09. Mai 2016

Wahnsinnsliteratur – T. C. Boyles »Hart auf hart«

von Ellen Kositza / 23 Kommentare

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

aus Sezession 71 / April 2016

Die begeisterte Rezensentin hat auf die Frage, welches deutsche Pendant ihr zu T.C. Boyle einfiele, keine rasche Antwort parat. Walser, Wellershoff in ihren beobachtungssattesten und zugleich rasanteren Romanen? Oder gar, um ein knappes Jahrhundert versetzt, Joseph Roth? Nein, dies alles trifft nicht wirklich zu. Tom Wolfe, ja, vielleicht, aber der schreibt wie Boyle von jenseits des Atlantiks.



Amazon.de rät dem Boyle-Möger zu Houellebecq, damit wären wir immerhin in Europa. Boyles großartiger Roman ist aus drei Perspektiven – dabei nie als Ich-Erzähler – geschrieben: aus der eines siebzigjährigen Vaters, Sten, dessen späten Sohnes, Adam, und Adams kurzzeitiger Gespielin, Sarah.

Um noch kurz bei Parallelen zu verweilen: Sten dürfen wir uns als eine Art Walt Kowalski vorstellen, den Clint Eastwood in seinem Freiheitsmelodram Gran Torino (2008) gegeben hatte: Ein eigen-, vielleicht starrsinniger Typ, ein Vietnamveteran, in dem auch im Alter eine Flamme heiligen (Jäh-)Zorns lodert, ein Mann, der nicht duldet, daß vor seinen Augen Unrecht geschieht, und sei es nur, daß man ihm die Butter vom Brot nehme. Ist es doch schwerverdiente Butter!

Sten, so die Rahmenhandlung, begibt sich der Gattin zuliebe von Mendocino, Kalifornien aus auf eine dekadente (wenigstens: bräsige) Seniorenkreuzfahrt nach Costa Rica. Auf einer Dschungeltour wird die Best-Ager-Truppe von dunkelhäutigen Halunken ausgeraubt. Sten – »einmal Marine, immer Marine« – setzt sich zur Wehr. Er kann nicht anders. Im Würgegriff stirbt, eher versehentlich, der Räuber.

Nur heimlich googelt Sten in den aufregenden Wochen darauf seinen eigenen Namen: er ist ein Held! Was hinterläßt er sonst? Adam, den mißratenen Sohn. Adam läuft seit früher Jugend neben der Spur. Erst versackte er vor dem Computer, dann warf er Drogen ein, jetzt fühlt er sich als Waldläufer auf den Spuren seines verehrten Helden, des Trappers und Indianerfeindes John Colter, gestorben vor 200 Jahren. (Er wandert zugleich auf den Spuren seines zweiten Helden, Hugh Glass, was deshalb interessant ist, weil Glass alias Leonardo di Caprio derzeit haufenweise Ehrungen für den US-Western The Revenant einheimst.)

Adam lebt von Trockenfutter, Schnaps und Drogen. Unterhalb des kahlrasierten Schädels ist sein Körper hart wie ein Fels. In seinem Kopf dreht sich ein Rädchen, es überdreht zuweilen. Rauschgift, Kälte, Entbehrung und Bewegung halten es am Laufen. Adam hat sie nicht mehr alle – und seine Eltern sind machtlos. Der Sohn ist längst volljährig, er ist frei. Er ist John Colter!

Als Anhalter lernt Adam/Colter die eigenwillige Hufschmiedin Sarah kennen, eine fünfzehn Jahre ältere Frau, eine »rechtsradikale Libertäre« – jedenfalls: eine Mesalliance. Wie Adam haßt Sarah »den Staat«, diese (nach ihrer Einschätzung) Strohpuppe, diesen unsouveränen Handlanger von Konzerninteressen, diese unlegitimierte Macht.

Anders als Adam, dessen Widerstand sich auf den ausgestreckten Mittelfinger beschränkt, wird sie nicht müde, ihre Theorie von der Vertragsfreiheit des Bürgers und der Illegitimität der angemaßten Regierung zu predigen und durchzuexerzieren. Sich anschnallen? Nüchtern Autofahren? Gängelungen! Hat Sarah etwa einen Vertrag mit dem Bundesstaat Kalifornien? Hat sie nicht! Sie läßt sich doch nicht einschüchtern! Genau sowenig wie Adam und wie, auf seine Art, Sten.

