungszeichen gerechtfertigt sind) handelt es sich um Verwesungsprodukte abendländischen Denkens, die ihren Ausgangsgrößen in keiner einzigen Hinsicht mehr das Wasser reichen können.

Ich bin versucht, einmal ausführlicher darzulegen, was Hegel eigentlich bedeutet. Seine Lektüre durch die ""Linke"" bzw. die Zeitgeistideologen artet stets in Selbstkarikatur aus. Hegel spielt zwei, drei Ligen höher; in gewisser Weise ist sein Werk tatsächlich die Krone der europäischen Geistesgeschichte.

Das eigentliche Problem ist, daß eine solche Rekuperation des geistesgeschichtlichen Bodens, wie sie Ihnen, Herr Sellner, vorschwebt, keine realpolitischen Folgen mehr wird haben können. Man muß befürchten, daß alle diese gewaltigen Denkressourcen bereits musealisiert sind. Insofern scheint die habitualisierte "Theoriefeindlichkeit" der ""Rechten"", die ich lächerlich finde, ebenfalls ein Symptom zu sein.
Gustav Grambauer
30. Juni 2015 15:03
Die Fortschritts-Frage ist unfaßbar intim. Hier der musikalische Gegensatz, den ein Linker in den Werken von Pärt und Schostakowitsch sieht:

"Der estnische Komponist handelte sich in der Sowjetunion weniger wegen seiner Kompositionstechnik als wegen seiner christlichen Thematik Probleme ein. 1980 in den Westen emigriert, wandte er sich von moderner Musik ab und heimst seitdem Erfolge mit Kompositionen ein, die Spiritualität, Demut und die Freuden des Glaubens feiern. Das ist manchmal so plump ritualhaft wie in den »Fratres«, wo verschiedene musikalische Durchläufe des äußerst beschränkten Materials durch einen regelmäßigen Schlagzeugeinsatz verbunden werden. In den etwas besseren Werken wie »Arbos« für Blechbläser ist durch mathematisch kalkulierte Überlagerungen immerhin für etwas wie Abwechslung gesorgt. Doch bleibt das Resultat immer dasselbe: die Feier von Glaube und Zeitlosigkeit.

Pärts Musik kennt keine fortschreitende Entwicklung und steht damit im größtmöglichen Gegensatz zu der Schostakowitschs. Der nämlich gestaltet auch die Identifikation mit dem im Sozialismus Erreichten als konflikthaft und zeigt so, dass das Erreichte nicht genug ist. Pärt dagegen, der kompositorisch Entwicklung ablehnt, zielt auf Unterwerfung – sei es die unter einen kunstgewerblich wohlklingenden Gott, sei es unter den im Programmheft als »Regimekritiker« vorgestellten Michail Chodorkowski, dem Pärt seine 4. Sinfonie »Los Angeles« widmete. Eine schöne Kombination: der Ölgauner unter den russischen Oligarchen und die Engel –aber nur, weil das Los Angeles Philharmonic Orchestra das Werk bestellte, bezahlte und 2010 in der Walt Disney Concert Hall uraufführte, in die es tatsächlich gehört."

https://www.jungewelt.de/2015/06-27/022.php

Gibt es eine Musik, die die Kluft der beiden toten Pole, der beiden "Leichen" Pärt und Schostakowitsch, heilt; die - nicht auf konstruierte Art sondern genuin - sowohl demütig-hegend als auch dynamisch, sowohl erz-romantisch als auch radikal-revolutionär ist?!

https://www.youtube.com/watch?v=kjZ23OXAq44

- G. G.
Waldgänger
30. Juni 2015 15:31
Herr Sellner,
ein lesenswerter und guter Essay und rein intellektuell betrachtet haben Sie natürlich Recht:

Damit ist letztlich der Ideologie der Aufklärung der Boden unter den Füßen weggezogen. All ihre Appelle, all ihre Schlagworte von „Menschenrecht“ bis Weltstaat“ entpuppen sich als leere Phrasen, Dogmen und getarnte Machtansprüche.


Doch ob hieraus "ein bohrendes schlechtes Gewissen" folgt?
In deren Logik wird das eigene Scheitern doch in ähnlicher Form "wegrationalisiert", wie es die Inquisition von 1650 getan hat: das leider nicht enden wollende Wirken des Teufels, Satans, der Bösen usw. ...

Aus dem Ende der großen abstrakten Ideologien haben sie sich in einen gefährlichen, rassistisch aufgeladenen Selbsthass und Schulkult geflüchtet, dessen abstruse Riten und Gedenk-Kultbauten, sich direkt proportional zur sozialen und wirtschaftlichen Krise vermehren.


Ja, doch die geistesgeschichtliche Rationalität ist es eben nicht, die die Welt bewegt. Und hier irrte Hegel, wenn er meinte, dass Ideen die Welt bewegen.
Nein, es ist - und hier hat Marx ausnahmsweise mal Recht gehabt - der wirtschaftlich-technische Unterbau, der das Fundament darstellt und aus dem sich sowohl soziale Verhältnisse als auch angesagte idden - und die ganz nackte Macht - ergibt.

Ob zum Dogma erhobene Irrtümer und Lügen nun objektiv richtig sind oder nicht, spielt heute keine große Rolle.
Aufklärung war einmal.

Es kommt heute gar nicht auf die besseren Argumente an.
Wir sind doch längst in einem Stadium, dass dem der katholischen Kirche zur Zeit von Galilei entspricht.

Was zählt, ist die nackte Macht, ein Dogma durchzusetzen - bis hin ins Polizeiliche und Strafrechtliche.
Der Gutmensch
30. Juni 2015 16:19
Aber selbstverständlich, Herr Grambauer, die kennen Sie auch:

https://www.youtube.com/watch?v=e2KwEfBGlaU

Wer selber noch keine Leiche ist, muss da wenigstens mal zucken.
Gustav Grambauer
30. Juni 2015 16:33
Gutmensch

Na, Margot Honeckers Bildungskanon sitzt aber noch!!!

- G. G.
Monika
30. Juni 2015 16:50
Nur kurz:
Ins gleiche Horn wie Lukács ( d.h. deutsche Geistesgeschichte weist faschistoide Züge auf , die zu Hitler führen ) stößt der franz.,Philosoph André Glucksmann in seinem Buch " Die Meisterdenker" . Seine These: Deutschland ist die geistige Geburtsstätte faschistischer Bewegungen. Den Kommunismus schließt Glucksmann als totalitäres System allerdings in seine Kritik ein. Weshalb ihn die Kommunisten nicht mochten.
. Beide Kritiker stammen aus der osteuropäischen jüdischen Intelligenzia. Das ist kein Zufall. Jüdisches Denken ist geschichtliches Denken. Das Heil wird in dieser Weltzeit erwartet. Die kritisierten Denker, voran Hegel, haben geistige Grundlagen für innerweltlichen Heilslehren gelegt. Der Jude Marx war anfällig dafür. Und hat Hegel auf die Füße gestellt.
Das fatale Ergebnis dieses Denkens ist kein Argument gegen Vernunft und Denken und für Esoterik oder sonstwas.
Auch das Christentum ist keine unvernünftige Sache. Im Gegenteil, wie Ratzinger u.a. in seiner grundlegenden Regensburger Rede dargelegt hat. Diese Rede ist immer noch unübertroffen. Zeigt den unauflösbaren Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft auf.
Botho Strauß nennt Ratzinger gar den Nietzsche unserer Zeit.
Der Verteidiger der Orthodoxie ist der wahre Ketzer.
Peter M. Messer
30. Juni 2015 17:09
"Wenn wir die alte universalistische Moral und ihr „Menschheitsprojekt“ im Namen eines reinen Partikularismus kritisieren (...), also letztlich aus einem egoistischen Standpunkt selbsterhaltender Vernunft, egal auf welche Gruppe er sich bezieht, werden wir sie niemals überwinden.
(...)Wenn wir aus dem Scheitern des westlich-aufklärerischen Projekts und seiner linearen Geschichte in einen heroischen Nihilismus verfallen und als einzigen Sinn des eigenen Daseins den Erhalt des eigenen Daseins predigen, begeben wir uns selbst in die Rolle des „Irrationalen“, die uns unsere Gegner aufdrängen wollen."

Nein, Herr Sellner, es ist genau umgekehrt: Wenn wir nicht endlich einen klaren und harten Egoismus bezüglich der kulturell-sozialen und vor allem materiellen Grundlagen entwickeln, die unser Leben tragen, von dem wir nur eines haben, dann werden wir weiterhin scheitern. Dies schon deshalb, weil die Prozesse und Akteure des "großen Austausches" ebenfalls wesentlich ökonomisch-matriell getrieben sind, vom einzelnen Migranten/Invasoren bis zur internationalen Organisation. Ressourcenegoismus ist hier ein, wenn nicht das wesentliche Fundament des Widerstands, das philosophisch-identitäre Überlegungen ergänzen, aber nicht ersetzen können. Und der Schutz der eigenen Lebensressourcen dürfte auch einer größenen Anzahl von Menschen vermittelbar seien als hochtrabende Geistigkeiten.

Ihre Ablehnung des Egoismus arbeitet Linken und anderen Auflösern in die Hände, weil die immer nach demselben Schema vorgehen: Sie stellen irgendwo eine Ausgrenzung fest, und der begünstigte indigene Deutsche ist nicht in der Lage, den Wowereit zu machen und zu sagen: Ja, und das ist gut so. Die ganze Dekonstruktion ist ja inhaltlich leer und parasitiert von den Normen derjenigen, die sie befragt und die nicht zu ihrem Egoismen stehen können, bei denen sie von den Dekonstruktivisten ertappt werden, und die selbst völlig illusorischen Vorstellungen von der Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse anhängen. Bevor Sie sich an einer neuen Ethik usw. verheben, lege ich Ihnen einen abgewandelten Ausspruch Ihres Landsmannes Sigmund Freud über das Ziel der Psychoanalyse ans Herz: Es sollte Ihnen genügen, universalistisches Elend wieder in gemeines Unglück zu verwandeln, dann wäre schon viel erreicht.

Angesichts Ihres Textes und der beiden Artikel von Lutz Meyer zum Abwerfen von Ballast und zur rechten Metaphysik stellt sich mir wie so oft in den letzten Jahren bei der Beobachtung von Konservativen und Rechten die Frage, ob sie überhaupt zur konkreten Objektbeziehung fähig sind. Was lieben sie, woran hängen sie? Fühlen sie sich wirklich verbunden mit konkreten Menschen, Dingen, Orten, Lebensverhältnissen? Wollen Sie wirklich das Dasein konkreter Dinge bewahren? Oder sind sie völlig in den Geist hinein entfremdet? Bei Konservativen drängt sich mir immer stärker das Wort Weltlosigkeit auf. Das tut mir bei Ihnen besonders weh, weil sich in Ihrem Fall angesichts Ihrer Leistungen jeder Gedanke an Feigheit oder Faulheit verbietet. Aber wenn Ihnen das Dasein von etwas um seiner selbst Willen nicht mehr genügt, dann haben sie es der totalen Vernutzung durch utopistische Projekte anheimgegeben, dann könne Sie nichts mehr wirklich bewahren.

Generell wünsche ich mir bei intellektuellen Rechten mehr Achtung vor dem Vorhandenen, Regelmäßigen, Alltäglichen, Gewöhnlichen. Wie wollen Sie sonst Breitenwirkung entfalten? Elitär gescheiterte konservativ-revolutionäre Projekte gibt es ja schon genug. Ich wünsche mir mehr Boden unter den Füßen. Es ist ja eine alte Kampfsportweisheit, dass ein guter Fauststoß im Fuß anfängt. Aber Kampfsport wird unter rechten Denkern leider eher wenig betrieben.
deutscheridentitärer
30. Juni 2015 17:13
@Sellner

Ich stimme nicht zu.

Der Erhalt unseres Volkes muss absoluter Selbstzweck sein.

Dass zu erreichen bedarf in der Tat, wie Sie gewohnt brillant ausgeführt haben, eines neuen sinnstiftenden Mythos, einer neuen Ethik usw.

Diese kann aber nicht in einem Verweilen der aktuellen herrschenden Paradigmen und deren lediglichen Aufklärung über ihre eigenen Grenzen und daraus resultierenden Kursänderungen etwa in der Immigrationspolitik bestehen.

Denn was ist, wenn die Grenzen des Möglichen durch Technologie etc. soweit verschoben werden, dass die jetztigen "Luftschlösser" doch realisierbar wären?


Ich bin mir auch sicher, Sie hier falsch verstanden zu haben, ich habe diese Problemstellung allerdings schon beim Lesen einiger ihrer Texte gehabt.

Der in dem Artikel ausgeführten Gedanke verdient jedenfalls eine ausführlichere Darstellung, da er dem Nietzscheanisch geprägten Rechten eben doch sehr zuwiderläuft, auf den ersten Blick :) (evtl. sogar ein Funkenartikel? ;))
Der Gutmensch
30. Juni 2015 17:47
Der ist ja auch hartverdrahtet, Grambauer, und zwar bei uns beiden ... weshalb wir sie auch allesamt überleben werden! Wir - und Pawel, unser Geroj! (Hatte mal eine Postkarte von einem Brieffreund. Drauf abgebildet war ein Dostoprimetschatjelnost mitsamt Drohung: Lenin schiel. Lenin schietch! Lenin budjet schietch!!)

