19. August 2016

Das war's. Diesmal mit Anglerinnen, Kartoffelkäfern und game jam

von Ellen Kositza / 65 Kommentare

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

anglerin15.8. 2016 -- Immer wieder sehr gern lese ich den Newsletter der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Leider schon vorbei ist dieser crazy-coole Workshop:

Game Jam
Flucht und Vertreibung
05.-07.08.2016, Berlin
Drei Tage Kreativität, Innovation und eine entspannte Atmosphäre. Entwickeln Sie mit Kreativen aus ganz Deutschland Ihre eigenen Spiel-Ideen!




Unser Ziel: Games-Prototypen zum Thema "Flucht und Vertreibung".
Der bpb:game jam bietet den Teilnehmenden offene Barcamp-Sessions und einen Working Space, um mit den Schaffensprozessen und den ethischen Dimensionen digitaler Spiele zu experimentieren.

Nebenfrage: Gibt es keinen lässigeren Ausdruck für „Vertreibung“?

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16. 8. 2016 -- So viele Kartoffelkäfer waren selten. Kinderarbeit. Ich bin der Sklaventreiber. Allerdings streiche ich in einer Viertelstunde so viele Invasoren ab wie alle beteiligten Kinder. Wettbewerbsstimmung hilft wenig. Gerade die Maden werden als eklig empfunden. Igittigittgejaule.

Wir kippen Käfer und Maden ins Hühnergehege. Ein gigantischer Wimmelplatz. Die dummen Hühner glotzen und scharren. Keines will picken. Verwöhntes Gesocks! Wir müssen rein ins Gegehe und die Schädlinge selbst eliminieren. Unschön! Unerklärlich: Total abgefressene Pflanzen, dennoch eine Musterernte. Ad Grambauer: Ich weiß, Rudolf Steiner rät ab, weil Kartoffeln träge machen… Nicht unser Problem!

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17. 8. 2016 -- Vor gut einem Jahr wurde die ICE-Strecke zwischen Erfurt und Halle eröffnet. Die Gleise sind nur anderthalb Kilometer vom Rittergut entfernt. Leiderleider ohne Zwischenhalt Schnellroda! Heute warte ich länger mit dem Mittagessen auf die Neugymnasiastin. „Was war denn los?“ – „Der Bus hat auf der Brücke gehalten. Und gewartet, bis der ICE durchgefahren ist. Ich glaube, der Busfahrer fand das am tollsten.“ Ich liebe die Provinz.

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18.8. 2016 -- Wenn ich (Vollmond!) nicht schlafen kann, greife ich gern zu Schmökerware. Sehr beliebt: die „Kleine Enzyklopädie - Die Frau“, DDR-Kulturgut. Ich mag dieses Buch. Das von einem gelehrten Autorenkollektiv verfaßte Handbuch zu allen erdenklichen Themen mit weiblicher Relevanz (von „Sexualdifferenzen im Krankheitsbefall“ über die günstige und anmutige Körperhaltung beim Warten auf den Bus, Schminktechniken, altersgemäße Kleidung bis zur Bedeutung der „Frau im Kampf um den Frieden“) ist 1961 erstmals erschienen. Bis 1989 erlebte es zahlreiche Auflagen.



Die gesamtdeutsche Frau von heute müßte mehrere Dutzend Bücher einkaufen, um derart umfassend über sämtliche eventuelle Alltags- und Problemlagen informiert zu sein. Kompendien mit umfassendem Anspruch blühen nur in Gesellschaften, die sich multipler Narrative enthalten.

Hier gab es keine mißlichen Lagen und keinen Grund zu jammern (übers Älterwerden, über Diskriminierung, über Problemkinder). Es gab Herausforderungen, die bewältigt werden konnten - zum Teil mit bedenkenswerten Anleitungen! Die sinnstiftende Großerzählung hinter dem knapp tausendseitigen Leitfaden geht von einer vierfachen Bestimmungen der Frau aus, ohne diese Aufgabenfelder als Belastungen zu apostrophieren: Mutter, Hausherrin, Gefährtin des Mannes, Erwerbstätige.

Ich griff heute Nacht aus folgendem Grund auf dieses Buch zurück: Mir sind diesen Sommer wieder viele Angler begegnet. Das liegt an meiner Freiwasserschwimmleidenschaft. Wieviele Angler waren es wohl, verteilt über all die Seen und Weiher? Sechzig, siebzig? Frauenquote: null. Manchmal ist das rätselhaft. Daß Frauen selten eine Karriere als Maurer oder Schiffsbauschlosser anstreben, erklärt sich eigentlich von selbst, dergleichen, was Hobbies wie Motocross oder Boxen angeht.

Bei anderen Berufsfelder oder Leidenschaften bin ich unsicher. Eine Tochter hatte mal den Berufswunsch Höhlenforscherin. Sie suchte einen Praktikumsplatz. Auffällig: Unter allen akademischen Höhenforschern war keine Frau. Die DDR nun hatte sich das „Wirksamwerden der Frauen“ (sic!) in klassischen Männerberufen schon zu Zeiten auf die Fahnen geschrieben, als „Gendermainstreaming“ noch nicht erfunden war. Und dennoch, obwohl es heißt (meine Ausgabe von "Die Frau" datiert auf 1977), die Frau habe sich „im Arbeitsprozeß in allen Wirtschaftsbereichen und Industriezweigen durchgesetzt“, haben manche Berufsfelder ganz magere Frauenquoten, obwohl sie nicht mit körperlich äußerst anstrengender Arbeit verbunden sind:

Gerade ein Viertel aller Uhrmacher war weiblichen Geschlechts, desgleichen bei den Feinmechanikern, noch viel weniger bei den Funkmechanikern und den Tankwarten. Nur 0,4 % aller Fernkraftfahrer waren weiblich – eine dieser raren Frauen arbeitet übrigens seit vielen Jahren bei Antaios.

Nun, was ist mit dem Angeln? Wir hatten heute Kindergeburtstag. Ein Klassenkamerad der feiernden Tochter, Jungangler aus Passion, klärt mich auf. Ich zitiere den Wortlaut: „Es gab mal eine Frauensparte. Da wurde eine von einem Wels ins Wasser gezogen, die ist ertrunken. Eine andere ging auf Karpfen. Die hatte so was von Muskelkater, richtig derbe, die mußte aufgeben. Da haben die anderen Frauen sich gesagt: Nee, das lassen wir lieber. Und deshalb haben wir jetzt nur Männer. Ist so.“

Ach so!

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (65)

Carsten
19. August 2016 09:36
Ich weiß, warum Frauen nicht angeln:
Haben Sie schon mal zwei Angler beobachtet, die stundenlang schweigend auf ihre Ruten starren und ab und zu einen Schluck aus der Bierpulle nehmen? Frauen könnten nicht so dasitzen ohne zu reden.
stefanvolker
19. August 2016 10:02
... ebenso rätselhaft für alle, die keinen Unterschied der Geschlechter, außer dem körperlichen, anerkennen wollen: Wieso gibt es so wenige Schachspielerinnen? Wieso werden Schachwettkämpfe getrennt nach Geschlechtern ausgefochten?
Meine Erklärung:
1.) das logische, mathematische Denken liegt den Frauen nicht so (oder anders ausgedrückt: es interessiert sie nicht so sehr)
2.) der Zweikampf, der Wunsch einen Gegner zu besiegen, ist Frauen eher fremd.
Monika
19. August 2016 11:09
zur game jam

Erwachsene wollen nicht groß werden. Kindliche Verhaltensweisen sind das neueste Erkennungszeichen der Hipster-Bewegung:
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/erwachsene-wollen-nicht-gross-werden-14384751.html
Vielleicht laden Ihre Kinder zur game jam ins Hühnergehege ?

Witzig finde ich auch das Spiel PNT ( Pfarrei neuen Typs) . Man spielt Pfarrer und Gemeinde und lernt das Spiel in der Pastoralwerkstatt:
http://pfarrei-neuen-typs.bistumlimburg.de/home.html

Wir haben als Kinder gerne das Spiel "Arme Kinder" gespielt, um von Schulkameraden oder Geschwistern ein paar Süßigkeiten zu erbetteln.
In der Pastoralwerkstatt können Kinder ja lernen, Flüchtlinge zu spielen.
Hartwig aus LG8
19. August 2016 11:16
@ stefanvolker
Nur kurz zum Schach: Das hat vor allem mit Vermarktung und Kommerz zu tun: zwei Wettkämpfe, zwei Titel, zwei Pokale, zwei Preisgelder - wo es sonst nur einen Wettkampf, einen Titel, einen Pokal, ein Preisgeld gäbe.
Ist so.
der Gehenkte
19. August 2016 12:24
@stefanvolker
Frauen im Schach

Dazu gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Arbeiten, die je nach ideologischer Ausrichtung zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das Thema hat die Schachphilosophie schon immer fasziniert.

Lange Zeit gehörte Judith Polgar (Ungarn) zur top ten der Schachwelt und einige trauten ihr sogar den Weltmeister zu. Sie war die beste von drei Schwestern. Sie alle durchliefen eine eisenharte Ausbildung unter Laszlo Polgar, dem Vater. Sein wichtigster Zug war: die Mädels durften keine Frauenturniere spielen, mußten sich an Männern messen - und siehe da, der Erfolg war da, alle wurden Großmeister. Würde man dieses Exerzitium mit hunderttausenden Frauen machen, kämen ganz sicher viele Spitzenspielerinnen zusammen.

Das agonale Moment spielt ganz sicher eine Rolle. Frauen dürften eher mit einem Remis zufrieden sein, wo viele Männer auch den kleinsten Vorteil noch verwerten wollen

Das biologische Moment - jeder, der Schach lehrt, weiß, daß viele Mädchen - auch hochbegabte - in der Pubertät das Training aufgeben oder vernachlässigen. Spätestens mit der ersten Schwangerschaft ist Schluß.

Das soziale Moment - Schach gilt nicht als "weiblich", es schafft wenig soziale Anerkennung und die muß man sich tagtäglich erarbeiten. Schachfrauen wirken auch nicht attraktiv auf Männer.

Das zwischengeschlechtliche Moment - Mann/Mann, Mann/Frau, Frau/Frau - die Partien und der jeweilige Einsatz unterscheiden sich oft stark. Eine Schachpartie ist immer eine sublimierte sexuelle Auseinandersetzung mit dem anderen/gleichen Geschlecht.

Der Intelligenzfaktor - Mädchen sind in der Fläche oft intelligenter als Jungen (Mathe, Sprache), bringen aber weniger Spitzenleistungen hervor. Ich las mal von einer Matheolympiade, wo das Verhältnis 100 zu 10 war, aber alle Preise gingen an die Jungen.

Das strategische Moment - so wie Muslime gegenüber Europäern tendenziell weniger strategisch denken, dürfte es auch bei Frauen gegenüber Männern tendenziell diese Tatsache geben.

Räumliche Orientierung - Schach ist ganz wesentlich (ähnlich Go) ein Raumspiel; man muß die "Karte" im Kopf haben.

Ausdauer - eine Meisterpartie dauert bis zu sieben Stunden ... sieben Stunden Selbstgespräch.

u.v.m.

Unnütz zu erwähnen, daß es sich um statistische Mittel handelt. Ob das auf das Angeln übertragbar ist, müßte man prüfen. Fakt ist aber auch, daß Frauen wenig Anreiz bekommen, Schach zu spielen - wer weiß, wie die Welt aussähe, wenn es da Parität gäbe.
der Gehenkte
19. August 2016 12:48
... Der wirklich wunde Punkt ist weder das Schach noch das Angeln.

Musik und Philosophie müssen erklärt werden! Auch Mystik (die bei Frauen ganz anders ist) und Theologie (ich weiß, es gab Dorothee Sölle, Hannah Arendt und Gertrud und Teresa) ...

PM - übernehmen Sie!
Meier Pirmin
19. August 2016 13:04
@stefanvolker@hartwig

"Nymphen sind Meister im Brettspiel"

Der Schachweltmeister Karpov schloss für alle Zeiten aus, dass je eine Frau Schachweltmeister werden könne, wobei nebst der Kombinatorik bei ihm der Aggressionsfaktor ins Gewicht fiel; so wie Schopenhauer der Meinung war, dass es bei der Frau keine Intelligenzschwäche gäbe, jedoch fehle die letzte Konsequenz und Brutalität des Willens. Hingegen im Bereich der List hielt "Weiberkritiker" Schopenhauer die Frauen für stärker als die Männer.

Theophrastus Paracelsus war im Hinblick auf Brettspiele folgender Meinung: Verliert man als Mann gegen eine Frau im Brettspiel, vermutlich meint er regelmässiges und nicht bloss zufälliges Verlieren, handelt es sich bei der Partnerin um eine Nymphe, einen weiblichen Elementargeist. "Die Nymphen sind Meiter im Brettspiel" steht im Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis ac ceteris spiritibur von 1536.

