24. Oktober 2016

»Brandherd Syrien« – Tagung der Gesellschaft für Internationale Friedenspolitik

von Benedikt Kaiser / 30 Kommentare

In diesen Tagen naht die heiße Phase der von allen Kriegsparteien in Syrien als »entscheidend« für den künftigen Kriegsverlauf angesehenen Schlacht um die Metropole Aleppo. Auf der einen Seite kämpfen die Streitkräfte der regulären syrischen Armee mit ihren Verbündeten bei russischer Luftunterstützung, während auf der Gegenseite ein Konglomerat aus sunnitisch-dschihadistischen Banden mit Waffen aus dem Westen und Finanziers aus den Golfstaaten zum Angriff übergehen möchte.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Aleppo ist also Schauplatz eines seit 2011 immer weiter eskalierenden Krieges, der Syrien zum »Brandherd« werden ließ. Die Lage ist dabei für Beobachter kaum noch zu überschauen, weder militärisch noch politisch oder strategisch. Wer mischt mit, wie wird desinformiert, wie geht es weiter mit Syrien? Eine Tagung der »Gesellschaft für Internationale Friedenspolitik e. V.« (GIF), die in Bad Sooden-Allendorf stattfand, ging am 22. und 23. Oktober genau diesen (und vielen weiteren) Fragen auf den Grund. Die Veranstaltung, die mit etwa 150 Gästen gut besucht war, zeichnete sich insgesamt durch ein hohes Niveau der Vorträge aus, wobei es einige besonders verdienen, hervorgehoben zu werden.

Schwester Hatune Dogan

Die Nonne aus einem nordrhein-westfälischen Kloster wurde 1970 in der Südosttürkei – unweit der syrischen Grenze – in eine christlich-aramäische Großfamilie geboren; 1985 erfolgte aufgrund Morddrohungen sunnitischer Nachbarn die Flucht nach Deutschland. Ihr Weg führte in einen syrisch-orthodoxen Orden, sie machte mehrere Ausbildungen, studierte Theologie und Geschichte und engagierte sich in der Armenhilfe in Indien; 2010 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Ihre 2003 gegründete, karitative »Hatune Foundation« verfügt heute über 5000 ehrenamtliche Helfer, die sich insbesondere um verfolgte Christen, konkret: notleidende Mädchen und Frauen, im Nahen Osten kümmern.

Dementsprechend referierte Schwester Hatune über »Die Lage der Christen in Syrien und im Irak«. Ihr mit viel Leidenschaft vorgetragener Beitrag machte klar: Die Lage ist katastrophaler als angenommen. Massenvergewaltigungen, Entführungen, Morde sind an der Tagesordnung. Schwester Hatune bemängelt die fehlende europäische Beschäftigung mit diesem Elend, denn gerade »aus christlicher Sicht darf man nicht schweigen, was im Nahen Osten passiert«, so ihr Plädoyer. Statt dessen schaue die westliche Welt weg und stütze konsequent die falschen Kräfte.

Grundsätzlich stark zu vernehmen waren ihre aus eigenem Erleben genährten Vorbehalte gegenüber dem sunnitischen Islam. Die Nonne aus Warburg verwies wiederholt auf Suren, die von gläubigen Muslimen als Tötungsbefehle gegen Minderheiten (Christen, Alawiten, Aleviten, Schiiten usw. usf.) verstanden werden. Ihre zugespitzte These »Mohammed war ISIS!« begründete sie mit einem kurzen Streifzug durch die historische (salafistische) Christenverfolgung im Nahen und Mittleren Osten. Heute, wo mit dem »Islamischen Staat« und vergleichbaren Terrorstrukturen wie der Nusra-Front eine neue Dimension antichristlicher Gewalt erreicht wurde, müsse endlich etwas getan werden.

Unverständlich für sie ist dabei die Gleichgültigkeit der Christen Europas angesichts des sukzessiven Genozids an christlichen Minderheiten, ebenso unverständlich die europäische und insbesondere die bundesdeutsche Flüchtlingspolitik: »Europa hat die Wölfe hereingelassen und die Schafe vor der Tür stehen lassen«, so ihr enttäuschtes Fazit.




Aktham Suliman

Der 1970 geborene Journalist Aktham Suliman ist bekannt aus einigen Talkshows: Er war es, der den führenden arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira 2012 verließ, da er die tendenziöse und unverantwortliche Syrien-Berichterstattung nicht mittragen wollte. Der studierte Politikwissenschaftler, der in Damaskus geboren wurde und derzeit in Berlin lebt, sprang für die deutsche Syrienexpertin Karin Leukefeld ein, die aus unbekannten Gründen der Tagung fernblieb. Sein Vortrag »Krieg und Chaos. Eine arabische Sicht« zeichnete sich durch Sachverstand und gekonnt gesetzte Ironie gleichermaßen aus.

Suliman betonte die sozioökonomischen Ursachen des Syrienkonflikts und relativierte insofern die rein religiös orientierte Kritik seiner Vorrednerin: »Im Krieg geht es nicht um Religion, sondern um Interessen.« Wie diese Interessen seitens der letzten verbliebenen Weltmacht USA und ihrer Verbündeter eingesetzt werden, um in Syrien und den Nachbarländern hegemonial zu agieren, machte er anhand zahlreicher Beispiele vom 11. September bis in die Gegenwart deutlich.

Ob der Krieg nach Europa komme, sei keine hypothetische Frage mehr. Der Krieg sei längst in Brüssel, Paris oder auch in Chemnitz angekommen; nur sei die Front eben einstweilen noch ruhig. Die salafistische Gefahr, die nun auch den Westen bedroht, wurde vorher dabei gekonnt eingesetzt, um das stabile syrische Gefüge zu zerstören. Die sogenannte Freie Syrische Armee (FSA) – Lieblingsthema der westlichen Politik und ihrer Presse – sei dabei nicht nur heute ein Phantom, sondern war es von Beginn an. Der langjährige Al-Dschasira-Korrespondent gab zu: »Wir haben die FSA erfunden!«

Ohnehin sei die Macht der Medien im Ringen um den Nahen Osten unvorstellbar verwerflich; man müsse sich nur die unterschiedliche Wahrnehmung in Europa bezüglich zweier derzeit beginnender Operationen vergegenwärtigen: Im irakischen Mossul, wo US-Kräfte die lokalen Verbände gegen den dschihadistischen IS stützen, handle es sich um eine »Befreiung« der Millionenstadt, während die Befreiung Aleppos von anderen, dem IS aber verwandten dschihadistischen Allianzen als brutale »Belagerung« durch Assad und Putin verkauft werde. Wie so oft entscheiden also die westlichen Kräfte je nach Interesse vor Ort, ob eine Islamistenmiliz »gut« oder »böse« sei.

Vital Burger

Der dritte Referent in diesem Samstagsblock war Vital Burger. Der Vizepräsident der schweizerischen Wirtschaftskammer sprach in seiner Rolle als Vorsitzender des »Freundeskreises Schweiz–Iran« über die iranische Sicht auf den Syrienkrieg. Sein visueller Rundgang durch die Vielfalt des Landes gewährte einen ersten Einblick in die Geschichte und Gegenwart 7000 Jahre persischer/iranischer Kultur.