Sten ist mit einer Bürgerwehr, die sich freilich aus Gründen der politischen Korrektheit nicht Bürgerwehr nennt, auf den Fersen illegaler Mexikaner, die in den kalifornischen Wäldern Schlafmohn anbauen und dabei vor keiner Schandtat zurückschrecken. Dabei ist einer der Drogengärtner der eigene Sohn. Sarah, Sten, Adam: Alle drei kämpfen für ihre je eigene Definition vom bedingungslosen Herr-sein-im-Eigenen.

Blut wird fließen. Scheitern werden sie alle. Wahnsinnsliteratur!

+ T. C. Boyle: Hart auf hart, München: Hanser 2015. 400 S., 22.90 € – hier bestellen!

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (23)

Wahrheitssucher
09. Mai 2016 13:26
Frau Kositza, mein Kommentar gilt all Ihren Rezensionen, vor allem auch dem von Sarrazins Wunschdenken.
Sie haben das Zeug dazu, Kult zu werden, Sie erscheinen unangreifbar und unschlagbar.
Was der Grund sein dürfte, daß es die bundesrepublikanischen Leitmedien Sich in absehbarer Zeit nicht werden leisten können, Sie einmal zu Wort kommen zu lassen, sei es in Wort oder schon gar nicht in Bild und Ton...
Arminius Arndt
09. Mai 2016 14:08
Ich möchte dem Teil Rezensionen/Buchbesprechungen der Zeitschrift Sezession und allen seinen Autoren auf diesem Wege jetzt endlich einmal meinen ausdrücklichen Dank aussprechen.

Alleine für diesen Teil lohnt sich schon das Abonnement der Zeitung. Ich schlage, sobald ein neues Heft bei mir eingeht, immer zu erst diesen Abschnitt auf und lese ihn. Wohl nirgendwo findet man auf übersichtlichem Raum derart viele Anregungen, sich wieder einmal ein neues Buch zu kaufen und den eigenen literarischen Horizont zu erweitern, als dort.

Und das Ganze geht stets auch eindeutig und deutlich über den Tellerrand der schönen, neuen Rechten hinaus, wie auch diese Besprechung von T.C. Boyles neuestem Werkt belegt. Mit den Buchbesprechungen zeigt die Sezession echte Vielfalt und verdient dafür Anerkennung und Respekt.

Das Buch "Hart auf Hart" habe ich (noch) nicht gelesen, aber wenn ich den Original-Titel "The Harder They Come" mit einem "Hart auf Hart" übersetzt lesen muss, dann sträuben sich ein bisschen bei mir die Härchen im Nacken. Zwar sind die Übersetzungen aus dem Englischen im Allgemeinen seit etlichen Jahren deutlich besser geworden, seit dem die meisten Übersetzer englischer Werke auch tatsächlich einige Jahre in den entsprechenden Ländern gelebt haben, aber das hier lässt mich dann schon etwas zweifeln ... ("The harder they come, the harder they fall" ist der volle Sinnspruch, nach meiner Kenntnis, der wohl auch dem Titel zu Grunde gelegen haben dürfte. Gibt auch ein entsprechendes Lied. Hart auf Hart gibt das nicht wieder und erinnert eher an zu viele Schimanski Krimis - auch wenn es dort Faust auf Faust hieß - als an Kenntnis anglo-amerikanischer Redewendungen oder Liedtexte).

Aber bitte mich jetzt richtig verstehen:

Ich will jetzt hier nicht den English Nerd geben, denn nichts ist schlimmer, als dass in jeder Online Diskussion zu Büchern, Filmen, Serien etc. spätestens im dritten Kommentar zwingend erwähnt werden muss, dass die Übersetzung sch... ist und dass man sich doch bitte nur und ausschließlich das Original reinzuziehen habe. Dies kommt insbesondere zwingend in jeder Diskussionen über Filme oder gerade die neuerdings so beliebten Serien vor, bei denen man es nicht wagen darf, zu erkennen zu geben, dass man sie nicht im Original gesehen hat. Das will ich damit nun wirklich nicht zum Ausdruck bringen. Aber der Verweis auf angeblich schlechte Übersetzung und miese Synchronisation kommt so sicher, wie nach Godwin´s Law der andere Vergleich.

