31. Mai 2016

Siegfried Gerlich gegen die »ewiggestrigen Blechtrommler«

von Nils Wegner / 36 Kommentare

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Siegfried Gerlich, studierter Philosoph und Musikwissenschaftler, ist seit etlichen Jahren Autor der Sezession. Zuletzt erschien im aktuellen Aprilheft ein Porträt des britisch-kanadischen Psychologen John Philippe Rushton. Aufgrund seines publizistischen Wirkens auf der falschen Seite der Wohlfühlgrenze hat sich nun ein alter Freund öffentlich von ihm gelöst – was die Zeit-Beilage Christ & Welt dokumentierte.



Der Ausschlag zu diesem ausgesprochen lesenswerten Austausch kommt von Christ & Welt-Kulturredakteur Andreas Öhler: Gerlich sei für ihn »hinüber«, weil »hinübergewechselt« (schlechtes Wortspiel im Original) zu den Schmuddelkindern, die ohne Unterlaß »so unschuldig zündeln«. Das Allerschlimmste daran: Nicht einmal aus »tagesopportunistischen Motiven, aus Frust oder Angst«, sondern wohlüberlegt und konsequent.

Es springen dem Leser des Öhler-Briefs zwei Dinge förmlich entgegen: Einerseits die obsessive Fixierung Linker, die Rechte beschreiben, auf eine letztlich durch Furcht motivierte Haltung. Man kann dazu auch die Juni-Ausgabe des Kursbuch lesen; die fließt förmlich davon über, und kein Artikel kommt ohne das Wort "Angst" aus. Da die "Willkommenskultur" der Wir-schaffen-das-Republik das Erbe der Aufklärung und alleinig vernunftgemäßes Handeln für sich reklamiert, ist es offenbar einfach nicht vorstellbar, daß sich intelligente Menschen aus freien Stücken und mit voller Absicht für einen Weg entlang des »schmalen Grats« entscheiden.

Zweitens, und das ist vielleicht noch viel bedeutsamer: Wovor der »Moraltrompeter von Säckingen« (Gerlich über Öhler) letztlich fassungslos steht, ist, daß Gerlich tatsächlich Ernst gemacht hat. Ernst gemacht mit einer wirklichen Überzeugung, die sein alter Weggefährte zuvor nicht für voll genommen hatte, weil er es 1) schlicht nicht für möglich gehalten hatte, daß sich einmal die Stimmung im Lande deutlich gegen den Status quo aus liberaler Selbstbespiegelung wenden könnte, und weil 2) der Austausch beim Wein unter gelehrten Freunden in heutigen Zeiten anscheinend nur noch aus »kleinen philosophischen Knallfröschen« besteht, die manchmal krachig sind, aber nie wehtun.

Es ist aber eben nicht alles irgendwie "meta" und "ironisch"; es gibt noch ernstes Werk zu tun. So ist denn auch Gerlichs Replik – ganz wie sein seine kühle Abfertigung Peter Trawnys in der aktuellen TUMULT – sehr souverän: Wer »mit all diesen Oskar Matzeraths« herumkumpelt, die die Republik mittlerweile zu bieten hat und die sich in ihrer hypermoralischen Kanzelpose auch noch pudelwohl fühlen, der kann eben einfach nicht aus seiner Haut. Schade drum, mehr aber auch nicht.

Siegfried Gerlich, der in drei Wochen Hauptredner beim IV. Staatspolitischen Kongreß sein wird, hat ein geradezu emblematisches Zeugnis einer eigenen Haltung abgeliefert; das ist heutzutage selten genug! Einer Veröffentlichung gerade im Zeit-Appendix zuzustimmen, war mutig; daß diese tatsächlich stattgefunden hat, überrascht. Für ehrlich Interessierte liefern diese zwei Briefe um Längen mehr Einsichten in eine geistige Position, als die Pressebesuche der vergangenen Woche bislang abgeworfen haben.

Siegfried Gerlich bei Antaios:
+ Ernst Nolte. Portrait eines Geschichtsdenkers, Schnellroda 2009 – hier ansehen und bestellen!
+ Richard Wagner. Die Frage nach dem Deutschen, Wien 2013 – hier ansehen und bestellen!

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (36)

Julius Krull
31. Mai 2016 09:17
Ich habe dieses Interview in der letzten Ausgabe auch verschlungen. Vor allem, weil Andreas Öhler ein maßgeblicher Redakteur des alten Rheinischen Merkurs war.
Ab und an spielte ich in den letzten Jahren noch mit dem Gedanken, wie schön es wäre, würde es den Merkur noch geben, schließlich war er unverwechselbar und stand einfach für ein breites konservatives Denken und Empfinden in Sprache und Auftreten.
Dieses Interview macht mir jedoch klar, das er heute nur eine weitere Zeitung wäre, die in der unheimlich wichtigen Einwanderungsfrage (über eine Million in wenigen Monaten!) keine Widerworte von sich gibt. Vielleicht es es sogar die Kardinalfrage und der ehemalige Merkur hat nicht mal mehr die Kraft zu erkennen, was in den letzten Monaten Unheimliches passiert ist.
Es ist bedauerlich.
maria
31. Mai 2016 09:41
...ach naja, heute ist die politische Einordnung von Menschen meist lediglich ein Ausdruck von "ich mag dich" oder "ich mag dich nicht". Reine Subjektivität. Da wird dann irgendwann jeder rechts sein, immerhin hat es ja die geschätzte Frau Sahra Wagenknecht seit der doch wohl hoffentlich veganen Schokotorte zur " faschistischen Menschenfeindin" geschafft, zumindest wenn man den antideutschen Rassisten glaubt. Herzlichen Glückwunsch!

