30. November 2015

Das war's. Diesmal mit: Affenmode, Beethoven als Gewährsmann für EineWelt und einem mächtig bunten Deutschland

von Ellen Kositza / 37 Kommentare

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

25. November 2015
Unser privates wie politisches Motto Etiam si omnes- ego non (häufig explizit Thema am Küchentisch) hat nun leiderleider Einzug in die Privatpolitik unserer Vierjährigen gehalten.

Sie (die Kleinste, Gewitzteste und definitiv Verwöhnteste) steht bockig in ihrem Blaumann im Garten, während die Geschwister Laubhaufen zusammenrechen, beim Umgraben helfen, Ställe säubern oder die restlichen Äpfel und Birnen aufzusammeln haben.

Streng: „Hör zu, meine Liebe. Rummaulen und anderen Leuten auf die Nerven gehen, das gibt´s nicht bei uns. Entweder du gehst dort hinten Birnen sammeln, oder du räumst die Sachen aus dem Sandkasten, verstanden?“

Die Kleine will trotzig die Hände in die Taschen stecken. Blaumann hat aber keine Taschen, also steckt sie die Fingerchen zwischen die Druckknöpfe des Anzugs, leicht napoleonesk. „ Nee, mach ich aber nicht. Was ich mach, ist auch ein Beispiel für: wenn es auch alle tun: ich nicht.

26. November
Aha, drei Affen sind also aktuell. Auf Pullovern, als Kettchen und so weiter.
Wir alle kennen die drei symbolischen Affen: Der eine will nichts hören (hält sich die Ohren zu), der andere nichts sehen (Augen zugehalten), der dritte nicht den Mund auftun. Die drei Affen stehen nach gewöhnlicher Lesart für eine Klientel, die alle Sinne „auf Durchzug“ gestellt hat: für Ignoranten. Belehrungen zu Konfuzius wären hier unnötig: kenn ich, weiß ich.

Es sind aber (meiner stets vergröbernden & pauschalen Einschätzung nach) nicht grad Konfuzianerinnen, die zur Zeit mit den Affen gehen. Wieso ist dieses Drei-Affen-Symbol grad en vogue? Vielleicht gibt´s ja irgendeine Serie/ein Model/einen Popstar, die/der die Affen populär gemacht hat? Ich frag die Kinder. Die wissen´s nicht.

Ich: „Dann werd ich wohl mal die nächste Affenträgerin ansprechen.“ Die Kinder verdrehen die Augen. Ihnen ist meine freundliche Fragerei an Unbekannte manchmal peinlich. Ich frage aber gern und aus echtem Interesse. Wofür die Totenköpfe auf dem Schal stehen, wofür die breite Hemd-Aufschrift Camp David im Allgemeinen, das Heritage Island Escape auf der Brust im Besonderen, etc.

Im Falle der Affen treffe ich auf eine kluge Frau. Sie sagt, die Affen bedeuten für sie, daß sie sich von Geschwätz und anderen negativen Dingen enthalten will. (Ich: „Also wirklich - Konfuzius!“ Sie: „Klar, die Inder wußten Bescheid!“ )

Ich präsentiere die schlaue Antwort den Kindern. Notorisches Augenrollen. Tochter: „Klar, und wenn Dir einer mit Hose auf Halbmast erklärt, diese Tragart diene der hygienischen Durchlüftung der Untergürtelzone, dann hältst du das auch für eine rationale Begründung! Daß die Leute immer Gründe haben - das glaubst auch nur du!“

27.11. 2015
Die studienbedingt ausgezogene Tochter: „Seit wir nicht mehr gemeinsam essen, merk ich, daß ich gar nichts mehr mitkrieg.“ Radio & TV mag sie nicht. Nun probiert sie Zeitungen aus. Die Süddeutsche zur Probe ist grad durch. Sie fragt sich ernsthaft, „was das mit einem Hirn macht, das täglich das SZ-Feuilleton konsumiert!“
SZ-Schreiber Brembeck („eigentlich weiß ich mittlerweile schon vor der Lektüre, daß es Kappes ist“) habe heute auf fast einer ganzen Seite argumentativ begründet, inwiefern Beethovens Eroica und Schubert Streichquintett gleichsam als Vorläufer der Neuen (multikulturellen) Weltordnung gehört werden müßten.
Anhand dieser Stücke, so Brembeck, lasse
„sich nachweisen, wie dort die Kategorien des Anderen und des Unvereinbaren, die derzeit auch die Diskurse über die Flüchtlinge und den IS-Terror bestimmen, die Voraussetzung sind, um neue und großartige Kunstwerke zu schaffen. Deren formale Stimmigkeit wird durch diese ihr widerstreitende Elemente nicht gefährdet, sondern ermöglicht - und stellt so alles Vorausgehende in den Schatten.“

Brembeck (Tochter: „Ich gehe mittlerweile davon aus, daß sie gerade im Feuilleton nicht unterhalb eines gewissen Promillegrades schreiben“) untersucht Themenwechsel und die Verwendung sich abstoßender Tonarten und findet (zu Recht), daß dennoch alles ganz wunderbar harmonisiere.

Sein Schluß daraus:
„Niemand, der das Fremde, Neue und Unvereinbare ausgrenzen will, kann sich auf Beethoven und Schubert berufen. (…) Mögen zwei Menschen auch noch so verschieden sein, in der DNA ist der Unterschied zwischen ihnen so gut wie irrelevant.“

Innerhalb dieser Argumentationslinie wäre der gute alte Bach der Bachmann unserer Tage, oder wie?

30. 11. 2015
Turbulenz am Küchentisch: Die Kinder, allgemein & seit je weitgereist und mittlerweile teils an unterschiedlichen Flecken dieses schönen Landes wohnhaft, ahmen aus eigenem Erleben & Hörverstehen nach , wie 1. ein Sachse, 2. ein Anhalter, 3. ein Hesse, 4. ein Thüringer, 5. einer aus Vorpommern, 6. einer aus Bayern, 7. ein Schwabe a) auf dem Bürgeramt, b) im Zeitschriftenhandel c) als Sprechstundenkraft spricht und agiert.