Burger ging kundig auf die Interessen der einzelnen Akteure im Syrienkrieg ein und betonte insbesondere die zunehmende Aktivität der Volksrepublik China, die nicht nur ökonomische Interessen vertrete, sondern der es überdies an einer Eliminierung der sunnitisch-uigurischen Terroristen gelegen sei, die in Syrien für Angst und Schrecken sorgen und womöglich eines Tages in ihre Heimat in Westchina zurückkehren könnten, wo sie eine erhebliche Gefahr darstellen würden.

Zur Rolle des Iran vermißte man indes einige präzise Fragestellungen: Burger verwies zwar auf die Bedeutung der Mittelmeeranbindung für Teheran, stellte unterschiedliche Transitstrecken vor, und hob die geostrategische Lage Syriens als einen Aspekt der iranischen Syrien-Solidarität hervor (neben der schiitischen Perspektive und dem Blockdenken bezüglich Saudi-Arabien/Arabistan).

Indes wäre es gerade interessant gewesen, zu erfahren, welche Widersprüche in der iranischen Politik angesichts der Intervention in Syrien auftreten: Immerhin sterben zahlreiche iranische Freiwillige auf dem Schlachtfeld und auch im iranisch-theokratischen Establishment gibt es durchaus vereinzelten Widerspruch zur Rettungsaktion für einen dezidiert säkularen Herrscher. Gewiß: Das sind Minderheitenpositionen, aber auch über diese Antagonismen innerhalb des Iran zu berichten wäre aufschlußreich gewesen.





Diskussion Schwester Hatune, Suliman, Burger

Im Anschluß an Vital Burger gab es eine offene Diskussionsrunde mit den drei Referenten, moderiert vom GIF-Mitglied Oberstleutnant a. D. Jochen Scholz. Neben einigen Wortmeldungen aus dem Auditorium meldete sich mit Dr. Salem El-Hamid ein Referent des Folgetags. Der Generalsekretär der Deutsch-Syrischen Gesellschaft hob hervor, daß die Darstellung eines Religionskriegs nicht zulässig sei. Das Zusammenleben aller Religionen und Konfessionen habe in Syrien in den letzten Jahrzehnten funktioniert; Syrien sei schließlich wie ein Mosaik, bei dem jeder einzelne Bestandtteil zum großen Ganzen zählt. Erst die von außen gestützte Radikalisierung der (sunnitisch-wahabitischen) Sektierer habe zur religiösen Prägung des Konflikts geführt.

An Schwester Hatune richtete Scholz die Frage, wer denn den Christenmord im Nahen Osten decke – es seien schlechterdings nominell »christliche« Staaten des Westens, die die Region destabilisierten und für die Eskalation der Lage sorgten. Eine Frontstellung Christentum versus Islam würde daher die wahren Frontverläufe verschleiern. Dieser Ansicht sekundierte ein Teilnehmer, der das Feindbild Islam als »Köder« zur Ablenkung bezeichnete. Immerhin sei die Syrisch-Arabische Armee (SAA) das Musterbeispiel für Solidarität jenseits sektiererischer Linien: Sunniten, Alawiten, Drusen, Christen, Schiiten oder auch Atheisten kämpfen gemeinsam für die Zukunft Syriens in einem säkularen Nationalstaat, der allen Syrern dieselben Möglichkeiten bieten solle.

Deutlich wurde hier auch eine wichtige Konfliktlinie innerhalb der (heterogen zusammengesetzten) Tagungsteilnehmer, denn es ging immer wieder um die Frage: Wird hier Religion mißbraucht oder ist Religion der Motor des Konflikts? Einig war man sich weitgehend darin, daß die neokonservativ-kulturalistischen Deutungsmuster à la Samuel Huntington zunehmen. Auf der Strecke bleibt dabei die entscheidende Analyse sozioökonomischer und geopolitischer Zusammenhänge. Ein dogmatisches Verständnis des syrischen Krieges als »Religionskrieg« mache es aber unmöglich, die entsprechenden Hintergründe faßbar zu machen. Man konzentriere sich auf fundamentalistische Hardliner des IS und verkenne – geopolitisch – langfristigere Pläne der USA eines »Neuen Mittleren Ostens« oder Hegemoniebestrebungen der Golfstaaten wie auch der neoosmanisch agierenden Türkei, während man – geoökonomisch – die wirtschaftlichen Interessen der beteiligten Mächte hinter dem Schleier der Religion belasse.

Das wird nicht zuletzt in der komplizierten Schlacht um Aleppo deutlich – eine Stadt, die im übrigen mehrheitlich sunnitisch und Assad-loyal zugleich ist. Mit dieser Wiege der menschlichen Zivilisation beschäftigte man sich Sonntag in einem herausragenden Beitrag des syrischen Analysten Kevork Almassian.

(Teil 2 des Tagungsberichts folgt.)

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Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (30)

Anselm Urban
24. Oktober 2016 21:26
Danke für den ausführlichen Bericht!
la vie est belle
24. Oktober 2016 21:42
danke...man freut sich auf den zweiten Teil!
Der_Jürgen
24. Oktober 2016 22:01
Benedikt Kaiser, der schon früher mit einem kenntnisreichen Beitrag über Syrien positiv auffiel, sei Dank für diesen überfälligen Artikel.

Die Lügen der westlichen Medien über Syrien sprengen jedes Mass. Man sehe sich etwa folgendes Video an:

http://www.pi-news.net/

Man kann nur Bewunderung für Assad empfinden, der die Unverschämtheiten des Schweizer Schmutzfinken Sandro Brosz gelassen und souverän kontert.

Wer von einer „friedlichen Lösung“ in Syrien spricht, ist ein weltfremder Traumtänzer. Es gibt nur eine militärische Lösung, die Vernichtung der Terrorbanden. Dass weitere Waffenstillstände mit den Halsabschneidern nichts Gutes bringen, hat man in Moskau mittlerweile endlich begriffen

Unvermeidlicherweise wird der kommende Sturm auf Aleppo viele Opfer unter der Zivilbevölkerung fordern. Die Verantwortung hierfür tragen die Dschihadisten, welche die Zivilisten als Geiseln nehmen, sowie ihre Unterstützer in den USA, den Golfmonarchien und anderswo.

Den Berufslügnern, die Assad Massaker an seinem eigenen Volk vorwerfen, seien drei ganz einfache Fragen gestellt:

1) Wenn eine „Völkische Befreiungsarmee“ mit Unterstützung aus Russland und Ungarn in der BRD reihenweise Polizisten abknallen, Linken langsam den Kopf abschneiden oder sie lebend in Käfigen verbrennen, die Exekutionen auf Video aufnehmen und anschliessend eine ganze Stadt, sagen wir München, besetzen und der Zivilbevölkerung das Verlassen der Stadt verbieten würden, würde sich die BRD-Regierung dagegen zur Wehr setzen, die Stadt umzingeln und versuchen, die Terroristen aus der Stadt zu vertreiben?
2) Würden bei den Kampfhandlungen Zivilisten umkommen oder verletzt werden?
3) Wären die BRD-Verantwortlichen dann „Kriegsverbrecher“, die „ihr eigenes Volk abschlachten?"

