23. November 2016

Buchtips zu Weihnachten: Schmökern – Teil I

von Ellen Kositza / 19 Kommentare

Es geht los mit den ersten Schenkempfehlungen! Caroline Sommerfeld, Siegfried Gerlich, Lutz Meyer und Nils Wegner stellen ihre Schmöker-Empfehlungen vor:

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Caroline Sommerfeld
Eva Menasse: Heimito von Doderer. Leben in Bildern, Deutscher Kunstverlag, Berlin/München, 2016. 87 S., 22 €.

Zuerst Doderers "Dämonen" oder "Die Merowinger oder die totale Familie" lesen. Wer dann nach der lesenden Erstbegegnung mit dem österreichischen Schriftsteller schlechthin, Heimito von Doderer (1896-1966), außer Amüsement und Glück auch Anflüge von Voyeurismus verspürt, der sei zu Eva Menasses Bildbiographie anläßlich des 50. Todesjahres eingeladen. Endlich eine Biographin, die ihren Autor nicht verachtet. Dafür gäbe es genug Gründe: seine anfängliche Begeisterung für das Dritte Reich, sein durchaus sozial devianter Habitus inklusive Gewaltphantasien und autistischer Arroganz. Menasse liebt ihn trotzdem und läßt Photographien erzählen, ergänzt mit klugen Seitenkommentaren. "Ein Wunder nimmt man in sich auf, aber man diskutiert nicht mit ihm." (Doderer, Tangenten).

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Nils Wegner:
Domenico Di Tullio: Wer gegen uns?, Schnellroda: Antaios 2014. 288 S., 22 €

Die Geschichte (beinahe schon ein Bildungsroman, aber ein guter!) von Flavio, Giorgio, Giulia und »dem Anwalt«, die im alltäglichen Wirbel rund um die CasaPound Italia zusammenfinden, hat bereits für Aufmerksamkeit bei Freund und Feind gesorgt. Ihre Aura bleibt ungebrochen: Di Tullio erzählt keine Märchen, sondern klopft einen (post-)modernen Mythos auf seine Substanz ab. Und das klingt nicht hohl, sondern massiv und rauh und glänzt finstern, wie ein Lied von Zetazeroalfa – es gilt: Assaltando rideremo!

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Siegfried Gerlich:
Martin Luther: Tischreden, Berlin: Insel 2016, 139 S., 14 €

Rechtzeitig zum Reformationsjubiläum ist im Insel-Verlag eine bibliophil ausgestattete Sammlung von Luthers Tischreden erschienen, die eine kleine Kostbarkeit darstellt, da hier — anders als bei den übrigen neueren Ausgaben — die originale Idiomatik und Orthographie beibehalten wird. Dem Herausheber Christian Lehnert war daran gelegen, die literarische Fremdheit des Lutherdeutschen zu bewahren, um dessen poetische Kraft noch deutlicher hervortreten zu lassen. Und hierfür lese man die Stammtischreden dieses größten deutschen Populisten am besten laut!

Die Tischreden hier bestellen

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Lutz Meyer:
Rob Salzig: Systemfehler. Band I (Das Chaos) und II (Der Aufstand), Schnellroda: Antaios 2016, jeweils 298 S., beide Bände im Paket 22 €

Einen Preis für schöne Sprache wird Rob Salzig mit seinem Erstling wohl nicht gewinnen. Auch gerät ihm manche Figur arg klischeehaft – in dieser Hinsicht fühlte ich mich beim Lesen glatt an die Karl-May-Lektüre meiner Kindheit erinnert. Dieser in zwei Bänden erschienene Kriminalroman ist vor allem lesenswert, weil das der (durchaus spannenden) Handlung zugrunde liegende Großereignis mit der Grenzöffnung 2015 tatsächlich stattgefunden hat. Salzig schildert, wie sich die Dinge vom totalen Chaos bis zum Ausbruch eines Bürgerkriegs hätten entwickeln können. Wohl nichts für den skandinavisch konditionierten Krimifreund, aber wegen der Brisanz des Themas eine klare Empfehlung.