Nun gut, evtl. war ich ja jetzt der erste :)
conservative
09. Mai 2016 15:27
Gegen sein einem grandiosen Feuerwerk ähnelnden Frühwerk "Wassermusik" is T.C. Boyles "Hart auf Hart" leider nur sehr gefällige Belletristik. Wie die meisten seiner Werke.
niekisch
09. Mai 2016 19:13
"Alle drei kämpfen für ihre je eigene Definition vom bedingungslosen Herr-sein-im-Eigenen."

Eine sehr gelungene Rezension.

Dennoch lasse ich zumindest mich nicht von solchen Leben leiten: die Leute sind anders, die Verhältnisse sind anders, das Land ist anders.

Wir müssen unsere eigenen Widerstandsformen finden.
Nemo Obligatur
09. Mai 2016 19:31
Knackige Rezension. Vielleicht lese ich das Buch tatsächlich, wenn ich mal Zeit habe. Wie es ausgeht, wird ja hier nicht verraten. Übrigens, wenn das Buch von einem deutschen Autor wäre und in einem namhaften deutschen Verlag erscheinen würde, dann wüßte ich schon ungefähr, wie es ausgeht: ungefähr so, wie zwei von drei "Tatorts". Mein Resümee: Amerika, Du hast es besser!
FFlecken
10. Mai 2016 01:41
Das Werk ist vor kurzem angekommen. Bin gespannt, ob ich mich dem Urteil von Frau Kositza anschließen kann. Der Stoff ist schon einmal sehr interessant.
Rabenfeder
10. Mai 2016 02:13
@ conservative


„Wassermusik“ war mein erster T.C. Boyle Roman und eine Offenbarung; während meiner Soldatentage nach schwerer Verwundung für viele Wochen ans Bett gefesselt (der Feindkontakt *hust* ereignete sich allerdings nicht im Felde, sondern in der örtlichen Turnhalle), fand ich in Boyles Gewaltmarsch in das Herz der afrikanischen Finsternis einen idealen lesestofflichen Begleiter meiner Genesung.
Während ich eine ganze Reihe von Boyles Romanen für sehr gelungen halte („Grün ist die Hoffnung“ z.B. oder „Willkommen in Wellville“ oder auch „Riven Rock“), sind andere in meiner Erinnerung verblasst.

Definitiv nicht verblasst ist „The Inner Circle“, ein grandioser Blick in den inneren Kreis um den Sexualforscher Kinsey, aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters; im Kern eine wunderschöne Liebesgeschichte aber auch eine entlarvende Zurschaustellung so mancher bizarren Auswüchse der Moderne.
Soweit ich sie denn gelesen habe (ein paar Romane kenne ich (noch?) nicht, darunter den von Ellen Kositza vorgestellten) halte ich „Wassermusik“ und „The Inner Circle“ für die beiden besten Werke aus der Feder von T.C. Boyle.



@ Arminius Arndt


Warum sollten sie das Original nicht der Übertragung in eine andere Sprache vorziehen dürfen, ohne sich als Snob zu gebären oder gar zu empfinden?
Gerade was Filme und Serien anbetrifft, so ist die Originalsprache nicht selten unbedingt Teil des filmischen Genusses, selbst wenn man kein Wort der Originalfassung versteht. Ein paar Untertitel zur allgemeinsten Orientierung genügen...

Wer wollte z.B die Filme, aus dem folgende kurze Ausschnitte entnommen wurden, etwas in Deutsch oder Englisch sehen?


https://www.youtube.com/watch?v=CxtDOcNYyg4


Spoiler-und Gewalt-Alarm für den nächsten Clip:


https://www.youtube.com/watch?v=qEsPqJOKmiQ
Arminius Arndt
10. Mai 2016 12:02
@Rabenfeder,

ich wollte dazu keine Seitendiskussion aufmachen. Selbstverständlich ist in vielen Fällen derjenige, der die Sprache des Originals gut genug beherrscht, besser damit bedient, sich die Sachen im Original anzusehen, zu lesen etc. Wogegen ich mich wenden wollte, ist dieses ewige kokettieren mit vermeintlichen Sprachkenntnissen, nur weil man die Teilnahme an ner Poolparty in Miami zu nem Auslandssemester hochfrisiert hat. Das geht mir ernsthaft auf den Nerv und darauf zielte ich ab.
Rabenfeder
10. Mai 2016 16:21
@ Arminius Arndt


...und ich wollte ergänzend zu ihren Bemerkungen lediglich darauf hinaus, dass in vielen Fällen auch derjenige, der die Sprache des Originals nicht beherrscht, das Original bevorzugen sollte, wenn er denn in den vollen cineastischen Genuss kommen will.