Mit solchen Fragen bringt man das Lügnergesindel rasch zum Schweigen.

In Russland wird jeden Tag am Fernsehen ausführlich über Syrien berichtet. Der Kriegskorrespondent Evgeni Podubni ist, im Gegensatz zu den Memmen von den Westmedien, immer dort, wo am heftigsten gekämpft wird.

Als ein Flugzeug des Nato-Vasallenstaates Belgien unlängst in Syrien ein Dorf bombardierte und mehrere Zivilisten tötete, hatte ein komischer Schnösel, der sich "belgischer Verteidigungsminister" nennt, die Stirn, dies zu dementieren. Darauf wurde am russischen Fernsehen die ganze Flugroute der belgischen Maschine über Syrien mit genauen Zeitangaben gezeigt.

Jene Journalisten, die gegen Russland und Assad hetzen, sind Schwerverbrecher, die dazu beitragen können, dass Europa in einen nuklearen Winter hineinschlittert. Ohne Unterstützung seitens der Lügenmedien könnten die US-Marionettenregime in Europa ihre Politik nämlich nicht betreiben.

Wir sind einem atomaren Weltenbrand so nahe wie nie zuvor; nicht einmal während der Kubakrise war die Lage so dramatisch. Die unmittelbarste Hoffnung, einen Krieg zu vermeiden, ist Trump. Aber um dessen Wahl zu verhindern, werden am 8. November wohl Hunderttausende von illegalen Immigranten, denen man zwecks Ermögliichung ihrer Wahlteilnahme Füherscheine ausgestellt hat, zu den Urnen marschieren, und Hunderttausende von Toten werden ihre Gräber verlassen und für Hillary stimmen.

Showtime!
Karl
24. Oktober 2016 22:45
Vielen Dank für die hervorragende Zusammenfassung und Analyse. Das sind definitiv erhellendere Informationen als über die Systemmedien zu bekommen. Die Kontroverse ob dieser Konflikt nun ökonomisch oder religiös bedingt sei, kann vielleicht dahingehend aufgelöst werden, dass beide Faktoren gerade in ihrem Zusammenwirken relevant sind. Für Einige stehen evtl. die Pipeline-/Gasinteressen für Andere die religiösen im Vordergrund.

Antwort Benedikt Kaiser:
Ich glaube auch, daß es etwa bei den Saudis oder Katar genau diese Überlappung der Interessen ist, die für eine besonders intensive Konflikt-Dynamik sorgt.
Brandenburger Sandstein
25. Oktober 2016 00:46
Es sind reine geostrategische Interessen die hinter den Konflikten im nahen Osten stehen.
Ich empfehle folgende Lektüre

http://m.faz.net/;artikel_bereich=galerie/aktuell/feuilleton/syrien-und-ihr-denkt-es-geht-um-einen-diktator-11830492.html

Wir brauchen mehr kluge Köpfe mit fundiertem Geschichtswissen..wohlfeile Formulierung a la "Antagonie" und "Paradoxon" mögen zwar den ein oder anderen Autoren klüger erscheinen lassen, als er tatsächlich ist, bringen aber in der Sache rein garnichts. Man beachte die klare und einfache Sprache im oben stehenden Link: auf den Punkt und präzise, ich denke zu 90% richtig was er schreibt. Alles andere ist doch echt albern.. Und wären die Auswirkungen der USAmerikanischen Strategien für uns Deutsche seit 1941 nicht so dramatisch ich würde jetzt matt lächeln, das kann ich aber nicht mehr. Grüße..
Gustav Grambauer
25. Oktober 2016 01:09
"Die Lage ist dabei für Beobachter kaum noch zu überschauen ..."

Ich finde, taktisch ist sie das nicht und von hier aus sowieso nicht, aber strategisch ist sie das schon: Aleppo ist Stalingrad, die Wochenschau spricht von "Frontbegradigungen". Alles wie gehabt.

Sie waren sich sooo sicher, Rußland "einbinden" zu können, denn in Libyen hatte der Russe bei der "Flugverbotszone" sooo schön mitgemacht. Aber das war - ziemlich genau - vor Schoigus Zeiten und vor allem vor den Zeiten von S-3.000. Zuletzt hatte "Flugverbotszone" im westlichen Orwell-Sprech bedeutet: Morden und Schlachten wie in Libyen ohne lästige Störungen durch den Russen - war aber nicht mehr durchsetzbar, stattdessen steht Rußland heute kurz vor der Fertigstellung einer de-facto-Flugverbotszone ("Luftverteidigungsblase") für den Westen. Kohn-Kerry und Nudelmann-Nuland sowie ihresgleichen hatten schon geglaubt gehabt, das Wort "Völkerrecht" für immer aus dem kollektiven Gedächtnis ausgerottet zu haben und es nie wieder hören zu müssen, inzwischen ist an deren Körpersprache bei ihren Besuchen im Kreml ablesbar, daß sie dort wie trötzelnde Kindergartenkinder zurechtgewiesen werden - während Lawrow trocken anmerkt, wer von einem souveränen Staat um Hilfe gebeten wurde und wer nicht mal ein UN-Mandat zustandegebracht hat.

Herrlich auch gerade die Türkei, herrlich auch Saudi-Arabien. Der gesamte Großraum merkt jetzt: "Wer sich mit den Hunden schlafen legt, der wacht mit den Flöhen auf".

Der_Jürgen, klar tut es sehr weh, was jetzt auf die Aleppiner zukommt. Aber lieber eine Ende - wofür Moskau garantiert - mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

"Indes wäre es gerade interessant gewesen, zu erfahren, welche Widersprüche in der iranischen Politik angesichts der Intervention in Syrien auftreten ..."

Ach, Herr Kaiser, lesen Sie mal die Analysen von Pars Today, früher IRIB in Netz, immerhin das offizielle Portal des Iran. Da geht es intellektuell so wild zu, daß jeder "Verschwörungstheoretiker" hierzulande vor Neid über so viel politische Phantasie erblaßt (wobei sehr oft DDrs. schreiben).

Bin allerdings in meinem ketzerischen Quer-Denken auch etwas wild: ich sage den Niedergang des Islam voraus. Das ist aber kein Grund zur Freude, denn dann fangen die Probleme mit den "Brüdern" erst richtig an.

- G. G.
Terzauslage
25. Oktober 2016 08:23
Ein ganz hervorragender Bericht, den NeoCons wie Stürzenberger oder Mannheimer sehr genau studieren, ja vielleicht sogar unter ihr Kopfkissen legen sollten.