Mit sozialistischem Gruß,

der Gutmensch.
Irrlicht
30. Juni 2015 18:02
Ein Problem des Textes ist, die Legitimationsgrundlage des Liberalismus/Massendemokratie, die Annahme, sie führe die einer linearen Geschichte folgenden Aufklärung (eine These, die z.B. der "Totalitarismustheorie" unterliegt) fort, als Prämisse zu akzeptieren. Hauke Ritz bescheinigt in einem Aufsatz über den kulturellen Aspekt des Konflikts mit Russland der gegenwärtigen Manifestation des Liberalismus, der Lifestyle-Kultur, eine einseitige, auf die französische Revolution, auf liberté, egalite, fraternité ausgerichtete Interpretation der Moderne - eine Interpretation, die ironischerweise die Nouvelle Droite in ihrer Ablehnung der Moderne teilt .

Ihrem Selbstverständnis nach sind Liberalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus modern, ebenso ein Nihilismus der Werte, der naturrechtliche Postulate wie allgemein gültige "Menschenrechte" verneint. Selbst soziobiologisch angehauchte Thesen, die die theoretische Grundlage für gruppenegoistisches Verhalten bilden, sind der Moderne verhaftet. Die Aufklärung/Moderne hat einen ausgeprägt dialektischen Charakter, weshalb sie weder der Menschenrechtsuniversalismus, noch der Kulturrelativismus , auch kein bloßes "Weitererzählen" der Kultur- und Geistesgeschichte vereinnahmen kann, eine radikale Kritik wie die der ND in ihrer Fokussierung auf die franz. Revolution und den Egalitarismus zu kurz greift und Kurtagic Forderung nach einer neuen Moral nur naiv und hilflos wirkt. Ein wesentlicher Aspekt des Erfolgs unterschiedlicher Modernitätskonzepte, ersichtlich an Deutschland in der Form eines oktroyierten Systems, ist schlicht die Frage der Macht.
Harald de Azania
30. Juni 2015 19:22
Verehrter herr sellner,

Brilliant geschrieben. Ein gutes Fundament fuer praktisches Arbeiten:Also los >>>

Teil 1:

Im Grunde genommen haben wir zwei Positionen. Die Partei des Nihilismus, gezeugt aus der Verbindung des Marxismus mit der Psychoanalyse, fuer die der Nationalsozialismus und seine (Misse)taten nur eine grossartige Gelegenheit sind,alles anzugreifen und zu zerstoeren, was auch nur im geringsten nach Ordnung, Form und Regel aussieht und, ja die Partei der Ordnung.

Die Partei der Ordnung musz hier und jetzt die Partei des "In Form sein' , des "In Form sein Wollens" und des " Wieder in Form bringens" sein.

Das geht in meiner bescheidenen Meinung nach ueber klassisch konservative oder reaktionaere ( Nico Gomes Davila) Positionen des Denkens und Schaffens hinaus.

So lange man den Faschismus auf “Runenrauner, Rasserassler & voelkische Spintisierer “ reduzieren kann, werden oder wollen wir das Konzept des wirklichen "fascio' nicht sehen.

Teil 2:

Fluechtlingskonvention gem Art 49 kuendigen. Deportation aller Asylwerber.

EMRKonvention kuendigen. Grundrechtskatalog ( in Oesterreich von 1867) ausreichend und klassisch.

"Schengen" sistieren.

Sistierung aller Einbuergerungen und Aufenthaltsbewilligungen ab ( Stichtag, mE ca 1980) . Die Betroffenenen haben dann innerhalb dreier Monate das einmalige Recht, die Aufhebung der Sistierung begruendet zu beantragen: Aufhebung einzuraeumen, wenn nachweislich positiv assimiliert bzw integriert und nicht negativ aufgefallen ( Strafrecht, erhebliche Verstoesse gegen Verwaltungsrecht, Insolvenz, Dauerarbeitslosigkeit, Verdacht auf Missbrauch von Sozialleistungen). Bis zur Entscheidung ueber den Antrag ruht das Wahlrecht.

Sicherung des oeffentlichen Friedens gegen zu erwartende Zusammenrottungen der ueblichen Verdaechtigen durch Polizei und Armee, die Schiessbefehl haben. Wenn noetig Standrecht.

HdeA
Hühnerbaron
30. Juni 2015 20:28
Kurtagic spricht als Künstler und Marketingexperte eine bestimmte Gruppe an, die ästhetisch eher abseitig empfindet - ohne das als verwerflich werten zu wollen, aber mit Himmlerklonen in pseudo SS-Kleidung und einem wüsten Durcheinander aus Otto Dix, Versatzstücken des Jugendstils und homoerotischer Death-Metal-Männlichkeit ist werde heute jemals ein Staat zu machen. Ethisch hat er nichts neueres zu bieten als die wohlfeile Forderung nach Erneuerung.

Es muss doch um eine Verbreiterung der Basis gehen und nicht irgendein neues Zeug. Dazu muss die Rechte freundlicher wirken und außerdem Netzwerke schaffen und Postionen besetzen, um ein rechtes Leben in der Konsumwelt zu ermöglichen. Die richtige Ethik ist doch längst da, sie war es schon immer. Auch die Linken sind für ihr individuelles Eigenes rechts. Hätten wir die Fernsehsender und Zeitungen der Linken, würde das Volk nicht belogen und könnte rechts sein, wie die meisten anderen Völker der Welt auch.
michael nachbar
30. Juni 2015 20:47
Ein sehr kluger Artikel! Danke.

Die Aufklärung kommt aber vielleicht etwas zu gut weg. Interessant ist hier wie in anderen Dingen Gilad Atzmon, z.B.: https://www.youtube.com/watch?v=GQ8lIsAjAvk

Ansonsten ist Sellners Ansatz durchaus sinnvoll. Denn nichts setzt soviel Energie frei, wie der moralische Antrieb, für eine bessere Welt zu kämpfen. Also, kämpfen wir für eine bessere Welt: Die Welt der freien Nationen. Den Kampf der Linken muss man zugleich ironisieren und als Irrweg in die Versklavung demaskieren: "Willst du wirklich ein Mensch von bald 10 Milliarden Gleichen sein, dann auch ohne Bargeld, mit Strichcode am Arm und braver Bürger einer fernen Weltregierung?"
Die Offensive ist wichtig, um junge Leute anziehen zu können. Wir treten für unser Volk wie für alle anderen ein, für ihr Recht, sie selbst zu sein.
Gerade in Europa ist die Allianz der Patrioten unverzichtbar. Und es muss tatsächlich eine Allianz werden, die eine neue Vision des Kontinents hat. Vielleicht ist es "Freiheit, Wahrheit und Versöhnung".
Patricius
30. Juni 2015 21:41
Ein sehr guter Artikel, wie ich finde.

Mir gefällt die Ambivalenz mit der die Dinge umkreist werden. Ich möchte gar nicht den "strategischen" Nutzen solcher Reflexionen bewerten, aber es imponiert mir, wie Sie sich um ein gründliches Denken bemühen. Jeder, der wahrhaftig sein will, wird sich auch einmal den Fragen stellen müssen, die Andere an uns heran tragen. Ich meine nicht das ordinäre Gesindel unserer Tage, sondern solche, die es verdient haben ernst genommen zu werden.
Langer
30. Juni 2015 21:52
Ich moechte hier mal darauf hinweisen, was mich allgemein schon laenger stoert. Es geht um dieses voellig unreflektierte Aufgreifen, Verwenden und Weitergeben politischer und ideologischer Begriffe und Phrasen. Viele davon bedeuten schon von vornherein entweder das Falsche oder werden falsch verstanden, gerade im Zuge aktueller Entwicklungen.

Worueber man vielleicht mal grundlegend aufklaeren sollte: Ganz viele der diskutieren Ideen hier sind kontextabhaengig, werden aber grundsaetzlich aus einer einzigen Perspektive behandelt und dienen dann als fortgefuehrte Schablone fuer Argumentationen.

Darunter fallen solche Klassiker wie "Fortschrittsskepsis", "Freudomarxismus", "Neuer Mensch", "Menschenexperimente", "Globalisierung", "One World" und wie sie alle heissen. Da verwechselt man dann die aktuelle Variante der Idee mit dem Prinzip an sich und vergisst einfach, dass mit ein paar Korrekturen aus idiotischen Ideen selbstverstaendliche werden koennen. Und das ist vielleicht von allem schon die Pointe.

Eines sollte man den Linken zugestehen: Die Meisten haben wohl eigentlich gute Absichten. Sie haben dann den ein oder anderen blinden Fleck, der fuer entsprechende Probleme sorgt. Anstatt nun aber darauf hinzuweisen, wird die Idee ansich angefeindet, so als waere ein Automobil nutzlos, nur weil man in der ersten Version vergass, eine Bremse einzubauen.

Besonders stoert mich auch die jaemmerliche Angst vorm "Neuen Menschen". Klar, weil man damit hirnlose Konsumhuren assoziiert, die nicht mal mehr wissen, wo Droebersheim liegt und dass Bach seine 17. Kantate dem Erzbischof von Lungerluck gewidmet hat. Aber reicht der Horizont nicht weiter, um zu begreifen, dass der Mensch grundsaetzlich immer neu wird? Das stoert mich auch an Kubitscheks Reden, weil er da grundsaetzlich etwas falsch versteht. Den Menschen zu planen, zu entwerfen, mit ihm zu zielen, alleine schon, dass wir uns dazu erhoben haben, stellt eine unglaubliche Errungenschaft fuer die Spezies dar. Und mit ein bisschen mehr Klarsicht begreift man diesen bewussten Umgang mit sich selbst auch als absolute Notwaendigkeit, da die Sache irgendwann eben nicht mehr von selbst "wird". Natuerlich brauchen wir Konzepte fuer einen sich permanent aendernden Menschen und wir brauchen Experimente, denn das ist jeder Fortschritt, er bleibt Experiment bis er sich als wertvoll erwiesen hat. Und ich denke "Fortschritt" schon mal im Sinne von "weiterhin am Leben bleiben".

Ganz schlimm auch solche Formulierungen, die unter dem Motto laufen "Ich will hier bei mir leben wie ich will und Du darfst bei Dir leben wie Du willst" oder "Die Welt der freien Nationen". Wer das nicht als Chiffre oder Vorwand benutzt, um erst mal wieder einen Fuss in die Tuer zu bekommen, der hat sein Muesli nicht zu Ende gegessen.

Ich stelle jedenfalls die politisch-einseitige Anwendbarkeit dieser ganzen Konzepte in Frage und anstatt die staendig so weiterzuverwenden und damit zu etablieren, sollte man mal pruefen, ob die latente Planlosigkeit der Neuen Rechten nicht eben gerade darauf beruht, dass sie ein bisschen zu Anti sind.
Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
01. Juli 2015 00:57
Die Verzweiflung am Vaterlande ist dem Deutschen nichts Neues:

Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, wenn einer an das meinige mich mahnt,..

Hölderlin, Hyperion.

Der Fluchtweg des Deutschen auch nicht:

Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne.

O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein mißratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.


Hölderlin, Hyperion.

Das meine ich aber nicht negativ. Wir müssen träumen, eine rechte Utopie entwickeln. Nur mit Angst vor der Zukunft gewinnt man keine tatkräftigen Kämpfer.
Heinrich Brück
01. Juli 2015 00:59
Leben heißt Eroberung. Als Mann eine Frau erobern; mit ihr Kinder
zeugen. Den Kindern zu guten Ehepartnern verhelfen durch Erziehung,
die den Kreislauf fortzusetzen haben. Also Ausbreitung. Egoismus verwirklicht durch altruistisches Verhalten. Das Leben an sich ist überschaubar, und im Grunde verstanden sind die Anteile des Irrationalen höher, als die nettseinwollende Ratio dies wahrhaben möchte.
Die EU war nie eine rein europäische Veranstaltung, sondern nur
ein Euro-Kolonialgebilde der USA. Aus der Sicht der USA sehr vernünftig.
Warum die Konservativen scheitern? Wollen die Konservativen
die Macht? Und wenn ja, welche? Werden die eigenen Kinder weiterhin
infantil erzogen, weil ja mit Infantilen die gewünschte Eroberung leichter
umzusetzen ist?
Die Vernunft ist eine Glaubenssetzung, darüber nicht mehr diskutiert werden kann. Wie kann denn die Vernunft zerstört werden? Es kann nur ihr Nutzen umgeleitet werden.
Und Klassenunterschiede sind lediglich Intelligenzunterschiede, sonst würde unser schönes Geldsystem überhaupt nicht funktionieren.
"Lukács über die Wochen seiner Verbannung: Es war wie im vollendeten
Kommunismus: Wir besaßen kein Geld, bekamen aber alles, was wir haben wollten, umsonst."
Der Gesamtwille ist nicht mehr die kommunistische Partei, sondern
das Geld. Die Freiheit unterliegt dem Gesamtwillen. Einen neuen Gesamtwillen zu schaffen, welcher das sinnvolle Überleben in den Vordergrund stellen könnte, ist kollektiv nicht zu etablieren; nur das Individuum in seiner Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft hat eine Chance sich dem System entgegenzustellen. Ein richtiges Leben im falschen System, um das System zu ersetzen.
Unterordnung bedeutet, die eigene Auslöschung durch Ausgetauschtwerden zu akzeptieren, heißt: Verzicht auf Leben. Ordnung dagegen, zu leben.
Realismus also. Ein dagegenleben dafür. Mehr Inhalt in Wahrheit, als Form in Unwahrheit.
Die menschliche Seele ist unerschöpflich. Welcher Geist könnte sie
fassen? Wenn Gott tot ist, gibt es keinen Mechaniker in der Seelenwerkstatt, und der Geist wird in die Irre geführt.
Die technischen Errungenschaften können Gott nicht ersetzen; sie haben eine Kunst der Verdrängung hervorgebracht, wodurch der Mensch in einer grandiosen Demütigung ersetzbar gemacht werden kann. Die alltägliche Revolutionsbeliebigkeit der Linken ist ein Leben in verdrängter
Revolutionsabhängigkeit.
Das Ziel muß bekannt sein, sonst wird der Weg gescheut. Klingt fast romantisch.
Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
01. Juli 2015 07:26
@Langer
Den Menschen zu planen, zu entwerfen, mit ihm zu zielen, alleine schon, dass wir uns dazu erhoben haben, stellt eine unglaubliche Errungenschaft fuer die Spezies dar.