Systemfehler hier bestellen

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (19)

Korrektheiten
23. November 2016 12:30
Sezession:Buchtips zu Weihnachten: Schmökern – Teil I: Es geht los… https://t.co/RZny6yKPNo #Lesefrüchte #Buchgeschenk #CarolineSommerfeld
Raskolnikow
23. November 2016 12:52
Potzblitz,

meine Pedale sprangen augenblicklich von einem, permanent affektive Nervenzustände anzeigenden, 60°-Fußwinkel in einen geradewegs idealen Zustand; es erschien in diesem Jahre ein Bildband des Ritters ...?

Selbst der künstliche Taschengrus (H&Q Bestell-No. 10736) wird mich heute nicht mehr in unkontrollierbare Wutzustände versetzen können.

Da ich als vorgeschobener Sub-Knecht des "Vereins für rythmisch richtiges Gehen und Herren-Neo-Gymnastik" im Osten amtiere, ist es mir eine Freude die Ordre nach Schnellroda zu transmittieren! Vielleicht bestelle ich derer zwei Exemplare und schenke das Duplikat dem Dr. Döblinger, auf daß seine Bande das arbiträre Dreschen wieder aufnehme und allen Individuen mit Schmieröl-Gesinnung Plomben appliziere.

Vielen Dank für den Wink!, rufe ich hinab in die Gletscherspalte zu Frau Sommerfeld ...

R.
Strogoff
23. November 2016 13:17
Werter Raskolnikow,
war es vor 2 Jahren als sie den "Freitod in Japan" zu Weihnachten empfohlen haben?
Haben Sie dieses Jahr ein ähnlich gehaltvolle Empfehlung nach außen zu richten?
Der_Jürgen
23. November 2016 13:31
@Raskolnikow

Nun wünscht man sich als Sahnehäubchen noch einen Kaplakenband von Ihnen, damit man Ihren flotten Stil nicht nur in Ihren Kurzkommentaren geniessen kann. Zumindest einen Käufer hätten Sie jedenfalls schon; er wohnt, allerdings nur noch für sehr kurze Zeit, in Moskau.

Vielleicht verbirgt sich hinter Ihrem Dostojewskischen Pseudonym ja einE bekannnteR AutorIN? Elfriede Jelinek wird es allerdings schwerlich sein. Die schafft so was nicht, Nobelpreis hin oder her.
Arminius Arndt
23. November 2016 14:19
OK - Leseempfehlungen sind immer gerne gesehen! (Zumindest bei mir - in der Zeitschrift Sezession sind die Buchbesprechungen auch immer der Teil, den ich zuerst lese).

Wie wäre es, wenn jeder der hier Kommentierenden auch ein Buch empfiehlt oder einen Autor?

Ich würde gerne dann damit anfangen und aus Anlass des 100. Todestages von Jack London eben die Wiederentdeckung von Jack London, der bei uns leider zu oft unter Jungendbuchautor abgehakt wird, empfehlen.

Ich habe in den letzten 2 Jahren immer wieder einmal Jack London in meine Lektüre eingestreut, bis hin zur "Eisernen Ferse" ...
Rumpelstilzchen
23. November 2016 14:47
Wenn wir an der Politik verzweifeln, dann sollten wir über Kultur reden!“ Deshalb sei er 1983, mitten im kältesten Kalten Krieg, mit 23 Fässern Freibier nach Moskau gereist. „Ich würde jederzeit wieder dort Freibier ausschenken“, so der 74-Jährige. „Wenn die Politik am Ende ist, hat die Kultur eine große Zukunft.“ Wir Deutschen müssten viel mehr russische Filme schauen, russische Komiker kennenlernen. Uns überhaupt für andere Länder mehr interessieren. „Wie macht die Frau X in Smolensk einen Schweinsbraten? Haben dort auch schon wie bei uns die Zweijährigen beim Griesbreiessen einen Helm auf, weil’s so gefährlich ist? Wir brauchen eine gemeinsame Gaudi“, so Polts Credo.