Karpov war der Meinung, dass beim Schachen die Aggression, der bedingungslose Wille den Gegner zu schlagen mindestens so stark sein müsse wie bei Kampfsportarten wie Boxen, Ringen oder Fussball.
Leser
19. August 2016 13:38
http://www.sezession.de/54993/das-wars-diesmal-mit-anglerinnen-kartoffelkaefern-und-game-jam.html/2#comment-323374
@Carsten
Sie haben es auf den Punkt gebracht. Könnte man Angeln mit Kaffeetrinken und Quatschen kombinieren, gäbe es auch weibliche Anglerinnen.
Ulex
19. August 2016 13:41
Doof Frage - sind dort die Daten (Juli) durcheinander geraten?
Kositza: Ja, danke!
Stil-Blüte
19. August 2016 13:42
Danke, Ellen Kositza für die Impressionen des Landlebens, die immer auch hintergründig sind.

Kartoffelkäfer waren Schreckgespenster meiner Kindheit. Nicht nur, weil sie wirklich unappetitlich waren, sondern weil sie von den Amerikanern über der Ostzone abgeworfen worden sein sollen. Damals dachten wir, das sei reine Propaganda. Die Infamie der amerikanischen Psychologischen Kriegsführung wird mir heutzutage mehr als genug vor Augen geführt; so kann es wohl doch gestimmt haben.

@ Carsten

Stimmt! Das liegt Männern. Die 'Frauen-Zimmer' konnten hingegen in den Spinnstuben gemeinsam singen, lästern, kichern, klöppeln, 'sticheln', aus dem Nähkästchen plaudern - einfach 'spinnen' Das liegt ihnen. Aber auch die Männer 'spinnen' - Seemannsgarn!

@ Hartwig aus LGB

... zum Schach: Das hat vor allem mit Vermarktung und Kommerz zu tun...


So? Wenn das stimmt, wäre schon längst ein dritter Wettkampf geschaffen worden: Sieger der Männer contra Sieger der Frauen.

Wie auch immer wir die Olympiade drehen und wenden, egal bei welcher Sportart - Frauen und Männer bleiben bis zum heutigen Tag fein säuberlich getrennt. Apartheit ist von Natur aus natürlich, selbstverständlich, förderlich solange, bis sie durch die Ideologien jeglicher Couleur frontal gegeneinander aufgestellt, ja aufgehetzt wird.

Angeln: Gibt es (Hochsee-)Fscherinnen? Am Bodensee muss es sie im Miniaturformat mal gegeben haben, als Operette, als leichte Muse: Die Fischerin vom Bodensee
niekisch
19. August 2016 14:10
"Frauen nicht angeln:"

Das kann man so generell nicht sagen, Carsten: Meine 16 -jährige Enkelin besitzt einen Angelschein und hält es stundenlang alleine am Wesel - Datteln - Kanal aus, auch wenn kein Gesprächspartner da ist und kein Fischlein anbeißt.
Rosenkranz
19. August 2016 16:48
Zum Schach:

In der aktuellen Schach-Weltrangliste vom August 2016 kommt die beste Frau auf einen 93. Platz mit 2658 Elo-Punkten. Die deutsche Schachspielerin E. Pähtz sagte einmal, daß Frauen nach 4 Stunden Schach einfach körperlich stark abbauen, die Männer evolutionsbedingt risikobereiter im Turnier und fleißiger und fanatischer im Training sind.
Annemarie Paulitsch
19. August 2016 17:13
Wahrscheinlich finden gerade Frauen die tierquälerische Angelei besonders widerlich. Jedem Angler sei zu wünschen, daß er in seinem nächsten Leben als Fischlein auf die Welt kommt, das am Haken sein Leben auszappelt.
Monika
19. August 2016 17:37
Und warum sind Briefmarkensammler meistens Männer ?
Der_Jürgen
19. August 2016 18:06
Zum Thema Frauen und Schach.

Der ehemalige Schachweltmeister Boris Spasski, der 1972 in Rejkjavik den denkwürdigen Kampf gegen Bobby Fischer - mit dem er später eng befreundet war - verlor, sagte mir dasselbe wie Karpov: Er halte es für extrem unwahrscheinlich, dass eine Frau Schachweltmeisterin werden könne; dafür fehle dem schönen Geschlecht die Ausdauer. Judith Polgar und eine Georgierin, deren Namen mir entfallen ist, seien den führenden männlichen Grossmeistern vom Können her am nächsten gekommen, aber der Abstand sei immer noch merklich gewesen.

Noch kategorischer schloss Spasski übrigens die Möglichkeit aus, dass ein Schwarzer je Weltmeister werden wird. Dies erklärte er mit angeborenen Intelligenzunterschieden.
niekisch
19. August 2016 18:16
@ Annemarie Paulitsch: Zustimmung! Das Seltsame ist ja, daß meine Enkelin vor der Pubertät sich rührend um jedes Geschöpf gekümmert hat. Ihr Freund hat sie wohl dazu gebracht. Sie ist der Meinung, waidgerechtes Angeln sei nicht tierquälerisch. Ich vermag das nicht zu beurteilen, hoffe aber, daß die Enkelin eines Tages unser geschundenes Land mit ihrer Angel aus dem Sumpf zieht.

Zum Thema Durchsetzungsfähigkeit und Durchhaltefähigkeit von Frauen: Kann es nicht sein, daß es insbesonder den Frauen des europäischen Kulturkreises daran seit 1500 Jahren mangelt, weil sie durch kirchlichen Einfluß regelrecht zu Boden gedrückt wurden?

Ausnahme: Kriegszeiten mit Männermangel

Aus Lebenserfahrung wage ich zu behaupten, daß Frauen letztlich mehr aushalten als jeder Mann.
Meier Pirmin
19. August 2016 18:22
@Der Gehenkte. Betrifft weibliche Genialität. Ich bin da ein gebranntes Kind, nicht weil ich dieselbe generell in Frage gestellt hätte, sondern weil ich mal an einem Vortrag gesagt habe, dass Frauen, Grossmütter und Mütter wunderbar kochen, dass es aber zum wirklich genial Kochen einen Mann benötige. Ich wurde aufgrund dieser augenzwinkernd gemeinten Aussage, die allerdings in der Presse als Bestreitung weiblicher Genialität allgemein ausgelegt wurde, in gehässiger Berichterstattung von Feministinnen, nach 24 Jahren erfolgreicher Tätigkeit als antifeministischer Lehrerfortbildner entlassen bzw. nicht weiterbeschäftigt, weil die Gleichberechtigung der Frau im Statut der Organisation stehe...


Nun aber zu Ihrer Frage: Meines Erachtens gibt es innerhalb der Männermystik als auch innerhalb der Frauenmystik gewaltige qualitative Unterschiede, deren Kriterien ich hier natürlich nicht ausführen kann. Unter den heiliggesprochenen Mystikerinnen würde ich Katharina von Siena und Teresa von Avila in die oberste Kategorie einschätzen, schon rein sprachlich, nicht nur wirkungsgechichtlich. Die religiöse Begabung, in manchem analog zur musikalischen Begabung, war bei ihnen wohl sehr hoch. Auch Birgitta von Schweden würde ich nicht unterschätzen. Bei Anna Katharina Emmerich ist Protokollführer Clemens Brentano wohl massgeblich für die Qualität mitverantwortlich, wiewohl die Emmerich nicht mit den obigen Frauen Schritt hält.


Weil das "Fliessende Licht der Gottheit" von Mechthild von Magdeburg, Handschrift in Einsiedeln Schweiz, wohl der grandioseste und geistvollste Text einer europäischen christlichen Mystikerin sein dürfte, ist klar, wie bei Meister Eckhart, dass Heiligsprechungsbehörden hier klar und definitiv überfordert waren. Mir scheint aber, falls es eine Frau gibt, Autorin, die sich in den Bereich von Dante bewegt hat, war es wohl die Magdeburgerin. Das Buch verströmt einen unwirklichen Reichtum. Würde Ihnen die Ausgabe mit Original und Uebersetzung von der deutschen Klassikerbibliothek empfehlen. Das Werk trägt mithin dazu bei,die schlechte Platzierung der Frauen in der Schachweltbestenliste etwas zu kompensieren.


Was mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung betrifft, mache ich Sie noch auf Madame de Chatelet aufmerksam, die Übersetzerin Newtons ins Französische. Carl Friedrich von Weizsächker bestätigte mir, dass Newton im Original auch für einen sehr gebildeten Physiker fast nicht lesbar sei. Für Newtons Weltwirkung war die französische Übersetzung, die Chatelet zwar nicht im Alleingang geleistet hat, von höchster Bedeutung.
Eveline
19. August 2016 18:25
Aus der Provinz

So saß ich am vergangenen Freitag im IC von Stralsund nach Rostock, welcher bis Hannover dann weiterfährt.

Viele Soldaten im Zug halt die wöchentliche Heimfahrt.

Auf meinem Schoß lag das Buch "Der Weg der Männer gehen" so zur Hälfte gelesen.

Dann durchliefen zwei schwerstbewaffnete mit kugelsicherer Weste und Pistolen am Halfter Polizisten das Abteil.
Und dann liefen sie wieder zurück, alle schauten aufmerksam dem Treiben zu.
Dann hatten sie den jungen Mann entdeckt... positionierten sich hin und fragten den Soldaten, bzw. erzählten ihm, das sie gesehen haben, wie er auf dem Bahnsteig geraucht hätte und sich dabei nicht in den gelben Bereich gestanden hätte.

Ja, sagte der Soldat, das war ich.

Macht man das?

Nein.

So wir haben jetzt die Möglichkeit, nachdem sie uns ihren Namen gesagt haben, ihren Spieß zu informieren.

Das wäre nicht gut.

So. Versprechern sie uns, nicht mehr einfach so auf dem Bahnsteig zu rauchen?

Ja.

Ich war völlig perplex. Stellte mir dann die Polizisten als Familienväter vor, das mochte ich mir dann aber auch nicht in der Tiefe ausmalen.


Zum Schach : das Spiel hat mich als Kind schon fasziniert, aus der Bibliothek holte ich mir eine Schachanleitung für Kinder, ein Russe hat sich große Mühe gemacht. Dann bekam ich ein Schachspiel geschenkt und übte die Züge. Mein Vater ließ sich auch inspirieren und so spielten wir sehr oft Schach miteinander.
Später waren die Schulkameraden dran, was ich dort gelernt habe, die besten Schachspieler waren die, die schon die Schule mit der 8. Klasse verlassen wollten mußten.... weil sie die schulischen Leistungen nicht erbrachten.
Meier Pirmin
19. August 2016 18:37
@Rosenkranz. Nach dem von mir zitierten Paracelsus ist - als Ausschlag nach oben - eine weibliche Schachweltmeisterin aller Klassen nicht auszuschliessen. In den allerhöchsten Kategorien geistiger Tätigkeit gibt es freilich nicht mehr nur einfach Hochbegabung oder IQ, was bekanntlich bei Frauen kein Problem zu sein scheint. Ganz oben zählt nur die erwiesene Hochleistung. Vom spezifischen Typus bleibt wohl Johann Sebastian Bach noch für viele Generationen uneinholbar, und zwar wohl von Männern wie auch von Frauen.
Gustav Grambauer
19. August 2016 19:02
Meine Eltern hatten seinerzeit dieses Buch einer erzstalinistischen tschechischen oder slowakischen Ärztin über Schwangerschaft, Geburt, Säuglingspflege und Kindererziehung:

http://www.zvab.com/servlet/SearchResults?kn=unser+kind&sts=t

Zum Erstaunen der gesamten Verwandtschaft hat es sogar mein Vater gelesen, meine Eltern haben sich die brauchbaren Hinweise herausgepickt, sich sonst aber über weite Teile nur darüber lustig gemacht. Als unser Kind geboren wurde, haben wir es uns von meiner Mutter geben lassen, und auch meine Frau und ich haben viel gelacht. Schon beim Lesen des Klappentexts wird klar, wer mit "Unser" in dem Titel "Unser Kind" gemeint ist: die sozialistische Gesellschaft. Inhaltlich geht es zur Sache: Abhärtung - Abhärtung - Abhärtung, ein "Geschirrchen" (d. h. ein Lederriemen als eine Art Hundeleine mit Schultergestell für das Kleinkind) und Wäschestärke - Wäschestärke - Wäschestärke, Sterilisieren - Sterilisieren - Sterilisieren (noch aus dem Hygienefimmel der "Fortschrittlichen" des 19. Jahrhunderts heraus, was allerdings - von der Autorin völlig unreflektiert - mit Abhärtung völlig im Widerspruch steht). Bestimmte Hinweise haben sowohl meine Eltern damals als auch meine Frau und ich aufgegriffen, z. B. mit Kindern nicht in Tut-Tut- / Wau-Wau-Sprache zu sprechen sondern in sauberen Begriffen der Erwachsenenwelt (ohne dabei aber das Kind - so wie es das Buch durchsetzen will - als kleinen Erwachsenen anzusehen); ebenso, Kinder keinesfalls zu ermutigen, im Spiel Kleider des anderen Geschlechts anzuziehen oder sich allzusehr für dessen Rollenmuster, Berufe usw. zu interessieren. Haben wir`s uns doch fast gedacht: Stalinisten sind nicht gendersensibel!!! Bitte ZVAB wegen Listung des Titels bei Frau Baer melden!!!