Damit habe sie sehr schön die linke Utopie in einen Satz gegossen.
Nur:
Unsere Entwicklung planen und steuern zu wollen, ist so absurd, wie die Erzählung vom Baron Münchhausen, der sich weiland am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog.
Wer plant, entwirft, muss ein Ziel haben. Und wenn die Menschheit Entwicklungsstufen durchliefe, wären die Ziele Teil der Stufe und auf jeder Stufe andere.
Unsere vorherige Stufe hätte andere Ziele und die nächste wieder andere.

Unbewusst haben Sie diesen Widerspruch erkannt, wenn Sie schreiben "und wir brauchen Experimente". Experimente ist der falsche Begriff. Es sind keine Experimente, es sind Menschenversuche. Und diese linken Menschenversuche zerbrechen die Leben von Menschen.
Konkret beobachten wir dies momentan in der unkontrollierten Zuwanderung bei uns und in den Folgen des EU / Euro -Wahn in Griechenland.

Die Rechte muss dieser linken Utopie eine eigene menschenfreundliche entgegen setzen. Aber welche?

Träumen wir mal einfach. Wie würde Deutschland aussehen, wenn wir es nach unseren Vorstellungen gestalten könnten?

Meine Basis ist die christliche Hoffnung:

Wir warten auf die Wiederkunft Christi.

Wie dies konkret in eine politische Utopie fliessen könnt, weiß ich noch nicht. Ich träume halt weiter.
Rainer Möller
01. Juli 2015 07:38
Man braucht das Rad übrigens nicht neu zu erfinden. Eine Selbstkritik der Aufklärung gibt es seit Karl Popper. Eine Anerkennung der Kontingenz im gleichzeitigen Hinblick auf kulturübergreifende Vereinbarungen gibt es seit Edmund Burke.
Nebenbei: Das primitive Modell von Lukacs leitet sich vom noch primitiveren Denkmodell der Bürgerlich-Progressiven ab. Die Marxisten gaben diesem Modell nur noch eine Vertiefung durch ihre Klassensoziologie und klebten den Sozialismus/Kommunismus als neues Endstadium hinten dran.
Arminius Arndt
01. Juli 2015 08:14
Besonders stoert mich auch die jaemmerliche Angst vorm „Neuen Menschen“. ... . Aber reicht der Horizont nicht weiter, um zu begreifen, dass der Mensch grundsaetzlich immer neu wird? Das stoert mich auch an Kubitscheks Reden, weil er da grundsaetzlich etwas falsch versteht. Den Menschen zu planen, zu entwerfen, mit ihm zu zielen, alleine schon, dass wir uns dazu erhoben haben, stellt eine unglaubliche Errungenschaft fuer die Spezies dar. Und mit ein bisschen mehr Klarsicht begreift man diesen bewussten Umgang mit sich selbst auch als absolute Notwaendigkeit, da die Sache irgendwann eben nicht mehr von selbst „wird“. Natuerlich brauchen wir Konzepte fuer einen sich permanent aendernden Menschen und wir brauchen Experimente, denn das ist jeder Fortschritt, er bleibt Experiment bis er sich als wertvoll erwiesen hat.


@Langer,

ich glaube Kubitschek sieht die Sache sehr richtig und Sie sehen da etwas falsch. Wie ich weiter oben bereits schon ausgeführt habe, sieht der Konservative und Rechte im Menschen eine anthropologische und biologische Konstante. Der Mensch hat sich, rein biologisch betrachtet, wohl in den letzten paar zehntausend Jahren kaum bis gar nicht verändert, was seine biologische Grundausstattung angeht, evtl. werden die Menschen in den ehem. westlichen Ländern größer und dicker, aber das ist keine Veränderung sondern Ausschöpfen des vorhandenen Potentials, der Veranlagung.

Ich sehe in dieser Feststellung ein hohes Maß an Realismus und Verantwortungsbewusstsein und keine jämmerliche Angst. Jämmerliche Angst haben vielmehr die Linken und Menschenreformer, da sie von dem aggressiven und egoistischen Potential sowie den vielen Unzulänglichkeiten (einschließlich dem Tod), welches im Modell Homo Sapiens Sapiens 1.0 steckt, sich jämmerlich fürchten und daher träumen sie von der Version 2.0. Ebenso, wie übrigens auch die Nazis von einer Version 2.0 träumten, diese aber nur in der Sonderform des Ariers.

Wogegen sich Rechte wenden, ist jegliche Form des social engineering, der Formung von Menschen durch psychosoziale Manipulationen, da sie im Kern in die Freiheit eingreifen, zu der immer auch gehört, nicht mitlaufen zu müssen und so bleiben zu dürfen, wie man ist. Ich will das nicht vertiefen, aber ein ernsthaft "neuer Mensch" ist, wenn das "System" auch wirklich "stabil laufen" soll und es zu keinen Nebenwirkungen wie psychische Erkrankungen oder übersteigende Aggressionen etc. führen soll, nur durch Eingriffe in seine Biologie erreichbar (s.o. auch meine bisherigen Ausführungen), das wurde historisch zwei- bis dreimal versucht, einmal unter den Nazis, die aber über eine Projektierung von Rassereinzuchtprogrammen und ersten manipulativen Eingriffen (Euthanasie, Sterilisationsprogramme etc.) nicht groß hinaus gekommen sind, die Sowjetunion hat es wohl auch versucht und dann in den letzten Jahrzehnten durch die aktuellen "Eliten", die alle Unterschiede durch Vermischung künstlich (die Betonung liegt auf "künstlich", also von Menschen geplant und gesteuert! Kein ernsthaft Rechter ist echter Rassist und berücksichtigt nicht in seiner Auffassung, dass es immer schon zu Vermischungen unter den Menschen gekommen ist, aber das war, seit es geschlossenere Stämme und Ethnien gab, immer eher geringfügig und Veränderungen waren immer eher langfristigere Vorgänge und keine Vorgänge, die ad hoc gesteuert eingeleitet wurden - wie immer, Ausnahmen bestätigen die Regel).

Der "neue Mensch" ist ein Projekt, welches die Herkunft, die Biologie und die Genetik des bisherigen Menschen ignoriert bzw.sogar zum Teil hasst. Neben der scheinbaren "natürlichen" Züchtung durch künstliche Herbeiführung der Vermischung wird es sicher auch noch zu genetischen Eingriffen kommen oder evtl. sind diese im geringen Umfang bereits auch schon geschehen (wer weiß das schon? Die technischen Möglichkeiten sind zum Teil schon da und zeichnen sich für die Zukunft ab).

Houellebecq entwirft eine Vision des "Fortschritts" unter Klonung von Menschen in seinem Roman "Die Möglichkeiten einer Insel". Natürlich kann man das alles auch positiv sehen. Letztlich will der Rechte, Konservative abendländisch christlicher Prägung eben keinen neuen Menschen sondern nur einen guten Menschen, der gut im Rahmen seines "Erbes" leben kann, was aber niemals ein statisches Einfrieren bedeutete sondern immer eine natürliche Weiterentwicklung beinhaltete (siehe auch oben, mein bisheriger Beitrag). Der Linke hat vor solchen Menschen "jämmerliche Angst" und will sie eliminieren, zumindest aber umerziehen.
Helgi Knartr
01. Juli 2015 08:37
@ Langer

Besonders stoert mich auch die jaemmerliche Angst vorm „Neuen Menschen“. (...) Aber reicht der Horizont nicht weiter, um zu begreifen, dass der Mensch grundsaetzlich immer neu wird? Das stoert mich auch an Kubitscheks Reden, weil er da grundsaetzlich etwas falsch versteht. Den Menschen zu planen, zu entwerfen, mit ihm zu zielen, alleine schon, dass wir uns dazu erhoben haben, stellt eine unglaubliche Errungenschaft fuer die Spezies dar. (...) Natuerlich brauchen wir Konzepte fuer einen sich permanent aendernden Menschen und wir brauchen Experimente, denn das ist jeder Fortschritt (...).


Dieser Kubitschek – er will sich einfach nicht erneuern. Das ist mir auch schon aufgefallen.

Aber ganz ernsthaft: Mich deucht, Sie gehören zu jenen, die etwa auch von einem Christen sagen könnten: „Er hat ja im Prinzip völlig recht; nur schade, daß er grundsätzlich nicht begreift, daß es keinen Gott gibt. Da hat er etwas völlig falsch verstanden.“ Oder von einem Materialisten: „Natürlich hat er recht mit der Annahme einer Selbstentfaltung des Universums; schade nur, daß er grundsätzlich nicht begreift, daß Geist dahintersteht.“ Oder von einem Marxisten, daß er zwar recht hat, aber nicht begriffen, daß "Das Kapital"... usw. usf.

Ist es wirklich Kubitschek, der da auf Grund begrenzten Horizontes etwas völlig falsch versteht? Ich habe da gewisse Zweifel.
Bausparer
01. Juli 2015 09:23
Mein Gott, was für Paukenschläge in diesem Forum! Da werden marxistische Denker hoffähig, "rechte Utopien" (ein Kommentator) erträumt, man grüßt sich (wieder) "sozialistisch" (ein Kommentator), winkt mit Hegel (ein Kommentator) -- was unweigerlich die Heidegger-Fraktion auf den Plan rufen wird --, fordert Riten, Mythen, Verzauberung, wagt sogar Kritik an Kubitschek (und schaltet sie frei), fast so bunt und pluralistisch, wie es in der freiheitlich pluralistischen Demokratie im Allgemeinen und der Linken im Besonderen seit eh und je zugeht.

Es ehrt den Essayisten, wenn er intelligente oder zumindest erhellende Kommentare hervorlockt. Wenn man mir die anmaßende Bewertung erlaubt: der beste ist aus meiner persönlichen Sicht der von PETER MESSER, der die wesentlichen und grundlegenden Einwände gegen SELLNERS Darlegung enthält. Er lohnt mehrfache Lektüre!

Die Paukenschläge neuer Art (für SiN) sind freilich nach wie vor nicht, wie wir das hier in der Politikberatung nennen, diskursfest. Bei MEYER weiß man noch nicht, wohin das Ganze führen wird, er bleibt bislang im Allgemeinen. SCHMIDT widmet sich mehr indirekt einer für Konservative prekären Thematik (sexuelle Gewalt), doch wird er in jeder Debatte, an der sich ein paar Frauen beteiligen, an die Wand gedrückt. SELLNER imponiert durch akademische Kühnheit ("die abendländische Kultur weitererzählen wollen ...") und wird sich im zur Mitte (oder zur Linken) geöffneten Diskurs voraussichtlich heillos verzetteln.

Dabei wäre so viel intellektuelle Kompetenz doch günstig in das praktische Vokabular der Identitären einzubringen. Das Argumentieren mit dem "großen Austausch" weist nämlich eine logische Tücke auf. Es findet im Sinne der Wortbedeutung gar kein Austausch statt. A wird nicht aus dem Spiel genommen, um B dafür einzusetzen. A und B wechseln auch nicht die Plätze. Tatsache ist: B wird größer und A wird kleiner. Das Kleinerwerden hat demographische Ursachen. Mein Sportkollege vom Stamme der Yoruba versteht einfach nicht, warum die Deutschen immer weniger eigene Kinder haben wollen. Er hat seinen schwarzen Kleinen "Hubert" genannt und freut sich wie ein Schneekönig auf das nächste Kind.
Wenn in meiner Nachbarschaft eine Wohnung frei wird, z.B. weil der greise Inhaber verstirbt und dort dann eine sunnitische Familie einzieht, ist das doch kein Austausch. Wenn ich daraufhin die Koffer packe, ist mein Umzug in eine bessere Wohngegend auch kein Austausch. (Gewiss, white flight könnte man das nennen. Aber wenn sich eine Lage, an der man nichts ändern kann, verschlechtert, flieht man halt vorzugsweise zum Besseren, oder nicht?)
Der Gutmensch
01. Juli 2015 10:03
Da nun die Runde des grundsätzlichen Geschimpfes eröffnet wurde (Danke, Langer!) kann ich auch loswerden, was mich stört:

Ich bin doch ziemlich erleichtert, dass der Herr Kubitschek aus Prinzip was gegen den „Neuen Menschen“ einzuwenden hat. Das ist eine notwendige Bedingung dafür, dass ich mich überhaupt der Idee nähere, mein Gegenüber könne sich seinen vollen Verstand erhalten haben.