Ich beobachte diese Stürzenbergisierung der rechten Szene mit großer Sorge. Es ist vor diesem Hintergrund auch immer wieder unverantwortlich, derlei Personen bei PEGIDA aufzubauen und die "einfachen" Bürger, die sich von der Bühne Rat, Information und Hoffnung gleichermaßen erwarten, so zu desinformieren und fehlzuleiten.

Der Islam gehört in Form abertausender junger Männer definitiv nicht nach Europa. Die Verursacher (PI-News bietet ja sogar Reisen in das vermeintliche Traumland Israel an) aber zu ignorieren, paradoxerweise gar zu loben, ist unverantwortlich.

PS: Wer immer wieder auf die Suren im Islam verweist, sollte mal einen Blick in die Tors werfen...
Klopp
25. Oktober 2016 10:23
@Terzauslage: "Der Islam gehört in Form abertausender junger Männer definitiv nicht nach Europa. Die Verursacher (PI-News bietet ja sogar Reisen in das vermeintliche Traumland Israel an) aber zu ignorieren, paradoxerweise gar zu loben, ist unverantwortlich."

Welches Interesse sollte Israel haben, Europa mit Islamisten zu fluten? Ein stabiles Europa war immer ein guter Verbündeter Israels, während der nun in Europa wachsende Antisemitismus kaum in Israels Interesse liegen wird.
Burger
25. Oktober 2016 10:23
Guten Tag,

Sehr gute Zusammenfassung. Natürlich hätte ich noch einiges mehr über den Iran und Syrien sagen können. Gerne hätte ich Ihre diesbezüglichen Fragen am Samstag beantwortet.

Mit bestem Gruss aus Luzern

Vital
Der_Jürgen
25. Oktober 2016 10:34
@Terzsauslage

Ich habe auf ldiesem Forum schon wiederholt Kritik sowohl an Stürzenberger als auch an Mannheimer geäussert, vor allem wegen ihrer unbeirrt prozionistischen Haltung und ihren ständigen rituellen Bezugnahmen auf die pöhsen Naatzies ("Islamo-Faschismus", "rote SA", "Merkel ist fast so schlimm wie Hitler" etc.), aber als Neocons kann man sie (nicht) mehr bezeichnen. Auf PI wird längst immer wieder harte Kritik an den USA und ihrer Nahostpolitik geübt, obwohl der Blog seinen eigenen Richtlinien zufolge "proamerikanisch" ist. Das Assad-Interview mit dem Schweizer Lümmel Sandro Brosz, bei dem Assad sehr gut wegkommt, habe ich auf PI gefunden.

Michael Mannheimer schiesst schon seit langer Zeit scharf gegen die USA und spricht auch offen von "Umvolkung" und "Völkermord an den Deutschen", nur will er die entscheidend wichtige Rolle, die zionistische Kräfte bei dieser Umvolkung spielen, partout nicht zur Kenntnis nehmen - sei es aufgrund ideologischer Verblendung (Tunneldenken), sei es, weil ihm seine Sponsoren sonst den Geldhahn zudrehen. Dasselbe gilt fast mit Sicherheit auch für PI.
Meier Pirmin
25. Oktober 2016 12:21
_Der Jürgen. Es ist nun mal nicht dasselbe, wenn Sandro Brosz Assad interviewt als wenn er innenpolitisch Herrn Mörgeli, wie Sie schreiben, in der Art eines "Schmierfinks" und "Lümmels", in die Mange nimmt. Das Assad-Interview war, einschliesslich provozierender und zum Teil bewusst oppositioneller Fragestellungen, eine professionelle Leistung, zumal wenn man berücksichtigt, dass es im schweizerischen und im syrischen Fernsehen gleichzeitig ausgestrahlt wurde und dass Assad im Gegensatz zu Mörgeli für das Interview Bedingungen stellen konnte und er es so oder so als Erfolg für seine Öffentlichkeitsarbeit darstellen konnte. Auch Köppels beste Leute hätten es grundsätzlich nicht viel anders und vor allem nicht professioneller machen können und sich kaum dem Vorwurf ausgesetzt, Assad zu wenig eingeheizt zu haben, falls man überhaupt davon reden kann. Wären die Fragen zahmer gewesen, was jeweils ein Franz Josef Strauss gar nicht gebrauchen konnte, wäre Brosz wohl in den Linksforen noch stärker angegriffen worden als er es in dieser Sache ohnehin wird. Ich vermute, _derjürgen, dass Sie selber hauptberuflich nicht als Journalist tätig waren und auch keine Erfahrung in Fernseharbeit und politischer Beratung von Amtsträgern und Publizisten haben. Zum Wichtigsten gehört, wenn man über den Durchschnitt kommen will, die feindbildfreie Analyse, was eine klare Haltung und Perspektive nicht ausschliesst. (Ein vergleichsweise tüchtiger Journalist auf diesem Niveau war zur Zeit der Bundesrepublik zum Beispiel Werner Höfer. Dass er dann hochumstritten war und zuletzt ausgebootet wurde, hängt wohl damit zusammen, dass Berichte von ihm zur Zeit des 2. Weltkrieges noch vor Drucklegung im polemischen Sinn wertend umredigiert wurden, was er zu seiner Verteidigung vorschützte, aber nicht beweisen konnte. Ich glaube es ihm aber umso eher, als in meiner Tätigkeit als Tagesjournalist mehrmals. sogar bei konservativen und liberalen Organen, Artikel noch vor der Drucklegung mit politischer Tendenz nachbearbeitet wurden, wenn ich nicht selber das "Gut zum Druck" geben konnte.) Die beiden Schimpfwörter, die Sie gegen Brosz verwendeten, wurden öffentlich und in Blogs in zwanzigfacher Häufigkeit in der Regel gegen den von ihm damals angegriffenen Mörgeli verwendet, so dass es denselben am Ende die Abwahl bei der eigenen Wählerschaft kostete. Sicher scheint, dass die Polemik ein kurzfristig wirksames, auf lange Sicht aber unfruchtbares Genre ist. Selbst Schlamm und Hans Habe verheizten sich auf diese Weise langfristig selber. Nicht jeder wird ein Karl Kraus, dem wir den Begriff "Lügenpresse" aufrichtig verdanken sollten, der sich aber dann am Ende selbst entleibte, angeblich weil ihm "zu Hitler nichts einfiel".
Der_Jürgen
25. Oktober 2016 13:39
@Pirmin Meier

"Ich vermute, dass Sie, Jürgen, selber hauptberuflich nicht als Journalist tätig waren und auch keine Erfahrung in Beratung von Amtsträgern haben."