Insgesamt, und das gilt auch für dieses Buch, sind die DDR-Handbücher hochambitioniert und von einer heute kaum noch gekannten Gediegenheit, oft sogar einen Schuß zu akademisch (immer im Sinne der Hebung des Niveaus der Nationalkultur, außerdem nach dem Motto: "Ich fordere dich, weil ich dich achte"), was besonders bei diesem

http://www.zvab.com/buch-suchen/titel/schlag-nach-natur/

auffällt: ein Natur-Handbuch für jedermann - mit enzyklopädischem Anspruch, auf das Strengste abstrakt nach wissenschaftlichen Kriterien gegliedert und durchgängig mit den lateinischen Begriffen versehen.

Dieses Buch hier

http://www.zvab.com/servlet/SearchResults?kn=unser+haushalt&sts=t

reicht wie ich finde fast an das Manuscriptum-Haushaltungsbuch

http://antaios.de/detail/index/sArticle/35205

heran, hat außerdem einen ausgiebigen Heimwerker-Teil (für Männer, auf dem Umschlag einer Auflage ist auch ein Mann beim Tapezieren abgebildet).

Hier noch die beiden Klassiker der Hotellerie-Ausbildung in den Interhotels der DDR, die privat als Geheimtipp zur Kultivierung der Rituale um Essen und Trinken sowie um die Gastbewirtung galten und bis heute in ihrer Kompaktheit und Handlichkeit unübertroffen sind:

http://www.zvab.com/buch-suchen/titel/gekonnt-serviert-heinz/autor/neumann/

http://www.zvab.com/servlet/SearchResults?kn=neumann+gekonnt+kredenzt&sts=t

Ulbricht hat nach seinem Bruch mit dem Marxismus-Leninismus, nach der - leider später rückgängig gemachten - Entmachtung der FDJ usw. und im Rahmen der stattdessen entwickelten Konzeption der Sozialistischen Menschengemeinschaft massenhaft Handbücher über feine Manieren auf den Buchmarkt bringen lassen, an deren Titel ich mich aber nicht mehr erinnere.

- G. G.
herbstlicht
19. August 2016 19:32
"Frauen nicht angeln"

Hier, an einem der größeren Flüsse NO-Bayerns, sehe ich auch nur Männer. Gründe? Ich rate: kein Sozialkontakt; "nichts zu tun" --- Jäger gegenüber Sammler; Erbarmen mit der um ihr Leben kämpfenden Kreatur; Anglerverein --- Biertisch und Tabacksqualm.

Anders scheint's in Schweden zu sein: Fischen lockt immer mehr Frauen:


Fischen ist eine der häufigsten Freizeitbeschäftigungen des Landes [Schwedens]. Gemäß einer Untersuchung von 2007 fischen eineinhalb Millionen Schweden in der Freizeit und geben schätzungsweise 1,7 Milliarden Kronen [Knapp 200 Millionen Euro] für ihr Hobbyaus; vorallem für Ausrüstung und Bootsplätze.

...

In den letzten Jahren haben immer mehr Frauen begonnen zu fischen. Mehr als jeder dritte Freizeitfischer (35 Prozent) ist eine Frau.


Ein für mich viel interessanterer Geschlechtsdimorphismus ist die starke Unterrepräsentation von Frauen in der Computerei --- auch in Schweden, wo "Gleichstellung" Staatsziel ist. Aus dem Gedächtnis: um 2005 ermittelte man etwas über 20% Frauen in den IT-Berufen. 2014 stellte die neue Rot-Grün Regierung mit "Entsetzen" fest, daß der Anteil gesunken ist. Man hat eine Forschungskomission eingesetzt ...

Wäre dieser Dimorphismus nicht eine interessantes Thema für SiN? Wobei ich auch die starke Überrepräsentation von Juden in diesen Fächern erwähnen will.

Weil ich schon frage: meint die fabelhafte Neue Rechte wirklich, das charakteristische Artefakt der europäischen Kultur, Technik und Naturwissenschaften, auf die Dauer ignorieren zu können? Zumindest wird sich diese nicht mit Stöcken und Gewehren gegen die herandrängenden pigmentierten Massen wehren können.
Meier Pirmin
19. August 2016 21:20
@Grambauer. Das mit Ulbrichts Bruch mit dem Marxismus-Leninismus ist für DDR-Laien nicht so transparent, aber interessant. Können Sie das etwas ausführen, wohl auch, wie gute Ideen wieder rückgängig gemacht wurden. Selber war ich 1968 in Berlin, meist West, und die damaligen westlichen Linksextremen waren tatsächlich der Meinung, die wahren Marxisten zu sein.
der Gehenkte
19. August 2016 21:33
@ Meier Pirmin - Frauenmystik

Ist nicht die wesentliche Differenz, daß ein Großteil der weiblichen Mystik stark sexuell aufgeladen ist? Da ist von "Vereinigung", "Liebe", "Inbrunst" etc. die Rede. Erklären ließe sich das je recht einfach durch die unterdrückte Sexualität der zumeist keuchen Frauen und die Männlichkeit Jesu. Daher die Frauenmystik stark Christus-orientiert. Auch in der Rolle der Mutterschaft - das Jesus-Kind ..., wohingegen Eckhart auf Christus fast verzichten kann und seine unio mystica auf einen geschlechtslosen Gott und das Sein projiziert.

Man könnte es im buddhistisch.hinduistischen Vokabular auch so beschreiben: Die Frauen "denken" (mehr) aus dem Sakralchakra heraus, die Männer aus Stirn- und Scheitelchakra.

Das ist im Übrigen der Grund, weshalb Männer meistens falsch liegen. Bahro hatte recht: männliches Denken ist eine der sechs Stufen zum Exterminismus.

@Der_Jürgen - Frauenschach

Sie meinen Nona Gaprindashvili - die hat tatsächlich mal vorne mitgespielt. Aber das ist 30 Jahre und mehr her. Pia Cramling ist auch so ein Name.
Heute werden die Karten neu gemischt. In Indien und China ist das Schach Massensport und wird systemantisch gefördert. Jedes Jahr tauchen neue Talente auf. Humpy Koneru war das erste Riesentalent aus Indien. Man wird in 20 Jahren sehen, ob die These der männlichen Überlegenheit Bestand hat. Ich halte den Einbruch des Weiblichen für möglich, wenn obige "Hemmungen" ausgeschaltet werden.

Meine jahrelange Auseinandersetzung mit dem Schach hat mich davon überzeugt, daß Schach zwar schachintelligent macht, der allgemeinen Intelligenz oder dem Wissen, der Weisheit im Wege steht. Geniale Spieler sind immer auch Philosophen - Schachphilosophen, mit anderen Worten: Fachidioten. Daher bedeutet Spasskis Meinung gar nichts - außerdem war er wohl Alkoholiker ... Ausnahmen wie Emanuel Lasker, der u.a. eine beeindruckende "Philosophie des Unvollendbar" schrieb, in der der Begriff des "Kampfes" zentral ist, bestätigen die Regel 8müßte man aus konservativer Sicht noch mal neu lesen). Heute übrigens mehr denn je: Steinitz, Tarrasch, Capablanca, Aljechin, Bogoljubow ... das waren noch Charaktere. Wenn man die heute mit Blässlingen wie Anand, Leko oder Kramnik vergleicht ... wie Tag und Nacht.

@Monika

Und warum sind Briefmarkensammler meistens Männer ?

Gut gekontert! That's the question! Ihre Antwort?
Sabine
19. August 2016 22:04
Geheimnisvolle Frauen:

http://fresh-seed.de/die-kalasha-ein-vergessener-weisser-stamm/

Ob sie angeln oder nicht -- egal!
Urwinkel
19. August 2016 22:15
An Karsten, erster Kommentar, anknüpfend (warum Frauen nicht angeln):

Nicht weil sie Muskelkater vom Karpfendrill bekommen würden, oder vom Zwei-Meter-Wels ins Wasser gezogen werden könnten. Das ist Anglerlatein (gerade Jungangler mögen solche Geschichten und kolportieren sie dann; die Alten erzählen sowas ebenso gerne am Stammtisch bei Vereinsveranstaltungen).

Kurzer Schwenk in die DDR: Unser Angelverein bestand damals nur aus Männern samt Vorstand und Nachwuchgruppe. Worum keine Frauen, war gar kein Thema.

Neugierige Junganglerinnen scheiterten bereits an wohlgefälligen Anleitungsversuchen. Z.B. bei Regenwürmern: Ihnen die vor die Nase gehalten, gellte es: "Ihhhhh!! Nimm das weg! Ich fasse das nicht an!". Noch schlimmer wars bei Aalen. Außerdem fürchteten sie sich bei Dunkelheit und in ungewohntem Gelände. Froren auch schnell mal und fingen dann an zu jammern: "Ich will nach Hause!". Ungefähr aus der Zeit stammt auch der Spruch: "Angler sterben nicht, die riechen nur so." Also ziemlich uncool. Heute ist das anders.

Der Angelsport ist ein gut laufendes Geschäft. Hip inszeniert über Fachzeitschriften, Websites, den Streetfishingtrend - Das ist auch was für neugierige Frauen. Und es gibt sie auch.

Abschließend noch ein Schwank aus der Ossi-Zeit: Eine kramte mal in meiner Kunstködersammlung. War ganz angetan ob der Vielfalt darin. Was fragte sie? - "Kann man daraus nicht modischen Schmuck machen?"

Übrigens saß mir erst vor kurzem eine Anglerin, omahafter Typ, wie auf dem Bild oben, an einem Kanal gegenüber. Nie vorher gesehen, ich war etwas verblüfft darüber. Sie angelte stoisch und disziplinert. Ihr Mann lief leicht gelangweilt oder auch genervt mit dem Fernglas rum und beobachtete währenddessen die Vogelwelt. Warscheinlich Touris.
Solution
19. August 2016 22:20
Liebe Leute, da sind wir wieder beim alten Thema. Die Konservativen lesen keine wissenschaftlichen Bücher. Frauen und Männer sind sehr verschieden voneinander. Das fängt bei der Gehirngröße und der Arbeitsweise des Gehirns an und hört damit auf, daß Frauen eine abweichende Intelligenzverteilung haben. Was daraus folgt, ist enorm und betrifft fast alle Lebensbereiche. Die Intelligenz verteilt sich so ähnlich wie die Gaußsche Normalverteilungskurve. Die männliche und die weibliche Kurve sind dabei nicht deckungsgleich. So gibt es weniger Schwachsinnige Frauen, aber auch weiniger hochintelligente. Im mittleren IQ-Bereich sind die Frauen überproportional vertreten. Ab hier wird es spannend. Lesen Sie https://www.amazon.de/Das-Gender-Paradoxon-Ulrich-Kutschera/dp/3643132972/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1471637744&sr=8-1&keywords=kutschera+gender Kositza: Übrigens in der aktuellen Sezession besprochen. https://www.amazon.de/Smart-SeXy-Roderick-Kaine/dp/1910524743/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1471637811&sr=1-1&keywords=roderick+kaine https://www.amazon.de/Sexual-Utopia-Power-Roger-Devlin/dp/1935965891/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1471637885&sr=1-1&keywords=sexual+utopia+in+power https://www.amazon.de/Sex-Deviance-Guillaume-Faye/dp/1910524190/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1471637980&sr=1-1&keywords=sex+and+deviance
Lucius de Geer
19. August 2016 22:26
Meier Pirmin ist wirklich eine kuhle Socke, Thema des Vorredners kurz angerissen und dann wird in die Tiefe gebohrt ;-) Wirklich immer interessant!
Heinrich Brück
19. August 2016 22:55
Hätte ein Dante ohne seine Beatrice jemals seine Commedia schreiben können? Für das neue Leben sind Frauen und Männer gleichermaßen verantwortlich. Und hatte die Unsterbliche Geliebte von Beethoven einen Angelschein?

Maria von Jesus, Äbtissin des Klosters in Agreda:
75. "Daß über diese und andere Geheimnisse in meiner Kirche verschiedene Meinungen bestehen, hat seinen Grund darin, daß Ich einzelnen Lehrern über diese, anderen über jene Geheimnisse Licht und Verständnis mittheile, weil die Sterblichen unfähig sind, das Licht in seiner ganzen Fülle zu empfangen. Ja, es wäre nicht einmal gut, Jemand, der noch auf Erden pilgert, die vollständige Erkenntnis aller Dinge mitzutheilen. Empfangen ja doch sogar die Seligen im Himmel das Licht nur in Theilen, je nach dem Maß der Verdienste eines jeden und nach dem Grade seiner Glorie, sowie nach der Anordnung meiner Vorsehung. Die Fülle des LIchtes gebührte nur der menschlichen Seele meines Eingeborenen und im Verhältnisse auch seiner Mutter; die übrigen Sterblichen aber empfangen es weder jemals ganz, noch auch immer mit solcher Klarheit, daß sie sich über alle Dinge vergewissern könnten; und darum erwerben sie sich die Erkenntnis durch mühsames Studium der
Wissenschaften. Allerdings sind in den heiligen Schriften zahllose Offenbarungs-Wahrheiten enthalten; weil Ich aber die Menschen meist im natürlichen Lichte der Vernunft belasse und nur bisweilen ihnen übernatürliche Erleuchtung mittheile, so kommt es, daß die Geheimnisse nach verschiedener Seite aufgefaßt, und daß die heiligen Schriften in mehrfachem Sinne erklärt und verstanden werden, indem ein Jeder seinem Urtheile und seiner Auffassung folgt, und bei Vielen ist die Absicht gut. Das Licht und die Wahrheit ist freilich nur Eine, aber die Auffassung und Anwendung derselben ist nach der Verschiedenheit der Urtheile und Neigungen verschieden. Auch hat der Eine diese, der Andere wieder andere Lehrer, und so entstehen unter ihnen die Controversen oder Streitfragen."