Ich will auch gerne erläutern, wie ich dazu komme. Viele von denen, die hier mit den hübschen intellektuellen Ideen rumspielen, man müsse etwas entwickeln und an sich (am andern nämlich!) arbeiten etc. pp. haben eben keine Vorstellung davon, wie das in der Praxis aussieht. Sie haben eben nie vor einer alten Schachtel gestanden, die von ihnen ernstlich Rechenschaft darüber forderte, wozu man denn eigentlich auf der Welt sei - als ob es dafür ihrer Erlaubnis bedürfe!

Das ist m. E. eben nicht nur eine „intime“ Frage, wie Gustav Grambauer meint; das ist ein echter Euphemismus! Sondern da schwingt eine psychopathologische Ebene mit; auf welchen Standpunkt stelle ich mich denn bitte, dem anderen solch eine Frage vorzulegen? Wenn mir der andere tatsächlich nachhaltig in der Sonne steht - also mein eigenes Existenzrecht bedroht - dann werde ich wohl oder übel die volle Verantwortung dafür übernehmen müssen, ihn mir aus dem Weg zu schaffen; und wenn ich dabei auch mein Seelenheil riskiere! Was ich aber grundsätzlich nicht machen kann (weil es noch niederträchtiger ist) ist, ihn scheinheilig zu bitten, dass er sich von alleine auf eine mir genehme Daseinsberechtigung reduzieren mag. - Das man sich bei eingeschränkten Verteidigungsmöglichkeiten mitunter auch auf einen rundheraus niederträchtigen Standpunkt stellen muss, um selber zu überleben, versteht sich von selbst. Aber man sollte, wenn man schon dreckig spielt, doch tunlichst vermeiden, vom dem Kakao, dem man dem anderen da notgedrungen einschenkt, auch selber zu trinken!

Ich dachte/hoffte ursprünglich, ein Mann weiß so etwas von alleine; da bräuchte es keine intellektuellen Hilfskonstrukte. Aber es ist wohl eher keine Frage, ob man Mann oder Frau ist. Sondern die Frage, ob man über ein Urvertrauen verfügt, das es damit schon seine Richtigkeit haben wird, dass es einen gibt (wie es die Religion vermitteln möchte; deswegen gilt Suizid dort auch als Sünde) oder ob man ins Rad des Wahnsinns der Ideologie (gleichgültig welcher) geraten ist, die dem Menschen am Ende immer auf einen mechanischen Zweck reduziert. - Und nee, das ist kein Plädoyer gegen die Aufklärung. Denn die Frage, ob man es schafft, intellektuell mal den Standpunkt zu wechseln (den Irrsinn des anderen also klar als solchen erkennt und mit kaltem Verstand die opportunen Schlüsse daraus zieht), ist nämlich getrennt davon zu beantworten, ob man seine eigene Existenz in Frage stellen lässt; s. o. DAS ist der positive Beitrag, den die Aufklärung geleistet hat (erkenne Deinen Feind!) - oder bei vielen eben noch leisten muss.

Der Gutmensch.
Hartwig
01. Juli 2015 11:16
Das meiste, was hier beschrieben wird, bezieht sich auf einen Zustand, den wir mittlerweile für "Normal" erachten, der aber eigentlich eine Art Ausnahmezustand ist - eine Komfortzone, sowohl räumlich als auch zeitlich.
Die Probe beginnt erst dann, wenn die tatsächliche Normalität menschlicher Existenz wieder Einzug hält - nennen wir sie "den Ernstfall".
In Griechenland drängen zur Stunde die Leute per Ellenbogen ihre Landsleute zur Seite, um früher an den Bankschalter zu kommen. In der Ostukraine findet etwas statt, was 90 Prozent der Deutschen aus ihrer Vorstellungswelt verdrängt haben, aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein kann, nämlich, dass der Besserbewaffnete die Macht ausübt.
Der "neue Mensch" wird sich unter Ernstfallbedingungen beweisen müssen. Wenn er es kann, so hat er Existenzrecht. Ich bezweifle das zutiefst. Er wird sein Neu-Sein abstreifen wie eine Schlangenhaut. Ideologische und religiöse Überzeugungen werden einer Probe unterzogen und alles Untaugliche wird im Winde verwehen.
Aber eben erst dann ... Bis dahin sehe ich nur verlorene Posten. Ich freue mich über die IB und ihre Aktionen - über fliegende Fahnen, fliegende Fahnen auf verlorenen Posten.
Langer
01. Juli 2015 11:26
Damit habe sie sehr schön die linke Utopie in einen Satz gegossen. Nur: Unsere Entwicklung planen und steuern zu wollen, ist so absurd, wie die Erzählung vom Baron Münchhausen, der sich weiland am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog.
Wer plant, entwirft, muss ein Ziel haben. Und wenn die Menschheit Entwicklungsstufen durchliefe, wären die Ziele Teil der Stufe und auf jeder Stufe andere. Unsere vorherige Stufe hätte andere Ziele und die nächste wieder andere.


Wenn ein Vater sein Kind erzieht, ist das doch schon dasselbe Grundprinzip. Er formt, er probiert, er zielt. Ueberliesse er das Kind dem eigenen Triebverhalten, wuerde er es links "erziehen".
Mit den Stufen moegen Sie Recht haben, nur: Diese widersprechen sich nicht, sondern bauen aufeinander auf und sind sich gegenseitig Vorbedingung und Konsequenz. Das Kind muss erst stehen, bevor es laeuft, aber das Stehen wird durch das Laufen nicht obsolet. Und hey! Dank des Fortschritts konnte das Kind sogar irgendwann fliegen. Und wieso sollte all dies nicht im groesseren Zusammenhang gelten?

Und diese linken Menschenversuche zerbrechen die Leben von Menschen.


Weil die Linken wichtige Faktoren uebersehen, nicht, weil Menschenversuche an sich falsch waeren. Jedes Erziehen ist ein Menschenversuch und man weiss nie, was draus wird. Nur, dass man sich relativ sicher sein kann, dass es ohne Erziehen gar nichts wird.

Wie ich weiter oben bereits schon ausgeführt habe, sieht der Konservative und Rechte im Menschen eine anthropologische und biologische Konstante. Der Mensch hat sich, rein biologisch betrachtet, wohl in den letzten paar zehntausend Jahren kaum bis gar nicht verändert, was seine biologische Grundausstattung angeht, evtl. werden die Menschen in den ehem. westlichen Ländern größer und dicker, aber das ist keine Veränderung sondern Ausschöpfen des vorhandenen Potentials, der Veranlagung.


Das Gute ist doch: Es ist gar nicht moeglich, den Menschen von seiner Biologie zu entziehen. Aber diese weist eine grosse Bandbreite auf, innerhalb der es zu waehlen gilt. Um sein Potential auszuschoepfen, um der ungeheuren Spannung Herr zu werden, die sich frei nach Freud zwischen den Triebbeduerfnissen und den sublimierten geistigen Betaetigungen aufbaut, um dem erweiterten Bewusstsein Rechnung zu tragen, bedarf es der Erziehung. Wenn man sich vergegenwaertigt, welch enorme Vielfalt im menschlichen Verhalten moeglich ist, wird ein Eingreifen zur Notwendigkeit.

Wogegen sich Rechte wenden, ist jegliche Form des social engineering, der Formung von Menschen durch psychosoziale Manipulationen, da sie im Kern in die Freiheit eingreifen, zu der immer auch gehört, nicht mitlaufen zu müssen und so bleiben zu dürfen, wie man ist.


"Social engineering" ist ein weiterer solcher Begriff, dessen Bewertung rein von seinem konkreten Inhalt abhaengt. Es ist doch bloss ein anderes Wort fuer Erziehung, und "psychosoziale Manipulation" schlichtweg abwertend fuer einen Erziehungsinhalt, der einem nicht gefaellt.
So gesehen ist jede soziale Interaktion ein "Eingriff in die Freiheit", aber das spricht fuer die Eingriffe und gegen die "Freiheit".

@Gutmensch

Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen. Sie wollen sich nicht fuer Ihre Existenz rechtfertigen muessen? Ich dachte, das waere das Grundprinzip des Lebens selbst. Denn es stellt diese Frage doch permanent! Diese augenverschliessende selbstzweckliche Daseinsbejubelung habe ich bisher nur von Linken gehoert, die im Falle einer solchen Fragestellung (und sei es durch sich selbst) wahrscheinlich tatsaechlich nichts zu antworten haetten...
Roman
01. Juli 2015 11:43
@Gutmensch: Sie sind da glaube ich auf dem falschen Wege. Der Autor meint mit dem Erhalt des eigenen Daseins, um den Erhalt des eigenen Daseins Willen, nicht ihr individuelles Dasein, sondern bezieht es hier auf die gesellschaftliche Ebene. Es genügt aus seiner Sicht nicht den Universaleismus durch eine Moral zu ersetzen, die sich nur von dem Selbsterhaltungsinteresse der eigenen Nation oder Ethnie abstösst. Das würde beispielsweise auch wunderbar der nächsten "Schabrake" ermöglichen eine Schülerin zu fragen, was diese mit ihrem Leben anfangen wolle und damit auch wieder implizit ein völliges Aufgehen in einem Gemeinschaftsinteresse einfordern. Der Zugriff auf den Einzelnen wäre wieder total, nur unter anderen Vorzeichen und auch irrational, da man damit die Sicht für die eigene Stellung in der Welt sukzessive verlieren würde. Was wiederum unwillkürlich zu Handlungen führen würde, die den Rest gegen einen aufbringen.
Der Gutmensch
01. Juli 2015 13:15
Roman, die Frage, ob man die Frage der Daseinsberechtigung auf die "gesellschaftlicher Ebene" heben darf, ist doch ebenfalls schon lange geklärt. Eine international anerkannte Ausprägung dessen ist das "Selbstbestimmungsrecht der Völker". Wer nicht mal über diese Kategorie verfügt, gilt international völlig zu recht als Wilder/Irrer; deswegen bedarf es ja stets der Bedienung eines - streng reglementierten - Ausreden-Kanons, wenn ein Volk in Wirklichkeit nur zu Lasten eines anderen zu expandieren und zu kontrollieren trachtet (die beachten ja die Menschenrechte gar nicht, die Bösen, huhu, WIR müssen doch was tun, WIR sind doch die GUTEN, nie wieder AUSCHWITZ, etc.pp.).

Und, wie Sie völlig richtig festgestellt haben, ermöglicht das (also das Interesse der Nation), dass die nächste Schabracke des Weges kommt und fragt, was man denn "mit seinem Leben anfangen möchte"? Gewöhnlich ist diese Sorte Schabracke männlich und auf der Suche nach Rekruten. Aber so geht es eben zu im Leben - es ist meistens kein Ponyhof und Kriege und Opfer sind - über alles betrachtet - schlicht unvermeidbar; Leben ist nunmal Konkurrenz.

Aber Sie werden es mir vielleicht nachsehen, dass ich das Privileg, der Konkurrenz Herr zu werden (und zu entscheiden, wer hier als Konkurrenz gelten darf), nicht gleich jedem zugestehen mag; aus Gründen des sozialen Friedens hinter den eigenen Grenzen! Es ist eine Sache, einer Generation aufzubürden, im Ernstfall ein Sonderopfer für den Erhalt des eigenen Volkes zu erbringen. Das zu verhindern, muss man sich zwar bemühen - aber die Möglichkeit des Scheiterns besteht ja nun einmal, weil es immer machthungrige Völker gibt!

Aber es ist eine ganz andere Sache, wenn ich den Machthunger jedes einzelnen Individuums entfessele, indem ich ihm offiziell die Ausrede liefere, junge Menschen ins Bockshorn zu jagen und ihnen einzureden, ihre Existenzberechtigung hinge davon ab, ob sie auch artig eine Ideologie wiederkäuen!

Der Unterschied ist doch der: Die Ideologie ermöglicht den ungehemmten privaten Machtzuwachs (deswegen ist sie so beliebt). Die Einsicht in die Tatsache, dass wir ein Selbsterhaltungsinteresse als Nation haben, ermöglicht nur den Zugriff zum Wohle aller Staatsbürger.

Wir haben es hier also mit einer Hierarchiefrage zu tun, klassisch rechts, nebenbei bemerkt! Und ich bin eben (altmodisch autoritär) nicht für: Alle Macht für jeden!

Und, Langer: Nein, ich räume nicht jedem Dahergelaufenen das Privileg ein, mir die Frage nach meiner Existenzberechtigung vorzulegen. Und mir selber lege ich sie auch nicht vor, das wäre ja suizidal. Ich frage lieber, was ich mit dem Leben anfangen will/kann, nun, da ich es eben lebe!

Der Gutmensch.