Ja, lieber Landsmann, das vermuten Sie ganz zu recht. Mir ist vieles zuzutrauen, aber das denn doch nicht...
Meier Pirmin
25. Oktober 2016 14:13
Nach Antwort an _derJürgen komme ich auf das Thema Syrien zurück

@Mörgeli hat diese Erfahrung, weswegen mit ihm als Publizist noch nicht aller Tage Abend ist. Und wer zum Beispiel Ulrich Schlüer kennt, weiss, dass er zu den bestinformierten Parlamentariern seines Landes gehörte, zumal aussenpoltisch, was in den entsprechenden Ausschüssen selbst von Andersdenkenden zur Kenntnis genommen wurde, auch an den von ihm organisierten Tagungen. Meines Erachtens hat ihm aber sein oft polemisch wirkender Auftritt und die entsprechende Feder in seiner Zeitung das Amt gekostet. Auch über den Islam ist er im Details besser im Bild als Broder und der einflussreiche Islamkritiker F.A. Meyer. Letzterer hat sich aber ebenfalls mit Polemik, zum Beispiel die immergleiche gegen Chr. Blocher, um eine vernünftige Wirkung gebracht. Ferner ist polemischer Antizionismus in keiner Weise ernstzunehmen. Einer, der Kritik an israelischer Siedlungspolitik und Dörfervernichtungspolitik auf ernst zu nehmende Weise geschildert hat, ist der christliche Palästinenser und Rechtshistoriker Sami Aldeeb, Gründer der Vereinigung zum Wiederaufbau von Emaus, in der Schweiz vor Jahren ein sehr gut informierter Unterstützer des Minarettverbotes. Meines Wissens lebt Aldeeb in oder bei Lausanne.


Gerade weil es nicht möglich ist, in Sachen Syrien völlig unparteiisch zu sein, gestehe ich, dass die anwaltschaftliche Vertretung der Anliegen der verbliebenen dortigen Christen von höchster Bedeutung wäre. Eine noch seriöse Informationsquelle wäre CSI, Christian Solidarity International, derzeit von einem ehemaligen Schweizer Rechtspolitiker präsidiert. Mein persönliches Wissen über Aleppo ist leider rein historisch. Das 8. Kapitel von "Paracelsus, Arzt und Prophet" (6. Auflage 2013), schildert den türkisch-arabischen Paracelsismus im 16. und 17. Jahrhundert mit Zentrum Aleppo. Der Held der berühmten Trilogie von Erwin Guido Kolbenheyer, sein "teutscher Arzt", hiess damals in Aleppo "Barakalsus". Sicher ist, dass durch den Krieg und die Bombardierungen auch gewaltige Kulturwerte kaputt gehen.
Benedikt Kaiser
25. Oktober 2016 14:19
Interessant bzgl. der scheinbar paradoxen Haltung der USA, Islamisten gewähren zu lassen oder gar auszurüsten, die zum selben Milieu zu zählen sind, das für 9/11 verantwortlich ist, ist m. E. eine These, die der (maoistische) Zambon Verlag im Zuge der vor wenigen Tagen beendeten Frankfurter Buchmesse verbreitete. In einem Flugzettel wird Efraim Inbar zitiert, Mitglied des Instituts für strategische Studien. Inbar führte – gemäß Zambon Verlag – im August 2016 aus, daß der Westen auf die Schwächung des IS hinarbeiten sollte, nicht aber auf seine völlige Zerstörung. Weiter heißt es: "Das mag zynisch klingen. Es ist aber sehr nützlich und durchaus ethisch, dass die Bösen die Bösen töten. (...) Die Instabilität und die Krisen können in sich etwas Positives enthalten." Weiter geht es dann um Schwächungsstrategien gegen den Iran...
la vie est belle
25. Oktober 2016 15:18
...vielleicht können Sie noch kurz ausführen, was die Eroberung Aleppos für die beteiligten Kombattanten so wichtig macht...es ist mir ehrlich gesagt ein wenig unklar.

Ist es die Lage, die infrastrukturelle Komponente, die Ölvorkommen oder einfach nur eine Variante, die öffentliche Aufmerksamkeit dauerhaft auf etwas zu verlagern, damit innenpolitische Themen in der westlichen Welt möglichst unbesprochen bleiben???

Denn meines Wissens hat die Atomindustrie letzte Woche die Altlasten für sage und schreibe lumpige 23 Milliarden abgeben an den Bund können, in Bremen haben Linksradikale Bundeswehrfahrzeuge für 15 Millionen Euro abgefackelt und und und...helfen Sie mir bitte mal kurz bei der kontextuellen Einordnung. Merci.

Antwort Benedikt Kaiser:

In aller Kürze: Aleppo ist das wirtschaftliche Zentrum Syriens, die zweitgrößte Agglomeration nach Damaskus und liegt benachbart zum islamistischen "Herzland" Idlib. Syrien ist zu weiten Teilen von Wüsten geprägt: Dort hat der IS die Hoheit. Die Mehrzahl der Einwohner lebt jedoch in und um Damaskus und Aleppo (und erst weit danach in Tartous und Latakia, Homs und Hama). Ein Sieg in Aleppo sichert nicht nur die Kontrolle über die gleichnamige, wirtschaftlich aber eben auch militärisch strategisch bedeutsam gelegene Provinz (Grenznähe Türkei, angrenzend an die Kurdengebiete, direkte Grenze mit dem IS-"Kalifat"), sondern ist auch ein moralischer Sieg für die Truppen. Denn dann würde die syrische Armee alle einwohnerstarken Städte kontrollieren (mit Ausnahme Idlibs und Teilen der Wüstenstadt Deir Ezzor).
Meier Pirmin
25. Oktober 2016 15:37
@Danke, Benedikt Kaiser, für Ihr kluges unterrichtendes Moderieren.
Hellweg
25. Oktober 2016 15:44
@ la vie est belle:

Es gibt Theorien, die besagen, dass Aleppo der syrische Endpunkt der geplanten katarisch-türkischen Pipeline darstellen soll. Die Pipeline soll auch durch Deir-ez-Zor verlaufen, weshalb auch diese Stadt so stark umkämpft ist. Wenn in Ost-Syrien im Bereich von Deir-ez-Zor ein (amerikanisch kontrollierter) islamistisch-sunnitischer Rumpfstaat entsteht und im Norden Syriens eine Art kurdisches Autonomiegebiet, ebenfalls von Amerika kontrolliert, dann würde damit dieses Pipelineprojekt möglich.
Eveline
25. Oktober 2016 18:49
http://www.schiller-institut.de/seiten/2016/dschaafari.html

Die Maske fällt, die Wahrheit kommt ans Licht

Von Botschafter Baschar Dschaafari,
Ständiger Vertreter der Mission der Syrischen Arabischen Republik bei den Vereinten Nationen

Botschafter Baschar Dschaafari, der syrische Botschafter bei den Vereinten Nationen, hielt bei der Konferenz des Schiller-Instituts in New York am 10. September 2016 die folgende Rede.

