28. Dezember 2015

Talwärts? Ja. - Heinz Helles Buch "Eigentlich müßten wir tanzen"

von Ellen Kositza / 11 Kommentare

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

heinz-helle_eigentlich-m-ssten-wir-tanzen_720x600aus Sezession 69 / Dezember 2015

Nach Heinz Helles furiosem Debütroman Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin (Sezession 59) steckte man die Erwartungen an seines nächstes Werk hoch. Das Bemühen, sie zu erfüllen, blitzt durch – ein recht typisches Phänomen für »zweite Werke«.



Es steht zu vermuten, daß Helle (Jahrgang 1978) weder Michael Hanekes Endzeitfilm Wolfzeit (2003) noch erst recht Ian Stuarts Ballade The Snow Fell kennt, und doch kann es passieren, daß einem bei der Lektüre Bilder und Textfetzen des einen wie des anderen Werks im Kopf echoen.

Fünf alte Freunde in den Dreißigern begehen ihr jährliches »Traditionswochenende« in den Alpen. »So lustig wie früher würde es eh nicht werden«, aber es ist schon in Ordnung. Das ganz große Besäufnis wie früher bleibt aus, wozu auch, alte Geschichten werden aufgewärmt, man ißt Nutella und treibt ein paar kindische Spiele. Beim Abstieg wird schnell (es fällt kaum ein Wort dazu) klar, daß etwas Entsetzliches passiert sein muß. Verwüstung und Ruinen, wohin sie kommen.

Ihnen widerfährt auf ihrem bald ziellosen Weg bergab nun das, was sie zuvor nie kannten: unstillbarer Hunger, Kälte ohne Aussicht auf Schutz, der Wegfall jeder Ordnung, jeder moralischen Schranke auch, Ausweglosigkeit in jeder Hinsicht. Bald schon essen sie Rinden, dann verwestes Fleisch, bald werden sie zu Bestien, bald muß einer zurückbleiben, bald der nächste, und so weiter, es gibt keine Hoffnung, nur das kalte Grauen. »Ich meine, wir hätten es kommen sehen können.«

Helle pflegt eine karge, präzise Sprache. Einige Passagen glänzen meisterhaft, etwa wenn der Ich-Erzähler ein Kundengespräch imaginiert, das sein Kumpel Golde, der Vermögensberater, täglich geführt haben mag. Golde muß ein exzellenter Verkäufer gewesen sein. Sein Tod ist monströs.

Manches wird im Buch überdeutlich angesprochen (Handywegwerfen, Zivilisationskritik, eine gewisse »Unsere Generation«-Stimmung), was man subtiler ausdrücken könnte, in anderen Punkten hätte man sich weitergehende Anrisse des psychosozialen Gegenwartselends gewünscht. In jedem Fall ist dies das Gegenteil von Erbauungsliteratur, Schwärzeres und Drastischeres ist kaum denkbar. Helle, studierter Philosoph, bleibt ein Autor, den man weiterhin erwartungsvoll lesen wird.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen. Roman, Berlin: Suhrkamp 2015. 173 S., 19.95 € – hier bestellen!

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (11)

Jens Müller
28. Dezember 2015 17:19
Hallo Frau Kositza,

danke für die Leseempfehlung!

Wenn sie gerne düstere Werke lesen, kann ich Ihnen "Die Straße" (englischer Originaltitel: The Road) von Cormac McCarthy empfehlen.
Gut ist auch "Stadt der Diebe" von David Benioff.

Viele Grüße

Jens Müller
OJ
28. Dezember 2015 18:15
Wie kommen Sie denn bei dem Szenario auf "The Snow Fell"?

Kositza: Apokalypse, Hunger, Grauen, Kälte, Männer, alles verloren.
Michael Schlenger
29. Dezember 2015 01:06
Danke, Frau Kositza, für den gelungenen Versuch, den Kopf vom Alltagsgeschehen weg hin zum Grundsätzlichen (und damit wieder zurück) zu orientieren.

Ihre Rezension des Buchs von Herrn Helle - eines "studierten Philosophen", ganz köstlich - und einige andere Ansichten dazu im Netz lassen mich vermuten, dass man das Werk selbst nicht mehr lesen muss.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist die Botschaft die, dass unsereins beim plötzlichen Wegfall gewohnter zivilisatorischer Hilfsmittel zwangsläufig zum Barbaren wird - weil die Fähigkeiten zu einem souveränen, würdevollen Überleben nicht mehr vorhanden sind, über die noch unserer Großeltern und Urgroßeltern verfügten.