PS: Lieber Hartwig, ermannen Sie sich, seien Sie doch nicht ganz so defaitistisch mit ihrem verlorenen Posten. Es ist immer erst dann vorbei, wenns vorbei ist. Wenigstens das sollten wir den jungen Leuten doch mit auf den Weg geben, oder?
Roman
01. Juli 2015 15:46
@Gutmensch:

Der Autor möchte damit sagen, dass es nicht genügt als einzig übergeordnete Ebene die eigene Nation zu definieren -ausserhalb derer es keine Moral mehr gibt -, und auch in der Form nicht funktionieren würde, als Ersatz für das an das andere Extrem der universellen und grenzenlosen Verantwortlichkeiten, mit ihren Menschenrechten. Dem ist auch im Groben zuzustimmen. Es würde schon an dem einfachen Punkt scheitern, dass ehrliche Egoisten keine besonders guten Egoisten sind. Die offenherzige Erklärung sich nur um das eigene Wohl zu scheren, führt auf individueller Ebene nicht unbedingt zu freundlichen Reaktionen. Das Gleiche gilt für die Ebene der Völker und Staaten. Wenn irgendwas konservativ sein soll, so doch die Fähigkeit zur Wahrung der Mitte in der Politik
Der Gutmensch
01. Juli 2015 18:17
Der Autor möchte doch aber immer noch etwas sagen, das längst in Sack und Tüten ist, will mir scheinen, lieber Roman! Das Selbstbestimmungsrecht der Völker (also die Ächtung des Angriffskrieges) ist längst anerkannt, Sanktionsmöglichkeiten ebenfalls. Auch für die kriegerische Auseinandersetzung gibts reichlich Regeln und für den Handel desgleichen (was meistens ein und dasselbe ist). Eine dem noch übergeordnete Ebene, (aber keine Menschenrechte) ... Was soll denn das bitte ganz genau sein? Klimaprotokolle? Raumfahrtprogramme? Und ausgerechnet WIR sollen sagen, wie das zu nun konkret zu bewerkstelligen sei? - Ich glaube nicht, dass da noch jemand ernstlich Nachhilfeunterricht benötigt; die EU wohl als allerletzte! Also: Was genau haben wir ansonsten noch mit den anderen Kulturen zu schaffen, das da etwa weiterer konservativer Maßstäbe oder philosophischer Grundlagen derselben bedürfte? Ich meine - ganz genau?

Und wenn die Frage nach dem "was" beantwortet ist, dann bitte beantworten Sie mir mal die Frage nach dem "wie"! Denn wir waren uns ja hier ziemlich einig darüber, dass sich eine Kultur nur aus sich selbst heraus erklärt und ihre eigenen Maßstäbe setzt. Eine Mischmasch-Mitte gibt es eben nicht; deswegen ist das mit den Menschenrechten ja auch international schwer vermittelbar; Saudi Arabien beispielsweise sieht gar nicht ein, sich dem zu unterwerfen (andere sehen es ebenso wenig ein, sie unterwerfen sich nur dem Zwang. SA hat Öl und keine Unterwerfung nötig). Alles, was wir mit mit dem trotzigen Festhalten an diesem ausgelutschten Konzept erreichen, ist - unseren eigenen, nämlich darüber liegenden Standard zu schleifen. Dieses Opfer auf dem Altar des Weltfriedens schert nämlich - niemanden. Die anderen wollen trotzdem lieber ihren Stiefel machen; und zwar samt Sklaverei und allen Schikanen, wenn es drauf ankommt! Auch China hat die Nase gründlich voll vom Westen und will in den Schulbüchern wieder seinen Sohn Mao preisen lassen, hab ich neulich gelesen.

Das heißt nun wiederum nicht, dass es international nichts zu tun gäbe. Wenn man sich darauf einigen könnte, so gewisse Finanzprodukte nicht mehr an den Börsen zu handeln, wäre das schon erfreulich. Das ist aber eine sehr pragmatische Frage; da fehlt die philosophische Ebene. Es geht um den nackten Selbsterhaltungstrieb der beteiligten Nationen appellieren - also der von Ihnen geschmähte Egoismus.

Also, lieber Imperator Roman - nun hauen Sie mal in die Tasten: Welche übergeordnete (konservative) Ebene über der Nation schwebt ihnen vor, wozu soll sie gut sein, wie wollen Sie sie durchsetzen?

Bin außerordentlich gespannt,

Der Gutmensch.
Konservativer
01. Juli 2015 19:52
Sehr geehrter Herr Sellner

Respekt, Sie sind in ihren jungen Jahren bereits ein wirklicher Schriftgelehrter.

Ich dagegen bevorzugte als Jugendlicher und junger Mann eher Comics, Science Fiction, historische Romane, militärhistorische Schriften und populärwissenschaftliche Bücher über Themen, die mich jeweils interessierten (z.B. Geschichte).
Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, komme ich aus einfachen Verhältnissen, lebte in einem Dorf und besuchte dort zunächst die Volksschule bis zum Hauptschulabschluss. Einen Buchhändler gab es im Dorf nicht und das Internet ebenfalls nicht.

Wie die Zeit ohne Netz war, kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Wie dem auch sei, später erschlossen sich mir folgende Welten: a) eine gutbestückte Stadtbibliothek, b) eine reichlich ausgestattete Universitätsbibliothek und c) (als Neurechtem) die Titel des Verlags/Buchversands Antaios (wie wichtig allein die Kaplaken-Bände für mich sind, kann ich gar nicht genug betonen).

Obgleich inzwischen recht passabel belesen, bin ich kein theoretischer "Leuchtturm" geworden (ich kenne meine Grenzen, mein Wahlspruch lautet dementsprechend: "Jeder nach seinen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten"). Soviel persönliches musste sein.

Herr Sellner, Sie schreiben:

Unsere Aufgabe ist es heute, wie es Alex Kurtagic einmal formulierte, alternative Konzepte von Ethik, Sinn und Geschichte zu entwickeln, die den Egalitarismus widerlegen und der Pluralität der Welt entsprechen.


Der Egalitarismus und, wie ich meine, vieles andere aus der Giftküche der Herrschenden und unserer (selbsternannten) Feinde an gewissen Schalthebeln der Macht muss widerlegt werden. Wie das realisiert werden kann, ist letztlich gleichgültig, die Hauptsache ist, es funktioniert (wenn ein alternatives Konzept funktioniert bzw. wenn alternative Konzepte funktionieren, warum nicht).

https://www.youtube.com/watch?v=ACNHgVS-qho

Allerdings muss ich schwer schlucken, denn alternative Konzepte müssen ja erst einmal erarbeitet werden. Gegenwärtig sind wir jedoch genötigt, zunächst einmal mit dem arbeiten, was wir bereits haben:

https://www.youtube.com/watch?v=zQ1FfK8SSsA
Gerhard Vierfuß
01. Juli 2015 23:57
Vorgestern fragte ich Herrn Kubitschek, wann denn mal wieder einer "der geistvollen und erfrischenden Beiträge von Martin Sellner" zu erwarten sei; gestern kam er; jetzt habe ich ihn zum zweiten Mal gelesen. Und er ist tatsächlich wieder geistvoll und erfrischend; wenngleich ich so manche der hier bereits gemachten kritischen Einwände unterschreiben würde: Auch mir scheint, Herr Sellner, Sie haben einige Thesen des philosophischen Gegners ein wenig zu vorschnell übernommen und einige unserer eigenen Überzeugungen ein wenig zu negativ charakterisiert. Aber dies ist schließlich ein Diskussionsforum, und da ist eine überspitzte Darstellung erlaubt. Vor allem aber denke ich, daß diese, erlauben Sie mir diese Bewertung, Schwachstellen für Ihre Argumentation gar nicht tragend sind. Ihre zentrale Aussage ist doch: Wir Rechten müssen uns um die geistigen Grundlagen unseres Denkens bemühen, und dafür müssen wir den Gang der Geistesgeschichte, wie sie sich bis heute ergeben hat, zur Kenntnis nehmen; wir können nicht in der Vergangenheit verharren. Und das bedeutet auch, daß wir nicht jeden Anspruch auf Universalisierbarkeit an unsere Ethik als "globalistisch" zurückweisen können. Ich stimme Ihnen zu. Jetzt geht es darum, diese berechtigten Ansprüche einzulösen. Ich freue mich schon jetzt auf Ihren nächsten Beitrag!
Venator
02. Juli 2015 00:04
Wie es scheint, fürchtet Sellner, dass der Kampf, den die Identitären gegen den Universalismus führen, über das Ziel hinausschießt, dass er zu einem Kampf gegen das Universale an sich wird. Diese Befürchtung ist richtig. Der Universalismus ist ein Missbrauch, der den rechten Gebrauch des Universalen nicht tötet. Das Universale aber gibt uns die letzthinnige Begründung, warum wir gegen den Austausch unseres Volkes und unserer Kultur auftreten, eine Begründung, die sich aus weit mehr speist als dem bloßen kreatürlichen Streben nach Selbst- und Arterhaltung.

Wir wollen unsere Kultur nicht nur erhalten, weil sie die unsere ist, sondern auch weil sie die bessere ist. Gewiss hätten wir auch das aus dem Universalen abgeleitete Recht, unser Eigenes zu verteidigen, wenn es das objektiv Schlechtere wäre, genauso wie wir uns auch nicht von unserer Familie lossagen und lossagen sollen, wenn sie zerrüttet ist.

Doch gibt uns eben der Glaube an die inhärente Überlegenheit des Eigenen zusätzliche Munition, das Eigene zu verteidigen. Right or wrong, my country, das mag ja legitim sein, aber mit mehr Elan kämpft der, der von der objektiven Richtigkeit seiner Sache überzeugt ist. "Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen" ist dem "Tötet sie, wo immer ihr sie findet" aus sich selbst überlegen, auch wenn die Gefahr des Missbrauchs jenes Satzes vielleicht die größere ist.

Die ideengeschichtliche Tradition Europas, von der Sellner spricht, das sind zwei Dinge, und zwar zwei Dinge, die recht verstanden gar nicht ohne einander existieren können: Christentum und Aufklärung. Denn recht verstandenes Christentum ist aufklärend und recht verstandene Aufklärung ist christlich (wenigstens im deistischen Sinne). Der schlechte Universalismus allerdings - er tritt auf als Amerikanismus, Puritanismus, Demokratismus, leftism usw. - ist eine Perversion der beiden.

Ihre universalen Kernsätze sind: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" sowie "Sapere aude". Was bedarf es mehr? Vielleicht nur noch den einen anti-universalistischen Satz: "Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen."
Monika
02. Juli 2015 08:37
Die ideengeschichtliche Tradition Europas, von der Sellner spricht, das sind zwei Dinge, und zwar zwei Dinge, die recht verstanden gar nicht ohne einander existieren können: Christentum und Aufklärung. Denn recht verstandenes Christentum ist aufklärend und recht verstandene Aufklärung ist christlich (wenigstens im deistischen Sinne). Der schlechte Universalismus allerdings – er tritt auf als Amerikanismus, Puritanismus, Demokratismus, leftism usw. – ist eine Perversion der beiden.
Ihre universalen Kernsätze sind: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ sowie „Sapere aude“. Was bedarf es mehr? Vielleicht nur noch den einen anti-universalistischen Satz: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.“


Danke Venator und : Gelobt sei Jesus Christus

Sie bringen es kurz und knapp auf den Punkt !
Dem "schlechten" Universalismus kann m. E. nur durch einen " guten " Universalismus begegnet werden.
Und nicht durch den besten Antiuniversalismus ! An dessen Theorie die ideologische Rechte nun auch schon lange vergeblich bastelt. Angefangen beim sog. "richtigen" Menschenbild, über das Heidelberger Manifest ( 1981) zum Ethnopluralismus und nun zum Identitären statt zur Identität. ( man möge mir verzeihen, diese jungen Identitären haben durchaus meine Anerkennung !)

"Gute" Universalisten sind z.b.
Marcello Pera : Warum wir uns Christen nennen müssen, Plädoyer eines Liberalen
oder auch der ältere russische Philosoph Nikolaj Berdjajew ( 1874-1948),etwa in seinem Aufsatz:
"Verführung und Knechtung durch den Nationalismus "
Es gibt auch eine rechte Kritik am Rechten !
Thomas Wawerka
02. Juli 2015 09:06
Die Tücken des Mailens, Chattens, Simsens, Postens et al. - Frug mich einer, warum ich Weihnacht durch Kwanzaa ersetzen wolle. Nichts liegt mir ferner. Kwanzaa ist nur ein schönes und anschauliches Beispiel für "konservatives utopisches Denken". Es ist ein Fest, das kulturelle Identität tradieren und das Bewusstsein fürs Gemeinsame kräftigen soll - ein zutiefst konservatives Anliegen. Verbunden mit Grundsätzen, die handlungsleitend im Alltag sein sollen und Hoffnung und Verbesserungswilllen transportieren. Keine "große Utopie" mithin, die die ganze Welt oder doch wenigstens Europa umkrempeln will und auf dem Rücken aller freiwillig oder unfreiwillig Beteiligten ausgetragen wird, sondern eine "kleine Utopie" für die, die sich in der Gemeinschaft gefunden haben und durch die Gemeinschaft wirksam werden.

Und nein, Aristoteles: Es gibt keinen deutschen Partikulargott. Es gibt nur einen Gott, wenn auch in dreifacher Gestalt (aber ich denke nicht, dass eine dieser Gestalten ein speziell deutscher Gott sein will). Gott ist das schlechthin Universale - damit wir Menschen uns in unsere Begrenzungen schicken können. Du hast einen guten Vornamen - meditiere doch mal über den Schriften deines Namensvetters! ;-)
Spacemaster
02. Juli 2015 09:12
Herr Sellner hat aus meiner Sicht mit dem Problem der Gültigkeit universalistischer Aussagen oder Ansprüche einen (den) ganz entscheidenden Punkt erkannt oder erahnt, an dem die europäische Geistesgeschichte in die Irre gegangen ist.

Aus der richtig erkannten Unzulänglichkeit (und Destruktivität) konstruktivistischer Universalismen, auf welchen die neuzeitlichen Kollektivideologien (wie Internationalsozialismus etc.) beruhen, ist der vorschnelle Rückzug in den Nominalismus (wie bei Armin Mohler, Alain de Benoist) der Irrweg auf der anderen Seite, zu dem die Rechte naturgemäß leicht bzw. vorschnell tendiert.

