07. Juni 2016

Sezession 72 – Themenheft Netzwerke erschienen

von Benedikt Kaiser / 10 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

umschlag_72.inddHeute und morgen sollte die neue Ausgabe der Sezession bei unseren knapp 3000 Abonnenten eintreffen. Bei der Juni-Nummer handelt es sich um ein Themenheft zu dem wichtigen und stets an Bedeutung zunehmenden Komplex der »Netzwerke« – passend zur Bilderberger-Konferenz, die in zwei Tagen in Dresden beginnen wird und in der Sezession vorgestellt wird. Was hat die 72. Ausgabe ansonsten zu bieten?

+ Erik Lehnert widmet sich in »Bild und Text« der Doppelgesichtigkeit des Netzes; er begibt sich dafür auf einen Streifzug durch die Geschichte und trifft auf Ernst Jünger und römische Gladiatoren.

+ Michael Wiesberg porträtiert den 1998 verstorbenen Niklas Luhmann anläßlich der jüngst veröffentlichten Suhrkamp-Edition Der neue Chef. Wiesberg zeigt auf, weshalb es heute lohnenswert ist, sich mit dem umfassenden Werk des Soziologen und Gesellschaftstheoretikers auseinanderzusetzen, der wußte, daß wir nicht in der besten der möglichen Welten leben, »sondern in einer Welt voller besserer Möglichkeiten«.

+ Ellen Kositza nimmt sich unterschiedliche »Mediennetzwerke« vor und liefert dabei eine hervorragende Einführung ins Werk des Leipziger Kommunikationswissenschaftlers Uwe Krüger. Krügers Studien Mainstream und Meinungsmacht sind unverzichtbar für jeden, der Erhellendes über Netzwerke im bundesdeutschen Medienwesen wissen möchte.

+ Network ist ein Film unter der Regie Sidney Lumets nach einem Originaldrehbuch von Paddy Chayefsky, er lief im November 1976 in den US-amerikanischen Kinos an und gewann vier Oscars. Wieso sich heute intensiver mit dem Klassiker der Filmgeschichte auseinandersetzen? Martin Lichtmesz klärt auf.

+ Mit Siegfried Kabisch greift ein ehemaliger »Antideutscher« für uns zur Feder. Er beleuchtet das Milieu, das er verließ, anhand einiger extrem linker Netzwerke, die sich um Bahamas, Jungle World und die bellizistische Initiative Stop the Bomb (STB) formiert haben – mit besten Kontakten zur Welt oder Lehrstühlen an deutschen Unis...

+ Der Autor dieser Zeilen untersucht linke, prowestliche Netzwerke in bezug auf die Syrien-Berichterstattung. Was sagt es eigentlich über Leitmedien aus, wenn sie ihre Expertise von fragwürdigen Protagonisten aus der antideutschen Szene beziehen? Und wie gelang es einem Netzwerk von eigentlich unbedeutenden Politjournalisten, von Bild oder der Tagesschau um Rat gefragt zu werden?

+ Götz Kubitschek unternimmt eine strategische Tour d'horizon durch die Welt der deutschen Rechten und wie sie sich anläßlich der fundamentalen Krisis der bundesdeutschen Gesellschaft verhält oder nicht verhält. Sein Grundsatzbeitrag gibt die Richtung vor; Die Spurbreite des schmalen Grats wird das vertiefen.

+ Der Bildinnenteil gibt einen Eindruck von den Aktionen der Bürgerinitiative EinProzent, die von Philip Stein geleitet wird und ein Hilfsnetzwerk des patriotischen Milieus darstellen kann. Mehr Informationen gibt es hier.

+ Thomas Schmidt konzentriert sich in seinem kundigen Beitrag auf den Clan als Lebens- und Geschäftskonzept. Er trifft auf arabische Großfamilien, staatliche Unzulänglichkeiten und eine Gesellschaft, die die Augen verschließt.

+ Ein weiterer Beitrag von Michael Wiesberg untersucht die »Amerikanisierungsfalle«. Was bedeuten die transatlantischen Freihandelsabkommen, was hat es mit TTIP oder CETA auf sich? – Ein schlüssiger antiimperialistischer Standpunkt, Globalisierungskritik von rechts.

+ Nils Wegner und der Autor dieser Zeilen stellen sodann in einem Lexikon die wichtigsten transatlantischen Netzwerke vor, die in Deutschland agieren. Eine Auswahl versammelt längst nicht alle der Akteure, zu viele sind mittlerweile damit beschäftigt, US-affine Positionen durchzudrücken, in Politik und Medienwelt.

+ Umfassend gerät wieder die Bücher-Abteilung. Thomas Fasbender untersucht den Mythos von Putins fünfter Kolonne, Ellen Kositza sieht neue Ansätze bei Alice Schwarzer, Pierre Drieu la Rochelle wird wiederentdeckt u. v. m.; abschließend: Vermischtes zum Café Schnellroda, Che Guevara, Merkur und Kursbuch.