Und ebenso bei den Identitären: die stehen ja jetzt unter Beobachtung vom VS. Viel Spass beim Glotzen und nix finden! Währenddessen fackelt die Antifa(miläre) in Berlin, schwelgt bei Indymedia und es passiert nix.
Untermalt wird die Subjektivität dann noch von folgendem Welt-Artikel, bei dem der Begriff "Psychose" die einzige Dimension ist, die es noch fasst. Da wird leztlich behauptet, dass die Identitären Neonazis seien, und das könne man dran erkennen, dass man nichts erkennen könne. Das nennt man in der klinischen Fachsprache psychotisch!
Zeit für rechtliche Schritte!

http://www.welt.de/politik/deutschland/article155362459/Neonazis-die-so-tun-als-wenn-sie-keine-waeren.html
kW
31. Mai 2016 11:35
Es gibt Menschen, die springen vom Zug, wenn er voll am Laufen ist. Die sind dem Zeitgeist voraus. Das sind meine Tochter und ich, alles mitgemacht, Markenklamotten, Schminke, Spaß haben, Urlaub, braun werden, kurze Haare ich- Tätos, Loveparade, Schuleschwänzen, Disco-sie. Nun sind wir beide keine Wegschmeißer, dafür aber Selbermacher. Früher waren wir auch allem gegenüber aufgeschlossen, heute nicht mehr. Die Sache mit den Homos ist ausgeufert und die Buntheit in den Städten nicht mehr zu ertragen. Und dann gibt es die Unbeweglichen, die kommen bei jeder Kursänderung zu spät an. Das sind jetzt die sogen. Linken, wobei ich unterscheide zwischen Globalisten und Nationalisten, denn erstere haben nicht kapiert, daß sie zum Helfer des Großkapitals geworden sind.
Thomas Wawerka
31. Mai 2016 12:22
Nils Wegner: ... daß Gerlich tatsächlich Ernst gemacht hat. Ernst gemacht mit einer wirklichen Überzeugung, die sein alter Weggefährte zuvor nicht für voll genommen hatte ...

Das ist seltsam, nicht wahr - gerade unter Intellektuellen schlägt es ein wie ein Hammer, wenn man mal was wirklich ernst meint. Man hat sich ein mehrsträngiges Denken angewöhnt, eine Art "Netz-Denken", und kommt dann einer so, breitet sich eine gewisse Fassungslosigkeit aus. - Mit einer links-grünen Bekannten, evangelische Theologin, sprach ich über den Islam und verwies auf den ersten Artikel des "Augsburger Bekenntnisses", in dem der Islam verdammt wird - eine Bekenntnisschrift, auf die lutherische Theologen immerhin ordiniert werden. Ich meinte, das müsse man doch auch mal zur Kenntnis nehmen. - Große Augen, Schweigen, dann die Antwort: "Aber das kannst du doch unmöglich ernst meinen!"

Vielleicht ist es weniger der Inhalt als die Verweigerung dieser Haltung von "meta" und "ironisch", was so irritiert - weil diese Haltung scheinbar fundamental ist.

"Die Gewöhnung an Ironie, ebenso wie die an Sarkasmus, verdirbt übrigens den Charakter, sie verleiht allmählich die Eigenschaft einer schadenfrohen Überlegenheit: man ist zuletzt einem bissigen Hunde gleich, der noch das Lachen gelernt hat, außer dem Beissen."
Winston Smith 78699
31. Mai 2016 12:36
@ kW

Aber bitte machen Sie sich doch nicht alles, was mit äußerlicher Lebensfreude und der Pflege von Attraktivität zu tun hat, mies. Ein Jesus von Nazareth hat sogar gerade den Fastenden noch geraten, sich nicht demonstrativ verlottern zu lassen (wie manche Hinduasketen etwa, oder die Säulenheiligen). Konsumverzicht kann und sollte doch in Prioritätensetzung bestehen. Ich mag passende Kurzhaarfrisuren sehr und auch gepflegte Frauen, besonders aber, wenn deren Attraktivität für sie selbst nicht im Mittelpunkt steht uns sie über all dies auch lachen können. Als könnte man immer nur eines von beiden haben - fesch oder klug - vielleicht will man uns dies auch nur so einreden. Dabei zeugen doch auch geschickt gepflegte Schönheit und die modische Aussage von "Style" von ästhetischem Empfinden und, zeichentheoretisch gesehen, auch von Kulturkompetenz und insofern Wissen. Mode ist alles andere als dumm, ähnlich wie Werbung oder Popmusik. Damit will ich Ihnen aber auch eine Abkehr von der Äußerlichkeit nicht schlechtreden, wenn Ihnen dies gerade entsprechen sollte.
kW
31. Mai 2016 13:06
@ Winston Smith, was Sie beschreiben, sind die 2 Extreme und Sie mahnen an die Mitte. Recht haben Sie, wir sind jetzt auch keine Mauerbläümchen mit Dutt und Brille und leben auch nicht allein vor uns hin. Was mich an der BRD seit langem stört, sind eben die 2 Extreme, entweder man ist gut und verteufelt die Hitlerzeit oder man ist "extremer" Nazi und fliegt aus Sendungen wie Eva Herman. Eine differenzierte Sichtweise der Geschichte ist nicht möglich. Kaum einem fällt auf, daß die DDR sozusagen die Weiterführung des 3. Reiches war., nur mit kleinen Schlenkern der Geschichtsverfälschung und Marx und Engels-Geschichten. Die Arbeiterbewegung von Lasalle bis Honecker.
Meier Pirmin
31. Mai 2016 13:14
@Julius Krull. Der Hinweis auf den Rheinischen Merkur würde vertiefter Analyse bedürfen. Am Anfang dieser Zeitung standen neben dem ehemaligen Schweiz-Exilanten Kramer, einem philosophischen Katholiken, Otto B. Roegele, Träger des Gregorius-Ordens geworden und Paul Wilhelm Wenger, beide ehemalige Theologen der Eberhards-Karl Universität Tübingen. Wenger hat sich sogar mal zur Abtrennung Mittel- und Ostdeutschlands ab der Elbe bekannt, weil er nun mal ein westlich und französisch orientierter Rheinischer Katholik war und gelegentlich schrieb und sagte, was Adenauer nur dachte. Auf jeden Fall war der Rheinischer Merkur nicht national orientiert, sondern *europäisch-abendländisch", also stark christlich konservativ. Nicht vergleichbar mit der heute in der EU herrschenden Ideologie. Eduard Verhülsdonk, ein Chefredakteur, war Sohn eines bekannten Zentrums-Abgeordneten, seine Frau eine überzeugte Kämpferin gegen Abtreibung bis ins hohe Alter. Klar war man radikal antikommunistisch. Noch bedeutende vergleichsweise rechte Mitarbeiter waren Theo Maria Loch, ehemaliger Offizier der Waffen-SS und wichtiger CDU-Mann für Rundfunk und Fernsehen, sehr systemintegriert; dann natürlich der rechtsliberale Herwig Gückelhorn, ein Wirtschaftsredaktor im Geist von Wilhelm Röpke. Im Zweifelsfall war man katholisch, also z.B. der Bischofskonferenz nahestehend.