Filmreif! Und wahr! Diese Herzlichkeit! Diese Geschwätzigkeit! Diese Borniertheit! Dieser Pragmatismus! Was für eine Vielfalt!

Kleiner Streit darüber, ob Thüringen/Land und Thüringen/Stadt sich nennenswert trennen lassen oder inwiefern Frustration (Anhalt) und Derbheit (Meckpomm) klar unterscheidbar sind. Und ob jemand, der die Franken kennt, notwendig eine Ahnung von den Baiern hat.

Fazit: „Deutschland ist so was von bunt!“ – „Extrem bunt!“- „Langt jedenfalls!“- „Dicke!“

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (37)

Ein Fremder aus Elea
01. Dezember 2015 09:30
Man darf wohl voraussetzen, daß Beethoven eine genaue Vorstellung davon hatte, welche Gegensätze er zu welchem Zweck vereinigen wollte.

In jeder Schulklasse gibt es wohl einen Schüler oder eine Schülerin, bei dem oder der der Sinn für Humor etwas verschroben ist, so daß man betreten fliehen möchte, wenn er oder sie den Mund aufmacht, aber daß all diese schließlich Kommentatoren bei Zeitungen und Rundfunk geworden sind - befremdlich.

Oder ist es eine Mode?

Dagegen spricht das Selbstwertgefühl dessen, wer Geschmack und Urteilskraft hat.
Carsten
01. Dezember 2015 09:49
"Etiam si omnes" für Vierjährige - richtige Lektion, falscher Zeitpunkt. Auch ein schönes Beispiel. Kind an der Tür: "Maaamaaaa!!!" - Mutter im Wohnzimmer: "Schrei nicht durchs Haus, komm' her, wenn du was willst" - (stapf, stapf, stapf) "Ich hab' Hundescheiße am Schuh"...

Die Süddeutsche klaube ich immer aus der Papiertonne der Nachbarn, um damit den Kamin sauberzumachen und Biomüll einzupacken. Ich denk' schon bei den Überschriften jedesmal: Boah, mein Gott - und sowas LESEN die!

Schöne neue Sezessions-Druckausgabe übrigens!
Roland Müller
01. Dezember 2015 09:55
Zum irrelevanten Unterschied in der DNA ist im Spiegel ist zu lesen:
"Wenn von 3,2 Milliarden genetischen Bausteinen eines Menschen nur ein einziger fehlerhaft ist, kann das die Ursache für eine Erkrankung sein."
Luise Werner
01. Dezember 2015 09:57
Na, wie heißt es so schön auf einem Flugblatt: "Weiß ist bunt genug."
John Haase
01. Dezember 2015 10:21
Ich würde den Artikel über Beethovens Eroica gerne lesen, denn ich finde den Flüchtilanten-Feuilleton generell recht unterhaltsam. Es gab ja einige Artikel in dieser Richtung im letzten Jahr. Zu Beginn des Jahres wurde in einer Filmrezension Paddington Bär gegen Pegida an die Front geworfen, Paddington ist ja Flüchtling, ne? Ob bei Paddington die Gestattung des Familiennachzug moralisch geboten sei wurde nicht erörtert. Der bekloppteste Artikel aber wurde auf diesem Blog glaube ich noch nicht erwähnt, "Beethoven ist bunt, Schubert stellt sich quer" und "Paddington Welcome" sind nichts dagegen.

Meine Damen, Meine Herren, es ist mir ein großes Vergnügen, Ihnen den wahrscheinlich hirnrissigsten Artikel, den ich je gelesen habe, präsentieren zu können. Viele werden sagen: Angesichts dessen, was über die Jahre so an Stuß zusammengekommen sein müsse, könne man die größte Eselei gar nicht so genau bestimmen. Herrschaften, Sie irren sich. Nach der ersten Seite wird Ihnen klar sein: das ist der Sieger! Lesen Sie den Link. Ich verspreche Ihnen, Sie werden sich nicht aufregen, Sie werden lachen! Also, hier ist er:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-voelkerwanderung-ein-begriff-macht-karriere-13874687.html

Einige Perlen für Lesefaule:

"Im Römischen Reich herrschten Wohlstand und Offenheit. Es zerfiel, als die Einheimischen die Nerven verloren und dem Hass auf die Flüchtlinge nachgaben."

"Die Stadt Rom führt schließlich schon ihre Gründung auf einen Flüchtling zurück: Aus den Trümmern des brennenden Troja hatte sich der Grieche Aeneas der Legende zufolge nach Latium gerettet, seinen Vater Anchises auf dem Rücken und seinen Sohn Askanios an der Hand."

"Wären die Römer nicht so verweichlicht gewesen, hätten sie weniger konsumiert, mehr Kinder bekommen und beherzt zu den Waffen gegriffen: Dann könnte es ihr Imperium noch geben. Auf solche Dekadenztheorien liefen schon im alten Rom die Diagnosen der Kulturkritiker hinaus. Es sind ungefähr dieselben Thesen, die der Buchautor Akif Pirincci jetzt auf der Dresdener Pegida-Demonstration verbreitete. Die klassische Version dieser Verfallstheorie stammt von dem römischen Autor Tacitus."