Finde ich unglaublich erhellend, ich habe es heute früh erstmalig auf Querdenken TV gelesen. Vielleicht paßt es.
Meier Pirmin
25. Oktober 2016 19:31
Extremistischer @Zambon-Verlag nennt Auschwitz und Palästina in einem Atemzug, was in anderem Kontext wohl zur Versiegelung eines deutschnationalen Verlags führen würde; im Gegensatz dazu zählen für die Maoisten weder der Grosse Sprung nach vorn noch die Chinesische Kulturrevolution für die Negativ-Liste. Solche Leute sollte man nicht zitieren mit Thesenverbreitung "gemäss Zambon-Verlag" usw. Auch dies zähle ich zu den falschen Solidaritäten, von denen ich jedem Politiker abraten würde, vgl. meine Antwort auf _derjürgen im zweiten Teil von "Brandherd Syrien". Nur so viel Solidarität scheint mir moralisch sinnvoll wie für eine halbwegs vernünftige, nach Frieden orientierte Politik mit möglichst wenigen Opfern angebracht ist. Internationale Solidarität ist ohnehin, wie Sartre deutlich gesagt hat, "Hass auf den gleichen Feind". Dabei sollten Solidaritäten stets nur bedingungsweise gelten, wohl auch die Solidarität mit dem Westen und dessen Verbündeten im Nahen Osten, mit den Homosexuellen und den von mir oben genannten Christen im Nahen und Mittleren Osten. Dass ich sie trotzdem oben zuerst nannte, so deshalb, weil sie in der Regel auf den routinemässigen und vorgeschriebenen Solidaritätslisten zuhinterst im Range stehen. Je abstrakter das Prinzip der Solidarität gehandhabt wird, umso schlimmer. Eines der absurdesten Beispiele von Solidarität nennt Hermann Lübbe in seinem Essay "Freiheit und Terror" : Es handelte sich um ein Mitglied der Gruppe für die Befreiung Hokaidos von Japan, der aber im Flughafen Lod bei Tel Aviv bei dreistelliger Opferzahl wild um sich schoss, um mehr als 10 000 Kilometer von zu Hause für das gleiche Prinzip zu demonstrieren: den weltumspannenden terroristischen Imperativ, der auf dem Pseudo-Grundwert und dem Prinzip der Solidarität beruht, oder zumindest auf einer paranoid zu verstehenden Solidarität. Eigentlich sollte man, wenn schon, auf die Solidarität mit der Kreatur setzen, zu der letztlich auch der Mensch gehört. Dies würde die Kultur der Lebensfeindlichkeit ausschliessen. "La vie est belle", wie oben jemand geschrieben hat.

Antwort Benedikt Kaiser:
Herr Meier, es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt, aber wenn man eine Übersetzung eines englischen Aufsatzes zitiert, gibt man natürlich den Übersetzer an. In diesem Fall leistete diese Arbeit ein Verlag, keine konkret benannte Person. Es leuchtet Ihnen hoffentlich ein, daß man an der Stelle des Übersetzers also den Verlag zitiert, der die entsprechende Übersetzung anfertigte und verbreitete? Und: Natürlich kann man auch Maoisten zitieren, wenn es sich lohnt. Wenn man da schon weiche Knie bekommt, fehlt es bedauerlicherweise an geistiger Souveränität.
der Gehenkte
25. Oktober 2016 19:58
Es ist doch erstaunlich, mit welcher Selbstsicherheit hier einige Teilnehmer (haarsträubende) Urteile fällen, über einen Konflikt, von dem wir aus den Medien erfahren, voller Lügen auf allen Seiten, 2000 km entfernt, vollkommen andere mind sets, und der derart verworren ist, daß selbst die Teilnehmer - nicht selten mit kurzfristigen taktischen Interessen und Bündnissen - oft nicht mehr wissen, wer mit wem wann und wieso.

Hier gilt, was Friedrich Engels für den "Deutschen Bauernkrieg" festhielt:

Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs: Fürsten, Adel, Prälaten, Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern bildeten im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern im Wege, lag mit allen andern in einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf.


Wer sich mit Syrern aus Aleppo oder Idlib unterhält, der erfährt ganz anderes.

Syrien ist nur als Gordischer Knoten noch zu lösen oder aber es ermattet irgendwann, sinkt in der eigenen Erschöpfung zusammen. Alle Politik scheint zum Scheitern verurteilt und solange das so ist, sind Meinungen nur Gerede. Erst wenn es vorbei ist, wird man sinnvollerweise dazu etwas Valides sagen können ...

Umso mehr ist Herrn Kaiser zu danken, ein paar profundere Meinungen vorzustellen.
la vie est belle
25. Oktober 2016 21:40
@kaiser

Danke für die kompetenten Informationen, da bin ich mehr als dankbar- schließlich sind fähige Personen ein kostbares Gut. Weiter so!
Meier Pirmin
25. Oktober 2016 22:14
"Der Prozess der Geschichte ist ein Verbrennen" (Novalis)

@der Gehenkte. "Haarsträubend" ist der richtige Begriff für die Sachferne, mit der über unwichtige Personen Erörterungen gemacht werden, siehe "Stürzenbergisierung" der Debatte und dergleichen. Was wissen diese Stürzenberger u. Cie und die von p.i. schon über Syrien, können die annähernd mit Scholl-Latour selig mithalten? Da geht es wohl vorrangig um eigene Weltbildstabilisierung, nicht um das Verständnis von Syrien. Können diese Leute überhaupt Arabisch? Natürlich ist beim Interview mit Brosz nur wichtig, was und wie Assad sich geäussert hat. Und meine eigenen Bemerkungen betreffend innenpolitische Intimfeinde von Brosz war auch nur ein Nebenstrang. Wenn im Weiteren vom Zionismus die Rede ist, gleitet die Sache, noch stärker im anschliessenden 2. Teil, wo ich mich lieber nicht mehr einmische, in eine reine Feindbilddebatte ab. Natürlich hat man Coudenhove-Kallergis Europa-Idee noch vor 50 Jahren massiv überschätzt, kann mich selber und damalige jugendliche Zeitschriftengründer von 1964 da nicht ausnehmen. Wir glaubten damals an das Abendland. Wenn schon Coudenhove-Kallergi, dann denke man an seine ihm intellektuell überlegene Schwester Ida Friederike Görres (1901 - 1971) , Schwägerin des wohl trefflichsten katholischen Kritikers der christlichen Moral, Albert Görres, und selber als Theologin in der Liga von Guardini, Rahner und Ratzinger, welch letzterer sie 1971 abdankte und beerdigte. Ida Friederike Görres, Guardini, Josef Pieper sowie der Wandervogelpionier und Liederbuchverfasser Clemens Neumann gehören bekanntlich alle zum Kreis um die Burg Rothenfels, ursprünglich mit dem kindischen Namen "Quickborn" versehen, wo Guardini zwischen 1933 und 1939, als er abgestellt wurde, Grundlegendes ausführte über Volk, Volkstum, Heimat, Vaterland und Reich, welche Begriffe er gegen den kollektivistischen Begriff der Nation abzugrenzen versuchte. Eine wahre Alternative für Deutschland ohne auch nur einen Hauch von Linksdrall! Ähnlich mutig machte Ida Friederike Görres dann mit Karl Ludwig von Guttenberg, Jochen Klepper, Reinhold Schneider, Klaus Bonhoeffer, den man keineswegs mit seinem ebenfalls hingerichteten glorifizierten Bruder verwechseln darf, dem Vater von Terrorist Andreas Baader und noch anderen mit den "Weissen Blättern" weiter, einer fundamental christlich-monarchische sezessionistischen Zeitschrift. Diverse dieser Leute wurden nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet oder schon zuvor oder danach in den Selbstmord getrieben. Der grenzenlos loyale Remer hätte solche Repräsentanten des Heiligen Deutschland auf entsprechenden Befehl gewiss samt und sonders über den Haufen geschossen. Interessant ist, dass dieses alternative Geistesleben auf Schloss Rothenfels wie später in den Weissen Blättern sich in der Tradition Goethes und Hammer-Purgstalls für das geistige Geschehen im arabischen Raum interessierte und erst recht für Palästina zur Zeit Jesu, was sicher nicht mit dem damaligen und dem heutigen Zionismus zu verwechseln war.