Sie kritisierten die deutsche Übersetzung des vorgestellten neuen Romans von T.C. Boyle, wo aus „The harder they come“ ein „Hart auf hart“ verbrochen wurde.
Wie könnte denn eine getreuere Übertragung ins Deutsche lauten?
Vielleicht „Wer das Schwert nimmt“ (der wird durch das Schwert fallen)?

Boyles „The inner Circle“ wird, noch schlimmer, in Deutschland als „Dr. Sex“ verkauft. Buchstäblich gilt wohl: Sex sells...

Hier wäre ein schlichter und wenig einfallsreicher Titel „Der innere Kreis“ oder „Im inneren Kreis“ viel besser gewesen, aber vielleicht trauen die Verleger dem deutschen Leser nicht genug, um das Buch ohne das reißerische und dümmliche „Dr. Sex“ auf den Markt zu bringen.
Rabenfeder
10. Mai 2016 16:37
@ Arminius Arndt


Nachtrag: ich finde gerade im Netz eine Übersetzung des Liedtextes von
Jimmy Cliff, auf den sie wahrscheinlich anspielen

https://www.youtube.com/watch?v=xGE4dnrPPZQ


Übersetzt wird "The harder they come, the harder they fall" mit "Je näher sie (sich?) kommen, desto härter fallen sie".

Hmm.
Elektriker
10. Mai 2016 17:15
@Rabenfeder

"the harder they come, the harder they fall"

"Wer Wind sät,..."
Nordlaender
10. Mai 2016 21:21
@ Arminius Arndt

"Das Buch „Hart auf Hart“ habe ich (noch) nicht gelesen, aber wenn ich den Original-Titel „The Harder They Come“ mit einem „Hart auf Hart“ übersetzt lesen muss, dann sträuben sich ein bisschen bei mir die Härchen im Nacken."

Etwas Lebendiges kann niemand einfach so aus dem Boden herausreißen, um es am anderen Orte wieder einzupflanzen, ohne daß sich dieses verändert. Dem jetztsässigen Techniker mag es wohl gelingen, FORTRAN in COBOL 1:1 zu übersetzen, solche Übertragungen sind jedoch nur bei toten Konstrukten möglich.

Wer ein erotisches Verhältnis zur Sprache hat, der musiziert, kann nicht darauf verzichten, nach dem Vernehmen einer englischsprachigen Melodei eine deutschsprachige zu komponieren. Weil ich ein Gemütsmensch bin, komme ich mit der Differenz zwischen englischsprachigen und deutschsprachigen Melodien viel besser zurecht als mit einem "am Ende des Tages" (Jürgen Trittin) oder einem "nicht wirklich" eines einschlägigen spannenden Bildungsfrolleins.

@ Ellen Kositza

"Die begeisterte Rezensentin hat auf die Frage, welches deutsche Pendant ihr zu T.C. Boyle einfiele, keine rasche Antwort parat. Walser, Wellershoff in ihren beobachtungssattesten und zugleich rasanteren Romanen?"

Wer ist dieser Walser? "Ein fliehendes Pferd" hatte durchaus gewichtige Momente, aber nach dem "Tod eines Kritikers" kenne ich den nicht mehr. Ein widerliches Dokument sittlicher Verwahrlosung, das allenfalls ein Böhmermann noch überbieten kann. Dann im Zweifelsfalle schon lieber Schlammcatchen. Der Kölner Neorealist Wellershoff hat mich lange Jahre meines Lebens begleitet, und ich meine, er wurde im rechten Milieu noch nicht hinreichend gewürdigt. Oder täusche ich mich da?
Stil-Blüte
10. Mai 2016 21:59
Hätte ich gern auch als Video gesehen!

Kann ein Original mit einer Kopie identisch sein? Übersetzung auf Neudeutsch: Vernetzung der Sprachen, um Muttersprache über den alltäglichen Gebrauch schätzen zu lernen. Ob eine Übersetzung gelungen ist oder nicht - unwichtig; derjenige, der die Originalsprache nicht spricht, freut sich, weil sie ihm über die Muttersprache zugänglich gemacht wird.