Wenn man das Irrenhaus BRD schon nicht retten kann, dann kann man wenigstens darüber lachen.
Gegendarstellung.
01. Dezember 2015 10:42
Die Brembeck’sche Art der Argumentation ist so neu nicht. Im Deutschunterricht der DDR-Schule gab es ein prototypisches Aufsatzthema: Beweisen Sie am Beispiel von Goethe / Mozart / Rembrandt (hier darf nahezu alles eingesetzt werden), daß dieser ein Vorkämpfer des Sozialismus war. So wie natürlich auch schon die Steinzeitmenschen an der Erfüllung der historischen Mission der Arbeiterklasse mitwirkten. Diese Schreibtechnik beherrschte jedes Kind. Insofern scheint es nicht verblüffend, daß Brembeck Beethoven und Schubert als Vorläufer Bunten Neuen Welt zu sehen vermag.
Winston Smith 78699
01. Dezember 2015 11:58
@John Haase @Ein Fremder aus Elea
Auch wenn ich schon angemault werde, dass ich zu viel schreibe, kann ich nicht anders. Lesenswert ist Hans Heinrich Eggebrecht: Zur Geschichte der Beethoven-Rezeption. Beethoven ist bislang für JEDE politische oder weltanschauliche Richtung vereinnahmt worden. Das liegt einfach wieder mal daran, dass die Denkfigur der Dialektik eine schöne Nutte ist, besonders die Hegelsche, aber in der Folge alle, die sich ranhängen.

Adorno hingegen macht intern zwischem mittlerem Beethoven und Spätwerk, den Gegensatz in der Philosophie Hegels und Kants aus. Gegensätze werden dialektisch aufgehoben oder bleiben schroff (als Anerkennung von Grenzen der Erkenntnis) nebeneinander stehen. Ob nun richtig oder falsch (und ob so etwas, auch zeichentheoretisch geprüft, überhaupt richtig oder falsch sein kann und nicht vielmehr durch das Falsifikationsraster fällt), ist dies allemal von höherer ästhetischer und denkerischer Integrität und verstimmt einen weniger, als wenn man die Absicht der Discount-Ideologen merkt. Anhaltender Kokainkonsum mag wunderbar das Jonglieren befördern, aber behindert wohl Augenmaß - oder diese Leute sind bereits lange gefürchteten Wikipedia-Gelehrten und die Frucht PISAs ward nun doch reif.

Ideen sind in im realen gesellschaftlichen Diskurs wie Lenkdrachen. Die Okkupation jeder Idee für alles Beliebige aufgrund des windig-nuttigen Charakters jeglicher abstrakter Denkfiguren grassiert mal wieder - bekanntermaßen ein Zeichen für Inkompetenz. Die Klimaschützer etwa haben die Kanzel für sich entdeckt, wenn sie predigen, ein kommender Verzicht auf Haben und Erfolg (!) im Leben soll doch als Befreiung empfunden werden. (Als hätte Erich Fromm nicht zu den letzten Dekaden auch was beitragen können.) Oder wenn die Kriegsapologeten seit letzer Woche von einem "Paradigmenwechsel" sprechen und nun mit der goldenen Weisheit rausrücken, dass Krieg in der Geschichte der Menschheit ja doch der Normalzustand sei, unterbrochen lediglich von diesen kurzen, irgendweie komischen Friedensphasen. Als wäre einerseits das nie-wieder-Krieg-Ghandi-Mantra von '45 bis gestern so leicht zu tilgen und andererseits der Einspruch gegen die verschwulte Gesellschaft nicht schon lange vor Akif sogar in kommerziellen Produkten wie "Demolition Man", "Starship Troopers" und "Fight Club" vernehmbar. Ideen konnten sich noch nie gegen pädagogischen Mißbrauch wehren, aber sie überstehen ihn immer.

Fehlt nur noch demnächst der Spruch, dass Frieden degeneriert und Krieg reinigt und stärkt. (Zu hören war schon aus denselben Fernsehfressen, wie kurz vorher noch das Welcome-Gender-PC-Zeug: Terror ist nicht so schlimm, man kann mit Terror leben, siehe Israel, wollen wir uns daran ein Beispiel nehmen.)

Schmu mit Ideen ist relativ leicht aufzudecken, wenn man wenigstens gehört und gesendet oder gedruckt würde. Und vor dem Hintergrund, dass die Medien mit dem aktuellen Ablenkezirkus im Namen der ebenso mißbrauchten Themen Krieg (braucht Merkel gar den Krieg?) und Klimakonferenz (braucht Merkel den Weltuntergang?) einfach weitermachen als wäre nichts, befürchte ich, dass PEGIDA und AfD einfach so lange und medial intensiv vor Wahlen imitiert werden, dass die Macht kreidefressend gesichert bleibt - wenn nicht die Sendeanstalten schleunigst vom Volk übernommen werden.

Machen die oppositionellen Bewegungen so weiter wie jetzt, sind sie somit fürderhin vom Gegner berechenbar, laufen sie vorhersagbar in die Falle der erzwungenen Verunkenntlichung (nicht das Objekt tarnt sich, sondern seine Umgebung), was aber deren bereits etablierten Platzhirschen vielleicht gar nichts ausmacht.
marodeur
01. Dezember 2015 13:11
Wieder eine sehr hübsche Sammlung Fr. Kositza. Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit bei der Befragung von Unbekannten. Ich habe mich nie getraut, wollte aber immer schon mal wissen, warum so viele Menschen mit Werbebotschaften für einen beliebigen Wassersport oder irgend ein amerikanisches College herumlaufen. Viele tragen auch blumige Lobpreisungen des verwendeten Baumwollstoffs (100% deluxe denim extra usw.). Hoch im Kurs steht seit 1-2 Jahren ein Mensch names "Hilfiger" mit riesen Schriftzügen auf T-Hemden und Jacken. Man fragt sich, wie so in ungünstiger Name im deutschen Sprachraum so populär werden kann.