Noch gute Mitarbeiter des Rheinischen Merkur waren Peter Berglar und Gerd-Klaus Kaltenbrunner als christliche Rechtskonservative. Diese Leute waren sicher klar "rechter"als Siegfried Gerlich und hatten vom Denken mit dem Linkskatholiken Oehler nichts gemein. Die Mentalität des Rheinischen Merkur gehört indes im deutschen Katholizismus endgültig der Vergangtenheit an; am allerwenigsten würde man sich auf den Nationalen und zugleich mystisch orientierten Joseph Görres berufen. In diesem ist indes eine noch heute bedenkenswerte philosophische Tiefe enthalten, genau so wie beim Bayern Franz Xaver von Baader.

@Wawerka. Ihre Beiträge sind regelmässig im denkwürdigen Sinn unzeitgemäss. Ich ergänze, dass in der katholischen Kirche seit 1454, mit wiederholten päpstlichen Erlassen noch im 17. Jahrhundert, jeweils um 11 Uhr vormittags gegen den Islam im Allgemeinen und gegen die Türken im besonderen geläutet wurde. Das Elfuhrläuten hat historisch diese und keine andere Funktion, wird jedoch nur noch an wenigen Orten praktiziert, wobei der Anlass in Vergessenheit geriet. Ich erlaubte mir aber bei der Schweizer Minarettabstimmung darauf aufmerksam zu machen, dass 500 Jahre Läuten auf das Unbewusste stärker wirke als 14 Tage noch so demagogischer Plakataushang der Schweizerischen Volkspartei bzw. des Egerkinger Komitees. Die Warnungen der Vorfahren beruhten selbstverständlich nicht nur auf Ressentiments.
Ostelbischer Junker
31. Mai 2016 13:44
Aus der Reaktion des Herrn Öhler kann man va einen Schluss ziehen: dass sie Politik und das Schicksal ihrer Heimat offenbar für einen großen Witz halten, der, da sie die Pointe glauben zu kennen, ihnen wohlige Gefühle bereiten soll. Nur das Gefühl dass man zu bestimmten Fakten entwickelt soll maßgeblich sein, nicht der Fakt an sich. Der Islamist, der neben ihm steht und gemeinsam mit ihm auf den ,,Rechten" einprügelt bereitet ihm ein besseres Gefühl als mit eben jenem Islamisten zu sprechen und möglicher Weise zu erkennen, wen er sich da engagiert hat. Er meint einen Knallfrosch erworben zu haben, mit dem man mal ein wenig gegen ,,Nazis" knallern kann, während jener in aller Ruhe die letzten Zünder verdrahtet.

Herr Gehlich steht im Reich der Wahrheit. Dieses muss wachsen damit Deutschland, Europa überlebt. Jeder von uns muss ein Semper Augustus dieses Reiches werden
Meier Pirmin
31. Mai 2016 14:05
@Ostelbischer. "Jeder ein Semper Augustus des Reiches" vergisst, dass Reiche, zumal auch das Römische, nun mal vergänglich sind. Mit dieser Erkenntnis gilt es die Nerven zu behalten, aber natürlich auf keinen Fall auf eine Selbstmord-Ideologie hereinzufallen. James Burnham, ehemaliger amerikanischer Kommunist, war in der Tat der Ansicht, die westliche Zivilisation könne nur durch eine Ideologie des Selbstmordes in Frage gestellt werden. Dazu zählte er den amerikanischen "Liberalism".
Julius Krull
31. Mai 2016 14:18
@Meier Pirmin
Danke für Informationen. Ich habe hier noch die letzte Ausgabe Nr. 47 vom 25.11.10 liegen. Als ich um die zwanzig war (vor neun Jahren) kam mir der RMCuW eher als Seniorenblatt, sehr CDUnah und überhaupt nicht "angesagt" vor. Heute würde ich seine dezidiert christliche Perspektive in der Breite seiner vielen guten Ressorts ab und an gerne lesen. Seine "europäisch-abendländische" Perspektive fehlt mir doch.
Hartwig aus LG8
31. Mai 2016 14:28
"Ein tiefer Riss geht durch unser Land ..." - Kubitschek in Leipzig 2015. Und nun die ZEIT mit "Der Riss durch uns".
Ich bin erstaunt über die Veröffentlichung dieses Briefwechsels in der ZEIT.
Die Generalmarschrichtung der gleichgeschalteten Presse wird undeutlicher. Auf der einen Seite hysterisches Geschrei(b) ala Boateng als Nachbar, dann wieder staunenswerte Kommentare oder Interviews, die die Refugee-Politik entlarven und den Deutschen ihren Dachschaden aufzeigen. Und nun der Brief von Gerlich in der ZEIT.

Ich habe den Eindruck, dass der nunmehr überdeutliche und als irreparabel wahrgenommene Riss für allmähliches Zähneklappern sorgt. Noch nicht in dem Sinn, wie es Öhler andeutet (Diskursende nach Machtübernahme der Rechten), aber im Sinne, dass man eine derartig konfrontative Situation nicht (mehr) erwartet hatte, die Folgen nicht einschätzen kann und nach Orientierung sucht.
Julius Krull
31. Mai 2016 14:47
@Hartwig aus LGB
Es ist nicht die ZEIT, sonder der sechsseitige Rheinische Merkur. Die letzte Zeitung, bis auf Preußisiche Allgemeine und Junge Freiheit, die noch einigermaßen konservativ bzw. nicht zeitgeistkonform war. Die ZEIT versprach, dass die RM-Redakteure unabhängig bleiben. Bis auf die Erkenntnis, dass eine solche Kooperation schon aus sich selbst heraus Angleichungen bewirkt, ist bis heute zumindest eine Unabhängigkeit erkennbar.
Meier Pirmin
31. Mai 2016 15:37
@Krull. Die von Ihnen angesprochene "europäisch-abendländische" Perspektive veranlasste mich vor ziemlich genau 50 Jahren, als Abiturient den Rheinischen Merkur zu abonnieren. Dabei fiel mir zum Beispiel ein Beitrag von Bruno Bandulet auf, mit dem ich dann in Briefkontakt trat. Bandulet gehörte oder gehört klar zur demokratischen Rechten.
eulenfurz
31. Mai 2016 16:08
Seltsam, daß manche Leute im anderen Menschen vorrangig ein politisches Subjekt sehen, das zu Freund oder Feind jenseits und diesseits von "Barrikaden" zu erklären sei. Das zeigt, wie tief die andressierte Hysterie fruchtet und wie weit ideologisch-totalitäre Zuordnungen greifen.