Die im Buch geschilderten jämmerlichen Verhaltensweisen und Bestialitäten stehen im größten Gegensatz zu dem, was beispielsweise vor 100 Jahren Ernest Shackleton und seine Männer im Eis der Antarktis auf sich gestellt entgegen jede Wahrscheinlichkeit zustandegebracht haben.

Sie haben ums Überleben kämpfend dennoch die Glasfotoplatten mit sich geschleppt, die die Agonie und den Untergang ihres Schiffs "Endurance" zeigen. Das zu tun, gehört für mich zu den größten Zeugnissen menschlichen Behauptungs- und Gestaltungswillens überhaupt - das ist konservative Kultur in Reinform.

Shackleton hat am Ende alle Besatzungsmitglieder aus einer praktisch hoffnungslosen Ausgangslage zurück ins Leben geführt. Sich damit zu auseinanderzusetzen, erscheint mir in diesen Tagen konstruktiver als die Lektüre von Romanen "studierter Philosophen", deren Thema die Selbstaufgabe des "modernen Menschen" in Bedrängnis ist.

Die Beschäftigung mit der zweifellos spannenden Tagespolitik wäre 1915 für Shackletons Truppe tödlich gewesen. Vielleicht eine Mahnung, sich von diesbezüglichen Versuchungen fernzuhalten. Überleben scheint mir die konservative Parole schlechthin zu sein - auch 2016.
Exmeyer
29. Dezember 2015 10:13
Überleben als konservative Parole? Und wieso suchten die Shakletons und Amundsens dann überhaupt erst die Gefahr?

Konservativ in einem guten Sinne kann nur sein, wer die konstanten Achsen der überindividuellen, politischen Existenz, worauf Macht und Ohnmacht basieren, versucht zu erkennen und danach zu handeln.
Wenn Überleben das entscheidende konservativ Prinzip wäre, hätten Konservative in einem Krieg also konsequent Fahnenflucht zu propagieren und zu begehen. - Was für eine Unfug dabei herauskommt, wenn man einmal ein ultra-individualistisches Weltbild übernommen hat. Selbst in der Tierwelt riskieren Einzelne für die Gruppe das eigene Leben, obwohl es dabei häufig um nichts anderes geht, als Machtdemonstration.

Seit dem Massenansturm auf SiN sinkt die Anzahl der Kommentare, die man irgendwie noch als "RECHTS" einordnen kann zur Minderzahl herab.

Zum Buch: Was interessiert mich ein Buch, daß zwar wahrscheinlich die Folgen von Abwesenheit männlicher Regeln, Werte und Organisationsformen der Wehrhaftigkeit zeigt, und damit die Sorglosigkeit und das daraus entstandene Ergebnis der vergangenen Jahrzehnte beschreibt, nicht jedoch die Wege und Mittel, diese zurück zu gewinnen.
Der Gutmensch
29. Dezember 2015 11:06
Lieber Herr Schlenger,

ich kenne das von Ihnen beschriebene Buch auch und ich kann wirklich sagen, dass kaum eine der von mir in meiner Kindheit gelesenen Abenteuergeschichten an diese grandios spannende Beschreibung heranreicht. Man leidet mit und man entwickelt - also, sagen wir mal, ich entwickelte - einigen Stolz auf den eisernen Willen der Protagonisten, wieder nach Hause zu finden - und zwar als Menschen und nicht als Wilde!

Womit wir beim Thema wären: Nach Hause finden. Shakleton wusste, dass es eine Welt außerhalb des Eises gibt. Dort angekommen, sah er dann aber seine Mitstreiter teilweise in sehr strengem Licht, wenn ich mich da spontan richtig entsinne. Sein Beispiel ist ohne jeden Zweifel geeignet, einem Hoffnung zu machen, so wie das Wissen um die Existenz eines Zuhauses ihm in dieser verzweifelten Situation Hoffnung machte. Aber es sollte mich wundern, wenn er - über das physische Ankommen hinaus - selber je wieder heimgefunden hat.

Manche Dinge sollten den Menschen nicht aufgegeben werden (im Fall Shakleton war es ja im wesentlichen sein eigener Ehrgeiz); und auf keinen Fall ohne ein (inneres) Zuhause; woher sollte der Antrieb kommen, nicht zu verwildern? Ich gebe zu, es braucht wohl eher keinen Philosophen, das zu wissen...

Der Gutmensch.
Frank
29. Dezember 2015 14:18
Vielen Dank, für Ihre unterhaltsame Buchbesprechung. Um ehrlich zu sein bin ich ein wenig darüber verwundert, daß Sie die Musik von Ian Stuart kennen, musikalisch hätte ich Sie zwischen Neo-Folk - und Klassik eingeordnet.