Teresa von Ávila:
"Wer beim Schachspiel nicht einmal die Figuren in Ordnung zu stellen weiß, der wird es schlecht zu spielen verstehen; und wer nicht Schach bieten kann, der wird auch nie schachmatt setzen können."
Michael Schlenger
20. August 2016 00:54
Werter Herr Meier,
danke für Ihre kluge Replik an "Rosenkranz".

Es ist schon bemerkenswert, wenn sich durchaus mittelmäßige Intelligenzbesitzer, wie sie sich hier tummeln (mich selbstredend eingeschlossen), daran ergötzen, dass das eine Geschlecht hier und das andere dort nicht an die Spitzenleistungen des jeweils anderen heranreicht.

Mir sind für mein Seelenwohl die Angler, Briefmarkensammler, Gewichtheber und Schachakrobaten herzlich egal - doch eine von Bach komponierte Kantate von einer brillianten Sopranistin gesungen, das ist schlicht, worin die zeitlose Kraft unserer Kultur zum Ausdruck kommt.

Wer sich hier altklug an den Unvollkommenheiten des jeweils anderen Geschlechts abarbeitet, hat vermutlich bloß ein entsprechendes Problem daheim - das sollte man nicht verallgemeinern.

Michael Schlenger
Manfred
20. August 2016 01:56
Zum Thema Angeln mag ich nichts sagen - interessiert mich nicht besonders, habe auch gar keine Ahnung...
Schach hingegen spielte ich als Schüler regelmäßig (stieß allerdings bereits früh an Grenzen...) Meine These bezüglich der Überlegenheit der Männer: es liegt schlicht und einfach an der Physis. Ein Turnier beansprucht die Spieler körperlich ungemein, das können sich Zuschauer kaum vorstellen.
Ein WM-Kampf bedeutet i. d. R. mehrere kg Gewichtsverlust.
Elektriker
20. August 2016 07:39
@Jürgen - Frauen und Schach

"Judith Polgar ..."

Das ist ja auch so eine Sache mit dem Experiment Polgár.
Das Thema hat bei Elektrikers schon abendfüllende Diskussionen gefüttert.

László Polgárs Experiment

Interview Spiegel
Stil-Blüte
20. August 2016 09:53
Vielleicht wird 2011 mal in die Geschichte als Umkehr, Einkehr des Feminismus eingehen. Wer hat diesen Prozess eingeleitet? Eine Frau? Mitnichten. Ein ungemein sympathischer, nicht eifernder, am-Ball-bleibender, fröhlicher, humorvoller Mann, ein Norweger: Harald Eia (*1996 - ) Eine Pioniertat auf ganz, ganz leisen Sohlen (vielleicht d a s Geheimnis, das einen Wandel gesellschaftlich wichtiger Prozesse Wirksamkeit verschafft), auch unter Gender Paradox in die Google-Welt eingegangen.

Was hat dieser Leisetreter in Fettnäpfchen so berühmt gemacht?

Wie man weiß, ist Norwegen, allen anderen Länderen der Emanzipation voranmehr, d a s Vorreiterland für Feminismus. Ihr Schlachtruf: 'Sejen är var!' (Der Sieg ist unser!) hatten sie auf ihre Fahnen geschrieben, Das wurde staatlich ungemein gefördert. E entstand aber - Ausnahmen bestätigen die Regel - das 'Gender Paradox' . Die Frauen spielten einfach nicht mit. Die Frauen wollten gar nicht in Männerberufe hinein ge-/befördert werden.

Harald Eia hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht, Interviews mit Frauen und Männern in un-/typischen Frauen- und Männerberufen befragt. Herauskam die einfachste Sache der Welt: Frauen suchen/lieben Berufe, die personen/menschen/sozialbezogen, Männer suchen/lieben Berufe, die sachbezogen sind.

Daraufhin ging vieles staatlicherseits einen Gang rückwärts, wurden Gender-Projekte abgewickelt; keine Fördermittel mehr. Natürlich gab und gibt es immer noch einige störrische Esel und Eselinnen (in dem Film schön zu beobachten, wie auch gerade Männer an diesem Gender Paradox festkleben)

Nun hat man sozusagen der Natur wieder seinen freien Lauf gelassen und war damit gut beraten:

https://www.youtube.com/watch?i=tiJVJ5QRRUE

Meine Konklusion: Schaut auf die Randerscheinungen (Norwegen), bleibt beharrlich und - fröhlich. Die Wikinger kommen heutzutage auf leisen Sohlen und sind beinahe zärtlich.
Winston Smith 78699
20. August 2016 10:44
@ Gustav Grambauer

Kommt die Abhärtung der Kleinkinder nicht bereits aus der Reformhygienik und -pädagogik der Jahrhundertwende, also aus derselben Zeit wie die Sterilisierung? Ich hatte mal so ein Buch in der Hand ... in Jugendstil-Gestaltung - wie übrigens die früheren schriftlichen Äußerungen der Eugenikbewegung auch. (Sind wir heute mit unserem Abtreibungsgesetz und der pränatalen Diagnostik eigentlich viel besser, außer dass wir das alles ins Unsichtbare und Klinisch-Sterile abgeschoben haben und uns den üblichen Heiligenschein "BloßnichtwieeinNazi" aufbinden konnten - von der Verhütung mal ganz zu schweigen?)
Naturkundebuch: Die vermeintliche Wissenschaftlichkeit der marxistisch-leninistischen Gesellschaft führte zu so herrlichen Bildern wie verkommenden "Konsum"-Schildern (ein volkswirtschafts-wissenschaftlicher Begriff anstelle von heutzutage "Tante Emmas schnuckelige Mampfecke") - wie eine desolate Kosmonautenstadt oder das alternde Schaltwerk eines Reaktors, wie es die Ikonographie der Techno-Musik (neben dem Grusel von Echolot-Ping und todgeweihtem Dahinindämmern mit zwischen einem selbst und dem Lebensstoff geschnallter Kalipatrone) entwickelte. Ganz eigene Formen der SF-Literatur in der SU und ihren Vasallen (ganz besonders der DDR) mußten zwangsläufig an dieser haltlosen Futuristik im Alltag wachsen, an den Anzeichen von Fundamentarmut der utopischen Bauten. Wie werden die emblematisch verwertbaren Gebeine des jetzigen Wahns aussehen - Hypnotische Kulleraugen von Kleinkindern als Honigfallen der ameisenartigen Invasion an den Bildrändern?
Was mich an Haushaltsbüchern gruselt: sie transportieren eine Botschaft von Verläßlichkeit und Dauer, sind also Reminiszenzen an eine alte Welt vor 1914 oder spätere Werkzeuge einer absichtlichen Illusion von heller und friedlicher Zukunft, also der Utopie. Heute gedruckt sind sie wie Koch- und Gartensendungen im Seniorenprogramm. (Hier jetzt Lüge zu sehen - ist das kritische Theorie, bin ich verseucht?)

@ herbstlicht
meint die fabelhafte Neue Rechte wirklich, das charakteristische Artefakt der europäischen Kultur, Technik und Naturwissenschaften, auf die Dauer ignorieren zu können?

Das müssen die 16-30-Jährigen übernehmen, und die gilt es zu motivieren. Nicht dass ältere Knacker und Knackinchen nicht auch noch etwas leisten können, aber das ist doch wie beim physischen Kampf auch: woanders kann man vorerst mehr ausrichten, was teils mit spezifischem Leistungsabbau, teils aber auch mit Interessenverschiebung einhergeht. Ich habe mich da letztens aus einer möglichen IT-Beratung oder -Funktion extra wieder weitgehend rausgenommen, weil ich gegen den Daimon hätte arbeiten müssen: einen Job machen, den ein Jüngerer einfach lieber tut, sich hier noch entwickeln will, positivere Motvation hat - einer der stärksten Faktoren für effektives Lernen. Ich will mich nicht mehr in kontingente künstliche Strukturen und Sprachen einarbeiten, deren arbeitsintensiver (und meist an sich erkenntnisärmerer) Anteil an Novität sich im Fünfjahrestakt überholt macht - während rundherum gerade die Welt untergeht. Vielleicht werden die Bürger auch durch diesen Lerndruck zusätzlich von Reflektieren abgehalten: jede Altersgruppe hat da so ihren eigenen Buckelgeist, der sie wie Sindbad von Pflückbaum zu Pflückbaum treibt. Ich habe das an mir erlebt: beispielsweise Linuxfreak zu sein erlaubt einem die Ausblendung von Politik, denn man ist ja bereits Konsumverweigerer und so.
Den Autorenkreis um Kubitschek und Sellner sollte man allenfalls auf diese Dimension hinweisen und zur Offenheit für Aktivitäten auffordern, aber nicht zum eigenen Betreiben oder Organisieren. Man muß auch sehen: der Gegner ist auf diesem Gebiet vermutlich aberwitzig überlegen. Sun Tsu würde dazu wohl was sagen. Was man aber tun kann: organisatorische Strukturen vorbereiten, um solche Aktiven dann schnell in Stellung zu bringen, wenn dieser Hang noch sichtbarer ins Rutschen gerät und die Nerds tatsächlich scharenweise das Lager wechseln.

@ Meier Pirmin

Zwischen
Die religiöse Begabung, in manchem analog zur musikalischen Begabung, war bei ihnen wohl sehr hoch.

und
Vom spezifischen Typus bleibt wohl Johann Sebastian Bach noch für viele Generationen uneinholbar, und zwar wohl von Männern wie auch von Frauen.

könnte man, finde ich, einen Widerspruch vermeinen. Leistung - Religiosität?
Max Muster
20. August 2016 10:44
@ Gustav Grambauer
Ich bin hoch erfreut! Sie haben eines meiner Lieblingsjugendbücher erwähnt: "Schlag nach Natur", Auflage 1952. Zusammen mit dem "Meyers Jugendlexikon" war das über Jahre meine Dauerliteratur. Beim "Schlag nach" ist der Rücken so kaputt, daß ich es irgendwann mit Pflaster verarzten mußte. Allerdings sind immer mehr Seiten lose. Man sieht ihm an, daß viel gebraucht wurde -- im doppelten Sinne, haptisch und intellektuell.
Gerade noch mal in die Hand genommen: Pappeinband vergilbt, wie die Seiten; und befleckt. Dann der Geruch! Süßlich -- nach altem Papier; nach geballtem Wissen! Jeder, der schon einmal in einer Universitätsbibliothek war, kennt diesen Geruch. Das beste Sedativ/Euphorikum! Vielleicht liegt es auch an den guten Kindheitserinnerungen ...
Das ist etwas, was ich auch meinem Kind mitgeben will -- diesen unstillbaren Wissenshunger. Wobei, wenn man Kinder nicht entmutigt oder ständig mit unwesentlichen Dingen ablenkt, entwickeln sie sich automatisch in diese Richtung. Ich hoffe, meine Kleine kommt das betreffend nach mir, und wird auch süchtig nach diesen euphorisierenden "Aha"-Erlebnissen.
Meier Pirmin
20. August 2016 12:59
@Winston Smith. Wenn Sie Bach auf "Leistung" reduzieren, was vielleicht bei Jacob Grimm möglich ist, dann haben Sie ihn im Ansatz wohl nicht verstanden. Da ist noch Gnade und eine Art Wunder dabei, nicht weit von der Mystik. Überdies vermute ich bei Bach ebenfalls noch eine sehr hohe religiöse Begabung. Netto bleibt von ihm mehr übrig als vielleicht von Luther. Es kann einer auf dem Durchschnittsniveau das Doppelte leisten, es hilft ihm nichts. Mit "Leistung" meine ich natürlich, dass nicht gilt: Könnte, hätte es können, sondern dass er es tatsächlich konnte. Eckhart nennt das einen "Lebemeister". Hoffe, Sie sind mit der Antwort halbwegs befriedigt.