Andererseits gab es diese Muster in allen vergleichbaren System; früher sagte man sich eben von befreundeten "Juden" oder "Klassenfeinden" los, je nachdem, was gerade von der Obrigkeit moderiert wurde. Es wirft eher ein Licht auf den Lossagenden, denn auf den Losgesagten.
Ostelbischer Junker
31. Mai 2016 16:16
@ Meier Pirmin :
Ich meinte damit auch kein Reich von dieser Welt sondern das Reich, dessen Armeen man nicht zählen kann und dessen König man nicht sieht. Was mit weltlichen Ordnungen geschieht - nun der Ruhm der liberalen Welt vergeht gerade vor unseren Augen.
Valjean72
31. Mai 2016 16:38
Ich habe soeben beide Stellungnahmen auf ZEIT-Online gelesen und bin nach wie vor überrascht, dass Siegfried Gerlichs Position gleichberechtigt veröffentlicht wurde.

Schwankende Gemüter des herrschenden Gesinnungsestablishments könnten, ob der überlegenen Replik, glatt versucht sein politisch "hinüber" zu kippen.
A.H.
31. Mai 2016 17:28
Diese Erfahrung wurde auch mir zuteil, als ich einer Bekannten von meiner AfD Wahl berichtete.

Mit entsetzt ungläubigem Blick , der von diesem Zeitpunkt an immer abschweift und nicht mehr meine Augen trifft, wenn ich über Politik spreche, schaute sie mich an.
Begleitet von leeren Worthülsen, die mich nicht treffen können aber ihre Ahnungslosigkeit offenbarten.
Nein, die Freundschaft haben wir uns noch nicht gekündigt, aber ich kann die Schizophrenie in dieser erkennen. Sie möchte sich nicht damit beschäftigen. Sie möchte nicht hinterfragen. Nein, das passt nicht in ihre linksdrehende Weltsicht.
Ein Gespräch über die Zustände in unserem Land wird von ihr nun konsequent gemieden.

Ich glaube viele Menschen haben einfach zu viel Angst. Angst ihr Weltbild könne aus dem eicherustikalen Rahmen fallen.
Der hat doch immer so schön gepasst. Rechts und links.
Sie verstehen dann die Welt (Menschen ,wie mich, um sie herum) nicht mehr. Zu tief sind ihre Gedanken geprägt worden.
Und dann wenden sie sich wieder ihrer Talkshow zu, um zu vergessen.
Das ist so schön angenehm, bequem und sedierend.
Der störende Faktor wird ausgeblendet.
Unglaublich, ich weiß.
niekisch
31. Mai 2016 17:38
"veranlasste mich vor ziemlich genau 50 Jahren, als Abiturient den Rheinischen Merkur zu abonnieren."

@Meier Pirmin: auf diese Idee bin ich vor fast genau 50 Jahren als 17 jähriger Abiturient ganz und garnicht gekommen. Ich war damals linksnationales Mitglied der Jungen Nationaldemokraten, las Nation Europa, aber auch Ho Chi Minh und Frantz Fanon.

Bruno Bandulet würde heutzutage sicher als Neonazi abqualifiziert.
Hartwig aus LG8
31. Mai 2016 18:34
Zum Briefwechsel selbst ist zu sagen, dass Öhler einen Popanz aufbaut. Wann haben Deutsche das letzte mal eine Flüchtlingsherberge in Brand gesetzt, als sie bewohnt war? Er suggeriert Frauen und Kinder in flammenden Heimen mit seinem "Immer wieder brennen Flüchtlingsheime". Und weiter: "Andersfarbige werden beleidigt und attackiert." Herrje, so ist das nun mal, sobald man sich in Gesellschaft, egal in welcher, befindet. Das sind keine Verbrechen, sondern Vergehen oder Ordnungswidrigkeiten.
Ich frage immer wieder, was denn eigentlich erwartet wird, wenn binnen einiger Monate ca. achthunderttausend Männer fremder Ethnie, fremden Glaubens und fremder Kultur ohne Rückfahrkarte in ein Land strömen? Alles andere als ein Gemetzel ist doch äußerst bemerkenswert, wenn ich es mal so ausdrücken kann. Leute wie Öhler sollten das zumindest zu würdigen wissen.
Öhler spielt mit gezinkten Karten. Er sollte nicht satisfaktionsfähig sein. Als Freund neigt man zur Milde. Dennoch halte ich das Tischtuch für wert, zerschnitten zu werden. Gerlich sollte es zerschneiden.
Meier Pirmin
31. Mai 2016 19:24
@niekisch: Bandulet Neonazi? Das könnten doch nur politische Neurotiker unterstellen. Von mir aus ist er repräsentativ für den allerdings umstrittenen rechten Habermann-Flügel der Hayek-Gesellschaft, und natürlich stand er dem 2012 verstorbenen Roland Baader nahe, in dessen Namen er neulich ausgezeichnet wurde. Er gehört zu den diskursstarken Denkern Deutschlands. Sofern man das nicht toleriert, wird man kaum von geistiger Freiheit sprechen können. Bin noch gespannt auf sein Buch betr. 1. Weltkrieg, das ich aber bis anhin nicht gelesen habe.

Niekisch war mir damals kein Begriff; erst bei der Lektüre der Schriften Jüngers wurde mir Näheres über diesen Nationalbolschewisten klar, für mich kein Demokrat. Zahlreiche, die ähnlich dachten wie er, wurden um den 30. Juni 1934 und noch später massakriert, es waren sozusagen die Trotzkisten der sog. deutschen Revolution.

Betr. NPD. Sie war unter von Thadden fast so stark, dass sie 1969 statt 4,5% die Hürde beinahe hätte nehmen können für den Bundestag, was die Grosse Koalition verlängert hätte und wohl die Ostverträge zunächst verhindert. Was es gebracht hätte, lässt sich kaum sagen, weil die Meinungsverschiedenheiten der Grossen Parteien trotz der starken Worte von Strauss und dem alten Guttenberg nicht so gross waren, wie sie nach aussen den Eindruck machten. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg war aber im Gegensatz zu seinem Enkel ein konservativer Politiker mit Substanz. Selbst Herbert Wehner erwies ihm Achtung.
niekisch
31. Mai 2016 22:27
@Meier Pirmin:

Zustimmung! Nur eine kleine Korrektur: es waren 4,7%, was damals ein Schock war, aber angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände im Wahlkampf und angesichts der Kriminalisierung der Partei in den Medien verständlich.