Zu bedenken bleibt in diesem Grosszusammenhang der Hinweis von @Eveline, gemäss der Rede des syrischen Botschafters Dschaafari im Schiller-Institut, dass die Omajaden-Moschee in Damaskus, von wo nach Karl May dereinst Jesus Christus das Jüngste Gericht verkündigen wird, angeblich oder wirklich die Grabstätte von Johannes dem Täufer sei. Der Gesamtzusammenhang zu den Leuten auf Schloss Rothenfels und den Weissen Blättern ist die eschatologische Perspektive, das Denken von den Letzten Dingen her, woran die Ereignisse in Aleppo nun wirklich erinnern. Das Thema der Tagung, um mit einem konstruktiven Hinweis zu schliessen, "Brandherd Syrien", bestätigt die Geschichtsschau von Novalis, dem Philosophen des Christlichen Europa: "Der Prozess der Geschichte ist ein Verbrennen."
Der_Jürgen
25. Oktober 2016 23:01
@Meier Pirmin

Zu Ihrer letzten Wortmeldung eine Bemerkung. Sie fragen unter Hinweis auf gewisse Kommentatoren der Lage im Nahen Osten: "Können diese Leute denn überhaupt Arabisch?"

Eine wichtige Frage. Muss man, um sich an der Debatte über ein Land beteiligen zu können, dessen Sprache sprechen oder zumindest lesen können, um z. B. Zeitungen oder Fernsehberichte aus dem betreffenden Land auswerten zu können? (Im Fall Syrien wird die Situation durch die in allen arabischen Ländern herrschende Diglossie unsäglich erschwert. Wer eine in Hocharabisch geschriebene Zeitung lesen kann, versteht den syrischen Dialekt, der davon so verschieden ist wie z. B. Italienisch von Latein, deswegen noch lange nicht, und umgekehrt. Der marokkanische Dialekt ist für einen Syrer so unverständlich wie Isländisch für einen Deutschen, der nicht gerade Skandinavist ist.)

Um sich als FACHMANN für jenes Land bezeichnen zu dürfen, sind solide Sprachkenntnisse unabdingbar. Ich lache übereinen "Russland-Fachmann", der keine russischen Zeitungen lesen und keine russischen Fernsehdebatten verstehen kann. (Andererseits gibt es Leute, die das sehr wohl können, aber trotzdem Desinformation betreiben; ein Beispiel ist der unsägliche Andreas Umland, einer der übelsten antirussischen Hetzer.)

Ich habe - mit Verlaub, Gehenkter - eine klare Meinung zu Syrien, die auf der Lektüre sehr vieler Artikel zu diesem Land (sowie in zweiter Linie auf Gespräche mit Menschen, die dort waren) fusst. Ich schaue mir auch regelmässig russische Fernsehsendungen zu Syrien an, in denen, auf echt pluralistische Weise, jedesmal Assadgegner zu Wort kommen. Die absolute Erbärmlichkeit ihrer Argumente sowie die Tatsache, dass sie von den Pro-Assad-Leute stets mit Fakten und Zahlen widerlegt und zur Lachnummer gemacht werden, ist für mich der Beweis für die Richtigkeit meiner Position.

Ja, natürlich wird auch am russischen Fernsehen nicht alles gesagt. Ohne jeden Zweifel fordern auch die russischen Bombenangriffe auf Terroristen "Kollateralschäden", das ist nicht zu vermeiden. Trotzdem besteht für mich nicht der Hauch eines Zweifels daran, dass Russlands Intervention politisch wie moralisch gerechtfertigt ist und die Russen ihr Bestes tun, um zivile Opfer zu vermeiden.

Als "Syrien-Experte" würde ich mich aber nie und nimmer aufspielen, weil ich erstens nie dort war und zweitens kein Arabisch kann. Beides wäre unbdingbar für einen Fachmann.

Auch ohne ein solcher zu sein, kann man sich jedoch z. B. zum Koran äussern, weil der auch auf Deutsch existiert. Manfred Kleine-Hartlage wird kaum Arabisch lesen können, besitzt aber trotzdem sehr gute Kenntnisse der muslimischen Religion, wie er in einer Debatte mit einer jungen Muslima nachwies.

M.L.: Tilman Nagel und Manfred Schlapp z.B. lesen den Koran auf Arabisch.
der Gehenkte
25. Oktober 2016 23:05
@ Meier Pirmin

"Weltbildstabilisierung" - so ist es, mehr muß man dazu nicht sagen. Im Gegensatz zu Ihnen halte ich Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" für eine der größten philosophischen Katastrophen der Neuzeit, aber wo er die permanente Weltbilddestabilisierung lehrt, muß man ihm recht geben.

Monothematiker wie Stürzenberger, die nach ein oder zwei Koranlektüren alles begriffen haben und sich immer wieder nur bestätigen wollen, sind irrelevant. Wäre er wirklich daran interessiert, dann spräche er längst Arabisch und dann wäre ihm aufgegangen, daß man den Islam theologisch nur linguistisch aufschließen kann, dann gäbe es auch Sachttierungen.

So ist es selbst mit Syrien - wer die arabischen Quellen nicht verarbeiten kann, ist eigentlich außen vor.

Und an alle Assad-Freunde. Lassen Sie sich doch einfach mal von Syrern aus dem ganz normalen Leben erzählen. Einige, mit denen ich sprach, hingen tagelang an Stahlseilen in Kellern und wurden an den Genitalien bearbeitet ... andere haben nur ganz normale Straßensperren gerade so überlebt - alles hängt am richtigen Wort, Lächeln, Augenschlag udn der guten Laune des Mannes an der Knarre etc. Keiner, der nichts zu erzählen hatte ... Auch das ist der Vorteil der Begegnung. Da geht es um alles mögliche: Glauben, Ideologie, Geld, Sex, Macht, Ethnie ... you name it.

Und daß es "massive pro #Assad demonstration" gibt, wie von Partisangirl gezeigt, beweist nur, daß es auch das gibt ...