Als Lehrer war ich immer sehr bewegt von Elternaussagen wie "Unser Sohn, von einem Psychologen als hochbegabt abgeklärt, könnte wirklich, wenn er nur wollte!"
Winston Smith 78699
20. August 2016 13:15
@ Elektriker

Ich versuche, meinem Sohn das Spiel ganz anders beizubringen, als Glasperlenspiel und symbolische Weltmeditation. Manchmal überlegen wir uns, was eine bestimmte Stellung gerade bedeuten könnte (politisch oder strategisch), etwa so, wie man ein Bild aus Tarotkarten deutet. Sogar in dem Film "Searching for Bobby Fischer", wo es neben der Multikultibotschaft tatsächlich auch um verschiedene philosophische Herangehensweisen an irgendweine Herausforderung oder das Leben im Ganzen geht, steht das Gewinnen im Vordergrund, nicht so sehr oder überzeugend um den Sieg auf höherer Ebene. Ganz im Gegensatz dazu die Prüfung in Herrigels Buch über Zen: Applaus, obwohl die Pfeile irgendwo in der Prärie landen. Einmal mußte ich zur Betreuung einer Kinder-Schachgruppe einspringen (selbst verliere ich gegen Vereisspieler, weil ich keine Eröffnungen kann oder können will, würde am liebsten nur 960 spielen) und bekam prompt einen Neuling mit gewissen Vorkenntnissen hereingeschneit. Es hat mir selbst unerwarteten Spaß bereitet, ihn äußerst knapp gewinnen zu lassen, und immer wieder interessante Situationen herzustellen, die er kleinräumig lösen konnte. Manchmal tauschen mein Sohn und ich zur Übung während des Spiel die Farben. (Ist das gefährlich?) Unter Jazzmusikern kann es auch mal egal sein, wie schnell oder harmonienreich jemand spielen kann, wenn er nur einfach das Richtige und Gute tut - als gemeinsamen Tanz stelle ich mir den geglückten Tag im Schach vor. Mein Sohn soll lernen, dieselbe Freude an einer Niederlage wie an einem Sieg zu haben. Am Ende des Tages sollen die im Geist entstandenen abstrakten Gemälde und die neuen Geschichten zählen.
Meier Pirmin
20. August 2016 13:34
@der Gehenkte. Das "sexuell Aufgeladene" der Frauenmystik betrifft den Durchschnitt, aber kaum die stärksten Texte, die bei Mechthild von Magdeburg doch nur sehr teilweise von diesem Element "leben".

@Heinrich Brück. Treffliche Zitate grosser Meisterinnen bringen Sie! Da können wir uns nur verneigen!

Aber mit Béatrice, die ich in einem gescheiterten Gedichtband auch schon bedichtet habe, und mit der Unsterblichen Geliebten von Beethoven liegen Sie mutmasslich falsch. Letztlich waren weder Dante noch Beethoven auf ihre Geliebte angewiesen, so wenig wie Else Lasker-Schüler auf je ihren Geliebten. Was Sie meinen, ist die Anima in Dante, die Selbstverdoppelung über ein weibliches Ich in der eigenen Seele, bei Beethoven, das ihm eigene Frauen-Ich, welches bei Goethe nicht nur gemäss Wahlverwandtschaften sehr hoch entwickelt war.


Goethes Verhältnis zu Frau von Stein war da wohl ebenfalls typisch, wobei es auf die Genialität der gewiss sehr klugen Frau Charlotte von Stein trotz allem nicht ankam. Sie merkte es mit der Zeit selber. Im Sinne von Stendhal "De l'amour" waren diese Beziehungen Ermöglichungen grosser Projektionen, wenngleich oft mit realen eigenen Anregungsleistungen wie ausgeprägt durch die mitkreative Marianne von Willemer, die Patin des "Divan" von Goethe.


Auch der Gemeinspruch, jeder bedeutende Mann verdanke seine Leistung doch hauptsächlich einer starken Frau im Hintergrund, in der Regel seiner lieben Alten, hat oft nur ideologische und familiär entlastende Bedeutung, weil diese Egotypen und Hochleistungsgenies als Partner nun mal meist suboptimal geniessbar sind. Es gibt auch den umgekehrten Fall, nicht zuletzt bei jener begabten Politikerin, die noch am ehesten an Bismarck erinnert: Margaret Thatcher. Selbstverständlich verdanke auch sie "alles" ihrem Mann Denis, der manchmal mutig und zugleich treuherzig unter dem Tisch heraufäugte.


Natürlich aber gibt es gegenseitige geistige Anregungen zwischen Mann und Frau. Aber etwa mit Beethoven, dessen späte Taubheit vielleicht auch eine Art Charaktereigenschaft war, hat es nicht gerade viel zu tun. Wagner seinerseits, der sich für einen "Berg von Genie" hielt, erklärte seiner ersten Frau in einem Brief geduldig, warum die zweite, Cosima, im Moment von höherem Inspirationswert sei. "Mein Genie trieb mich weiter." Man sollte die funktionalen Verdienste dieser beiden Frauen für den Komponisten Wagner nicht überbewerten. Es hätte jedesmal auch eine andere sein können, wobei die Cosima auch gesellschaftlich ein grandioser Einkauf war. Zu vergleichen mit einem Transfer im Fussball, eine optimale Ergänzung, welche Bayern München hilft, Meister zu werden. Um beim etwas hinkenden Beispiel mit dem Fussball zu bleiben. Ist eine Mannschaft um einen Star aufgebaut, so wie Brasilien um Neymar, braucht es die richtigen Ergänzungsspieler. Cosima war in der Firma Wagner eine solche unentbehrliche Ergänzungsspielerin. Die Tore hat aber Richard verwandelt.
Meier Pirmin
20. August 2016 15:01
An Wegmaster, betr. 19. August 13.04, 7. Wortmeldung der gesamten Serie


Es muss beim Buchtitel von Paracelsus heissen ganz am Schluss:


ceteris s p i r i t i b u s (falsch:spiritibur)


Da ich als Kenner des Paracelsus bekannt bin, lege hier wert auf richtige Zitierung. Danke . Bitte korrigieren.
Winston Smith 78699
20. August 2016 15:50
@ Meier Pirmin

Ich wollte auf eine Kritik am Musikbetrieb überhaupt hinaus und auf essentiell "besseres" tonkünstlerisches Handeln generell als eine Form von Gebet oder Gottesdienst, in aller und gerade in der volkstümlichen Unvollkommenheit (gemessan an industriellen Maßstäben). Über John Cage, Raga, Zen und Sardische bukolische Polyphonie und "Jugend musiziert" und so weiter. Das trifft sich mit Ihrer Antwort sehrwohl.

Aber jetzt erst was anderes:"halbwegs befriedigt"? Ich bin schon ganz stolz, dass Sie mir überhaupt antworten.

Meinen Sohn, um den es nämlich gleich geht, ließ ich ganz absichtlich mit vielen Sagen und Sagen-Wanderungen aufwachsen. Er konnte dadurch Furcht, Ausgesetztsein, Schaudern und Schutz, Geborgenheit empfinden und vergleichen lernen. Obwohl selbst gelernter Wissenschaftler - oder genau deswegen, und weil ich mich (unabhängig vor der Lehrerausbildung) anläßlich seiner Geburt mit Entwicklunspsychologie beschäftigt hatte und hier einmal wirklich zu wissen glaubte, was ich tat - bestärkte ich ihn (etwa auf Bergwanderungen) länger im Glauben an Wohnstätten von Zwergen und generell an Eintrittsorte in eine "andere Welt", als das von der erzieherischen Umwelt gerne gesehen war. Er sollte die Natur romantisch bedeutsam lesen lernen. (Heute lernt man ja eher alle Bundesligaspieler.) Auch kannte er etwa die schwarze Spinne lange vorm pädagogisch empfohlenen Alter und sagt, das sei aber wirklich gruselig.

(Ich rechnete zurecht damit, die Familie beruflich weit und lange verlassen zu müssen und dann in der Folge durch die Frau ganz aus ihr entfernt zu werden, und bereitete dies alles durch das strategische Aufstellen von Hinterlassenschaften vor, als heimliche Buch-Botschaften vom verschwundenen Papa.)

Ich erziehe ihn gleichwohl eigenwillig christlich, nannte etwa den Mann am Kreuz konsequent "den König" und erklärte ihm später die Bedeutung von "Christus", auf dass er für das Griechische aufgeschlossen bleibe. Diese abendländiche Doppelung von Heidentum und Christentum muß er frühzeitig aushalten lernen - eines davon auszublenden wäre fanatisch und der Welt gegenüber unwahr.

Gestern hat er sich für den Aberglauben bedankt, und das kam so: beiläufig bekam er das SF-Video mit Pirmin Meier und den Toten mit, als ich es zum Überprüfen des Links aufrief, und die Thematik ließ ihn aufhorchen. "Was, mit DEM kannst du hier reden?" (Übrigens hatte ich das mit dem Siezen auch mal vor, lange bevor ich das von anderen gehört hatte. Der Knabe fände sogar "Frau Mutter" und "Herr Vater" reizvoll - aber wir sind bereis seltsam gnug Leut. ) So kann er in seinem Papa auch mal etwas anderes als nur einen arbeitslosen Dissidenten sehen.

Er gab zu: einmal haben sie mich schon ausgelacht, als ich vom Gespenst in der Werkzeugtruhe erzählte. Ich: damit wollte ich erreichen, dass auch eine Hochhauswohnung für Dich als Kind spannend ist und eine unsichtbare zweite Ordnung (Anm.: und übersinnlich gespürte Metrik) enthält, eine geistige. Auch dadurch brauchst Du weniger Klimperspielzeug und Süßwaren, du lernst, mehr als das Auge in der Welt zu sehen. Er: ja, und ich kenne jetzt auch diese Gefühle. (Ob er hier ehrlich ist?)

Ohne Bedenken kann ich mit dem Autoschlüssel im Wagen und beim Klettern voraussteigen lassen, mit gefährlichen Gegenständen hantieren und dergleichen und erkläre ihm auch, warum das bei ihm und nicht bei jedem geht und ich ihm vertraue. Dieser Stolz auf das volle Vertrauen, als Ersatz für eine konkrete häusliche Aufgabe und Verantwortung (wie einer Herde eines Hütebuben), fehlt gerade den Jungs in unseren Städten ganz ernsthaft. Auch die Mädchen dürfen sich ja viel zu spät oder gar nie als aufgehoben in der Gemeinschaft empfinden, weil zugleich mit den gemeinsamen Tänzen und Kirchgängen auch die notwendigen und nützlichen, aber einfachen und geisitig unterfordernden handwerklichen Tätigkeiten verschwunden sind, bei denen sie dereinst untereinander zusammen ins Singen und Geschichtenerzählen und Kichern geraten sind und noch lange nicht Sexobjekte oder Karriereheldinnen sein mußten.

Gerade liest meiner ein Jugendbuch über Patenir und eine Phantastik aus der DDR. Manchmal versuchen wir, Verse von Rilke oder George wie Rätsel zu knacken. ("Ich zeige Dir jetzt dies und jenes, weil vielleicht niemand sonst es Dir mehr zeigen wird.") Vor allem interessieren ihn aber Physik und Raumfahrt, nur falls jemand meint, das alte Zeug mache weltfremd und einseitig.
Dieter Rose
20. August 2016 17:41
Muss ich enfach mal sagen:

hier bei der Sezession bekomme ich Denkanstösse
in jede erdenkliche - und manchmal bisher auch nicht
ge- und bedachte - Richtung.

ich werde zum Weiterstöbern ermutigt und angeregt
und finde z.B. textatelier.com - auch mit Beiträgen u.a.
von Pirmin Meier - ein Juwel!

danke.
Brettenbacher
20. August 2016 18:31
..neulich, irgendwo im Südwesten:

Zwei Angler sitzen schon stundenlang nebeneinander.
Da schlägt der eine das eine Bein über das andere.
Dreht sich der andere so halb zu ihm hin und brummt:

"Entweder mir angle ezt, oder mir danze Foxtrott."
Kaliyuga
20. August 2016 18:36
Zum Redebedürfnis des Weibes:

Diesem ist es wenigstens natürlich und auch nötig, beim Mann dagegen Spiegel blanker Dekadenz*.

Hieße ich der Sezession "Rumpelstilzchen", würde ich mich, an dieser Stelle zurecht, über den modernen „Mann“ mokieren, der „embryonal verkümmert“ (sic!) und „durchgeknallt“, pensioniert, auf Krankenstand oder seinen Arbeitgeber prellend vor dem Rechner lebt und sein Werk, Stund um Stund, teils gar frauenbewegt („Intelligenz in der Fläche“) (sic!), in eine Tastatur schwadroniert und an Netztagebücher sendet.

Der schwätzende „Städter“, den Spengler bereits vor hundert Jahren gesehen hat und der heutzutag‘ nun über Kabel und Satellit „vernetzt“ ruhig auch auf dem „Land“ wohnen kann. Im Februar gibt er übrigens meist am wenigsten von sich. Dann ist es auch am unwahrscheinlichsten, daß er trotz Jahrzehnten an Popper und compagni auf den Schultern, methodisch kritiklos über Kölner Flughafenrecherchen der Jungen Freiheit referiert und einen jungen Krieger wie Martin Sellner beurteilen meint zu müssen. Bedauerlich, denn Bildung und Begabung lägen vor.