Den nn niekisch habe ich angesichts der geistigen Geradlinigkeit Ernst Niekischs, was deutsche Unabhängigkeit anbelangt. Da kann sich mancher Heutige eine Scheibe abschneiden.

All die früheren Ideen, Organisationen und Mittel werden im jetzt kulminierenden Vernichtungskampf gegen alles Deutsche nichts mehr bewirken: wir brauchen eine quasi religiöse Erweckungsbewegung, die sich in von mir einmal so genannten Deutschen Gemeinden autonom von a l l e m anderen organisieren, um als kommende Minderheit im Weltgebiet Deutschland zu überleben.

Ich grüße Sie!
Kaliyuga
31. Mai 2016 23:06
Werter Herr Meier Pirmin,

betreffs des wirkungsvollen Läutens der Kirchenglocken, Glückwunsch zum wiederholten Gedanken, Ihnen folgende Arbeitshypothesen zum Testen, wollte man denn auf diesem wichtigen Gebiet je in den Niederungen von Wissenschaft argumentieren:

Es hat, um Wirkung in Reinheit zu erzeugen, von Hand zu erfolgen über eigens ausgewählte Läuterbuben und nicht mittels von Zeitschaltuhr aktiviertem, auf Lautstärke getrimmtem elektronischem Datenträger. Material und Weise des Gießens spielen mit in das Wirkungsgefüge hinein. Noch das nach und nach erfolgende Ausklingen formt bei abnehmender Amplitude den Empfänger (Über diesen wäre freilich eine eigene Abhandlung abzufassen).

Dazu zur rechten vollen Stunde über die Felder wandernd des Eichendorffs „Mondnacht“ rezitiert.
Monalisa
31. Mai 2016 23:24
Gerlichs Antwort fehlt das Konziliante, das Zugewandte. Im Gegensatz zu den Äußerungen seines sich verabschiedenden Freundes ist bei ihm nicht ansatzweise mehr zu erkennen, weswegen er diesen Freund überhaupt einmal schätzte.

Eine Freundschaft bewahren zu wollen, nur weil es konservativ, somit prinzipiell richtig (?) ist - darauf wird Öhler wohl pfeifen (und jeder andere Mensch mit einem Minimum an Selbstachtung).

Inhaltlich bin ich Gerlich viel näher, aber er wirkt ehrlich gesagt menschlich verbohrt und zieht das ganze Register neurechten Wortgeklingels gegenüber einem ehemaligen Weggefährten, der letztendlich kaum Verantwortung für den Zustand des heutigen Deutschlandes tragen dürfte. Das wirkt weder besonders souverän, noch sympathisch.

Allgemein ist Pathos ein äußerst schwierig einzusetzendes Stilmittel, das nur dem ganz großen Könner vorbehalten bleibt.
Gustav Grambauer
31. Mai 2016 23:43
Wenn Heiner Müller als Kommunist die Größe gehabt hat, z. B. Gómez Dávila "Grüße über den Graben" zuzurufen, so war das keine "Theaterpose" sondern eine Äußerung aus der, jawohl, Haltung eines freien Geistes heraus, was aber seinerseits nur ein freier Geist erkennen kann.

Wiederum Hacks hat Müller in seinen Notzeiten und auch sonst gefördert wo er nur konnte, weil er sein Talent gesehen hat - über alle bis zum Ekel gesteigerte persönliche Antipathie hinweg und vor allem: obwohl er politisch überquer mit ihm war, ihn sogar als politischen Erzfeind angesehen hat. Zugleich hat er ihn öffentlich ad hominem angegriffen ("... Salpeter in einem Haus, Läuse auf einem Kind oder der Mantel von Heiner Müller am Garderobenhaken eines Vorzimmers" usw.).

Diese Ebene von Verkehr bedarf zusätzlich einer ganz bestimmten geistigen Substanz, die ebenso niemand erkennen kann, der sie nicht innehat.

Wer stattdessen ein Programm in seiner Birne für "Substanz" hält, wird sich auch ganz dolle groß vorkommen, wenn er seine Freunde nach politischer Präferenz sortiert.

Nun das Pardoxon: Freundschaft lebt eigentlich von dieser Substanz. Dies gilt auch, wenn einer der Freunde diese Substanz nicht hat ...

- G. G.
Meier Pirmin
01. Juni 2016 07:58
@Kalyjuga. Ihre Theorie der Kirchenglocken beeindruckt mich, klar, dass das Läuten von Hand, auch von Jean Paul im Schulmeisterlein Wutz beschrieben, noch eine andere menschliche Intensität hat, es geht sozusagen um die Erstursache des Läutens. Andererseits lehnte Paracelsus im Geist einer radikalen Reformation um 1525 das Läuten ab, forderte für den Christen das ganz Stillwerden, dieses Läuten war für ihn Lärm und Unfriede, jedenfalls war es im Sinn des päpstlichen Befehls von 1454 eine Art Kriegshandlung. Natürlich war die Lage ernst, und selbst Erasmus von Rotterdam war nur gegen den Krieg unter Christen, betrachtete aber die Abwehr des Islam als legitim auch aus pazifistischer Sicht. Es ging ihm um seine humanistischen Werte, wiewohl die Araber immerhin Aristoteles und Platon damals rezipiert hatten, teilweise sogar so vermittelt, dass die griechischen Denker über lateinische Rückübersetzung aus dem Arabischen nach Europa kamen. Auch dies gilt es zu bedenken bei den christlich-muslimischen Beziehungen, die zwar wiederum etwas anderes sind als die Multikultiideologie, von der kein Muslim etwas hält.