Die universale Wirklichkeit übersteigt unser Erkennen, d.h. es geht nicht ohne die Anerkennung metaphysischen Seins. Von Thomas v. Aquin wäre hier viel zu lernen: „Menschliches Erkennen ist zugleich wahr UND UNVOLLSTÄNDIG (inadäquat)“ „rerum essentiae sunt nobis ignotae“ (die Wesenheiten der Dinge sind uns unbekannt) grundsätzlich! Dagegen zB Engels: „die Praxis, nämlich das Experiment und die Industrie…sind die schlagendste Widerlegung der Schrulle, welche die Möglichkeit einer erschöpfenden Erkenntnis der Welt bestreite…“. Die Behauptung vollständig erkennbarer Universalismen, das ist der Weg in die kollektivistische Sklaverei. Dieser Gefahr war auch das Christentum immer ausgesetzt und ist ihr auch erlegen, aber die christliche Kernbotschaft widerspricht allen konstruktivistischen Universalismen wie auch dem Nominalismus: „Dies ist das Äußerste menschlichen Gott-Erkennens: zu wissen, dass wir Gott nicht wissen“ (Thomas). Daher ist die Wahrheit (des Universalen) nur über das Leben zugänglich, wie schon der Vorposter: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ sowie „Sapere aude“.
Monika
02. Juli 2015 10:00
Die Rechte muss dieser linken Utopie eine eigene menschenfreundliche entgegen setzen. Aber welche?
Träumen wir mal einfach. Wie würde Deutschland aussehen, wenn wir es nach unseren Vorstellungen gestalten könnten?
Meine Basis ist die christliche Hoffnung:
Wir warten auf die Wiederkunft Christi.
Wie dies konkret in eine politische Utopie fliessen könnt, weiß ich noch nicht. Ich träume halt weiter.


@Waldgänger ( e.B)
Das ist ja noch linker als links : eine menschenfreundliche Utopie .
Was soll das nun wieder sein ?
Die Reich Gottes Botschaft Jesu ist in der Tat auch eine Utopie, zugleich ist sie aber schon hier ( mitten unter uns) . Hat einen Ort ( Topos) in dieser Welt.
Nicht warten und träumen . Handeln. Richtig Handeln. In Theorie-Praxis Einheit.
Theologisch ist dieses Thema abgehandelt als :
"Die Gottesherrschaft als Handlungsprinzip" bei Helmut Merklein:
http://www.amazon.de/Gottesherrschaft-Handlungsprinzip-Untersuchung-Ethik-Jesu/dp/3429005485

Rechtes Handeln braucht eigentlich keine Theorie, der man folgt
( träumen, warten ), sondern ist letztlich unideologisch. D.h. Realitätsdicht.
Wer nicht christgläubig ist, sollte sich auch um Realitätsdichte bemühen. Sprich: Seine Theorien an der Praxis verifizieren oder falsifizieren.
Aufwachen !!
Dann folge ich doch eher der Theorie von Heinrich Brück, wonach Leben Eroberung heißt. Ich erobere mir ein kühles Plätzchen und heute Abend ein kühles Bierchen...
Antala
02. Juli 2015 11:01
Das Eigene ist eine höchst private Kategorie und die Frage ist, was man selbst als das Eigene begreift. An der Überlegenheit ihrer Wertordnung sind in diesen Tagen zum Beispiel die Grünen Schwulenaktivisten überzeugt, die jetzt gegen Putin agitieren und alle möglichen harten Linien fordern. Viel härter und imperialer verteidigen viele ihr eigenes als das Konservative tun würden, die nur das bestehende reservieren gegen den flüchtigen "Fortschritt". Und verteidigt nicht auch der politische Islam mit aller Härte gegen sich selbst sein gesellschaftliches Mittelalter gegen die Zeit?

Das Volk ist eine sehr nützliche Kategorie. Jetzt muss man nur noch die Ausschlussfrage lösen, lösen oder umgehen, und sich klar sein, dass dies Konzept eines Volkes ǵeschichtlich neueren Datums ist, und gewisse bekannte Mängel hat. Im christlichen Bilde gesprochen ist der Sauerteig kritisch, nicht das Mehl.
Roman
02. Juli 2015 11:09
@Gutmensch: Es schwebt mir keine sonderlich neue übergeordnete Ebene vor. Der Autor hat eben die Befürchtung, dass der Nationalismus, den er ja letztlich unter anderem Namen vertritt, mit seiner Kritik am Universalismus, in irrationale Betrachtungen und Handlungen kippen könnte. In dem er beispielsweise anfängt zu verkünden, dass ausserhalb der eigenen Grenzen eine gänzlich andere Moral und gänzlich andere Bewertungen angebracht wären. Der werte Venator hat es eigentlich ganz gut ausgeführt.

Man kann dem eigentlich nur hinzufügen, dass dem Universalismus das Verständnis für die Erbsünde und für die Reichweite der Verantwortung fehlt. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", bedeutet eben nicht, dass selbst der Fernste noch der Nächste ist. Es bedeutet aber auch nicht, dass der Fernste uns absolut nichts angehen kann. Die Verbindung und Verantwortung über Entfernung nehmen ab, aber sie existieren weiterhin. Wenn ich mir das was in China oder Indien passiert betrachte, bin ich in einem sehr viel geringeren Sinne mit diesen Menschen verbunden, aber ich sollte mich davor hüten, sie nicht als Menschen zu betrachten. Ich kann beispielsweise nicht sagen, dass die Handlungen der Roten Khmer nicht von uns bewertet werden können, weil es eine gänzlich andere Kultur ist. Ich bin nur nicht automatisch gezwungen genauso anzugreifen, als wenn diese Handlungen vor meiner Haustür passieren würden.

Der Konservative baut Anders auf. Er selbst, dann die Familie, dann die Freunde, Gemeinde, Nation und Welt. Der Universalist verlangt das Umgekehrte. In der Kritik an dem Universalismus darf man nicht die Gefahr laufen, auch wenn es verlockend ist, die Verbindung ab der Ebene der Nation gänzlich zu kappen. Das würde zu Widersprüchen führen, die dann letztlich auch nicht im Selbsterhaltungsinteresse als Nation wären. Man wäre nach Außen hin ein fröhliches Raubtier, blind für die Position der Anderen. Über kurz oder lang würden die Anderen einen dafür totschlagen.

Japan ist beispielsweise zwar auch von der Moderne gebeutelt, aber im Verhältnis zwischen dem Erhalt des Eigenen und dem Rest der Welt in einer konservativen Position, die vertretbar ist. Das Land verfällt weder in Selbstaufgabe, noch in eine Isolation. Die Ansprüche eine ungezügelte Einwanderung zuzulassen kontern die Japaner mit einer höflichen Ablehnung und geben stattdessen lieber Geld für die Hilfe vor Ort.
Der Gutmensch
02. Juli 2015 13:57
Also Roman, ausgerechnet Venator hat wirklich nur in eine Richtung geblickt: "Wir wollen unsere Kultur nicht nur erhalten, weil sie die unsere ist, sondern auch weil sie die bessere ist." - Tut mir leid, aber da falle ich nicht gleich auf die Knie. Das sehen nämlich alle anderen ganz genauso! Und sie haben böse Worte und harte Taten für uns; böser und härter als wir je werden können.

Und da ich nunmal der Gutmensch bin, habe ich es auch nicht so mit der Erbsünde. Zumindest halte ich das Konzept nicht für ein Allheilmittel. Da gabs auch andere Ideen.

Vom "gänzlichen Kappen der Verbindung" zwischen Nation und dem Rest der Welt war hier nirgends die Rede, das ist ein wirklich starker Tobak. Oder hat jemand für eine chinesische Mauer plädiert und ich hab´s übersehen?

Und nun noch Japan: Ich weiß nur, dass die letztes Jahr ganze neun Menschen aufgenommen haben sollen. Wieviel Geld sie irgendwo hin spenden, weiß ich nicht und das ist auch egal. Wir stehen ihnen insoweit gewiss nicht nach, das ist ja absurd.

Alles in allem - bißchen dünn. Wenn man beigeht, ein neues Credo für die Außenpolitik zu entwerfen (was eigentlich keine schlechte Idee wäre) muss man schon etwas mehr tun. Wenigstens Simpsons gucken und etwas über die Monroe-Doktrin lernen; beispielsweise. Oder sich über Walther Rathenau belesen. Nicht, dass einer der Herren den Stein der Weisen gefunden hätte. Aber vielleicht finden Sie ihn. Viel Spaß.

Und damit bedanke ich mich für das Gespräch,

der Gutmensch.
Roman
02. Juli 2015 18:07
Sollen die Anderen harte Worte und Taten für uns haben und ihre Kultur für objektiv besser halten. Es sagt doch nichts darüber aus, dass es unmöglich für uns ist, sie nicht nach den Wertmaßstäben zu messen, die wir an unsere eigene Kultur anlegen. Selbstverständlich wird die kongolesische Bevölkerung härter sein als die deutsche. Nur werden sie uns wohl kaum erobern können, da diese Art von Härte nicht gerade förderlich dafür ist, eine für solche Aggressionen notwendige Industrie aufzubauen. Sollen die Anderen ihre Kultur auch für überlegen halten, nur warum sollte ich hier in Europa relativieren und beispielsweise Genitalverstümmelung für einen wertvollen Ausdruck einer exotischen Kultur erklären? Das ist von meinem Standpunkt aus Barbarei. Nur ist meine Verantwortung für diese Art von Barbarei begrenzt, da ich nicht in den entsprechenden Ländern lebe. Wenn Menschen meinen Geld dafür spenden zu müssen, dass die Praktiken abgestellt werden, kann ich es nur begrüßen. Es gilt das Prinzip der Reichweite. Der Europäer kann sich aber nicht davon verabschieden die Welt nach universellen Prinzipien zu urteilen. Dafür müsste er schon dem Ausland die Menschlichkeit absprechen. Und wenn man die Welt nach universellen Prinzipien beurteilt, so ergibt sich der hierarchische Aufbau in der Bewertung zwangsläufig. Da ist Deutschland wohl vielen Ländern deutlich überlegen.

Japan habe ich als gutes Beispiel genannt wie man das Eigeninteresse wahrt und sich zugleich nicht isoliert. Das ist ja der Punkt, dass Japan Niemanden aufnimmt. Es ist nicht so als wäre Japan in der Welt verhasst. Die Deutschen meinen der Welt ihre Errettung schulden zu müssen. Das kann man abstellen ohne das ganze abendländische Erbe über Bord werfen zu müssen.

Der Gedanke der Erbsünde besagt, dass die Welt und der Mensch schon an sich nicht frei vom Bösen sein können. Man ist zwangsläufig mit Schuld beladen. Was einen von irrwitzigen Plänen das Paradies auf Erden errichten zu wollen und den dazugehörigen Metzeleien, zumindest ein wenig abhält. Was ist der Traum von der Weltrepublik anderes als die Blaupause für eine gigantisches Gemetzel?

Hier hat auch Niemand davon geredet, dass man sich isolieren soll. Der Autor brachte nur diesen einen Satz, dass man nicht in einen blinden Nationalismus verfallen darf und die Abkopplung von universellen Werten nicht am Ende der notwendigen Kritik, am galoppierenden Universalismus stehen darf. Sie haben sich daran gestört und haben nochmal eine Erläuterung bekommen.

Einen Stein der Weisen wird ihnen auch kein Konservativer liefern können. Blaupausen für Gesellschaften, die einmal ins Lot gebracht, für alle Zeiten bestehen bleiben, sind was für die andere Feldpostnummer.
Der Gutmensch
03. Juli 2015 08:46
Mensch, Roman, Sie sind aber wirklich hartnäckig!

Der Grund, weshalb die Menschen die Universalisten nicht leiden können, ist der, dass es sich unter ihnen tatsächlich Menschen tummeln sollen, die das bei den Sentimentalen unter billigsten Vorwänden (Hunger, Not, Beschneidung) gesammelte Geld diversen „Befreiern“ zur Verfügung stellen, um wieder einen Staat zu destabilisieren, dessen Bevölkerung dann wiederum uns zürnt, wenn wir ihnen nicht helfen, sich wieder von ihren anstrengenden Befreiern zu befreien.