Vor etwa eineinhalb Jahrzehnten sichtete ich zu meinem Erstaunen etwas südlich des Jüngerschen „Heliopolis“ (Genua) zwei stämmige und wuchtig hantierende Fischerinnen, im Abendlicht auf grobem Ufergestein stehend, im Gestus an moderne hammerwerfende Olympioniken erinnernd. Trugen sie nicht gar blaue Arbeitermontur? Einem sozialistischen Vizedirektor der Kreditabteilung einer italienischen Großbank hatte mein Erzählen von diesem erheiternden Fund, wer weiß warum, ein Lächeln entlockt.

* Der über die Zeit beschleunigte Niedergang lässt sich heute aus dem Blickwinkel der Geschlechter summarisch von Tocqueville herleiten:

"There are people in Europe who, confounding together the different characteristics of the sexes, would make man and woman into beings not only equal but alike. They would give to both the same functions, impose on both the same duties, and grant to both the same rights; they would mix them in all things - their occupations, their pleasures, their business. It may readily be conceived that by thus attempting to make one sex equal to the other, both are degraded, and from so preposterous a medley of the works of nature nothing could ever result but weak men and disorderly women."
Alexis de Tocqueville (1805 - 1859)
Der_Jürgen
20. August 2016 18:39
@Der Gehenkte

Boris Spasski, von dem Sie in der Vergangenheit sprechen, ist noch quicklebendig, allerdings körperlich nicht mehr gesund; er kann kaum noch gehen. Er ist fraglos eine Persönlichkeit und keine blasse Figur.

@Elektriker

Vater Polgar vertritt die grundfalsche These, dass Genies machbar seien. Er weist darauf hin, dass fast die Hälfte der bisherigen Schachweltmeister Juden waren, und erklärt dies mit der Bedeutung, welche die Juden der Erziehung beimessen. Selbstverständlich spielt die Erziehung eine wichtige Rolle, aber nicht die alles entscheidende.

Dass die Ostjuden einen deutlich höheren durchschnittlichen IQ aufweisen als ihre Gastvölker, geht, wie vor allem Kevin MacDonald ausführlich nachgewiesen hat ("Der jüdische Sonderweg"), in erster Linie auf ihre eugenischen Praktiken zurück. In den ostjüdischen Gemeinden wurden Faulenzer und Dummköpfe oft mit einem Heiratsverbot belegt und nur so weit unterstützt, dass sie nicht an Hunger starben. Die intelligenten und fleissigen Juden erhielten hingegen Gelegenheit, Töchter aus gutem Hause zu heiraten. Dies galt namentlich für die Rabbiner, die ihre Intelligenz durch das Auswendiglernen schier endlos langer Texte bewiesen hatten. Rabbinerfamilien mit sechs bis zehn Kindern waren nichts Ungewöhnliches. Diese Praktiken erhöhten den durchschnittlichen IQ der Ostjuden natürlich stark.

Boris Spasski erklärt den enormen Erfolg der Juden im Schachspiel auch mit ihrer Fähigkeit zu strategischem Denken, die sich infolge ihrer jahrhundertelangen Stellung als Minderheit in einer Gesellschaft, die ihnen skeptisch bis feindselig gegenüberstand, herauskristallisiert hat. Strategisches Denken war für sie notwendig, um zu überleben und einen immer grösseren Einfluss zu erringen. Dies zeigt sich auf vielen Gebieten, nicht nur beim Schachspiel, sondern z. B. auch im Finanzwesen.
Paule
20. August 2016 20:07
http://sezession.de/c323472
@Winston Smith 78699

Mein Sohn soll lernen, dieselbe Freude an einer Niederlage wie an einem Sieg zu haben. Am Ende des Tages sollen die im Geist entstandenen abstrakten Gemälde und die neuen Geschichten zählen.


Was soll am Ende Herauszukommen?

Schöne Geschichten aber verhungert?

Im echten Leben geht es ums Gewinnen! Und nur ums Gewinnen! Verlierer sterben schneller!

Gute Geschichten sind für alte Männer gut - so wie mich.
Die Jungen müssen Siegen lernen, Aus- und Durchhalten, Zähigkeit, das Wiederaufstehen, dabei hilft Phantasie und Verstand und die zu Geschichten gewordenen Erfahrungen der Alten, damit sie was zum Essen haben und sich Fortpflanzen können.

Nur dann können sie als alte Männer ihren Söhnen und Enkel Geschichten erzählen, weil sie gewonnen haben und es mit der Fortpflanzung geklappt hat.
Gustav Grambauer
20. August 2016 21:35
Meier Pirmin

Man muß Ulbricht als Mann verstehen, der zunächst Offizier der Sowjetarmee in deren Krieg gegen die Lubjanka gewesen war (damit hatte er schon mal die bessere Wahl getroffen) und dann, mit der DDR deren Vasall geworden, den Schneid gehabt hat, sich von der Sowjetarmee loszusagen und einen ganz eigenen, deutschen, Weg zu gehen.

Sie wissen vielleicht (oder Sie können es z. B. bei Wolfgang Leonhard nachlesen)

http://www.kiwi-verlag.de/buch/die-revolution-entlaesst-ihre-kinder/978-3-462-03498-1/

, daß es als eines der schlimmsten Verbrechen gegolten hatte, sich dem Titoismus hinzugeben, und mit welcher Härte Ulbricht gegen Titoisten vorgegangen war. Und jetzt der Clou: Anfang der 60er Jahre wurde Ulbricht - unausgesprochen - selbst in vieler Hinsicht zum größten Titoisten. Er hat die Klassenkampf-Doktrin durch diejenige der Sozialistischen Menschengemeinschaft abgelöst, einer der vielen Vorgriffe um 50 Jahre (hier auf die "Harmonische Gesellschaft") auf die Politik der heutigen Chinesen. In der Wirtschaftspolitik, die der heutigen chinesischen wiederum vorgegriffen hat, ging er mit dem Neuen Ökonomischen System (NÖS) noch ganz andere eigene Wege als Tito. Sein Verhältnis zum Kreml, zunächst am Mais entzündet, war bereits zerrüttet, ebenso sein Verhältnis zum Apparat des ZK der SED. Er hatte seine Hausmacht im Ministerrat bei den Fachleuten. Darüber hinaus hat er sich die Freiheit genommen, sich mit externen - hochkarätigen - Beratern zuumgeben, der bekannteste war Manfred v. Ardenne, mit dem er sich weit über wissenschafts- und technologiepolitische Fragen hinaus eng abgestimmt hat. Überhaupt hat Ulbricht seit 1945 sehr stark die Nähe zu Bürgerlichen und Adligen, zu Wissenschaftlern und Künstlern gesucht (die Honecker allesamt gehaßt und in seiner Angst vor Blamagen gemieden hat).

Die zionistischen Künstler im Spektrum vom hintertriebenen Eisler bis Seghers und dem ganzen Aufbau-Klüngel aus dem Dunstkreis der Lubjanka waren ihm allerdings spinnefeind, wie dieses Spottlied zeigt (von dem viele bis heute nicht begriffen haben, daß es ein Spottlied ist):

https://www.youtube.com/watch?v=MLRDyDdai0E

Seine Deutschlandpolitik: Honecker hat gekräht: "Die Mauer wird in hundert oder in tausend Jahren noch stehen", Ulbricht hatte - natürlich nie ausdrücklich - gesagt: "Wir haben die Mauer gebaut, also müssen wir sie auch wieder einreißen". Dies hätte 1969 in Erfurt in Gesprächen mit Brandt über eine Konföderation beginnen sollen. Als dies in Moskau bekannt wurde, wurde Ulbricht ausgeschaltet, nach Oberhof gebracht und dort interniert, selbst seine Telefonleitungen wurden gekappt, die Verhandlungen hat bekanntlich stattdessen Willy Stoph ins Harmlose hinein geführt (der nach wie vor Einflußagent der Sowjetarmee war) - denn man konnte den von Ulbricht eingeladenen Brandt ja nicht einfach wieder ausladen. Die Stasi hat ihr Wachregiment in Zivilkleidung nach Erfurt herangekarrt, das als getarnte Einheimische mit Fernsehbildern von "Willy Brandt ans Fenster" Breschnew so richtig über Ulbricht in Wut bringen sollte.

(Nebenbei war dieser Ruf in seiner Anlehnung an "Brandt an die Wand" ein kleiner Biß in Brandts Wade und ein Versuch, die Deutschen vor der Welt wieder als unverbesserliche Nazis hinzustellen.) Alles nachzulesen bei Häber. Bei der Renovierung des Kossenhaschen (wie es die Erfurter nennen) vor etwa zehn Jahren gab es in der Stadt noch einmal Zoff um diesen Spruch, als er auf dem Dach montiert werden sollte, eigentlich sollte dort "Willy komm ans Fenster" stehen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Erfurter_Hof#/media/File:Willy_Brandt_Erfurt.JPG

Ulbricht war klar, daß die Teilung Deutschlands nicht auf Dauer aufrechtzuerhalten sein würde, und die DDR bei einer Konföderation oder sogar Wiedervereinigung möglichst viel an moralischem, konzeptionellem, politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Gewicht in die Waagschale zu werfen hätte - und daß dieses Gewicht von den 70er Jahren an nur noch abnehmen würde; außerdem, daß die Initiative dazu im Sinne des Platzes der DDR in der Geschichtsschreibung von ihr - und nicht von der "BRD" - ausgehen müsse. Er hatte auch viel zu große Illusionen über die Strahlkraft seines Modells im Westen.

Als ihn sein Außenminister Bolz im Zwist über die Frage des Beitritts der DDR zur UNO verließ (wegen der Feindstaatenklauseln der UN-Charta), nahm der Kreml die Chance wahr, ihm als Wauwau seinen alten Gruppe-Ulbricht-Gefährten Winzer dort zu installieren, der sogleich das geflügelte Wort über Brandts Ostpolitik als "imperialistische Aggression auf Filzlatschen" prägte (wobei Winzer hat ja recht behalten hat wie wir 1990 gesehen haben).

Die FDJ hat Ulbricht 1964 entmachtet, indem er ihr einfach den Geldhahn zugedreht hat. Die Gelder hat er in seine eigenen Projekte umgelenkt, etwa in Zeitschriften wie 'Jugend + Technik', und vor allem in den Jugendsender DT-64.

https://de.wikipedia.org/wiki/DT64

Auch in das weitgehend vom ML-Dogmatismus befreite Deutschlandtreffen 1964

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschlandtreffen_der_Jugend

war die FDJ zum Entsetzen des Apparats kaum noch einbezogen. Daraufhin hat Honecker gerade Ulbrichts Jugendpolitik hintenrum zum Hebel seiner Angriffe auf diesen gemacht, so raffiniert und hintertrieben, daß er selbst bis heute als der 'lässige Weltoffene' und Ulbricht als der 'verkniffene Hardliner' gilt. In dieser berühmten Sentenz

https://www.youtube.com/watch?v=Q55mQpAGNMc

hat Ulbricht nur noch, um wenigstens seine anderen Projekte zu retten, nachträglich mit den Wölfen gegen seine eigene Jugendpolitik angeheult.

"Können Sie ... ausführen ... wie gute Ideen wieder rückgängig gemacht wurden."

Es ist sogar gelungen, das Bild der Allgemeinheit vom Ulbricht der 60er Jahre so weit zu verzerren, daß es schon damals - und erst recht heute, wo die grundlegenden Tatsachen kaum noch bekannt sind - so gut wie keinen Wirklichkeitsgehalt hatte oder hat. Dies haben nicht nur seine Gegner im Westen und in Moskau erreicht, sondern vor allem die SED selbst, mit unfaßbarer Gehässigkeit.

Vieles daran ist immer noch "heiß", z. B. darf es ja nicht sein, daß eine Initiative zur Wiedervereinigung von der DDR ausging. Es gibt in der heutigen Öffentlichkeit nur noch Einzelne, die die historische Wahrheit über Ulbricht kennen und offen darüber sprechen wie z. B. Frau Wagenknecht.

Auch in den hier in Rede stehenden 60er Jahren war Ulbricht gewiß nicht die Unschuld des Kurrendeknaben, allein schon mit seinen Bestrebungen, den Sport zur Afterreligion zu machen, hat er weite Teile des Thüringer Waldes geschändet.

https://www.youtube.com/watch?v=-9w6PEbZD8A

Ich finde an ihm so faszinierend, daß er mitten im 20. Jahrhundert ein aufgeklärter absolutistischer Monarch war, der nach seinem Gusto auf deutschem Boden seinen Musterstaat (Hacks würde sagen: sein Ulbrichtianisches Universum) verwirklichen konnte - und dies unter breitestmöglicher Partizipation ("Arbeite mit, plane mit, regiere mit"), gegenüber der das westliche Parizipations-Geseiere ein Witz war und ist. Dabei war zugleich bemerkenswert, daß er sich nicht des Filzes und der mafiösen Strukturen bediente sondern der, wie man heute sagen würde, Zivilgesellschaft. Zwischen ihm und Mielke, erst recht der HVA, lagen Welten. An seinem Hof hätte es auch keinen "Jud Süß" Schalck-Golodkowski gegeben und auch nicht geben müssen, da im NÖS jeder Betrieb selbstverantwortlich Devisen erwirtschaften könnte; schon daran wird klar, daß es mit ihm die Mauer nicht mehr lange gegeben hätte.