Warum gibt es bisher noch keine elektronischen Bücher über den Antaios-Verlag zu bestellen. Ich finde E-Bücher wesentlich praktischer und auch platzsparender als "normale" Bücher. Gerade bei Bus- und Bahnfahrten oder auf der Liege im Garten finde ich das E-Buch super praktisch, es ist klein und leicht, ideal für unterwegs. Gibt es Planungen Richtung E-Buch?

Kositza:Schauen Sie, als Reaktionäre sind gerade das super Praktische, das Leichte und das Mobile für uns nicht die überzeugenden Argumente.
Kreuzweis
29. Dezember 2015 16:39
Ich empfehle - vor allem Neukonservativen - die Lektüre des "Der Wehrwolf" von Hermann Löns.
Er beschreibt, wie Menschen im 30jährigen Krieg zum Wolf werden mußten (sogar Pfaffen), um zu überleben. Das Buch beschreibt, wie Menschen versuchten, durch sich Verstecken im Urwald und geradezu jüdische Solidarität - harter Zusammenhalt nach Innen, tödliche Abgrenzung nach Außen - zu überleben.
Und schon damals waren die Deutschen überwiegend Gutmenschen, die es nicht lassen konnten, fremdländische Spione im Dienste raubender Banden (zumeist "Tatern") trotz Warnung zu bewirten, statt sie zu beseitigen.
Erst brutale Massenmordorgien als Folge dieser Gutmenschentaten zwangen die Überlebenden zu mitleidloser Härte gegenüber Fremdlingen.

Ich finde, solche alten Historienromane lehren mehr praktisches Wissen als heutige dystopische vom Schlage des obigen, denn die heutigen trauen sich nicht die Katastrophe als logische Folge der modernen kitschigen Mensch- und Weltsicht aufzuzeigen.

Kositza: Meinethalben darf man Literatur in "relevant" und "irrelevant" sortieren, aber Literatur ist dennoch was anderes als Zeigefingerschriften. (Helles Roman ist relevant.) Rechte verwechseln oft das eine mit dem anderen. Wobei ich nichts gg. Löns gesagt haben will!


Dazu eine arabische Weisheit:
Den Narren erkennst Du an sechs Zeichen:
Furcht ohne Grund,
Rede ohne Nutzen,
Wechsel ohne Fortschritt,
Frage ohne Ziel,
Vertrauen zu Fremden und
Freundschaft mit seinem Feind.
Der Gutmensch
29. Dezember 2015 21:19
@ Exmeyer
Sie schrieben: "Zum Buch: Was interessiert mich ein Buch, daß zwar wahrscheinlich die Folgen von Abwesenheit männlicher Regeln, Werte und Organisationsformen der Wehrhaftigkeit zeigt, und damit die Sorglosigkeit und das daraus entstandene Ergebnis der vergangenen Jahrzehnte beschreibt, nicht jedoch die Wege und Mittel, diese zurück zu gewinnen."

Naja, zum einen ist eine Analyse ja auch etwas wert. Und dann, gerade wenn man mal Herrn Schlengers Empfehlung daneben legt, bemerkt man ja, was den guten Shackleton antrieb - das Bewusstsein, dass es eben mehr gibt als Eiswüste und dass es doch lohnt, sich zusammenzunehmen und ein Mensch zu bleiben, für andere noch mehr als für sich selber. Was bliebe einem denn, wenn man den letzten anderen zerfleischt hat? Wofür lohnte sich das wohl noch, für einen Aufschub um wenige Stunden? Also vielleicht - gerade wenn man den Umgang mit schlimmen Situationen in beiden Büchern mal gegenüber stellt - vielleicht erweitert gerade das den Horizont der jungen Männer? Und wenn es nur darum geht, bestimmt nicht Vermögensberater zu werden? Könnte doch gut möglich sein; E. K. wird das Buch ja nicht deshalb empfohlen haben, weil sie uns alle gerne in Depressionen versinken sehen möchte.


Der Gutmensch.
Exmeyer
30. Dezember 2015 01:32
Ich weiß nicht, was mich in dieser Welt mehr beeindruckt als Amundsen. Der Mann rechnete scharf und tat das Nötige. Völlig ohne bewußte Äußerlichkeit. Und genau das macht die Ästhetik.

Mit dieser Art zu denken und zu handeln ergibt sich das Erreichbare. Man kann das AUCH von der ästhetischen Seite betrachten. Aber Drang zum Ziel wird nicht der gleiche sein, wenn man es von dieser Seite her anfaßt.