@Niekisch. Danke für die Präzisierung. Dass der historische Niekisch Respekt verdient, da bin ich mit Ihnen und Ernst Jünger selig einig. Ihre Ausführungen über eine moderne Erweckungsbewegung wirken etwas endzeitlich-hysterisch. Der Nichthysteriker Adenauer mahnte dennoch gewohnheitsmässig, ganz ruhig und besonnen, dass die Lage noch nie so ernst gewesen sei wie heute. Das darf 2016 erst recht gesagt werden, aber man muss wohl auch heute die Nerven behalten dabei. Und das mit den 4,7% NPD 1969 ist fürwahr eine vertiefte Analyse wert. Die Partei hätte sich beim Ueberschreiten der 5Prozentmarke wohl erst recht bis zur Wirkungslosigkeit zerstritten, aber Willy Brandts und Walter Scheels Koalition hätten keine Mehrheit gehabt, das allein wäre ein gewaltiger historischer Unterschied gewesen, wiewohl nicht zu überschätzen. Es war, wie 1989 offenbar wurde, ein historischer Fehler der deutschen Rechten, in Brandt einen Landesverräter zu sehen.


@Monalisa. Was das Wortgeklingel betrifft, so steht Öhler seinem ehemaligen Freund Gerlich in keiner Weise nach. Beeindruckend aber die Formulierung von Heiner Müller, "Grüsse über den Graben" zu senden, wie @Grambauer zitiert. Auf diese Weise pflegte ich schon mal freundlichen Kontakt mit einem kommunistischen sowie einem islamistischen Intellektuellen. Der Austausch führte dann und wann zu Hintergrundinformationen über den Gegner, an die man anders nicht gekommen wäre. Noch wichtiger war aber der abgemachte Verzicht auf persönlichen Hass bei kompromissloser Ablehnung einer feindlichen Ideologie. Das wäre auch heute von Bedeutung.
Nordlaender
01. Juni 2016 09:37
@ Meier Pirmin

"Es war, wie 1989 offenbar wurde, ein historischer Fehler der deutschen Rechten, in Brandt einen Landesverräter zu sehen."

Anders als die Christdemokraten, die unser Volk gegen "Zukunftsdeutsche"
(Martin Gillo, sic) austauschen wollen, wollten der Walter und der Erich die Mitteldeutschen nicht auslöschen. Herbert Frahm war klug genug zu berechnen, daß ein besetztes vereinigtes Deutschland, bevormundet durch die EU, geschröpft durch den EURO-Aderlaß, keine Gefahr ist für die Herren, denen er diente.
Monalisa
01. Juni 2016 16:46
@Meier Pirmin

Das stimmt, aber Ziel sollte sein, sich davon wohltuend abzuheben.
Karl K
01. Juni 2016 18:54
Würde die Linke sagen, was sie zu bewahren gedenke am gewachsenen Kulturraum Mitteleuropas – außer ihrem geschichtspolitischen Bekenntnisse zum Holocaust - der Streit wäre sinnvoller und fruchtbarer. Dass die Linke sich als demokratisch und rechtsstaatlich empfindet ist schon deshalb obsolet, da sich Deutschland seit längerem bereits zur Fassadendemokratie entwickelt und wiederholt seine eigenen Rechtsnormen verletzt und nachträglich Rechtsbrüche anpasst – und selbst den Artikel 5 des GG, die Basis einer jeden ernsthaften Demokratie u.a. durch den § 130 StGB aushebelte.

Die Angst der Linken, dass der NS-Staat zurückkehrt ist so dämlich wie die Hoffnung der Gläubigen in den 3 monotheistischen Weltreligionen auf ihre Mesiasse. Der Artikel 5 in seiner uneingeschränkten Form wäre die sicherste Gewähr für die Erhaltung einer Demokratie. Der strafrechtlich bewehrte Schutz weltanschaulicher oder religiöser Bekenntnisse in säkularen Staaten bedeutet das Ende einer offenen Diskurskultur. Ich kenne keine „Rechte“, die eine Einschränkung der Diskursfreiheit fordert, wie diese Öhler befürchtet; im Gegensatz, die Linke hat mit ihrem Totschlagwortarsenal – natürlich in Bezug auf den NS - eine Fülle gefährlicher Diskursverbote auf informellem Weg aufgerichtet.

Hat Andreas Öhler tatsächlich noch nicht begriffen, dass die "Holocaust-Industrie mittlerweile auch die philosophischen Ideenmärkte erobert hat"?, dass die simple Grundhaltung der heutigen „Eliten“ sich schlicht „als Gegenentwurf zum Nationalsozialismus zu empfinden“, wie das Bundesverfassungsgericht eindrucksvoll schrieb, statt sich gerade als Deutsche zu emanzipieren und selbst zu denken? Die Aufklärung hatte als Motto des „sapere aude“. Die Linke kann ich durchaus mit der Aufklärung in Verbindung bringen, zwar nicht mit der von Kant, doch immerhin der von Oswald Kolle.
thotho
01. Juni 2016 20:49
Interessant, wie auch schon andere angemerkt haben, dass die Antwort Gerlichs abgedruckt wurde (und dabei gar nicht einmal bearbeitet).

Ad Monalisa: Gerlich fuhr einige schneidige Worte und Wendungen auf, die sich in meinen Augen gut lasen. Die Rechte täte, im Gegenteil, sowieso gut daran, kanonisiertes Wortgut zu prägen und zu verwenden. Schließlich werden auch Sie nicht unterschreiben, dass der Diskurs "herrschaftsfrei" oder auch nur annähernd das Prädikat
fair bzw. auf Augenhöhe verdient.
Es ist ja gerade ein Ausdruck dieser Situation, dass Menschen wie Öhler Sätze schreiben können wie:
Das [Rede von Gesinnungsterror etc.] tun Du und Deine Leute nur so lange, bis ihr die Polizeigewalt habt. Dann, das lehrt die Geschichte, sorgt ihr dafür, dass es gar keinen Diskurs mehr gibt.
Ganz so, als würden nicht Karrieren - auch einfache bürgerliche Existenzen im Übrigen - wahrscheinlich fast täglich zerstört, die den Mund aufmachen. Öhler zeichnet ein Bild der Apokalypse, in typischer Anlehnung an NS-Zeiten, damit sich auch der größte Vogel ausgeht, wie der Hase läuft. Es muss ein für ihn erbauliches Gefühl sein, auf dem moralischen Hochsitz sitzend, derartige Szenarien zu verbalisieren.