"... 1968 in Berlin, meist West, und die damaligen westlichen Linksextremen waren tatsächlich der Meinung, die wahren Marxisten zu sein."

Berlin war schon in den 20er Jahren nach Moskau die roteste Stadt der Welt gewesen, zur Zeit Ihres Besuchs war West-Berlin zugleich die Welthauptstadt der Wehrdienstverweigerer, die aus der gesamten Alt-BRD dorthin angesaugt wurden. Die HVA (ergo die Lubjanka) hat u. a. mit der Hinrichtung von Ohnesorg dann den Zunder unter den Kessel gebracht, zugleich, um den Kreis zu schließen, ein inzidenter Angriff auf Ulbricht.

- G. G.
Kaliyuga
20. August 2016 21:51
Da nun halt Wochenende ist und keine Arbeit mehr wartet, noch zur von der Frau Kositza erwähnten Anmut des Weibes:

Bei seiner freilich je unzulänglichen enzyklopädischen Erfassung muß notwendig auch die (potentielle) Haarpracht bemerkt sein.

Vorher am (lateinisch) „gewaltvollen“ Fluß. Vor Wochen führte er selbst noch hier heroben fast 2.100 cbm je sec. herab.

Stromauf kommend grüßt ein Fräulein, links und rechts flankiert von Freundinnen, alle sind sie in Hosen, die der Yankee als „hot pants“ benennt. Sein sehr warmer und interessierter Gruß und das Stehenbleiben mit eher unüblichem Erkundigen nach meinem Ergehen ist erst nach überwundener Überraschung (und bei notorischer Kurzsichtigkeit aufgesetzter Brille) zuzuordnen: Nämlich ist das nun offen getragene Haar auffällig gewachsen und wallt, wenn auch erst anfänglich, sehr gefällig über die Schultern.

Erstes Semester, MINT-Fach: Weder wußte dieses Fräulein den Namen der Landeshauptstadt, obwohl in ihren Mauern geboren, im Dialekt einwandfrei aufzusagen (auf Neudeutsch: ein „No go“ und bei mir fast eine notwendige Bedingung, zur schriftlichen Prüfung überhaupt zugelassen zu werden), noch, wie die Aufzeichnungen zeigen, anspruchsvollere Analysis mit Geometrie des Pythagoras in der Klausur zu kombinieren. Im Resultat gleichwohl, nach heutigen, nachweislich unter den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts liegenden Maßstäben, „über Durchschnitt“.

Stets auffällig allerdings sein großer, fast dunkler und für einen deutschen Südländer unterkühlter, spröder, bei anspruchsvollen Aufgaben in karg bis spitzzüngelig intonierte Ironie abgleitender, norddeutscher Ernst. Nicht daß solches Wesen aber nicht auch je Anziehungskraft besessen hätte und heute noch viel mehr besäße.

Nun hat dieses herrliche Wesen sich nach dem Dreiviertel eines Planetenumlaufs überraschend selbst entdeckt. Fortan wird es hoffentlich weder Turbinen dimensionieren (welche Belastung für den Generator!), noch für die Bayrischen Motorenwerke (BMW) Stromtanktstellen auf „ökologischer“ Basis einrichten oder Reusen (für Fische) auslegen. Junge Männer, es ist an euch!

Daß sich Natur doch ewig durchsetzen will und selbst heute noch durchsetzt! Marcus Aurelius, großartiger Stoiker, du hattest und hast Recht!
Monika
20. August 2016 22:29
@der Gehenkte. Das „sexuell Aufgeladene“ der Frauenmystik betrifft den Durchschnitt, aber kaum die stärksten Texte, die bei Mechthild von Magdeburg doch nur sehr teilweise von diesem Element „leben“.


@ Meier Pirmin

Die Heilige Theresa war aber auch nicht Durchschnitt.
Und dann das :

http://www.mahagoni-magazin.de/skulptur/bernini-verzuckung-der-heiligen-theresa-%E2%80%93-das-lacheln-der-lust-1645/1652
Monika
20. August 2016 22:49
Maria Magdalena begegnet dem Bericht des Johannesevangeliums zufolge als erste dem Auferstandenen in der Nähe des leeren Grabes, erkennt ihn jedoch nicht, sondern hält ihn für den Gärtner. Daher befragt sie diesen, ob er etwa den vermissten Leichnam des Gekreuzigten weggetragen und wohin er ihn gelegt habe. Erst als Jesus sie bei ihrem Namen nennt, erkennt sie ihn. Offenbar auf ihren Versuch, ihn zu küssen oder zu umarmen, reagiert Jesus mit dem sprichwörtlich gewordenen Ausspruch und begründet sein Verbot damit, er sei noch nicht zum Vater aufgefahren. Maria Magdalena fordert er auf, die Jünger zu informieren. Sie wird dadurch zur ersten Zeugin und Verkünderin der Auferstehung Jesu Christi.


Das subtilste erotische Moment der Frauenmystik ist das noli me tangere.
In der bildenden Kunst vielfach dargestellt.
Aaron
20. August 2016 23:43
# Evelyne

Das 1-2 qm große gelbe Viereck habe ich im vorigen Jahr erstmals auf einem Bahnhof wahrgenommen, denn rauchende Bekannte von uns steuerten darauf zu um sich "Eine" anzustecken.
So was unfassbar albernes, ich konnte mich nicht mehr halten vor lachen.
Meinem Freund riet ich sich als Anarchist zu fühlen und 1 Meter aus dem Viereck zu treten, er hat sich echt nicht getraut!
Ich bin Nichtraucher und mir wäre es vollkommen schnuppe, wer draußen wo, wie und wann raucht, nur halt nicht beim Essen!

Ein Witz aus der Reihe, da rollt noch die Bartaufwickelmaschine:
Was ist langweiliger als Angeln: Zuschauen beim Angeln!
Ja,ja, als Nichtangler hat man gut reden...
Gustav Grambauer
21. August 2016 00:42
Winston Smith 78699

"Kommt die Abhärtung der Kleinkinder nicht bereits aus der Reformhygienik und -pädagogik der Jahrhundertwende"

Bin mal, viel später natürlich, dem Chauffeur von "dem (!) Minister" (institutionelles Maskulinum) Hilde Benjamin, der "Bluthilde", begegnet, die ja aus der Lebensreformbewegung kam. Der hat mir erzählt, daß er in seinem ZIM immer einen Eispickel (wir denken an Trotzkis Ende ...) mitführen mußte - und daß sie im Winter oft halten und ihn ein Loch an einem Tümpel aufhacken ließ, und dann dort splitternackt hineinsprang. Ulbricht hat übrigens nach dem 17. Juni noch vierzehn Jahre gebraucht, bis er die (1967) verjagen konnte.

Das Wort "Sterilisieren" hat ja noch eine andere Bedeutung ...

Die Wissenschaftlichkeit der marxistisch-leninistischen Gesellschaft war ja keine vermeintliche, im Gegenteil, der Scientismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Szientismus

war ernst gemeint wie nirgends sonst. Es tut mir leid, Max Muster, Ihnen sagen zu müssen, daß ich "Schlag nach - Natur" vor allem als Zeitdokument ansehe. Das Buch war Teil der großen Kampagne, das materialistische / darwinistische Weltbild zu verbreiten. Davon bleibt meine Achtung vor der Sorgfalt und Liebe, mit der das Buch gemacht wurde, unbenommen.

"Naturkundebuch: ... Wie werden die emblematisch verwertbaren Gebeine des jetzigen Wahns aussehen?"

Waren Sie mal in Jena im Phyletischen Museum?!

http://www.phyletisches-museum.uni-jena.de/ausstellung-informationen.html

Dort stoßen Sie auf die Rotzfrechheit der reinen Propaganda für den Darwinismus - in Haeckels an Goethes Geburtstag eingeweihtem Haus, übrigens nicht zufällig einem Jugendstil-Bau. Nebenbei gesagt werden Haeckel nahezu, der Kern seiner "Welträtsel" und damit seine Gegnerschaft zu Darwin mit ihrem ganzen strategischen Hintergrund völlig unerwähnt gelassen. Und wissen Sie, was daran für mich noch besonders bemerkenswert ist: es ist mein Vergleich der beiden Arten, wie diese Farce in je der DDR und jetzt abgezogen wird. Bin schon neugierig auf die nächste Umgestaltung nach dem Zusammenbruch des jetzigen Systems ...

Haushaltsbücher: weiß ja nicht, wie ggf. Ihre Frau und Sie in der Hinsicht leben. Vielleicht brauchen Sie auch kein Haushaltungsbuch, weil Sie eine Haushälterin haben oder darin naturtalentiert sind. Wir sind jedenfalls immer öfter insgeheim entsetzt über die Bolschewisierung / Nivellierung / Ausrottung der Alltagskultur wenn wir irgendwo zu Gast sind Dafür sehen wir nur zwei Gründe: Banausentum und Faulheit (denn für diverse Hobbies haben die Leute durchaus Zeit). (Gut, bei Jack Donovan daheim waren wir noch nicht.) Ich zitiere Mosebach bei Klonovsky, Acta Diurna vom 31. Juli 2016 und erlaube mir die Ergänzung, daß die folgende Aufzählung nicht nur für die Armen gilt:

„Ob ein Volk ein Kulturvolk ist, entscheidet sich daran, wie viele kulturelle Fähigkeiten die Armen dieses Volkes besitzen: wie viele Kenntnisse, das Leben kultisch in Form zu bringen. Solche Fähigkeiten sind zum Beispiel: einen Gast empfangen, ein Essen auf den Tisch stellen, ein Huhn tranchieren, die Messe dienen, wissen, in welcher Kleidung man eine Kirche betritt, mit Angehörigen anderer Klassen oder Nationen umzugehen, ein altes Lied singen zu können, eine Frau so anzusprechen, daß es ihr angenehm ist, auch wenn sie nicht darauf eingehen möchte, ein Fest zu feiern, einem Toten die Augen zuzudrücken.“.

- G. G.
Kaliyuga
21. August 2016 00:54
Zum überraschenden, für dürftige Naturen allenfalls zu falsifizierenden Potential des Weiblichen in verworfener Zeit.

R., geliebtes Weibliches von meinem Blut, vor achtzehn Erdumläufen ganz frisch ins dunkler werdende Dasein getreten, findet mich also auf und kutschiert mich dann technikinduziert elegant und neu-europäisch mit „General Motors“ jenseits der 160 km/h topographisch tatsächlich aufwärts über verbotene „Autobahn“, „nach Hause“.

Mein junges und hübsches polyglottes „Ding“, als ich den Haltegriff über dem Fenster suche, fragt mich, den Dipl.-Ingenieur, mild im Ortsdialekt: „Host gar Angst, ha?“ Ach was, meine R.! (Konntest Du aber je auch nur am leichten Berg nach Halt erfolgreich anfahren?).

Was ein Respekt aber vor dem jungen „Ding“, als es den Staatsfunk, als dieser wie gewohnt auf „Gender Mainstreaming“ abdreht, einfach und ohne jeglichen Hinweis, sehr entschieden, wie von geheimer Hand, bei dieser hohen Geschwindigkeit, von sich aus einfach: ABSTELLT! Sie schaltet das Radio ab! Punkt, still ist’s nun! Nur die R. und ich. Wir jagen mit 170 gegen die Mozartstadt.

Sappra! Woher hat sie das, eigentlich? Von der feministischen Mutter und vom zeitgeistig verkommenen Bairischen Gymnasium, vor seinem Eingang eine Büste des überraschend abgedankt habenden und doch schon modernistischen Papstes (er war wie sie und ich auf diese Schule gegangen), nie und nimmer nicht.

Als ob es nicht gäbe, was sich uns noch verschließt.
Meier Pirmin
21. August 2016 06:54
@Grambauer. Auch wenn es mir eine Spur idealisierend vorkommt, fast zu gut um wahr zu sein und unter Weglassung der Opfer dieser Politik, ist das nun doch eine höchst wertvolle alternative Information. Man versteht nun zum Beispiel gut, warum es viele DDR-Intellektuelle mit Ulbricht und seinem "Erbe" nicht konnten. Er war für sie wohl eher ein Rechtsabweichler. Mich traumatisierte in meiner Jugend das Ausreiseverbot, wodurch mir die DDR ein Gefängnis schien. Ich betonte damals, dass Südafrika in dieser Hinsicht ein viel freieres Land sei.