Abonnenten sollten das Heft in diesen Tagen erhalten; Einzelbestellungen und die Einsicht in das Inhaltsverzeichnis sind hier möglich. Ein Jahresabonnement kostet innerhalb Deutschlands und Österreichs 50 Euro, ermäßigt für Nichtverdiener 35 Euro (jeweils inkl. Porto), für Förderer 75 €, im Ausland 60 €; drei ältere Hefte gibt es zudem als Prämie. Da Heft 70 nicht mehr lieferbar ist, beginnt das Abo 2016 mit dem April-Heft (71); Abopreise werden für das laufende Jahr entsprechend angeglichen. Wer erst ab der 72 abonnieren möchte, erhält weiteren Rabatt und kontaktiert bitte den Vertrieb unter vertrieb[at]sezession.de oder ruft an: 034632-90942.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (10)

Rainer Möller
07. Juni 2016 19:02
Ein Vorbild in der Darstellungsweise dürfte noch immer sein:
http://www.discoverthenetworks.org/
Ob die "Sezession" einmal eine vergleichbare Übersicht für die Bundesrepublik erstellen könnte?
Frieda Helbig
07. Juni 2016 20:13
Oje, oje. Da sind wieder schlaflose Nächte und schmorende Hirnsynapsen vorprogrammiert: Letzte Woche neue TUMULT, die Woche neue SEZESSION.

Danke trotzdem :-))
Leo Naphta
07. Juni 2016 22:33
@ Reiner Müller

Die Ressource, die Sie als vorbildlich anführen, ist notgedrungen unvollständig; kommt Sie doch, ihrer "Blogroll" nach zu urteilen, ihrerseits aus dem untersten Höllenkreis der Neocon Chickenhawks - eines weltanschaulich-politischen Milieus, das hierzulande durch ein Kontinuum repräsentiert ist, welches von den antideutschen Netzwerken bis hin zur Springerpresse und der "Achse des Guten" reicht.

In der Hoffnung, daß die Kommentarsektion dieses Artikels noch ein wenig geöffnet bleibt, bemühe ich mich, darzustellen, was es mit der Zurichtung der radikalen Linken (oder doch weiter Teile davon) durch eine fünfte Kolonne der Transatlantiker auf sich hat. Vorerst nur soviel: Die Anfänge dieser Entwicklung reichen, wenn ich nicht irre, bis in die achtziger Jahre zurück. Wer die kulturelle Skandalchronik der Bundesrepublik zurückverfolgt, wird unweigerlich zu dem Schluß gelangen, daß die Saat, die so recht erst nach dem 11. September aufgegangen ist, bereits in den letzten Jahren vor 1989/90 gelegt wurde.
Rainer Möller
08. Juni 2016 10:42
Du lieber Gott, ja - Horowitz ist natürlich befangen, wenn es um Israel und die Nahostpolitik geht. Aber er ist ein unabhängiger Kopf und hat sich in den letzten Jahren bei den Neocons unbeliebt gemacht - und bei den Paleocons an Ansehen gewonnen.
Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass diese Website die beste Übersicht linker Netzwerke in den USA bietet und als Modell für eine BRD-Darstellung dienen kann.
Es gibt allerdings auch eine recht gute, aber veraltete Darstellung rechter Netzwerke in den USA, deren Konzept man auch verwenden könnte.
Vexillifer
08. Juni 2016 11:11
Leider nein, leider gar nicht. Die Horowitz-Site sieht aus, als sei sie seinerzeit mit irgendwelchen Windows-98-Tools zusammengeschustert und seither nicht mehr generalüberholt worden; jedes noch so lieblose blogger.com-Produkt macht mehr her.

Im übrigen sind – wenn man denn tatsächlich das Sezession-Themenheft vorliegen hat – US-Kreise sowieso nicht von ihren deutschen Appendizes zu trennen.
Falkenauge
08. Juni 2016 11:18
Ein aktuell wichtiges Netzwerk ist auch das Migrationsnetzwerk, in dem in Deutschland die Organisation PRO ASYL eine wichtige Rolle spielt. Anders als der Name suggeriert, geht es ihr unterschiedslos um Schutz und Hilfe von allen Ankommenden, gleichgültig, ob sie einen rechtlichen Asylgrund haben oder aus anderen Gründen in unser Land wollen. Pro Asyl fordert die Zulassung einer unbegrenzten und unbeschränkten Einreise, auch von Migranten.
Eine Untersuchung:
https://fassadenkratzer.wordpress.com/2016/06/06/pro-asyl-migrationsnetzwerk-und-meinungsmacht/
Michael B
08. Juni 2016 21:14
Niklas Luhmann wird in meinen Erinnerungen als denkwürdiger Wissenschaftler seinen Platz finden, der sich gegen ein allgegenwärtiges, normatives "Sozialingenieurswesen" einer "Frankfurter Schule" behaupten konnte. Somit bin ich auf den Beitrag sehr gespannt. Nun warte ich auf die Sezession 72.
Judith
09. Juni 2016 15:56
Die neue Sezession ist heute morgen bei mir eingetroffen. Wirklich hervorragend sind Kositzas Mediennetzwerke, Kaisers Linke Netzwerke und die Syrien - Berichterstattung und - ganz besonders - Kabischs Antideutsche Netzwerke und ihre Ideologie: Ein informativer Abriss über die verquaste Hurra-Israel-Truppe [man verzeihe mir die saloppe Formulierung] mit ihren diversen Ablegern.