Danke auch an John Haase - wunderbarer Nonsens. Sowas gehört abgeheftet und spätestens in 10 Jahren ins Museum für Willkommenskunde .
Westpreuße
01. Dezember 2015 13:17
Frau Kositza,
und was ist nun mit "ostpreußisch"? Sehen Sie! Eben eben...
,
Es ist so vieles den Bach hinunter gegangen...
Ich allerdings kann es auch nicht, obwohl meine Eltern Ostpreußen waren.
Aber ich verstehe es, kenne viele Ausdrücke, und manchmal mischt sich ein Wort in meine Sprechweise...

https://www.youtube.com/watch?v=19kiR6Wvwuo
Der fröhliche Ostpreuße 1/4

Es wird aber noch gesprochen. Habe ich auf den letzten Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Kassel und vorher Erfurt, beide Male weder offizielle Teilnehmer noch "Grußwort der Verwaltungsspitze der Stadt",
nichts-nuscht, doppelte Verneinung der Ostpreußen, noch gehört.
Auf den Heimattreffen der Landsmannschaften, glaube ich, kann man es auch noch hören.
Wenn ich mal in Ostpreußen bin, besuche ich auch zwei Büros der Sozial-kulturellen-Vereine". Es ist schön dort. Heimatlich. DORT kann man es auch noch hören. Und wie. Einmal machte ich die Augen zu. Eine alte Ostpreußin: Jungchen, ist Dir kodderig...? (=Fühlst du dich nicht gut?)
Ich verlegen: Nein nein, alles in Ordnung.
Ich gab mich dem breiten Singsang träumend hin...

Zur Ehrenrettung der SÜDDEUTSCHEN,...weiter oben:
Vor Jahren hatte mal ein Nachbar so ein Probeabo über den Winter.
Er gab sie mir dann immer:
Ich muß wirklich sagen, die SÜDDEUTSCHE eignet sich ganz vorzüglich zum Ausstopfen der Schuhe, Wanderschuhe usw. in der naßkalten Jahreszeit. Sollte sie mal mit werben:
Keine Zeitung so Schuh-ausstopf - freundlich wie unsere..:
Von Lesern und Nichtlesern der "demokratischen Rechte" bestätigt...
: Grüße aus Thorn an der Weichsel
Gegendarstellung.
01. Dezember 2015 14:04
@ John Haase

Danke für den Hinweis auf den FAZ-Nonsens. Es entgeht einem doch etwas, wenn man dieses Blättchen nicht mehr liest.
Torben
01. Dezember 2015 14:37
Sehr geehrter John Haase,

Sie schrieben:

"...den wahrscheinlich hirnrissigsten Artikel, den ich je gelesen habe...,
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-voelkerwanderung-ein-begriff-macht-karriere-13874687.html"

Sie können getrost JEDEN Artikel von Ralph Bollmann lesen und werden dabei festzustellen, dass sie alle das gleiche bemerkenswerte Niveau aufweisen.
Dag Krienen
01. Dezember 2015 15:43
Die Drei-Affen-Mode ist zwar vermutlich nur ein kurzlebiger Trend. Allerdings neige ich dazu, die Drei-Affen-Kombination (nicht böses hören - nichts böses sehen - nichts böses sagen) als neudeutsches Wappentier anzusehen, als vollendetes Symbol für die Verhaltensmaxime der politisch Korrekten. Dem "letzten Menschen" gilt gemäß Nietzsche auch Mißtrauen-Haben als "sündhaft". Er weigert sich standhaft, notfalls mit krampfhaft verschlossenen Augen und Ohren, das Offensichtliche wahrzunehmen, oder es gar auszusprechen, wenn es im Widerspruch zu seinen angeblich hochmoralischen Prinzipien und Ansichten zu stehen droht. Ihm wird es so ergehen, wie allen"Affen", die sich weigern, die Wirklichkeit wahrzunehmen und angemessen zu handeln.
Man hätte also durchaus mißtrauisch sein sollen, als Drei-Affen-Figuren in den siebziger Jahren plötzlich überall in bürgerlichen Haushalten auftauchten.
Rautenklausner
01. Dezember 2015 16:06
An welcher Fakultät müssen sich die Töchter aus gutem Hause denn studienbedingt ausziehn?
Kositza: Hahaha, net schlecht.
Mister X
01. Dezember 2015 16:12
Ausnahmsweise mal OT:

In der Druckausgabe Nr. 48 vom 21.11.15 des Focus findet sich eine zweiseitige sehr gute Besprechung des Heerlagers:
Die Apokalypse nach Jean. Auch ist die Bezugsquelle, Antaios angegeben.
http://m.focus.de/kultur/medien/kultur-und-medien-die-apokalypse-nach-jean_id_5095607.html
notaras
01. Dezember 2015 17:43
Beethoven und Schubert, die Propheten der neuen Buntheit. Und das auch noch stilkritisch belegt! Eine Glanzleistung von diesem Feuilletonisten, das ist exakt das, was wir von solchen Blättern wie der "Süddeutschen Zeitung" erwarten können. Was sind schon Beethoven und Schubert, deren Musik wir ja alle längst in- und auswendig kennen, ohne die geniale Deutung des Herrn Brembeck? Damit wir den verstaubten Klassikern überhaupt noch etwas abgewinnen können, muss schon "ein Kick" her. Reinhard J. Brembeck hat bereits im Jahre 2003 geschrieben, wie sehr ihn die immer gleichen klassischen Stoffe doch anöden:
„Ein Fluch lastet auf dem Theater. Der Fluch, die ewig gleichen Geschichten immer wieder zu erzählen. Immer wieder wird die treu naive Desdemona von ihrem heroisch doofen Othello erwürgt, immer wieder finden sich Tristan und Isolde nur in der Musik und nicht im Bett.“

http://www.nmz.de/artikel/kick-mal

Ja, und immer wieder erklingen dieselben Akkorde und Melodien bei Beethoven und Schubert, wie langweilig für den Herrn Brembeck, der sie offenbar nur noch dann mit Genuss hören kann, wenn er zwischen den Noten eine Refugee-Welcome-Melodie herauszuhören vermag. Der angenehme Nebeneffekt: auch ein Autor, der eigentlich nichts zu sagen hat, kann so viele, viele Druckzeilen für sich beanspruchen. Herr Brembeck weiss wie's geht: Immer schön "progessiv" daherkommen und auf den jeweils passenden Zug aufspringen.