Was mich aber an der DDR früh überraschte, waren gewisse Nischen, zum Beispiel der St. Benno-Verlag, wo auch Schriften und das Gedankengut von Reinhold Schneider vermittelt wurdem, der aus dem Gedächtnis der Nation verdrängte christliche Schriftsteller, der zwar die Bundesrepublik trotz Freundschaft mit Heuss als "Restdeutschland" nie für voll nahm und auch mit Johannes R. Becher im Kontakt war. Klar, wurde Reinhold Schneider in der DDR besser geachtet als bei der Gruppe 47. Im Einzelfall hat er sich als Pazifist etwas naiv verhalten und auch von zwielichtigen Figuren über den Tisch ziehen lassen, was der Germanist Ekkehard Blattmann im Buch "Reinhold Schneider im roten Netz" dargestellt hat.


PS. An Weihnachten 1961 habe ich für die Menschen in der SBZ, wie ich es nannte, eine Kerze vors Fenster gestellt und die ganze Nacht brennen lassen.


PS 2. Zu meinem Erstaunen habe ich im SPIEGEL soeben gelesen, dass die DDR-Truppen 1968 nun doch nicht in die CSSR eingefahren seien. Ist es möglich, dass selbst ich das im Geschichtsunterricht falsch dargestellt habe, weil diese Nachricht offenbar nur von Nachrichtendiensten verbreitet wurde? Das ist oder wäre mir sehr peinlich. Denn allgemein wurde der Einmarsch deutscher Truppen in die CSSR als die Schande aller Schanden dargestellt, weil natürlich an 1938 erinnernd. So sah es auch die Neue Zürcher Zeitung, für mich damals die zuverlässige Information schlechthin.
Meier Pirmin
21. August 2016 07:05
@Der Gehenkte. Was Sie über die Ostjuden schreiben, korrigiert und kompensiert die Untermenschentheorie dummer Nationalsozialisten nach oben, schon fast in einer Art Philosemitismus. Halte von dieser Theorie nicht allzu viel. Bin aber überzeugt, dass die über Jahrtausende schwierigen Ueberlebensbedingungen natürlich eine positive Selektion förderten, auch, dass Juden relativ konsequent nicht "ausheirateten".
Meier Pirmin
21. August 2016 07:30
@niekisch. Das mit dem kirchlichen Einfluss, der die Frauen 1 500 Jahre unten gehalten habe, weshalb sie so beklagenswert im Rückstand sind, verrät mal zunächst einiges über Ihre historisch-politische Weltanschauung mit dem dazu gehörigen Feindbild. Durch eigene kulturhistorische und volkskundliche Forschungen bin ich zum Schluss gekommen, dass etwa der Einfluss der Kirche auf das Sexualverhalten zu allen Zeiten massiv überschätzt wurde. Dazu kommt, dass es in mittelalterlichen Frauenklöstern entfaltete Hochintelligenz gab, die zum Beispiel von deutschen Feministinnen der Gegenwart trotz sehr viel gutem Willen und moderneren Lebensbedingungen noch nicht getoppt wurde. Dabei will ich deren Leistungen und sogar gewisse Verdienste (neben weniger guten Nebenwirkungen) nicht in Abrede stellen. Es gab aber objektiv mehr geniale deutsche Nonnen als geniale deutsche Feministinnen.
Meier Pirmin
21. August 2016 18:28
@Monika. Teresa galt in einem Seminar eines Hispanisten der Universität Zürich, das ich 1972 besuchte, als "grösste spanische Mystikerin".


Ein Zitat von damals aus dem Gedächtnis, das vielleicht gut zur Debatte bei der Sezession passt:

No durmais no durmais
que no hay paz en la tierra (ev. orthographisch nicht richtig)



Schlaft nicht! Schlaft nicht!
Es gibt keinen Frieden auf Erden!


Tönt nicht übertrieben mystisch-erotisch
Ralf Kaiser
21. August 2016 18:28
@ Meier Pirmin

Würden Sie mir recht geben, daß es keine positive Selektion darstellt, wenn hochbegabte Frauen als Nonnen davon abgehalten wurden, ihre hervorragenden Gene weiterzugeben?
Olaf
21. August 2016 21:05
Herzallerliebst! Es lebe die Emma 2.0. Petry Heil!
Gustav Grambauer
21. August 2016 21:33
Meier Pirmin

Ihre Vorstellung von "Schande" in dem Zusammenhang weicht ein klein wenig von der eines damaligen typischen SED-Funktionärs oder NVA-Offiziers ab.

Für die NVA mit ihrem Streber-Eifer war es eine Schmach, nicht (!) in die Tschechoslowakei einmarschieren zu dürfen. (Die Russen hatten dazu "Njet" gesagt.) Auch die SED-Nomenklatura hat dieses "Njet" als tiefe Demütigung und Deklassierung empfunden. Eine historische Sensibilität durften Sie dort nicht voraussetzen, schon gar nicht bei der NVA.

Das Geschichtsbild der NVA strotzte vor Selbstbewußtsein. Die Säuberung von den alten Eliten (Literaturempfehlung:)

http://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=286

war gerade abgeschlossen, jetzt waren dort die "proletarischen Internationalisten" tonangebend. Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, wie die groß die ihre Fresse aufgerissen haben. Die gesamte Traditionspflege der NVA war gerade erst von Scharnhorst-Arndt-Körner auf deren Pop-Idole Beimler-Becker-Weinert umgepflügt worden. Diejenigen, die die Nazi-Zeit und den WK-II differenziert und mit Persönlichkeitsreife verarbeitet hatten (Literaturempfehlung:)

http://www.zvab.com/Ehre-Gewissen-Homann-Heinrich-Verl-Nation/13257670383/buch

waren an den Rand gedrängt oder herausgemobbt worden.

Wenn es überhaupt ein historisches Bewußtsein gab, dann auf Double-Bind-Ebene für die Pogrome der Tschechen an den Deutschen 1945.

Sie dürfen sich auch von der SED her nicht vorstellen, daß die tschechischen und slowakischen Genossen außer in Reden von den Tribünen herab oder im Parteichinesisch als "Brüder" angesehen wurden, zumal das Land als Mafia-verseucht galt und mit den Zigeunern nicht klar kam. Hinzu kam, daß der CSSR-Außenhandelskonzern Motokov - es wurde geumunkelt: mit "schmierigen" Mitteln - im Comecon (RGW) erreicht hat, daß die DDR keinerlei mittelschwere oder gar schwere Personen-, Gelände- und Lastkraftwagen / Lafetten sowie Motorräder mehr herstellen darf, außerdem keine Omnibusse, Straßenbahnen und Kleinflugzeuge - dafür umso mehr davon Motokov selbst. Das war der Stoß in das Herz der DDR-Wirtschaft, vor allem in die sächsische Maschinenbau-Industrie, die sich daraufhin irreversibel vollends auf Spinn- und Druckmaschinen sowie Eisenbahnwaggons umstellen mußte (allerdings sehr erfolgreich). Ein NVA-General konnte sich daraufhin auch nicht mehr im Horch oder EMW fahren lassen sondern mußte auf einen Tatra oder Wolga umsatteln, was, bei allem proletarischen Internationalismus, als tiefe (nationale) Demütigung empfunden wurde. Nicht nur wegen der Liberalisierung mit dem Prager Frühling und wegen der Gefahr der Exstirpation des "weichen Unterbauchs" lag also der Geruch der Rache in der Luft.

Aber wozu gab es zur Kompensation der "Schande" die Propaganda-Maschinerie. Diese hat in völliger Selbstverständlichkeit so berichtet, als sei die NVA in der CSSR mitten in einer Art Schlacht im Kursker Bogen. (Und die westlichen Zeitungen haben`s abgeschrieben.) Die 11. Mot.-Schützen-Division (---> Infanteriedivison) aus Halle wurde im Erzgebirge in Bereitschaft gehalten. Als sie wieder am Standort einrückte, hat der dortige SED-Bezirkssekretär Sindermann, der später als Ministerpräsident versagen und dann bis 1989 Gesicht-wahrend auf den Posten des Parlamentspräsidenten "geparkt" werden würde, eine Militärparade mit allem Pomp und Gloria abgenommen, bei der die Einheit gefeiert wurde wie Moltke nach Königgrätz. Kein Wort von der Tribüne herunter darüber, daß die nur als Reserve in einem Wäldchen auf DDR-Boden biwakiert hatten. Typisch NVA: jeder Soldat bekam ein paar Gummistiefel (!!!) überreicht.

Da wir bei Ulbricht sind: wie er sich bei alldem positioniert hat, ist mir nicht bekannt. Aber ich hatte schon gesagt, daß er kein Kurrende-Knabe war, neben seinen erwähnten konstruktiven Seiten hatte er, früher sowieso aber auch noch in den 60er Jahren, ziemliche schwarze Flecken.

- G. G.
Gustav Grambauer
21. August 2016 22:12
Meier Pirmin

audiatur et altera pars (ab 1:12:56):

https://www.youtube.com/watch?v=X8-Wz_n0h9M

Peter Hacks: Erinnerung an der Moldau

"Schon achtundsechzig bat Herr Ota Schick
Den IWF in unsre Republik."

- G. G.
Meier Pirmin
21. August 2016 23:58
@Kaiser. Ludwig Klages nannte seine Tanzstundenpartnerin "Geliebte meiner Zuchtwahl". Auffällig ist, dass bei wirklichen Höhepunkten von Genialität, Goethe ist kein Ausnahmefall, die Familie Bach kein Regelfall, in der Familie oft Ende Feuer ist.
Heinz Obst
22. August 2016 00:43
@Meier Pirmin
Sonntag, 21. August 2016, 06:54 PM


PS 2. Zu meinem Erstaunen habe ich im SPIEGEL soeben gelesen, dass die DDR-Truppen 1968 nun doch nicht in die CSSR eingefahren seien. Ist es möglich, dass selbst ich das im Geschichtsunterricht falsch dargestellt habe, weil diese Nachricht offenbar nur von Nachrichtendiensten verbreitet wurde? Das ist oder wäre mir sehr peinlich. Denn allgemein wurde der Einmarsch deutscher Truppen in die CSSR als die Schande aller Schanden dargestellt, weil natürlich an 1938 erinnernd. So sah es auch die Neue Zürcher Zeitung, für mich damals die zuverlässige Information schlechthin.

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Bei Gesprächen mit ehemaligen NVA-Soldaten zum Thema Tschechei hieß es immer, man sei alarmiert und in Bereitstellungsräume an der Grenze zur Tschechei verlegt wurden.

Übereinstimmend berichteten diese Soldaten, daß die NVA die Grenze nicht überschritten habe.
Heinz Obst
22. August 2016 00:51
Kartoffelkäfer

Stil-Blüte
Freitag, 19. August 2016, 01:42 PM


Kartoffelkäfer waren Schreckgespenster meiner Kindheit. Nicht nur, weil sie wirklich unappetitlich waren, sondern weil sie von den Amerikanern über der Ostzone abgeworfen worden sein sollen. Damals dachten wir, das sei reine Propaganda. Die Infamie der amerikanischen Psychologischen Kriegsführung wird mir heutzutage mehr als genug vor Augen geführt; so kann es wohl doch gestimmt haben.

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Wir bekamen als Kinder (im Scherz) während der 19790er Jahre erzählt, die von der US-Luftwaffe abgeworfenen Kartoffelkäfer erkenne man daran, daß sie an ihren sechs Käferfüßen Schuhe mit Kreppsohlen tragen.

Von den Schuhen mit Kreppsohle mal abgesehen, sehe ich indessen wie Stil-Blüte, die Geschichte von den über der 'Zoffjetzone' aus Flugzeugen abgeworfenen Kartoffelkäfer nicht mehr als völlig unglaubwürdig an.
Heinz Obst
22. August 2016 00:59
@Kositza

Wir kippen Käfer und Maden ins Hühnergehege. Ein gigantischer Wimmelplatz. Die dummen Hühner glotzen und scharren. Keines will picken. Verwöhntes Gesocks! Wir müssen rein ins Gegehe und die Schädlinge selbst eliminieren. Unschön!


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Am das Absammeln der gelb-schwarz gestreiften, erwachsenen Käfer, sowie der dunkelorange bis rot oft dicht zusammengeklumpt an den Kartoffelpflanzen sitzenden Larven erinnere ich mich gut.

Wenn die Erinnerung nicht trügt, wurde der eingesammelte Inhalt unserer dafür zweckentfremdet genutzen Buddeleimerchen zwischen großen Steinen zermalmt.

Die Oma erzählte uns bei dieser Gelegenheit, insbesondere die Kartoffelkäferlarven würden den Hühnern (genauso wie heutzutage im KK-Hühnergehege Schnellroda bestätigt) nicht schmecken.
herbstlicht
22. August 2016 08:03
Meier Pirmin schrieb:


Buch von Popper, dessen Titel ich Ihnen derzeit nicht vermitteln kann


Man gebe


Der Darwinismus als metaphysisches Forschungsprogramm


eingeschlossen in Gänsefüße bei Google ein und erhält einen Auszug von
"Evolutionstheorie - Akzeptanz und Vermittlung im europäischen Vergleich".

Demnach hat Popper sein Urteil nach einigen Jahren zurückgenommen.
Ellen Kositza
22. August 2016 08:35
Danke, Ende!

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