"Kämpfen und Durchkommen" (keine Sorge, das ist klassische Bundeswehr-Einzelkämpfer-Lektüre) hat natürlich keinen literarischen Wert und wird daher hier nicht besprochen, sowenig wie die ZDv 3/11 "Gefechtsdienst aller Truppen" in ihren Fassungen. Und ich bin sicher, freilich ohne es gelesen zu haben, daß der Wert des Buches von Helle eben keinerlei Nutzwert hat. Bestenfalls Sensibilisierungswert.

Ich vermute statt dessen, daß folgende Analogie zutrifft:
Ich erinnere mich an militärische Sensibilisierungsausbildungen. Sinn war lediglich zu zeigen, wie gefährlich gewisse Situationen sind. Was nicht ausgebildet wurde: Wie erkennt man sie im Voraus und vermeidet sie, wie kommt man wieder raus, wenn man drin steckt. Alles was blieb, war eine ominöse Unsicherheit bei jenen, denen nicht klar war, daß die Mittel kaum Rechts- und Vorschriftenkonform sind. Vor allem nicht Bundeswehr(..)geist-konform.

So wurde - als Beispiel - in der Ausbildung zum Recht im Einsatz von einem Rechtsberater zwar die klassischen Antworten gegeben, aber er konnte keine einzige Frage gerade!, also als Handlungsleitfaden, beantworten. (In der Pause hatte dann ein junger, sympathischer und höchstgeradliniger Offizier beim Kommandeur interveniert und man hat danach die Ausbildung im Stegreif ins Praktikable vereinfacht.)
Beim Wehrrecht ist das ja alles noch egal, aber dieses Verunsichernde und damit 80% der "Konsumenten" Schwächende ist sinnlos, vor allem dann, wenn es vitalere Punkte betrifft.

Könnte ich schreiben und besäße ich ausreichend Phantasie für Fiktionales, so wäre nicht bei der Hälfte zu verbleiben - "wir sind alle verloren und wissen nicht mal genau weshalb" -, sondern es ist der wenigstens der Ansatz mitzuliefern!

Naja, wenn man seine Zeit nutzen will, dann lese man lieber "Infanterie greift an". Oder was über Amundsen.


Aber, wenn man lediglich Opfer vermeiden will, dann hätte eben Amundsen zuhause bleiben sollen. Aber selbst das ist nicht richtig. Wie man am dreißigjährigen Krieg erkennen kann. Der Heidedichter hat nachträglich den Ansatz geliefert, Opfer zu sparen: Hätten sich die damaligen Menschen nur zu Wehrwölfen zusammengetan! Rommel und Sparta haben es gezeigt. Angriff und Dynamik spart Opfer. Nicht die Verteidigung, nicht Kopf in den Sand. Nicht Hoffnungslosigkeit.
Magnus Göller
30. Dezember 2015 04:13
Endzeitliches männliches Zerbrechen. Schon in den Dreißigern, aus der jährlichen Flucht heraus, nichtmal ein ordentliches Besäufnis auf der Alm, dann zurück ins einst noch wenigstens Nährende, dort nur noch Katastrophe und Hilflosigkeit und übers Bestialische bis zum Tode.

Tristesse droite ins Morbid-Ästhetische gezogen. Ins endlich Gottlose.

Für manchen vielleicht eine Erlösung, so ein Buch zu lesen.
Martin S.
01. Januar 2016 19:15
Nein, es ist kein endzeitliches, männliches Zerbrechen.

Es ist ein armseliges Scheitern von fünf Weicheiern ohne inneren Halt. Ein MANN vergewaltigt keine hilflose Frau (siehe Kapitel 2). Funktionsuntüchtige Handys als letztes Symbol einer degenerierten Zivilisation werden schließlich doch entsorgt. Der Reihe nach verrecken diese umherirrenden Hipster und in ihnen sieht es schon vor der Katastrophe verdreckt, verkommen, zerstört aus ...

Wie anders sieht es in "Sieben Reiter verließen die Stadt" aus! Da weiss jeder wo er steht und wo er hingehört. Bis zum Schluss! Trotz Katastrophe mangelt es nie an Lebensmut, Zuversicht und Kampfkraft. "Der Markgraf hatte befohlen - sie marschierten. So einfach war das." ...

Der Vergleich beider Romane macht sehr schön deutlich, woran es mangelt und wo wir wieder hin müssen.

Alles Gute im neuen Jahr wünscht

Martin S.

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