Wobei die drei genannten Beiträge meiner ganz persönlichen Präferenz entsprechen; das gesamte Heft ist lesenswert.
Stil-Blüte
09. Juni 2016 19:32
Heft mit bestem Dank erhalten. Das Heft ist wie immer gut & groß 'in Form' mit Allem, was editorisch dazugehört. Also im Voraus beim
Durchblättern und Anlesen ein großes Lob auf die bewährte Solidität in Gestaltung, Fotoeinlagen, Zitate, Layout, Quellenangaben, Orthografie und Grammatik.

Titelbild: Den ausrollbaren Rasenteppicgh über die nackte Erde ziehen? Ob und wie das den Netzwerken entspricht - darüber kann ich nun tefflich 'meditieren'.

@ Ellen Kositza

Bewundernswert, ja vorbildhaft, zumindest für mich,, wie Sie in Ihren Beiträgen immer wieder auch Autoren abwägend zu würdigen wissen, die nicht unbedingt 'zum Lager' gehören, in diesem Fall Alice Schwarzer und Juli Zeh).

@ Benedikt Kaiser und Nils Wegner

Gelungen - diese Übersicht. Ein bißchen Pffeffer in den A... dieser 'Pfeffersäcke' und anderer Säcke (s. Sackonia Tillich) hätte mir gefallen. Keine Gerüchte aus dem 'Nähkästchen'?

Wie wärs einmal mit einer ,ebenso iinformativen Übersicht der international etablierten, aber volksverbunden Spenden sammelnden, öffentlichen NGO's wie Amnesty, Greenpeace, WWF, Ärzte ohne Grenzen...

Und nun:

Sezession, Sezession,

kauft ihr Leute, kauft sie ein,
denn sie sollen wie das Salz
in der Lebenssuppe sein.

Ihr lasst sie alle dann mal liegen
auf den Plätzen dieser Welt
und das sind die Souvenirs
die der and'ren irgendwo erhält.

Sezession, Sezession...

(nachgestalteter Schlager von und mit Bill Remsey)
Irrlicht
11. Juni 2016 23:53
Das Heft hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Während es auf deskriptiver Ebene, in der Beschreibung einzelner Netzwerke, detailliert ist, ist es auf theoretischer Ebene zurückhaltend und gibt, sofern sich Kositza Uwe Krügers Interpretationsansatz zu eigen macht, ein Beispiel für einen pragmatischen Selbstwiderspruch. Krüger ist der Ansicht, es gebe in der Bundesrepublik keine Zensur und direkte Einflussnahmen, so dass der Konformitätsdruck rein sozialer Natur sei. Mit §130 StGB existiert aber die Möglichkeit, nachgelagert nicht-konforme Ansichten strafrechtlich zu sanktionieren, zusätzlich zu anders gearteten staatlichen Eingriffsmöglichkeiten wie der öffentlich kommunizierten Beobachtung durch den Verfassungsschutz und anschließenden Erwähnung im Verfassungsschutzbericht.

Die Wirkung des dadurch erzeugten Konformitätsdrucks lässt sich anschaulich an Kubitscheks Artikel "Schlingen im Widerstandsmilieu", eine Distanzierung ohne Distanzierung, in der er das Milieu gar als Resozialisierungseinrichtung für "Sackgassenbewohner" empfiehlt, ablesen. Der Artikel ist ein Dokument der Angst, der Angst davor, zerschlagen zu werden, wobei die warnenden Signalhörner, die er wahrnimmt, die Form von Artikeln, die vermelden, die "Identitäre Bewegung" werde in einigen Ländern vom VS beobachtet, annehmen. Im Zusammenhang mit dem VS indiziert die Zuschreibung, die IB sei "rechtsextrem", tatsächlich eine erhöhte Gefahrenzone.

Ein geeigneterer Interpretationsansatz wäre im Hinblick auf die Vielzahl einflussreicher transatlantischer Netzwerke derjenige, den Scheil in "Transatlantische Wechselwirkungen für den Zeitraum von 1945 bis in die 1960er-Jahre wählt, die Elitenbildung in der Bundesrepublik als Teil der bewussten Siegessicherung aufzufassen. Eine derartige Systemkritik ist angesichts von Kubitscheks Artikel aber nicht zu erwarten, bezogen auf das ganze im Artikel umrissene Milieu auch in Zukunft nicht.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.