Wie gesagt: man muß in dieser Frage lernen und besser - schweigen ...
der Gehenkte
25. Oktober 2016 23:26
@Der_Jürgen

Kleine Hartlage hat ein großartiges Buch darüber geschrieben, wie der Islam funktioniert. Das ist legitim, vor allem wenn man emotionslos und logisch, "funktionalistisch" heran geht. Einer theologischen Diskussion mit einem gebildeten Muslim, könnte er vermutlich nicht standhalten, sobald es in die Scholastik geht - und das würde er, soweit ich ihn kenne, auch nicht tun.

Die Muslimin hatte deutsch gesprochen und war im Übrigen wohl eher ungebildet.

Natürlich kann auch jeder seine Meinung über Syrien haben und man kann die auch aus russischen Quellen formen, nur sollte man nicht annehmen, daß man der Wahrheit nahe käme. In der Aussage "Ich bin überzeugt" stecken mindestens zwei Unsicherheitsfaktoren: "Ich" und "Überzeugung" ...
Der_Jürgen
26. Oktober 2016 00:12
@Der Gehenkte

Begreifen Sie denn nicht, dass jeder "Flüchtling" erzählen kann, was ihm gerade in den Sinn kommt? Dass er etwas, was er von anderen gehört hat (die es ihrerseits von anderen gehört haben), oder was er in einer Anti-Assad-Schrift gelesen hat, als eigene Erfahrung ausgeben kann, um Asyl zu ergaunern?

Ich behaupte nicht, dass es in syrischen Gefängnissen keine Folterungen gab oder gibt. In einem ungeheuer brutalen Krieg, besonders einem Bürgerkrieg, wird erfahrungsgemässs von beiden Seiten gefoltert. Auch die bekanntlich ganz besonders ziviliserten Briten haben während des Bürgerkriegs in Nordirland IRA-Verdächtige brutal gefoltert, das wird längst eingeräumt.

Doch erstens kann sich jeder Wirtschaftsflüchtling als politisch Verfolgter ausgeben und sich frei erfundene Folterstorys aus den Fingern saugen, und zweitens wurden die syrischen Kriegsflüchtlinge in den jordanischen, libanesischen und türkischen Flüchtlingslagern, in denen sie nach der Ausreise aus Syrien landeten, ganz bestimmt NICHT gefoltert. Und drittens sind rabiate Assadgegner fast immer islamische Fundamentalisten Brauchen wir die in Deutschland?
der Gehenkte
26. Oktober 2016 01:57
@Der_Jürgen

Begreifen Sie denn nicht, dass jeder „Flüchtling“ erzählen kann, was ihm gerade in den Sinn kommt?


Natürlich begreife ich das. Aber begreifen Sie, daß auch jeder SiN-Forist erzählen kann, was ihm gerade in den Sinn kommt (solange der Bademeister nicht pfeift)? Trotzdem machen es nur einige.

Wenn man Menschen zur Genüge kennt, dann baut man Vertrauen auf - sogar, kaum zu glauben, zu Arabern. Man achtet auf die Stimme, schaut in die Augen, bemerkt das Zittern, vergleicht, läßt sich Bilder zeigen, Dokumente, Narben , liest zum Thema, googelt, diskutiert ... und wenn alles schlüssig ist, dann glaubt man das. Klar, theoretisch kann der morgen mit dem Sprengstoffgürtel ...

In Ihren Äußerungen offenbart sich eine wesentliche Crux eines Teiles der Rechten - es ist das Problem der Orthodoxie: Man weiß a priori und sucht nur noch Belege. Es folgen Verallgemeinerungen, Vorurteile, Indifferenzen.

Wäre alles nicht so schlimm, wenn es nicht das ideale Rezept fürs Scheitern wäre: Wir haben vermutlich recht - zumindest mehr als links, aber wir werden an unserer Rechthaberei scheitern. Rechthaberei beginnt dann, wenn man mit "jeder", mit "alle" usw. argumentiert, also mit Absolutheit. Die gibt es nur in der Phantasie ...
Vexillifer
26. Oktober 2016 08:27
@ Kaiser:
Sie wollen doch wohl nicht etwa unterstellen, DEM Pirmin Meier, über den es immerhin ZWEI Wikipediaartikel gibt, sei irgendetwas nicht bekannt! :D
Eveline
26. Oktober 2016 09:12
@Pirmin Meier

Das Thema der Tagung, um mit einem konstruktiven Hinweis zu schliessen, „Brandherd Syrien“, bestätigt die Geschichtsschau von Novalis, dem Philosophen des Christlichen Europa: „Der Prozess der Geschichte ist ein Verbrennen.“

Novalis´s Feststellung ist schon richtig, aber nichts auf Erden ist in Stein gemeißelt.
Genau das hat Jesus Christus uns als Kraft mitgegeben. Wir sind - nur mit dem Herzen- selber Schöpfer.
Und so drehe ich den Satz, und sage, der Prozess der Geschichte ist ein Loslassen, ein lösen von den alten kriegstreibenden verknöcherten Strukturen.

Putin hat es erkannt und fordert eine multipolare Welt, da fällt mir die heilsame König Arthus Sage und seine Tafelrunde ein. 12 Ritter und Er ist der 13.

Die USA dürfen Platz nehmen, als ein Ritter unter 12. Hoffentlich lernen die das noch, und lassen die verbrennende Monopolstellung endlich mal fallen.

Dieses Warten auf den Messias - ich bin im Sozialismus / Kommunismus groß geworden - ist für mich nicht zielführend. Uns wurde auch immer erzählt, bald ist der Mensch soweit.
Wie diese Spielrunde für wen ausging, ist bekannt.

Dabei hätten nur die alten Sagen studiert werden müssen.
Gustav Grambauer
26. Oktober 2016 10:18
der Gehenkte

Wenn Sie Friedrich Engels zitieren, dann darf ich Ihnen auch das von den Politniks aus W. I. Lenins "Materialismus und Empiriokritizismus" herausdestillierte geflügelte Wort vom "dünkelhaften Skeptizismus und Agnostizismus der Bourgeoisie" entgegenhalten.

Früher haben diejenigen, die nicht wollten, daß jemand die Lage peilt, einfach gesagt: "Ihr seid sowieso zu dumm, etwas davon zu verstehen, laßt die Finger davon, das ist Experten-Sache." Heute heißt es: "Wer behauptet, die Lage zu peilen, ist ein komplexitätsreduzenter Banause, der Feingeist distinktiert sich in seiner Demut vor der Komplexität".

Diese Diskussion hatten wir hier zu Nassehi.

"Amboß oder Hammer ...", Dimitroff hat`s gewußt.

Sie erinnern mich ein wenig an Oberinspektor Derrick, der alle Kriminalfälle aus den Seelenwindungen der Beteiligten heraus gelöst hat. Das funktioniert aber nur im BRD-Fernsehen. Gerade wenn Sie eine Mafia im Hintergrund haben, kommen Sie damit gelinde gesagt nicht sehr weit. Rechtsdogmatisch sind wir auf Aleppo übertragen hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Tatherrschaft

Damit werden Sie auch nicht verstehen, daß Aleppo aus den Ruinen auferstehen wird so wie Grosny aus den Ruinen auferstanden ist.

- G. G.

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