Was translatio zu leisten vermag? Vier Beispiele:


- Shakespeare: Schlegel/Tieck, die 1. Übersetzung. Bis dahin hat 'Schäkspeare' (so schrieb Goethe ihn im Shakespeare-Aufsatz) für das örtliche globe teater gedichtet. Das Tor zur Welt öffnete sich, über den deutschen Verlagsmarkt und nach und nach wurde daraus Weltliteratur. Schlegel/Tieck: romantisch, Gassenjargon getilgt. Facit: Und doch überlebt ' Die widerspenstige Zähmung'; Nie kann Zähmung widerspenstig sein, nur die jeweilige Person. Aber doch!

- Nabokow: 10 Jahre abgemüht, 'Eugen Onegin' 1:1 ins Englische zu übersetzen. Ins Deutsche mit Hilfe der Deutsch-Amerikanerin Baumann. Was kam dabei heraus? Bei Verl. Stromberg 1330 S; 2/3 Anhang.

- Die alten Griechen noch und nöcher übersetzt. Im Deutschen: 'Antigone' von Hölderlin bis Brecht. Jedesmal auf's Neue ein Erlebnis.

- Goethe
Über allen Gipfeln ist Ruh'
Über allen Gipfeln
spürest du
kaum einen Hauch.
Warte nur,
balde ruhest du auch.


Wider und wieder übersetzt, immer fort... (vor allem Japaner arbeiten sich an dieser Vollkommenheit ab)

Merken wir auf: Übersetzungen bereichern uns als Leser und Übersetzer und schaffen eigene Kultur und Religion (Luther!!! Nur die Banausen wollen nun das Poetische des 'Vaterunser' begradigen)

Und warum sollten wir nicht der deutschen Eigenart dienen, zu 'synchronisieren'? Ein ganzer Berufszweig hat es zu höchster Vollkommenheit geschafft.

Die besten Übersetzer sind die Dichter, die sich als Nachdichter nicht zu schade sind.

Also: Nicht mehr mit der Übersetzung von Boyle hadern.
Heinrich Brück
10. Mai 2016 22:37
Übersetzungen sind so eine Sache, aber wenn es um die Übersetzung des Titels dieses Boyles geht, stimmt die Übersetzung wohl. Einen Ikarus muß es immer geben, sollen die Götter doch auch ihre Chance erhalten.
Im Vergleich des ersten Abschnitts schneidet die Übersetzung schlechter ab. Auch wenn meine Englischkenntnisse nicht wirklich ausreichen - nach Mark Twain wurde es ohnehin langweiliger -, sind moderne Übersetzungen nicht wirklich gelungen. Es fehlt der dichterische Geist. Jedenfalls nach meinem deutschen Sprachgefühl. Als Verdeutlichung, unser deutscher Shakespeare scheint besser zu sein als der englische.
Zum Thema Synchronisation, gewinnen die amerikanischen Produktionen in der Nachvertonung beträchtlich. An der Umsetzung dieses Kulturimperialismus sind wir Deutsche nicht ganz unschuldig. Eine japanische Serie mit Untertiteln wäre für unsere Kultur passender.
Englisch bleibt die Sprache der Wirtschaft, also des Geldes, aber die Gründe weshalb das Fernsehpublikum dermaßen verblödet wird sind andere. Die englische Welt hat das Niveau auf deutscher Seite nach unten gedrückt.
Eigentlich interessiert mich dieser Boyle nicht; und in letzter Zeit Übersetzungen immer weniger.
Hart auf hart, vorangestellt ein Zitat von D. H. Lawrence: "The essential American soul is hard, isolate, stoic, and a killer. It has never yet melted."
Unser Europa hat einen Michelangelo hervorgebracht; und die deutsche Literatur der Gegenwart erinnert mich an diesen bequemen Adam: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ac/Creaci%C3%B3n_de_Ad%C3%A1m.jpg
Michael Schlenger
11. Mai 2016 09:38
An den Herrn Elektriker:

Ihre angedeutete Übertragung von "The harder they come, the harder they fall" - also: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten" trifft das Gemeinte und vewendet dazu ein vertrautes deutsches Sprachbild.