Gerhard Polt in
http://www.merkur.de/politik/gerhard-polt-ueber-russland-putin-strategie-freibier-6999149.html

Nachdem Raskolnikow uns "Rußlandkennern" vor kurzem gehörig den Marsch geblasen hat, macht er jetzt einen auf feinsinnigen Literaturkenner.
Unerhört. Und alle hüpfen um ihn rum .
Soll er uns doch russische Literatur nahebringen !
Oder müssen wir Freibier nach Moskau bringen ?

https://m.youtube.com/watch?v=-477j-3LqmU
Eveline
23. November 2016 14:55
Vielleicht habe ich es nicht gesehen, aber es fehlen Weihnachtsgebäckrezepte, von Bundesland zu Bundesland. ?
Julius Fischer
23. November 2016 15:31
Diese Selektion des Buchmarktes nehme ich dankend an. Im Focus Nr. 43/16 vom 22.10.16 stand übrigens, dass AfD-Anhänger in diesem Jahr zu 26 Prozent noch kein einziges Buch gelesen haben. Diesem negativen Spitzenwert stehen bspw. die Grünen mit nur 5 Prozent Lesefaulen am anderen Ende gegenüber. Das hat mich schon etwas betrübt und so wird es auch nichts mit dem Politikwechsel. Aber Sie geben nun wenigstens Anregungen.

M.L.: 1. Ich glaube seit den Trump/Hillary-Umfragen kein Wort mehr! 2. Erst einmal die Bücher ansehen, die da angeblich von Grünen so eifrig gelesen werden...
Eveline
23. November 2016 15:34
Ich habe mich verbistert, glaubte ich schreibe im anderen Strang, also Teil 0 , Bitte löschen meinen Beitrag von 14 Uhr 55. Danke.
Siegfried
23. November 2016 16:32
Die beiden Bände von Systemfehler habe ich gelesen, der zweite ist deutlich besser als der erste. Das ganze Werk ist ziemlich grob gestrickt und immerhin voller wohltuender politischer Unkorrektheit.
Eckesachs
23. November 2016 20:36
Ich habe beide Bände von Rob Salzig gelesen, nein, ich habe sie verschlungen.
Vorher hatte ich noch nie einen Krimi gelesen, kaufte ihn nur, weil er von Antaios ist.
Ich habe es nicht bereut. Wer James Wesley Rawles mag, wird Salzig auch mögen.
@Julius Fischer
,,Reds don`t read."
Mittlerweile ein geflügeltes Wort im englischen Sprachraum.
@Arminius Arndt
Ja, Jack London! Verrufen als Sozialist. Völlig zu Unrecht ,wie ich meine. ,,Südseegeschichten", ,,der Seewolf" , sprechen eine andere Sprache. Heutige Linke kann man Jack London richtig verstören.
@Raskolnikow
cherusker69
23. November 2016 17:16
Eine Lessempfehlung ist eine wichtige Sache muss ich sagen und ich freu mich jedesmal aufs neue. Leider lesen selbst Patrioten zu wenig wenn ich mich so umhöre, für mich ein Unding.Man braucht das Rüstzeug um zu verstehen und zu argumentieren..

Hier möchte ich einmal ein Dankeschön an Frau Kositza dalassen.

Nur weiter so.
Frieda Helbig
23. November 2016 19:06
Vielleicht müssen die AfD-Wähler sich um so unnütze Dinge, wie wirkliche Arbeit und Familie kümmern, hingegen die Grünen-Wähler von dieser Last ja eher befreit sein dürften und daher mehr Zeit zum Lesen haben sollten.