Bezeichnend war für mich der Öhler fassungslos zurücklassende Schritt Gerlichs, nicht länger mitzuspielen. Outings werden in unseren Breiten eben unterschiedlich bewertet. Hätte er sich letztgültig auf die sozialromantische Seite geschlagen, Öhler hätte zwar Gerlichs Bemerkungen und Gedanken, die in eine ihm missfallende Richtung gegangen sind, trotzdem kritisiert, ihn aber dann doch auf seiner Seite des Zaunes geherzt.
In Wahrheit ist es der nicht zu überhörende Verdruss mancher Linker, dass ihre Strahlkraft längst im Abnehmen begriffen ist.
Monalisa
01. Juni 2016 21:18
Nein, der Diskurs ist nicht herrschaftsfrei, trotzdem haben sich andauernd wiedergekäute Schlagworte à la "Hypermoral", "Gesinnungsdiktatur" etc. langsam für mich abgenutzt.

Gerade ist die neue Rechte immerhin im Aufwind...

Im Gespräch mit einem Freund ist so ein schneidender, extra markiger Tonfall noch verfehlter. (Ja, auch wenn Öhler sehr verletzend war, immerhin nehme ich ihm seine Furcht ehrlich ab. So denken nunmal viele BRD'ler)

Und nochmal, wenn man zum Pathos greift, muss man auch die Statur dazu haben. Das haben nur sehr wenige. Höcke passt das Jacket auch nicht so richtig.
Der_Jürgen
02. Juni 2016 11:39
Wie mehrere andere Foristen bin auch ich sehr erstaunt darüber, dass die ZEIT als Flaggschiff der "multikulturellen" neuen Ordnung den Brief von Siegfried Gerlich veröffentlicht hat.

Daraus zu folgern, der Wind drehe sich bereits, wäre freilich stark verfrüht. Vielleicht wollten die ZEIT-Herausgeber einfach einmal beweisen, wie grenzenlos liberal sie doch sind, da sie einen Rechten zu Wort kommen lassen. Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer.

Immerhin: Für jeden halbwegs intelligenten und unvoreingenommenen Leser offenbart dieser Briefwechsel den gewaltigen intellektuellen Abgrund, der zwischen dem gemässigten Rechten Gerlich und dem System-Ideologen Öhler klafft. Findet sich bei Öhler denn auch nur ein einziges Argument, das mehr als ein abgedroschenes Klischee ist? Öhler zu widerlegen war für Gerlich "so leicht, wie einem Kind das Bonbon zu rauben", um eine italienische Redewendung zu übersetzen.

@Meier Pirmin

"Es war (...) ein historischer Fehler der deutschen Rechten, in Brandt einen Landesverräter zu sehen."

Ich gebe Ihnen teilweise recht. Im Vergleich zu einem Siegmar Gabriel oder einer Angela Merkel war Brandt geradezu ein glühender deutscher Patriot. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass sich die SPD anfänglich gegen die Anwerbung von Gastarbeitern sträubte, weil dadurch die Interessen der deutschen Arbeiter Schaden nähmen, doch in Bonn regierte damals die CDU mit dem alten Paneuropa-Mann Adenauer an der Spitze.

Dennoch: Mit seinem weinerlichen Vergangenheitsbewältigungs-Pathos hat Brandt sicherlich zur seelischen Zerstörung Deutschlands beigetragen. Ernsthaften Widerstand gegen die amerikanische Fremdherrschaft in der BRD hat er nie geleistet, und konnte es in seiner Position auch nicht. Wie Egon Brandt in der ZEIT (21/2009) berichtet, weigerte sich Brandt anfangs, die Kanzlerakte zu unterzeichnen ("Schliesslich sei er zum Bundeskanzler gewählt und seinem Amtseid verpflichtet"), tat es dann aber doch.

"Deutschland ist seit 1945 zu keinem Zeitpunkt voll souverän gewesen", hielt Wolfgang Schäuble einmal mit für ihn ungewöhnlicher Ehrlichkeit fest. (Das Wort "voll" in diesem Satz war übrigens überflüssig.) Ob die CDU oder die SPD den Kanzler stellt, war und ist da völlig nebensächlich. Insofern war jeder Kanzler seit Gründung der Bundesrepublik ein "Landesverräter", nur konnten manche mildernde Umstände geltend machen und andere nicht.
Rumpelstilzchen
02. Juni 2016 12:08
Der Bruch einer langjährigen Freundschaft tut weh.
Andererseits:
Auch Ehen können nach langer Zeit zerbrechen wegen unüberbrückbarer Differenzen und oft kann man gar nicht sagen, was denn das Unüberbrückbare war.
@Monalisa:
auch ich nehme Öhler seine Furcht ehrlich ab, allerdings verstehe ich trotzdem nicht genau, wovor er sich fürchtet.
Eine langjährige Freundin hat mir die Freundschaft gekündigt, weil ich AfD gewählt habe. ( Begründung: Du passt nicht in meinen Freundeskreis).
Ich kenne ihren Freundeskreis nicht. Und will in einen mir unbekannten Freundeskreis auch gar nicht passen, sondern meine Freunde selbst aussuchen.
Weshalb sie sich nun vor mir fürchtet? Keine Ahnung.
Wo die Neue Rechte immerhin im Aufwind ist .

Man höre uns staune:

Martin Sellner soll sogar gute Chancen auf Österreichs Next Male model haben. Schreibt die Huffington Post:
Wer Martin Sellner an einem sonnigen Tag in Wien begegnet, könnte meinen, der Mann modele für den H&M-Werbekatalog. An den Seiten trägt er die dunklen Haare kurz rasiert, oben länger. Lässige Sonnenbrille. Breites Lächeln, sportliche Statur.

Und der Ex-Freund von Hannelore Hoger ( meine Ex-Freundin mag die sehr) schreibt sogar in der Sezession.
Und Akif Pirincçi ( dessen Katzenbücher meine Ex-Freundin liebte) liest sogar in Schnellroda.
Der Film über seine Lesereise ist ganz köstlich. Wie er den Fackelzug ankündigt. Auf die Panzerabsperrung ( Kindertraktor) hinweist, auf das Ausrücken einer Kompanie ( Katze schlendert vorbei) und den Russeneinfall.
Wer hat diesen Film gemacht ? Kompliment !
Die Rechte hat Humor. Das ist wunderbar.
Zeigen wir :

wir sind die gute Rechte,
wir sind die fröhliche Rechte,
wir sind die kluge Rechte,
wir sind die schöne Rechte ( Martin Sellner?
wir sind die Neue Rechte.....,

Ellen Kositza

Ach ja:
Vielleicht spielt Boateng ja bald in Schnellroda Fußball mit Pirinçci und anderen schönen Jungs.
Eine linksgrüne Zeitung soll verbreitet haben . er habe in einem Hintergrund
Gespräch gesagt, er mag zwar Bushidos Musik, wolle aber nicht neben dem wohnen.....
Exmeyer
02. Juni 2016 14:25
@ Meier Pirmin: "Es war, wie 1989 offenbar wurde, ein historischer Fehler der deutschen Rechten, in Brandt einen Landesverräter zu sehen. " Das ist eine Frage, deren Antwort einer vertieften Analyse wert ist.