Hier dieser SZ-Artikel, bezeichnenderweise mit "Kunst und Realität" überschrieben:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/kunst-und-realitaet-akkordmonster-1.2757253?reduced=true

Man fragt sich, wie ein Schreiberling solchen Niveaus sich an eine derartige Fragestellung überhaupt heranwagen kann: "Kunst und Realität" - o Gott - ist dem überhaupt nur entfernt bewusst, was er da macht. So etwas kann ja nur in einem intellektuellem Kurzschluss enden...
Realist
01. Dezember 2015 18:17
Die drei Affen erleben meines Wissens nach aufgrund der sozialen Netzwerke eine Renaissance. Sie sind z.B. Standard-Emoticons in WhatsApp. Mein Jüngster hat sich letztens in der Filiale einer bekannten Bekleidungskette zielstrebig ein Sweatshirt mit diversen derartigen Symbolen ausgesucht. Er war auch nicht mehr davon abzubringen. Lustigerweise zeigt ein Emoticon einen Haufen Hundesch... Er ist davon überzeugt, dass es Schokoeis ist.

Die diversen amerikanischen Colleges sind übrigens in den meisten Fällen frei erfunden. Was will man von einer Branche erwarten, in der die Verpackung alles ist, weil es einen Inhalt gar nicht gibt. Die Bekleidungsindustrie ist so etwas wie die Quintessenz postmoderner Hohlheit.
niekisch
01. Dezember 2015 18:28
Weitere Vorarbeit fürs Buntsein:

https://diskuswerfer.wordpress.com/2015/12/01/arrival-country/
Waldgänger aus Schwaben
01. Dezember 2015 21:37
Das mit der gewitzen Vierjährigen ist ein gutes Stichwort. Sie könnte sofort in die Politik gehen. Dieses Wochenende fand ich einen hermeneutischen Schlüssel zur Interpretation des Geschehens. Es ist keine (j.-b.) Weltverschwörung, nicht der Kapitalismus, nicht die USA, es sind nicht die Freimauerer, es ist die fortschreitende Infantilisierung der Gesellschaft.

Spätere Historiker, wenn es denn welche geben wird, werden tiefsinnige Essays verfassen, warum diese gerade in jenem westlichen Land, in dem am wenigsten Kinder geboren wurden, am schnellsten fortschritt.

Unser Freund Diez, sichtlich gealtert übrigens, schrieb in seiner Kolumne (Ich verlinke sie nicht. )
" Hilfe in der Flüchtlingskrise: Jetzt können wir alles infrage stellen"

Und die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, die auf der griechischen Insel Lesbos ein Flüchtlingsboot in Empfang nahm, sagt: "Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!"

Das ist die Freude Dreijähriger, die Sandburgen im Sandkasten kaputt hauen.

Aber Kinder können auch lieb sein.

Mutti (!) Merkel sagt: "wir schaffen das!". Dazu singt der kleine Konstantin (Wecker), ein dickes Lob von Mutti erheischend, dazu:

Ich hab einen Traum, wir öffnen die Grenzen
und lassen alle herein,
alle die fliehen vor Hunger und Mord,
und wir lassen keinen allein.

Wir nehmen sie auf in unserem Haus
und sie essen von unserem Brot,
und wir singen und sie erzählen von sich
und wir teilen gemeinsam die Not
...

Mehr nicht, damit ich nicht die "Abdruckrechte" vom Konstantin verletze.


Für den, der immer noch zweifelt ein Bild aus einem Artikel, den Diez verlinkt::

Freiwillige [sic!] Clowns am Lageso in Berlin
Monika
01. Dezember 2015 22:41
I never met anyone who didn't have a very smart child. What happens to these children, you wonder, when they reach adulthood?

Fran Lebowitz

Die Vierjährige ist ein "very smart kid". Ich mußte lachen.
https://www.google.de/search?q=smart+child+bedeutung&client=safari&hl=de&prmd=isvn&tbm=isch&tbo=u&source=univ&fir=Uo9d_ZGG-exmGM%253A%252CAakjF4pmDdikAM%252C_%253B0-yVvcQ50mtRAM%253A%252Cq7b6ZAgNX2oHtM%252C_%253BRPF_fOo992An0M%253A%252CHZKaCeV2rWDOjM%252C_%253BvggJJ3tTqQRkeM%253A%252CFcCbCciiWN0ftM%252C_%253BckTOViVSGAiASM%253A%252CRzcVHDIiTyYuLM%252C_%253BK3wxCnysbtIJCM%253A%252CgmAf7QWJZXn8fM%252C_%253B1JUBOdQbgoWCMM%253A%252CxxBa4XIs21I1jM%252C_%253BsvjQsHV5rmm4WM%253A%252Ct3HJuW9SU5lDAM%252C_%253BZa2mj93o-27kpM%253A%252CQ56RrvAErjCNBM%252C_%253B5jXD76UJNiq3-M%253A%252CUo7nfKsitXiqqM%252C_&sa=X&ved=0ahUKEwjK1Zeaq7vJAhUEjCwKHVtqBNIQ420IPQ&biw=1024&bih=672&usg=__O0SUs3Cl_lHm8hnfcZbSOSO0DeM%3D

Und auch die größere Tochter ist nicht ohne. Sie rollt zu recht die Augen. Denn sie weiß genau, daß ihre Mutter eigentlich gar nicht wissen will, was die Affen sollen, oder Totenköpfe oder Hemdaufschriften.
Die Tochter weiß, daß es um keine rationale Begründungen geht. Sondern schlicht um kollektive Sinnwelten. Die teilt man oder teilt man nicht.