Das ist ein einfältiges Spiel, und das weiß auch jeder. Genau deswegen, lieber Roman, würde ich Sie, dem irgendwelche „universellen Werte“ am Herzen liegen, auch gerne nehmen und mitsamt ihren schönen Plänen und dem dazugehörigen Geld ausweisen - und zwar mit respektvollen Grüßen an das Staatsoberhaupt des Landes, in dem Sie Ihr gutes Werk zu tun und die Barbarei (also beispielsweise die Beschneidung) zu bekämpfen gedenken. Mögen die Autoritäten vor Ort entscheiden, wie man Sie und das Geld am allerbesten einsetzt, die können das gewiss am besten beurteilen.
Martin Sellner
03. Juli 2015 23:43
@Spacemaster: Ich stimme Ihnen Großteils zu. Mit "Metaphysik" habe ich allerdings meine Probleme. Ich fürchte dass möglicherweise ein metaphysisches Sein, ein "Sein als Grund" in seiner onto-theologoschen Verfassung "tot" ist und es auch kein Zurück dorthin gibt, weder traditional-nostalgisch noch in einer Revolte gegen die Moderne. Ich sehe, den völlig richtig beschrieben Gegensatz zwischen einem "konservativen" Universalismus und neurechten Nominalismus, letztlich in zwei verschiedenen Ontologien wurzeln, die heute beide radikal in der Krise sind. Die Warheit als Repräsenation, und die Krise der Moderne, die Aufklärung und Entzauberung jeder Repräsenation, ist womöglich der gemeinsame Nenner beider Richtungen. Die Metaphysik ist möglicherweise nicht der 3. goldene Mittelweg zwischen beiden Extremen sondern ihre Schnittmenge.. Alles mal in den Raum gestellt.
Martin Sellner
03. Juli 2015 23:56
@Venator: Danke für den guten Kommentar. In der Tat ist der Text auch als eine kritische Hinterfragung eines allzu anit-universalistischen Ethnopluralismus zu betrachten, der am Ende ein verkürzter Nietzscheanismus, ein Pluralismus und Polytheismus der Werte ist hinter dem sich Vitalismus verbirgt. Mit Benoist will ich das "universale" scharf vom "Universalismus" trennen. Alles steht und fällt mit der rechten "Übersetzung" der Schlagworte wie "Universalismus" und "Pluralismus" in richtiges Denken. Eine Unterscheidung zwischen Universal und Universalistisch, wurde einmal von eher Identitär-nominalistischer Perspektive in diesem Blog unternommen: http://derfunke.info/?p=43 Ich glaube dass es der vielleicht beste Ansatz wäre, das Problem zu "entsubstantivieren" und fundamentalontolgisch beim Menschen selbst und seiner unweigerlichen Suche und Frage nach dem "Universalen" anzusetzen. Eine Offenheit und Treue zu dieser Frage zu seiner "Transzendenz", ist sich ihrer Kontingenz ihrer Verräumlichung und ursprünglichen Pluralität immer bewusst- die Frage ist notwendig ethnopluralistisch vielfältig aber gleichzeitig universal bzw univok. Eine "snykedoche" Behauptung, diese Frage endgültig beantwortet zu haben, eine volle Präsenz des Seins, das Ereignis eingefroren und verfügbar zu haben könnte man als "universalistisch" bezeichnen. Sie wird damit seinsvergessen, und ist gleichzeitig imperialistisch in den Raum wuchernd. Universalismus ist vielleicht der "politisch-messianische" Modus metaphysisch-absoluter Weltdeutungen, die sich in Dogma und System verlieren, ohne sich immer wieder neu von dieser Frage und der Unfassbarkeit des Seins, seinem Entzug um Bezug berühren zu lassen.
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:03
@Gehrhard Vierfuß Ich danke für das Lob und bitte um Verzeihung für meine späte Antwort. Ich muss zugeben, ich bin relativ "osmotisch", begeisterungsfähig aber auch anfällig für Einflüsse und Prägungen. Sie haben es sehr gut zusammengefasst (eine Fähigkeit die mir leider abgeht). Für mich ist der springende Punkt: Ist es möglich, aus den verfahrenden, ja an die Wand gefahrenen, modernen Ideologien, auszusteigen ohne dabei im Meer der Beliebigkeit zu ertrinken. Können und dürfen wir die gezückte Waffe eines "Dominats des Selbserhaltes", gerade im Moment der größten Bedrohung und senken nach einem Sinn für diesen Erhalt, ein "worum willen" fragen, das sowohl mit den alten, verfemten nationalistischen Ideen imperialer größe und Nationaler Sendung, als auch mit dem hegemonialen Menschheits-Universalismus bricht?
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:15
@Konservativer Danke für die Blumen. Ich muss aber leider sagen das sich hinter meinem "Namedropping" eine, für diese Generation typische Halbbildung verbirgt. Ich bin auch nur Kind dieser Zeit, und für das Amt des Gelehrten hatte und habe ich neben dem politischen Aktivismus nicht die Zeit. Ich sehe mich hier eher als "Popularisierer", es geht um fahrige Skizzen und Ideen, die vielleicht einmal andere weiter und tiefer denken werden. Ich danke für die inspirierenden Videos. ;) Zu ihren Zielvorgaben würde ich gerne eine Anmerkung "Widerlegen" benötigt um anerkannt und wirksam zu werden einen gemeinsamen Raum des Denk und Gangbaren, in dem sich ein Gedanke als in sich unrichtig oder, falsch erweisen kann. Der Egalitarismus und der Universalismus bilden aber selbst diesen Raum die geistige Atmosphäre in der sich Zeit, Wahrheit, Moral etc abspielen. Um diese Wahrheitsphäre zu widerlegen müsste man in eine gänzlich neue aufbrechen. Die naturwissenschaftlichen "Widerlegungen" der "race realists", die beweisen das es biologische Ungleichheiten gibt verkennen das meiner Ansicht nach. So "richtig" sie sind, bewegen sie sich meist dennoch im Rahmen des herrschenden Denkens und haben den typisch "pessmistisch-konservativen" Gestus den man auch bei Lorenz, Gehlen, ua nachlesen kann. Die harte faktische Realität der Rechten vs die "schöne" aber haltlose "Utopie" der Linken. Dieses Denken ist meiner Ansicht nach am Ende und hilft uns nicht weiter. Die Widerlegung muss tiefer, bis an die Grenze unseres Denkraumes, in die geistigen Gefahrengebiete gehen und sich dich Frage nach dem Grund, nach der "Lege" und dem Logos selbst stellen.
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:23
@Rainer Möller Man muss das Rad nicht neu erfinden aber Weiterdrehen.
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:34
@deutscheridentitärer Ich sehe im "Erhalt als absoluten Selbstzweck" das eigentliche Problem des 3. Weges. Indem er alle Werte und Ideen letztlich als notwendige Setzungen diesem Selbstzweck unterordnet entwertet er sie, auch bis in die Vergangenheit hinein. Hinter ihm steht, weil jeder Erhalt immer ein Mehr, und einen Exzess benötigt letztlich das ewige Wachstum, die Expansion und totale Mobilmachung aller Kräfte, die wir heute, entkleidet aus ihren nationalistisch-mythischem Beiwerk, in der totalen Mobilität aller Identitäten, Arbeitsplätze, Wohnorte, Vermögen, Güter etc erleben. Ich glaube dass der Nietzscheanismus und diese funktionelle Interpretation von Werten aus ihrem Daseinserhaltenden Effekt heraus (am Ende das Werte-Denken überhaupt), ironischerweise völlig dabei versagt dem Dasein einen Sinn zu stiften. Zumindest ist diese biologisch-darwinistische Erzählung, die Kultur, Religion und Morale als evolutionär notwendige Instutionen und "überbau" zur Weitergabe des Erbguts interpretiert nicht sehr erfolgreich darin, die Leute tatsächlich zu dieser Weitergabe zu bewegen. Überall wo sie als "reaktionärer" Reflex gegen die Zersetzung der Moderne auftreten, versagen sie. Die vom Nietzscheanismus viel gescholtenen, "gegen das Leben" gerichteten Ideale, die den Sinn des Lebens nicht im Leben selbst sehen haben hier viel besser "funktioniert". Vielleicht weil sie nicht selbstzweck waren und sich nicht durch ihre Funktion rechtfertigten?
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:52
@Peter M Messer Aber Herr Messer- Diesen „Egoismus“ gab es als Nationalismus und Kampf ums Dasein ideengeschichtlich längst. Der Schutz der eigenen Lebensressourcen ist selbstverständlich ein präsenter Trieb an den auch jeder „rechtspopulismus“ (und damit auch ein Großteil identitären Aktionismus, wenn er gut ist) anschließt. Die Frage ist- in Ihrer Diktion formuliert - welcher mobilisierende, staatstragende und typenbildende Mythos, kann diesen Egoismus tragen? Die Dekonstruktion die sie ansprechen ist heute nur halbherzig betrieben und macht vor der Idee des Universalismus, des Subjekts, des Egalitarismus und zuletzt vorm westlichen Schuldkult halt. Das Konkrete, Seiende, die harten pragmatischen Fragen, der Kampf um konkrete Orte, das eigene Viertel, das Planen von Aktionen, die Verbundenheit zu einem konkreten Boden- inwiefern spricht das gegen „große Fragen“, gegen eine ideen- und seinsgeschichtliche Verortung? Diese Wurzeln und die konkrete aktivistische Arbeit, und ja auch Kampfsport (ist in Wien grds Teil des Aktivismus) geben einem die Kraft und die regelmäßigen Peitschenhiebe der Wirklichkeit, die das theoretische Denken in richtige Bahnen lenken- es zu „immanenter Kritik“ (wenn man so will) machen. Und Ja, das Dasein, das Konkrete genügt mir nicht. Es genügt uns allen nicht. Eine ganze Generation flüchtet sich in virtuelle Welten und interessiert sich mehr für den Untergang Mittelerdes oder Westeros, weil, die Wirklichkeit und die Welt jeden Zauber verloren hat, sich ein dröges, fades, aufgeklärtes berechenbares System verwandelt hat, indem man zwischen der großen, faden Utopie der Allgemeinheit, oder dem ebenso faden Hauen und Stechen im ewigen Daseinskampf wählen kann. In diesem hatten unserer Vorfahren interessanterweise nur dann Kraft und Lebenslust, wenn dieser Kampf nicht zum Selbstzweck wurde, wenn nicht nur das seiende und Konkrete an sich in seiner Seiendheit bejaht wurde, sondern es auch eine Transzendenz, eine ontologische Dimension gab. Es ist meiner Ansicht nach das größte Missverständnis der neuen Rechten, der „absurden Vernunft“ (Nietzsche) der Moderne und ihrem Hang zur Abstraktion und Allgemeinheit, ein nacktes Ja zum Dasein, ein „konkretes Ordnungs“ denken und „nichts außerdem“ entgegen zu setzen. Am schlimmsten wird es wenn man dieses moderne Gegenextrem als „agonale Weltanschauung“, oder „antike Ehrlichkeit“ auch noch rückprojiziert und damit die Antike ziemlich verkennt. Hier ist oft Evola der wesentlich bessere „Historiker“ als Nietzsche. Insgesamt kann ich aber eine gewisse „Entwarnung“ geben. Eine strikte und Lenin nachempfundene Trennung von „Theorie“ und „Praxis“, die zumindest in Österreich beinhart vollzogen wird, wird jedem Intellektualismus und Sektierertum vorbeugen. Diese saubere Trennung gibt gleichzeitig aber auch dem Denken die Freiheit, frei von Pragmatismus und Doktrin der Selbsterhalt zu fragen und nicht die Philosophie und die Wahrheit in ihren dumpfen Takt einzupferchen.
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:57
@Waldgänger Und was ist Macht genau? Geld? Medien? Moral? Panzer? Worauf baut sie? Hier wurde einmal nachgefragt: http://derfunke.info/?p=44
Martin Sellner
04. Juli 2015 00:59
@Grambauer Danke für den Kommentar. Btw: ich liebe Shostakovich.
Martin Sellner
04. Juli 2015 01:02
@Gutmensch Ja das Buch hätte ich liebend gerne! :) Was Kopernikus betrifft, seitdem wir nach Nietzsche aus dem Zentrum rollen. Ich glaube immer weniger an eine "neutrale" objektive Akkumulation von naturwissenschatlichem Denken, neben dem sich scheinbar losgelöst die "Ideologien" her entwickeln und die "neutrale Technik" nur "missbrauchen".
Martin Sellner
04. Juli 2015 01:14
@Grambauer Danke für die großartigen Anregungen. Ihr Lob macht mich recht verlegen und ehrlich gesagt besorgt, weil ich mich selbst gut genug kenne um zu wissen dass, wenn ich eine unverdorbene Jugend repräsentieren soll, es um diese schlecht bestellt ist. Gottseidank gibt es sie aber wirklich, ich kenne und sehe einige vielversprechende, wirklich junge Leute im identitären Umfeld heranwachsen. Vielleicht müssen wir ihnen "den Weg ebnen"? Das "Romantische Erfahrung", ist auch Ursprung und geheimer Quell meines Denkens, das ich erst jetzt nachträglich und nicht ohne Schmerzen aus gewissen Notwendigkeiten und Gefahren heraus auf eine philosophische "Meta-Ebene" bringen möchte. (Wenn Sie wollen schicke ich ihnen einen alten Aufsatz unseres ersten neurechten Projekts in Wien, eine Art Bekenntnis zur Romantik, zu) Ich würde gerne noch mehr und länger schreiben, bin aber bereits todmüde Nur so viel: Ich finde Kleists "Heilige Cäcilie" beschreibt als Metapher vielleicht das Problem der Romantik und auch die Biographie vieler Romantiker.
Martin Sellner
04. Juli 2015 01:15
@Patrick Großartiges Faye Zitat. In Anbetracht seiner anderen Schriften frage ich mich aber was er mit diesem Blitz meint...
Martin Sellner
04. Juli 2015 01:17
@arminius: Ein Absatz zur DdA und ihre Abgrenzung zur Zerstörung der Vernunft viel der Kürzung zum Opfer. Aber ich bin auch allemal lieber im Grand Hotel Abgrund als im Bahnhofshotel Budapest. ;)
Roman
04. Juli 2015 06:18
@Gutmensch: Wenn sie nicht den Willen dazu aufbringen können die vorgebrachte Differenzierung zwischen universellen Werten zu lesen, so kann ich auch wenig machen. Daher wird es wahrscheinlich auch sinnlos sein, zu betonen, dass ich an keiner Stelle dazu aufgerufen habe, den deutschen Staat dazu verheizen irgendwo Barbarei zu bekämpfen, für die er nicht verantwortlich ist. Ich tue es trotzdem, um nochmals die Richtigkeit des kleinen Absatzes des Autors zu unterstreichen. Die Kritik am Universalismus kann tatsächlich Gefahr laufen das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ich könnte hier mit der christlichen Moral kommen. Das brauche ich aber nicht. Es reicht der Hinweis, dass innerhalb einer Gesellschaft schon die nette Verkündung des Egoismus als alleiniges Leitkriterium schnell zu Strafen führen kann. Leben ist eben nicht nur Wettkampf, sondern Kooperation, und auch Bestrafung derer die zu offen das eigene Wohl in den Vordergrund stellen. Das galt und gilt ebenso zwischen den Nationen. Das hat ein eiserner Kanzler gewusst. Andere meinten es ignorieren zu können und wurden bestraft. Es genügt auch nicht sich nur die Maske des Mitgefühls aufzusetzen. Die Anderen werden es schon zu entlarven wissen. Man muss es auch zumindest ein Stück weit so empfinden. Und wo es als Einzelperson noch gelingen mag, durchgehend zu heucheln, wird es auf der Ebene eines Staates unendlich schwieriger.
Monika
04. Juli 2015 10:35
Martin Sellner
Freitag, 3. Juli 2015, 23:56 (URL) | Kurz-URL
@Venator:
Danke für den guten Kommentar. In der Tat ist der Text auch als eine kritische Hinterfragung eines allzu anit-universalistischen Ethnopluralismus zu betrachten, der am Ende ein verkürzter Nietzscheanismus, ein Pluralismus und Polytheismus der Werte ist hinter dem sich Vitalismus verbirgt.
Mit Benoist will ich das „universale“ scharf vom „Universalismus“ trennen.
Alles steht und fällt mit der rechten „Übersetzung“ der Schlagworte wie „Universalismus“ und „Pluralismus“ in richtiges Denken. Eine Unterscheidung zwischen Universal und Universalistisch, wurde einmal von eher Identitär-nominalistischer Perspektive in diesem Blog unternommen:
http://derfunke.info/?p=43
Ich glaube dass es der vielleicht beste Ansatz wäre, das Problem zu „entsubstantivieren“ und fundamentalontolgisch beim Menschen selbst und seiner unweigerlichen Suche und Frage nach dem „Universalen“ anzusetzen.