Dazu muss man sich den Kontext des alten Lied- und Filmtitels vergegenwärtigen, den der Buchtitel schlicht übernommen hat. Dort gibt ein sich unterdrückt wähnender Protagonist seiner Hoffnung Ausdruck, dass das rücksichtlose Vorgehen der Herrschenden diesen dereinst ein entsprechendes Ende bereiten wird.

Eine gute Übersetzung leistet genau das: keine ängstlich wortgetreue Nachbildung der Vorlage - die ist oft unmöglich oder wirkt hölzern - sondern möglichst genauer Ausdruck der ursprünglichen Botschaft in der eigenen Sprache.

Von daher ist es einerseits legitim oder sogar notwendig, bei besagtem Titel von der Wortwahl im Englischen abzuweichen. Andererseits geht die vom Verlag gewählte deutsche Fassung vollkommen an der Aussage des Originals vorbei.

Bei Film- und Buchtiteln ist dies aber meist nicht dem Unvermögen des Übersetzers geschuldet, sondern hat eher vertriebliche Beweggründe.

Wer einmal in einer deutschen Bahnhofsbuchhandlung die Titel der dort ausliegenden Literatur studiert, wird dort ein recht simples Strickmuster erkennen. "Hart auf hart" passt genau dazu, womit ich nichts über den Inhalt des mir unbekannten Buchs gesagt haben will.

An Herrn Brück:
Sie schreiben: "... sind moderne Übersetzungen nicht ... gelungen. Es fehlt der dichterische Geist. ... Als Verdeutlichung, unser deutscher Shakespeare scheint besser zu sein als der englische."

Nun, als Beleg Ihrer These, dass modernen Übersetzungen der dichterische Geist der alten Übertragungen fehlt, ist der Vergleich mit dem englischen Original natürlich ungeeignet. Vielleicht meinten Sie: "Die klassischen deutschen Shakespeare-Übersetzungen scheinen besser zu sein als die zeitgenössischen."

Wenn Sie dagegen wirklich der Ansicht sind, die deutschen Übertragungen seien dem Original in dichterischer Hinsicht überlegen, liegen Sie falsch. Shakespeares unendlich anspielungsreiche Wortwahl, seine kühnen Sprachschöpfungen, sein ans Musikalische grenzende Klang- und Rhythmusgefühl, das erlebt man in seinem ganzen Reichtum nur im Original.

Die klassischen deutschen Übersetzungen kann man zwar in sprachlicher Hinsicht als Kunstwerke eigenen Ranges ansehen. Doch letztlich bleiben es Übertragungsversuche, denen zwangsläufig die eigene künstlerische Idee fehlt. Die hatte nur Shakespeare und sie erfasst man am vollständigsten - sofern das überhaupt möglich ist - in den von ihm gewählten Worten.

Ein Japaner wird bei einer guten Übersetzung eines Goethe-Gedichts gewiss
etwas vom im Original verborgenen Reichtum erahnen. Er kann aber unmöglich dasselbe erleben, was wir Deutsche bei der Lektüre empfinden.

Sprachen sind nun einmal keine 1:1 ineinander umrechenbare Codes - es sind Abbilder einer Empfindungs- und Erfahrungswelt eines Volkes. Daher scheint im freiwilligen Nichtgebrauch der eigenen Sprache - wie er von einigen Kommentatoren zurecht angerissen wurde - die Geringschätzung oder oft auch Unkenntnis des Eigenen auf.

Ebenso ist der Versuch, sich fremdsprachlicher Literatur im Original anzunähern, Ausdruck der Wertschätzung des Andersartigen. Das als Bildungshuberei abzutun, geht fehl. Wer sich mit Fremdsprachen befasst, lernt dabei stets auch etwas über das eigene Denken und Fühlen. Das ist dann kein Akt der Unterwerfung, sondern Selbstvergewisserung.

Kürzlich fand ich in einer englischen Publikation sinngemäß folgende Weisheit:

"Jemand, der zwei Fremdsprachen beherrscht, ist dreisprachig.
Jemand der eine Fremdsprache beherrscht, ist zweisprachig.
Jemand, der keine Fremdsprache beherrscht, ist ein Engländer".