Liebe Frau Kositza,
Wie halten Ihre zwei Männer eigentlich die geballte Frauenpower aus ?
Stil-Blüte
01. Dezember 2015 23:11
Uns der klassischen Musik zu entfremden, geschieht durch mancherlei 'Tricks':

Für Ihren, Ellen Kositza, ein Dankeschön. Zu meinen Markenzeichen gehört, noch nie T-Shirt mit Schriftzeichen getragen zu haben. Das ist wenig, aber immerhin.

Zur Musiktradition, über die ich immer wieder erstaunt bin, weil sie nicht zu der Dichter-und-Denker-Tradition der Deutschen gezählt wird. Weil sie sich nicht reimt?
1) Mische Klassische Konzerte mit moderner dissonanter Klang-Welt, um die Hörgewohnheiten zu beeinflussen
2) Benutze klassische Musik als ein einziges Hintergrund-Dudeln in Filmmusiken
3) Mische klassische Musik mit Popmusik (U + E, s. Adorno) bis zur Unkenntlichkeit
4) Mach Volksmusik, die Grundlage der Klassik, im Musikanten-Stadl lächerlich
5) Entsakralisiere Kirchenmusik, indem du sie in die Konzertsäle bringst
6) Wichtig sind die internationalen Star-Tenöre, -dirigenten, -Orchester, nicht die Musik-Werke an sich.
7) Fördere an den Schulen mehr die Musik-Analysen als das Musikantische. Singen von Jungen? Grölen im Fußballstadium.
Loukas Notaras
02. Dezember 2015 05:57
Man braucht in dem FAZ-Artikel nur mal auf den Link zur Vita des Autoren Ralph Bollmann gehen, dann weiß man alles: lange Jahre taz-Journalist. Nun bei der FAZ. Wenn die FAZ-Herausgeber wissen wollen, warum ihnen die Leser weglaufen, darin liegt eine der Antworten.
Der Gutmensch
02. Dezember 2015 09:11
Liebe Monika,

bei allem Verständnis dafür, dass einen andere Eltern nerven - die Frage ist, wie die Leute auf die Idee der "Hochbegabung" kommen? In einem Land, in dem es mittlerweile nicht mehr Standard ist, dass sich Kinder bei der Einschulung die Schuhe alleine zubinden können (gibt doch Klettverschlüsse, ist doch Fortschritt!) oder nach der ersten Klasse einfache Texte lesen und einfache Mathematikaufgaben untereinander schreiben (sie sollen doch erstmal ein Gefühl für Bildung entwickeln!)?

Wo selbst so primitive Vergleichsmaßstäbe wie die o. g. weggefallen sind, ist es recht wohlfeil, darüber zu spotten, dass Menschen, die es schaffen, ihren Kindern diese Selbstverständlichkeiten gegen zunehmenden äußeren Widerstand zu vermitteln, langsam den Eindruck gewinnen, sie seien womöglich von etwas weniger intelligenten Menschen umgeben.

Und denken Sie selber eigentlich soviel anderes? Sie, liebe Monika, meinen doch auch allen Ernstes, dass irgendwelche Billigkleidung für die Menschen tatsächlich "kollektiv sinnstiftend" sei! Und wenn Sie mich in meinem 10 Jahre alten T-Shirt sehen könnten, das irgendeine Sportmannschaft promoted und das ich gelegentlich aus nostalgischen Gründen trage, weil ich es an einem bestimmten Ort gekauft habe und mich bestimmt nicht die Bohne drum schere, was da nun en detail draufsteht, würden Sie dem vermutlich auch irgendeinen verquere Bedeutung beimessen, die das Ganze nicht hat. Es definiert sich aber nicht jeder und in jeder Situation allein über Äußerlichkeiten.

Der Gutmensch.
Ein Fremder aus Elea
02. Dezember 2015 10:34
Waldgänger,

Sie haben völlig Recht, was Deutschland angeht. Es handelt sich um eine Übersprungshandlung in Anbetracht einer Lage, welche man weder versteht, noch beeinflussen kann. Anstatt sich also auf sie zu beziehen, bricht man fröhlich in sein eigenes Universum auf. Die Absicht zur Zeit ist die Legitimierung totalitärer Herrschaft, gleich in welchem Gewand. In Deutschland ist dieser Zustand nicht leicht zu erreichen, weshalb der Flüchtlingsnotstand wahrscheinlich als "next best thing" abgesegnet wurde oder jedenfalls Aussichten darauf hat, abgesegnet zu werden.
ene
02. Dezember 2015 11:04
Lieber Gutmensch,
es können sich auch viele Halbwüchsige (!) in diesem Land nicht mehr allein die Schuhe zubinden, da das nie gelernt wurde - das gehört durchaus auch zu den Erziehungsaufgaben eines Trainers im Sportverein.

Waldgänger,
Zur Infantilisierung der Gesellschaft gehört wohl auch die weitverbreitete Weigerung, etwas als gegeben anzusehen, d.h. etwas ernst zu nehmen.
Das Unabänderliche ist verpönt, wer das anspricht, was sich seinem Wesen nach dem Schönreden entzieht, kann bei seinem Gespächspartner Ausweichmanöver oder Themenwechsel beobachten. Alter, Krankheit und Tod als Tabu. Kommende Probleme werden ignoriert. Ganze Bereiche der Wirklichkeit liegen im Schatten. Auch arme Menschen z.B. kann es in "unserer so reichen Gesellschaft" gar nicht geben. - Was die absehbaren Folgen dieser Masseninvasion betrifft, verhält es sich genauso. Mir wurde schon entgegnet, daß man darüber nicht sprechen wolle, "weil mich das so belastet".
Daß bestimmte Themen den eigenen Wohlbehagen abträglich sein könnten, wird als "Argument" angesehen, um ganze Gesprächsbereiche zu umschiffen. Auch daher die geistige Öde, die immer mehr um sich greift.
Urwinkel
02. Dezember 2015 11:26
Stil-Blüte, erlauben Sie mir die repliziernde Pointe:

2) Benutze klassische Musik als ein einziges Hintergrund-Dudeln in Filmmusiken
3) Mische klassische Musik mit Popmusik (U + E, s. Adorno) bis zur Unkenntlichkeit