Zudem möchte ich zu bedenken geben: Lesen heißt nicht gleich verstehen!
Martin S.
23. November 2016 19:35
Ich las mit großem Gewinn:

"Der Vater : Roman eines Königs" / von Jochen Klepper

Beste Grüße
Martin S.
Lenamaria11
23. November 2016 17:43
#Lesefrüchte #Buchgeschenk #CarolineSommerfeld Buchtips zu Weihnachten: Schmökern – Teil I https://t.co/B51TMGVhhd
Der_Jürgen
23. November 2016 21:46
Ich folge dem Rat Arminius Arndts ("Wie wäre es, wenn jeder hier Kommentierende auch ein Buch vorschlägt?") und empfehle als Lektüre für Nervenstarke Angela Merkels 882-seitigen nervenzermürbenden Knüller "Was ich alles für das Deutsche Volk getan habe".

Auch wer wenig Mussezeit hat, kann die 882 Seiten im Nu durchlesen, weil nichts darauf steht - die Seiten sind alle leer.

Ihre Vorliebe für Jack London, lieber

@ Arminius Arndt
und lieber
@ Eckesacks

teile ich vollumfänglich. Ich las schon als Kind "Call of the Wild" (mein zweites englisches Buch; mein Vater hielt mich zu dieser Lektüre an, wofür ich ihm bis heute dankbar bin). Zu den eindrücklichsten, wenn auch furchtbarsten Geschichten, die ich je gelesen habe, zählt Londons "Kulau the Leper". Auch erinnere ich mich lebhaft an die Fernsehserie "Der Seewolf", die sich auf einen Roman Londons stützte und 1971 mit riesigem Erfolg am deutschen Fernsehen lief. Den Seewolf spielte Raimund Harmsdorf, Friede seiner Asche.

Jack London war übrigens, um es mit Alain Soral zu sagen, "ein Rechter der Tradition und ein Linker der Arbeit". Er war zugleich Sozialist und Sänger der weissen Rasse, insbesondere natürlich der Angelsachsen. Neben dem sind die heutigen Linken armselige Würmer.
Vexillifer
23. November 2016 22:52
Ah, nun endlich Buchempfehlungen von Jedermann Leserlein in jeder Kommentarspalte aller auf diesen noch folgenden Buchtipp-Beiträge. Wunderschön. Jetzt haben definitiv all jene hier ein Zuhause, die keine Lust, Zeit oder Internetkompetenz für die Pflege eines eigenen Blogs haben. Sezession als Selbsttherapie, ein Akt adventlicher Barmherzigkeit für das Kommentariat.
Dietrich Stahl
24. November 2016 11:17
Eine Leseempfehlung gegen den Winterblues:
Eigensinn macht Spaß von Hermann Hesse

Der erste Satz des Insel Lesebuchs:

Es gibt für jeden keinen anderen Weg der Entfaltung und Erfüllung als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens.


Das Büchlein ist eine Fundgrube für Identitäre, Eigenverantwortliche oder einfach nur Eigensinnige; und es macht Spaß.
H. M. Richter
25. November 2016 22:47
@ Arminius Arndt

"Wie wäre es, wenn jeder der hier Kommentierenden auch ein Buch empfiehlt oder einen Autor?"
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Nun denn:

2055. Rußland und China gibt es, wie andere Länder auch, nicht mehr. Sie sind aufgeteilt in Wirtschaftszonen, - Deutschland ist inzwischen die E.ON-Zone. Der Kapitalismus hat gesiegt. Es ist vorbei.
Zwar gibt es noch, wenn es keine Geheimdienstler sind, letzte, vereinzelte Kämpfer wie die PeNNeR, die Paneuropäischen Neokommunistischen Revolutionäre. Doch in der E.ON-Zone ist die Mitte-Links-Rechts-Partei unter Führung ihrer Vorsitzenden unangefochten.
Red Bull sendet Grüße vom Mars.
Die Überwachung ist allumfassend.

Lesenswert.

Eugen Ruge: Follower, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag, 1. Aufl. September 2016, 320 S., 22,95 €.

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