Sich nicht auf fremdes Sprachen einlassen zu müssen oder zu können, ist demnach Ausdruck einer - möglicherweise unverschuldeten - Begrenztheit und - wenn Absicht dahinter steckt - Borniertheit...
Heinrich Brück
11. Mai 2016 12:59
@ Michael Schlenger
Ich habe noch viel zu lernen. Mein Mißtrauen grenzt zuweilen an Borniertheit, aber mit den "Englischen" werde ich kein Freund mehr.
Eine deutsche Buchhandlung aus dem Jahre 2016 mit einer aus dem Kaiserreich verglichen; als die Deutschen noch ihre eigenen "Abbilder einer Empfindungs- und Erfahrungswelt" hatten.
Was ist das Eigene? Die Gegenwart scheint eine selbstzerstörerische Substanz ohne den geringsten Unterhaltungswert zu verkörpern.
Was dem Ganzen den Sinn nimmt, darum geht es. Oder anders ausgedrückt: Bevor deutsche Schriftsteller ihre Texte in englischer Sprache veröffentlichen, auch wenn sie in der deutschen Sprache schreiben, wäre das Zurückdrängen des Neuamerikanischen eine Option.
Sascha
11. Mai 2016 16:30
Zu Übersetzungen: Ich kann als als jemand, der lange Zeit in Russland gelebt hat und die russische Sprache gut genug beherrscht, dazu ein Beispiel geben: Pasternaks Übersetzung von Goethes Faust.

Ich hab mal beide nebeneinander gelegt und verglichen. Und teilweise kann ich Ihre Position nachvollziehen: Es gab genügend Stellen, wo die Übersetzung schlechter ist als das Original. Besonders an den Stellen, die im Deutschen die bekanntesten sind. Aber sogar einige im russischen eher selten verwendete Versmaße waren in der Übersetzung konsistent schlechter.

Trotzdem gab es auch andere Stellen, und auch hier Versmaße, wo nach meinem Gefühl die russische Übersetzung besser war. Was natürlich nicht so verwunderlich ist, Pasternak ist ja nun nicht irgendein hergelaufener Übersetzer.

Also, Übersetzungen sind anders. Und in gewissen Aspekten schlechter. Aber nicht unbedingt in allen - in anderen Aspekten können sie sogar besser sein. Und das selbst bei Poesie, wo die Schwierigkeit der Übersetzung ja noch im Vergleich zur Prosa vervielfacht ist.
Michael Schlenger
11. Mai 2016 20:39
An Heinrich Brück:

Mir ist zwar nicht vollkommen klar, was Sie ausdrücken wollen, aber ich habe dennoch das Gefühl, dass mir Ihre Position sympathisch ist. Ihnen missfällt offenbar ein im Übermaß erfolgender Einzug des Fremden in eine vermeintlich intakte Welt - am Beispiel der Flut englischsprachiger Beiträge in den Medien, verstehe ich das richtig?

Da sind wir uns einig - nur hilft es nicht, sich gegen diesen Einfluss zu wenden, sondern es gilt das Eigene dagegen zu setzen, in der Hoffnung, dass es wirkungsmächtig genug ist, um seinesgleichen zu erreichen.

Die Welt des Kaiserreichs war in alle Himmelsrichtungen schon genauso offen, wie wir es heute angeblich erst machtgierigen "Wohltätern" aus Übersee zu verdanken haben. Da lag ja nicht nur in Fraktur gedruckte "teutsche" Erbauungsliteratur herum, sondern in den Großstädten gewiss auch französische und russische Werke, lateinische und griechische Klassiker ohnehin.

Ein Unmenge von Ramsch gab es freilich auch, der deutsche Groschenroman ist seither vermutlich nicht wesentlich schlechter geworden, allenfalls zahlreicher.

Dennoch konnten unsere Altvorderen mit dieser breitgefächerten Auswahl offenbar umgehen: Zur Entspannung einen Kriminalroman und zur Erbauung einige Verse von Hölderlin - oder von mir aus Eichendorff als Gutenacht-Lektüre.

Unsere Zeit wird allein die architektonische Qualität einer Stadtbücherei von 1910 unmöglich erreichen können - diesbezüglich leben wir seit den 1920er Jahren in einer Verfallszeit. Aber Zugriff auf inhaltliche Qualität in jeder Hinsicht haben wir prinzipiell wie noch nie zuvor.