Genau das ist der Witz an der Musiksache. Musiker sind und waren immer Provos. Ganz Feinnervige, noch vor Adorno. Was hat der mir posthum eigentlich zu sagen? Ihr T-Shirt Lament lassen Sie bloß nicht die Jungs von Phalanx-Europa.com hören. Immerhin laufen wir außer Konkurrenz: Sie brauchen vermutlich eine Girlie-S. Meine Wenigkeit eine M. Motiv: Feuer und Blut, Jünger.
Monika
02. Dezember 2015 13:48
Lieber Gutmensch,

jetzt haben Sie mich etwas in Schwulitäten gebracht. Und ich möchte die Missverständnisse ausräumen:

Ohne eine theoretische Diskussion über Hochbegabung zu entfachen, möchte ich einfach mal unterscheiden zwischen Begabung und Intelligenz (dazu zähle ich auch Gewitztheit und Humor).
Begabung, Hochbegabung müssen nicht mit Intelligenz einhergehen.
Hätte die Vierjährige die Birnen widerstandslos eingesammelt und sie in Zehnerhaufen sortiert auf den Boden gelegt, hätte das natürlich eine andere Qualität als diese gewitzte, intelligente ( ! ) Antwort. Das Mädel kann Analogien bilden. Ein Erbsen- oder Birnenzähler kann das nicht.
Auch Hochbegabte können sehr dumm sein.
Dumm sind die Kositza-Kinder also schon mal auf keinen Fall !
Ihre Begabungen im Einzellfall kenne ich natürlich nicht.

Intelligente Kinder können zwischen verschiedenen Sinnwelten unterscheiden und deren Qualität auch einordnen. Deshalb wehren sie sich m. E. zu recht gegen die Fragen der Mutter. (Die Mutter weiß das auch ?)

Traurig ist es für intelligente Kinder in einem dummen Umfeld. Ohne die Chance auf einen Qualitätsvergleich.

Was ich z.B. nicht verstehe und auch nicht gut finde, ist das völlig bescheuerte Gimme five:
https://www.google.de/search?q=high+five&ie=UTF-8&oe=UTF-8&hl=de&client=safari.
Trotz Erklärung wird diese Gestik niemals in mein Repertoire eingehen.
Wenn ich sie bei Kindern und Eltern sehe, gibt mir das einen kleinen Stich.

Auch irritiert mich, wenn mir auf Danke nicht mehr mit Bitte geantwortet wird, sondern mit Geeerne .
Diese "Sinnverschiebungen " empfinde ich als Qualitätsverlust.
Aber das ist ein weites Feld.
Jedenfalls sind mir intelligente und gewitzte Kinder eine große Freude !
Jennie
02. Dezember 2015 15:31
Wenn mich auf der Straße jemand Unbekanntes nach der Bedeutung meiner Kleidung fragen würde, würde ich wohl auch sehr unwirsch reagieren.

Jemand aus Offenbach sollte eigentlich verstehen, daß es Gegenden gibt, wo der Stresslevel so hoch ist, das man nicht wegen so einem Blödsinn auf der Straße angequatscht werden möchte?

Kositza: Geb zu, das war mißverständlich/überzogen. Wildfremde auf der Straße anlabern; nee, so weit kommt´s noch. Aber das ich bpsw. im Wartezimmer, wenn alle Spiele gespielt bzw. alle Boulevardblätter gelesen sind, mich mal aus Langweile (und zugegeben, viell. einem Schuß sublimierter Agressivität) fragend an einen Mitwarter wende (mit "Pardon" und Entschuldigungsbitte "für meine Neugier"), das kommt gelegentlich vor. Schon um das Augenrollen meiner Kinder zu genießen.
Stil-Blüte
02. Dezember 2015 16:53
@ Liebe Monika,

auf gut Deutsch nennt man das 'Trotzköpfchen', Trotzalter - eine ganz natürliche Phase eines jeden gesunden Kindes.

Sie zitieren Fran Lebowitz, berühmt-berüchtigt für sardonische (= hämische, höhnische) Essays.

Eine Vierjährige in den Rahmen von 'smart' , was im Deutschen ja eine andere Bedeutung (= raffiniert) hat, zu stellen, fällt mir sehr schwer nachzuvollziehen. Ihre ins Netz gestellten 'kids' sind leider, leider fast allesamt 'smart' gestellt.
Johann
02. Dezember 2015 18:19
"Und ob jemand, der die Franken kennt, notwendig eine Ahnung von den Baiern hat."

Nein, das hat er nicht. Aber angenehm, dass Sie von "Baiern" schreiben. Denn Bayern und Baiern sind natürlich zwei Paar Schuhe. Denn obwohl weite Teile Frankens und Teile Schwabens als Kriegsbeute zu Bayern kamen, deren Einwohner sehen sich natürlich zurecht als Franken und Schwaben. Wobei erst der hellenophile Ludwig I. das Ypsilon in Bayern einführte. Bayern und bayerisch beschreibt so nur die politische Einheit, bairisch hingegen Sprache, Kultur und Abstammung. Politische Grenzen helfen da aber nicht weiter. So sind Franken heute zwar Bayern, aber eben keine Baiern. Zu Baiern (Bajuwaren) gehören hingegen neben den Bewohnern Altbayerns (Ober- und Niederbayern, Oberpfalz), auch die Österreicher (mit Ausnahme der alemannischen Vorarlberger), sowie die Südtiroler.
Deutlicher war das ja auch früher. Der bayerische Rheinkreis hatte mit Baiern ja auch wenig zu tun.
Monika
02. Dezember 2015 21:24
Liebe Stil-Blüte,
auch Sie bringen mich in Verlegenheit. Ja, die amerikanischen Bilder treffen es nicht. Überhaupt nicht.
Mein letzter Versuch:
Ein gewitztes Trotzköpfchen mit der Anmutung einer Käthe Kruse Puppe.