Lieber Martin Sellner,

Verhält sich universal zu universalistisch nicht wie Identität zu identitär ?
Irgendwie ergibt das keine Gleichung.

Der Jesuitenpater Rupert Lay, der erste postmoderne, konstruktivistische Theologe, den ich kennenlernen durfte, hat m.E. eine saubere Lösung.

Rupert Lay redet statt vom richtigen Menschenbild ( z.B. christliches, kommunistisches , biologistisches u.a.) von konkreten Personsein.

Statt nach dem Wesen des Menschen ( Metaphysik) zu fragen, fragt Lay, was unaufgebbar zu konkretem Personsein gehört. Dazu gehört:

-Individualität
- Gesellschaftlichkeit
- Weltlichkeit
- Geschichtlichkeit
- Grenzhaftigkeit

Diese fünf Existenzialien sind dialektisch aufeinander bezogen und machen konkretes Menschsein aus.
Nachzulesen in Rupert Lay, Krisen und Konflikte, S. 43

konkret kann man daran alles durchspielen:
Europäische " Gesellschaften " betonen eher die Individualität des Menschen ( Liberalismus) , orientalische mehr das Kollektiv ( Clan),
U.v.m.
Der "falsche" Universalismus negiert die Geschichtlichkeit des Menschen,
So es ein konsumistischer Universalismus ist, negiert er die Grenzhaftigkeit

Das läßt alle Diskussionen auch über politische und religiöse Systeme zu.
Langer
04. Juli 2015 10:47
Die naturwissenschaftlichen „Widerlegungen“ der „race realists“, die beweisen das es biologische Ungleichheiten gibt verkennen das meiner Ansicht nach. So „richtig“ sie sind, bewegen sie sich meist dennoch im Rahmen des herrschenden Denkens und haben den typisch „pessmistisch-konservativen“ Gestus den man auch bei Lorenz, Gehlen, ua nachlesen kann.


Inwieweit, wie ist das gemeint?
Der Gutmensch
04. Juli 2015 15:37
Nun, es ist zwar heiß, Roman, aber ich fürchte, ich habe auch sonst keine Entschuldigung vorzubringen, dass ich es tatsächlich unterlasse, in Bezug auf „Werte“ zu differenzieren, die von sich selbst in Anspruch nehmen, „universeller Natur“ zu sein; mithin gerade nicht zur Differenzierung taugen, wie Sie es mir hier moralisierend aufgeben möchten.

Ich habe auch keine Veranlassung zu denken, Bismarck hätte das im Ernst getan. Er schmiedete vielmehr Bündnisse, so wie sich das für jeden anständigen Außenpolitiker gehört. Und zwar ersichtlich zu dem Zweck, Deutschlands Interessen zu dienen; und nicht etwa „universellen“! Dieses Verhalten von Politikern stellt durchaus die internationale Regel dar und gibt niemandem Rätsel auf; verhält sich jemand im Ernst anders, hat er gewöhnlich nicht mehr lange die Gelegenheit, Politiker eines bestimmten Landes zu sein; Deutschland bildet da in gewissen Grenzen eine Ausnahme. Was die Vorwände der anderen angeht, so soll man sie nicht frei Haus liefern; aber dafür gibt es ja das Protokoll. Doch es bleiben am Ende reine Vorwände, so dass man sie, so sie nicht zu finden sind, eben frei er- findet! Dann trinkt halt mal wieder jemand Babyblut oder ... da war doch was .... ach ja: missachtet die Menschenrechte! Universelle Werte!!
Der Gutmensch
04. Juli 2015 17:33
"Ich glaube immer weniger an eine „neutrale“ objektive Akkumulation von naturwissenschatlichem Denken, neben dem sich scheinbar losgelöst die „Ideologien“ her entwickeln und die „neutrale Technik“ nur „missbrauchen“."

?! Lieber Herr Sellner, die vernünftige Frage lautet doch: Was kann man wissen und woran muss man eben glauben?

Wenn man wissen kann, dass sich die Erde um die Sonne dreht, ist es einfältig, einfach etwas anderes zu glauben. Oder kleinmütig, weil man Angst hat, dass man es dann einfach nicht mehr schafft, sich hinterher selber wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen! Dabei gibts doch gar kein Leben auf der Sonne, sondern nur welches auf der Erde.

Mindestens ebenso einfältig ist es natürlich, irgendeinen zirkelschlüssigen Glaubenssatz zu rationalisieren und zu meinen, nun wüsste man also irgendwas! Auch hier ist das Problem wieder gut mit "Kleinmütigkeit" beschrieben: Wenn man sich nicht traut, an Dinge, die man unmöglich wissen kann (gibt es ein Leben nach dem Tod) bei Bedarf halt zu glauben, nur weil man Angst hat, sich am Ende doch getäuscht zu finden. Zu Risiken und Nebenwirkungen ...

Das sind also alles bloß unreife Versuche, blanker Kokolores, wenn man versuchen will, den Glauben aus reinem Prinzip gegen das Wissen auszuspielen! In Wahrheit ist das Verhältnis immer wieder neu zu bestimmen. Und so, wie jeder Vertrauensverlust eben Wissensdurst gebiert - Holzauge, sei wachsam - wird wohl jede Fehlkalkulation heimlich mit dem demütigen Wunsch nach Glauben einhergehen - lieber xyz, bitte hilf! Die Kunst ist es, wie gesagt, nicht das eine mit dem anderen zu verwechseln (also einer Ideologie zu verfallen) und darin sind wir gerade leider gar nicht gut.

Der Gutmensch.
Revolte
04. Juli 2015 19:06
@Martin Sellner

Herrschaftszeiten, Sie legen aber kräftig vor, man kommt ja kaum mit dem Lesen nach. Ich habe übrigens gerade angefangen, mir sämtliche Ihrer Vlogs auf Youtube anzusehen. Wirklich tolle Videos. Besonders schön fand ich Ihren Gruß aus dem sonnigen Italien und die Wiener Stadtführung. Hut ab, weiter so!
Frenchman
04. Juli 2015 23:42
Europa hat eine reiche Tradition des Widerstandes:

https://www.youtube.com/watch?v=Emg14MOMDgU
Gustav Grambauer
04. Juli 2015 23:49
Martin Sellner

"Nur so viel: Ich finde Kleists "Heilige Cäcilie" beschreibt als Metapher vielleicht das Problem der Romantik und auch die Biographie vieler Romantiker."

Damit bestärken Sie mich in meinem Herangehen, daß der Kern der Romantik ein christlich-mystischer ist, jedoch sehe ich darin kein "Problem" (welches in letzter Konsequenz ja - eben - psychiatrisch zu lösen wäre; wenn es nach dem Ehepaar LaRouche ginge, wären wir übrigens alle bereits in der Psychiatrie).

Wenn Sie mal in Berlin sind, besuchen Sie Kleists Grab am Kleinen Wannsee. Er stand bei seinem Tode den Brüdern in seiner Erzählung an Heiterkeit in nichts nach. (Mich hat allerdings seinerzeit beim Lesen gewundert, daß es das "Gloria" an einer oder mehreren Stellen auch als "erschreckend", "düster" oder so ähnlich beschreibt.) Wenn Sie noch tiefer in das Land "wo die wilden Kerle wohnen" hineinreisen, dann besuchen Sie das Kleist-Museum in Frankfurt / Oder.

http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-museum/

Weiß nicht welche Qualität es heute hat. In meiner frühen Jugend (1984 oder so) war es ein Ort, an dem die Luft vom Odem der Romantik vibrierte. Vor allem zog sich durch die Ausstellungen, Lesungen usw. die verblüffend offene Parteinahme für das Individuum in dessen Spannungsfeld mit der "Gesellschaft", was mich sehr aufhorchen ließ, zumal diese anders als in den Kirchen-, Menschenrechts-, Friedens- und Umwelt-Gruppen auf eine hochkultivierte und hochelegante Art geltend gemacht wurde: das Individuum, falls es ein gebrochenes wie der zweifelsfrei dort heiß geliebte Kleist sei, sollte mit einem wahren Füllhorn an insbesondere literaischer Bildung gestärkt werden, nach dem Motto: "du bist nicht der Erste dem es so geht".

Weiß noch, daß der Mann an der Kasse einen exorbitant teuren Plattenspieler stehen hatte und während er kassierte Mendelssohn-Bartholdys "Heimkehr aus der Fremde" hörte.

Komm noch privat auf Sie zu.

Grüsse, obwohl von Preussen berichtend ausnahmsweise ohne Wilhelminisches "ß"

- G. G.
Poplas-B.
25. Juli 2015 19:57
Martin Sellner spricht ganz dezidiert die " Aufklärung" und "die Dialektik "an. Ich möchte am Beispiel dieser beiden Begriffe doch einmal ins Detail gehen.

Seit Jahren beschäftige ich mich schon mit der Schrift " Dialektik der Aufklärung " von M.Horkheimer und W.Adorno.
Für mich stellt sich durchaus die Fage, welche Art von Dialektik beide Autoren gemeint haben könnten. Die dialektische Methode des Sokrates, durch Fragen und Antworten zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen oder ist mit " DIALEKTIK" die triadische Bewegung als Teil der Hegelschen Logik gemeint ?.
Wenn die Hegelsche Dialektik als These, Antithese und Synthese zu verstehen ist, wo kann man in der Schrift von Horkheimer und Adorno
die Synthese, also das Resultat der These und Antithese, erkennen ?.M.E. reduzieren beide Autoren sie so zur marxistischen Dialektik, die als These und Antithese konstruiert ist, wobei die Synthese als Ergebnis beider Impulse in die weite Zukunft verschoben wird.

Beide Autoren verunglimpfen die Aufklärung, deren Beginn sie in die Antike zurückversetzen, als " Prozeß der rastlosen Selbstzerstörung der Aufklärung ", in deren Folge sich, also zwangsläufig " Totalitarismus und Faschismus ", herausbilden.

Womit hat den die Aufklärung in Europa begonnen ?. Zuerst war es der Kampf gegen religiösen Aberglauben, Fanatismus, Macht des Klerus,
die politischen Verstrickungen der Kirche in der Politik und die Macht des Klerus, speziell in Frankreich,über das Erziehungssytem und die Wissenschaft. Das war sozusagen der Ausgangspunkt und Auftrag zugleich für eine Epoche, die wir im Deutschern als Aufklärung bezeichnen.In England und in Frankreich aber als Epoche, in der das Licht, das Helle und Klare in die religiöse und geistige Dunkelheit gebracht wurde.

Die Aufklärung in Frankreich gebar aber schon zu ihren Lebezeiten ihren wirkungsvollsten Gegenaufklärer, nämlich J.J. Rosseau, der in Deutschland mit den prostestantischen Theologen und Idealisten große Unterstützung fand.

Mit Beginn des Terreur zu Anfang der Franzöischen Revolution ist m.E. auch die Epoche der Aufklärung im engeren Sinn zu Ende gegangen.

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