Noch einer tieferen Analyse wäre es natürlich wert, ob Herr Adenauer nicht das Paradebeispiel für einen Landesverräter abgibt.
panther rei
02. Juni 2016 19:52
Hartwig aus LG8 Dienstag, 31. Mai 2016, 18:34 rät Herrn Gerlich von der Aufrechterhaltung der Freundschaft ab.
"Dennoch halte ich das Tischtuch für wert, zerschnitten zu werden. Gerlich sollte es zerschneiden."

Das Tischtuch ist aber bereits zerschnitten, und zwar hat Herr Öhler es zerschnitten. Sagt er doch sehr deutlich. Insofern kann Herr Gerlich es nicht mehr zerschneiden. Nach meiner Einschätzung erfolgt die keifende Ausgrenzung in der Regel durch die Linke. Die Rechte (mit Ausnahmen) beschimpft vielleicht, wenn überhaupt, aber sie verweigert nicht die Kommunikation. (Grad wollte ich noch sagen, die Rechte verteufelt nicht, aber ich glaub, das tut sie schon gelegentlich.)
Petrus Urinus Minor
04. Juni 2016 20:42
@Monalisa

Sehr geehrte Monalisa, sehr geehrtes Forum.

Ich versuche an Sie ,aber auch an die anderen Mitdiskutanden eine Frage zu stellen, die mich seit Ihrem Beitrag umtreibt.

Ich gebe ganz offen zu, ich verstehe Ihre Reaktion einfach nicht - bin vielleicht einfach nicht so gepolt. Deswegen versuche ich zu verstehen.

Ich nehme die Situation folgendermaßen wahr:
Öhler hat Gerlich mit den schlimmsten (im öffentlichen Diskus - in Wahrheit handelt es sich wohl inzwischen um ein Ehrenzeichen) Dingen beworfen, die in der BRD überhaupt möglich sind. Es gibt schlicht keinen Vorwurf, der geeigneter ist - und auch direkt darauf gezielt - einem Menschen sozial vollkommen zu vernichten.

Woher kommt Ihre Bewertung der Konzillianz? Die Bewertung des ehrlichen verletzen Gefühls - wenn ich nur bloßen Vernichtungswillen sehe?

Kommt es denn überhaupt nicht darauf an, wer, verdammt nochmal, angefangen hat? Wer, rechtfertigungslos, sofort die verbale Nukearwaffe auspackte - vorsätzlich und gewiss in der Wirkung?
Geht es - unbewusst - wirklich nur um das gewin´nen? Haben Sie diese kognitive Dissonanz, da Sie doch zu "Uns" gehören, dies mit einer umso kritzischeren Analyse von angeblich verfehltem Pathos und der doch viel erhrlicher und gefühliger ausgedrückten Nuklearwaffeneskalation von Öhler gerechtfertigt?

Ich stelle diese Fragen nicht nur an Sie, sondern an den gesamten versammelten Kreis. Ein wenig wundert mich, dass diese Frage offenbar noch nie, auch nicht zu anderen Anlässen einmal angepackt worden ist.

Ich halte mich von einer Beurteilung fern, in der Identifikation mit der Bestie etwas typisch weibliches zu sehen - zu sehr gerüffelt fühlte ich mich durch die Bemerkung, hier würde über Frauen gesprochen wie über eine seltsame Ameisenart oder ähnliches - obwohl ich dort nicht einmal mitkommentierte. Nein, gerüffelt fühlte ich mich vielmehr, weil ich das Glück hatte, auch andere FRrauen kennenzulernen. Wenige andersartige, zugegebenermaßen. Statistik? Sind unsere dunkleren Triebe, männlich und weiblich gar überwindbar? Ich hoffe es.

Ist dies eine vielleicht unbewusste Identifikation mit dem Aggressor? Ein - m.E. in konservativen leider verbreitetetes offenes Bekenntnis zur predatorischen Ordnung? Tretbuckeln gar?

Man verstehe mich nicht falsch - Radfahrer und soziale Vernichtungs- und Rudelmechanismen findet man gerade in der Linken auch - aber eben nicht das offene Bekenntnis zur Grausamkeit, verbunden mit kaum verhehlten Eigenlob, selbst doch noch Herrscher in der Hölle zu sein... ein echtes Imageproblem der Rechten, abgesehen davon grundfalsch. Denn ein größeres Hackordnungsomega, als den Rechten kann man sich in der jetzigen Gesellschaft gar nicht vorstellen.

Nein, die Rechte verteufelt nicht - wenn sie dazugehören möchte. Leider.
Monika
04. Juni 2016 22:54
Ich prüfe auch mich: Bin ich am Ende der "Faschist" oder "Stalinist", weil ich in mir den Rigorismus verspüre, Dich aus meiner Welt zu verbannen? Oder habe ich am Ende Angst, Dir zu gleichen? Sollte mir ein so sanfter, im Grunde zutiefst humaner, freundlicher Mensch wie Du im gegnerischen Lager nicht willkommener sein als ein Charakterschwein in den eigenen Reihen? Es ist wohl so, dass man den mehr liebt, der auf derselben Seite der Barrikade steht.

Öhler

@Petrus

Was Öhler Gerlich nicht verzeiht, ist, dass dieser ihm (und sei es nur für einen kleinen Moment) das Gefühl gibt, er selbst könne der "Faschist" oder " Stalinist" sein.
Diese Angst , vielleicht doch auf der falschen Seite zu stehen, bringt Öhler dazu, seinen Gefühlen nicht mehr zu trauen: Nämlich, dass sein alter Freund ein zutiefst humaner und freundlicher Mensch ist.
Das ist das traurige an der Sache. Und das verletzende.
Und hier beginnt der Verrat: Dass man Charakterschweine im Ernstfall mehr liebt als alte Freunde.
Und die Ernstfälle werden zunehmen. Und damit die Charakterprüfungen.

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