Das eigentliche Problem dabei sind weder die bösen Angloamerikaner, sondern die eigenen Landsleute, die mehrheitlich so versaut sind, dass sie ausschließlich den klebrigen Kitsch aus Übersee konsumieren und das erhabene Eigene oft nicht einmal mehr kennen.
K. Fuchs
11. Mai 2016 20:54
@ Arminius Arndt
Die Titel von übersetzter Literatur werden vom Verlag festgelegt. Unter Marketinggesichtspunkten, versteht sich.
ene
12. Mai 2016 11:18
Unsere Zeit wird allein die architektonische Qualität einer Stadtbücherei von 1910 unmöglich erreichen können

Michael Schlenger,

Nicht nur die archtektonische! Wer mal einen Blick in den Mikrofiche-Katalog der Staatsbibliothek Berlin geworfen hat, wo noch zu sehen ist, was man zur Kaiserzeit alles erworben hat, so z.B. die Übersetzungen deutscher Texte in verschiedene europäische Sprachen, überhaupt : was die alles an ausländischer Literatur erworben haben, breitgefächert - der kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. - In jeder besseren Tageszeitung war zudem "Europa" in Form von ausführlichen Berichten aus Politik und Kultur anderer Länder präsenter als heute.
Unser heutiges Niveau ist jämmerlich dagegen.
Stil-Blüte
17. Mai 2016 18:16
@ Schlenger @ ene

Gefällt mir, unaufgeregt Übersetzungen vom/in's Deutsche/n freundlichst zu beäugen.

@ene

(mene muh/ raus bist du/ raus bist du noch lange nicht/sag mir erst wie alt du bist), ich mag die Episoden, die Sie aus der Geschichte herauskramen: Anschaulichkeit überzeugt mich. Garantiert auch andere.

Beim Stöbern in der Vergangenheit bin ich oft fassungslos, wie sehr Kultur, Bildung, Sprache der Deutschen im Kaiserreich auf allen Stufen geschätzt und gefördert worden ist, inclusive der 'Karikaturen' gegen die Obrigkeit. Damals gab es im deutschen Sprachraum kaum noch Analphabeten. Heute wachen sie unaufhörlich, erreichen letzthin die 5 Millionen Linke rühmen an den Schulen stattdessen 'soziale Kompetenzen'. Grauenhaft.

zu 'Boyle': reingelesen. Tiefgang und/oder Hochspannung? Was gesagt wird - mein Eindruck - ist Wissen/Erleben aus 2. Hand.

Kositza: So handhaben es die besten Schriftsteller! Vielleicht lesen Sie lieber Autobiographisches? Aber, bekanntlich: Über Geschmack usw. usf...
Andreas Walter
17. Mai 2016 19:49
Für Sie, Frau Kositza. Weil Sie doch auch so gerne staunen und wundern.

Der "Todesstern" des intergalaktischen Imperiums schlägt zurück:

http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/shahak-shapira---bei-der-na-chsten-antisemitischen-u-bahn-schla-gerei-weiss-ich-bescheid-6845784.html

Dabei war es doch die Lordkanzlerin Darth Merkel, welche die lieben Muslime vom Planeten Syria zu uns eingeladen hat, wahrscheinlich als Verbündete im Kampf gegen die demokratische Rebellenarmee der AfD wie aber auch gegen die Freie Volksfront von Germani A.

Der Jedi sich warum beschwert bei uns, ich mich fragen tu darum.

https://www.youtube.com/watch?v=uF2djJcPO2A
Andreas Walter
18. Mai 2016 12:57
Ach so. Aufmerksame Leser meines letzten Kommentars haben bereits bemerkt und mich darauf hingewiesen, warum man ihn vielleicht nicht auf Anhieb versteht. Denn es geht tatsächlich nicht aus dem von mir verknüpften Artikel des Stern hervor, dass es sich um 7 junge Muslime, und nicht um 7 Deutsche gehandelt hat, mit denen Shahak Shapira aneinander geraten ist.

Was man natürlich auch für Zufall halten kann, solche Ungenauigkeiten, oder eben auch für ein absichtliches, böses Spiel. Darum hier noch zur Ergänzung:

http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/israeli-in-berliner-u-bahn-angegriffen---ich-bin-nicht-euer-kanal-fuer-noch-mehr-rassistischen-mist--3475492.html

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.