Und zur Langeweile im Wartezimmer. Als Warten noch nicht langweilig war.
Ich erinnere mich an meine Kinderzeiten. Da lagen im Wartezimmer unserer Hausärztin Westermanns Monatshefte und keine Boulevardblätter . Und es hing ein Kreuz an der Wand. Heute steht in vielen Praxen eine Buddha Figur. Warum eigentlich ?
Und wenn mein Sitznachbar ein Tunnel im Ohrläppchen gehabt hätte, hätte die Ärztin wahrscheinlich gefragt, ob sie die Verletzung zunähen soll.
So ändern sich Zeiten und Sitten und Sprache....
Martin S.
02. Dezember 2015 23:01
Eine Buddhafigur ist heute einfach nur ein Symbol für Wellness. Natur, Ruhe, Frieden, Behaglichkeit, usw. usw. Beim Arzt soll das wohl Stress abbauen.
Dieser Lala-Wellnessaspekt hat zwar mit Buddhas Lehre höchstens ganz am Rande zu tun, aber wer will sich schon in die buddhistische Lehre einarbeiten?

Als Höhepunkt dieser Zweckentfremdung sah ich einmal eine Buddhafigur in einem Schaufenster eines Geschäftes für Damenunterwäsche!!!

Ein ans Kreuz genagelter Mensch verbreitet natürlich nicht gerade Wellnessfeeling ...
Tiefergehende Fragen nach Gottvertrauen und den letzten Dingen, die auch bei einem Arztbesuch gar nicht so fern liegen, wollen sich die meisten Menschen ohnehin nicht mehr stellen. Das stört nur - da ham wir's wieder - das Wohlbefinden...
Stil-Blüte
03. Dezember 2015 09:35
@ urwinkel
Gratuliere zum 'Kessel Buntes' Musiklauschen!
Urwinkel
03. Dezember 2015 09:48
Anstatt sich in die buddhistische Religion einzufuchsen, gehen manche, kreative Arzthelferinnen noch weiter: Sie hängen einfach ein großformatiges Plakat auf. Darauf zu sehen eine s.g. Hautfarbencollage. Viele kleine Einzelportraits Dunkelfarbiger. Damit kann man sich eine viertel Stunde lang während des Wartens beschäftigen. Ganz unten rechts findet sich dann ein Unicef-Link samt Spendenaufforderung. Und, weil die Rede von ausgelegten Zeitungen in Wartezimmern war; es gibt in der DRadio-Kultur-Mediathek eine hübsche Wurfsendung. Die läuft darauf hinaus: Ein gealtertes Ehepaar sitzt beim Arzt, im Wartezimmer. Vor ihnen kommt ein abgeranzter Homo aus dem Behandlungszimmer. Ehemann zu seiner Frau: "Ich bin doch nicht verrückt, und fasse hier eine Zeitung an!"
Monika
03. Dezember 2015 09:53
@Martin S.

Danke für diese Erklärung. Ich fühle mich verstanden !

Und es trifft die Sache im Kern:
Die meisten Menschen stellen keine tiefergehenden Fragen und mögen keine Störung ihres Wohlbefindens.
Trotzdem sind die schönen Zeiten unwiderruflich vorbei:
https://m.youtube.com/watch?v=ZUJQZWb32zI
Vielleicht ersetzt bald der Kirchgang wieder das "Weekend feeling "

Ich habe mich noch nie so fremd in meinem Land gefühlt.

Und danke allen, die hier um Worte ringen !
Der Gutmensch
03. Dezember 2015 10:12
Liebe Monika,

da sehen Sie mal, wie weit es schon ist - ich reagiere unwirsch auf die bloße Benennung von Trends und überkompensiere in die andere Richtung!

Die Pferdchen der Hochbegabung und der Distinktion durch Kleidung wurden schlichtweg totgeritten; jedenfalls da, wo ich wohne.

Wenn ich hier so ein kreuzbraves Geschöpfchen, angetan mit offensiv-zurückhaltener Kleidung (und insbesondere Schuhen, die den dezenten Anschein erwecken sollen, sie seien vor mindestens hundert Jahren handgefertigt worden) sehe, gruselt es mich. Und wenn hier jemand von Hochbegabung redet - außerhalb bestimmter Kreise mit grundsätzlichem Hang zum alternativem Bildungsangebot, versteht sich - höre ich da häufig einfach den Wunsch nach Nothilfe gegen staatliche Bildungsmodelle wie „Schreiben nach Gehör“ heraus.

Aber ich bilde natürlich auch kein Maßstab. Maßstäbe gibt es nämlich nicht mehr; jedem zaghaften Versuch der Etablierung irgendeines, und sei es des geringsten Standards, folgen nämlich notwendig a) die Eroberung des Terrains durch eine wildgewordene Horde aggressiver Streber und b) das vorsorgliche Schleifen des zu etablierenden Standards durch dieselbe Horde, die es sich dort, wo es womöglich interessant zugeht, sofort anspruchsvoll gemütlich macht und dann unweigerlich zu dominiert beginnt.

Was kann man dagegen tun? Man muss die Streber bei ihren Schwächen packen und die Türen ganz fest geschlossen halten. Ein zeitgemäßes Äquivalent der Knoblauchkette und des Kreuzes finden - und darüber Schweigen bewahren.

Ihr Gutmensch.
Stil-Blüte
03. Dezember 2015 19:44
@ Monika
Verstehe ich Sie richtig, daß Sie die Werbe-Spots 'aus alten Zeiten' n u r im Vergleich zu heutigen schön finden? Auch damals war Werbung schon Künstlich, glatt, standardisiert.

Hier weiß ich manchmal auch nicht mehr, wer es ernst und wer es ironisch meint. Schlimmer noch, ich beteilige mich daran.
Ellen Kositza
03. Dezember 2015 20:19
Danke, Ende!

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