28. November 2016

Buchtips zu Weihnachten: Denken, Teil I

von Ellen Kositza / 6 Kommentare

Kommen wir zur zweiten Kategorie unserer Weihnachtsgeschenkempfehlungen: Denken! Was empfehlen unsere Autoren und Mitarbeiter an gewichtiger, bedenkenswerter Lektüre? Hier die ersten vier Lesetips:

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

hamannCaroline Sommerfeld:
G.W.F. Hegel: Hamanns Schriften. Notiz zu Hamann, hg von Till Kinzel, Wien: Karolinger 2016. 128 S., 18 €

Johann Georg Hamann (1730-1788) war mir als der große irrationale Widerpart zu Kant bekannt. Nachdem ich Kants "Anthropologie" studiert hatte, konnte ich Kants Vernunftethik danach gründlich vom Kopf auf die Füße stellen. Und merken, daß sich Kants Universalismus in Wirklichkeit auf ziemlich kontingente und prekäre Motive verließ. Warum dann nicht gleich den lesen, der auf "einer Konzentration seiner tiefen Partikularität beharrte, welche aller Form von Allgemeinheit, sowohl der Expansion denkender Vernunft als des Geschmacks, sich unfähig gezeigt hatte"? (Hegel im Vorwort). Hamanns Partikularismus' wird man alleine nicht Herr. Da brauchen wir dringend die Hilfe desjenigen Zeitgenossen, der das Allgemeine und zugleich das völlig Unvermittelbare denken konnte: Hegel. Der Karolinger-Verlag hat kapiert, daß "Irrationalismus" einer vernünftigen Vermittlung bedarf, und mit einem luzide einordnenden Nachwort von Till Kinzel (ja, auch Schmitt, Jünger, Dávila haben Hamann gelesen!) eine kleine Einzelausgabe von Hegels Handreichung zu Hamann herausgebracht. Klingt wirklich entlegen, ist aber mittendrin in der Reihe unserer seltsamen Vordenker.

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klassenkampfSiegfried Gerlich:
Domenico Losurdo: Der Klassenkampf oder Die Wiederkehr des Verdrängten? Eine politische und philosophische Geschichte, Köln: PapyRossa 2016. 423 S., 24,90 €

Das neue Buch des italienischen Marxisten Domenico Losurdo imponiert vor allem durch seine heimlichen Querfront-Potentiale. In Anbetracht eines One-World-Kapitalismus, der nationale Schutzräume und soziale Sicherungssysteme gleichermaßen bedroht, nimmt der germanophile und amerikanophobe Historiker die durch die vielberedeten Kulturkämpfe unserer Tage nur verdrängten, in Wahrheit weltweit wieder hervorbrechenden Klassenkonflikte ins Visier. Freilich hatte schon Marx die Verlagerung des internationalen Klassenkampfes in einen Kampf zwischen »proletarischen« und »plutokratischen Nationen« vorhergesagt. Aber erst mit Losurdos rechtsabweichlerischer Fortentwicklung solcher unorthodoxer Ideen von Marx drängt sich die dialektische Schlußfolgerung auf, daß eine freundliche Übernahme der »sozialen Frage« in die »nationale Frage« längst auf der Tagesordnung von Rechtskonservativen stehen müßte, zumal die zum Neoliberalismus konvertierten Linkskonformisten sich weit mehr für den Aufstieg von Minderheiten als für den Abstieg der Mehrheitsgesellschaft interessieren.

Den Klassenkampf hier bestellen.

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austreibung-jepgLutz Meyer:
Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute, Frankfurt: S. Fischer 2016. 112 S., 20 €

Wo es heute noch Unterschiede, wo es noch den Anderen und das Andere gibt, wird im Interesse der ökonomischen und politischen Machtentfaltung mit aller Kraft nivelliert. Diese wuchernde Gleichmacherei macht krank, depressiv, wahnsinnig – wie jede Zigarettenpackung würde sie deshalb den Hinweis auf ihre tödliche Folgen verdienen. Der Philosoph Byung-Chul Han beschränkt sich nicht auf die Beschreibung dieser unheilvollen globalen Vorgänge, sondern spürt Gegenmitteln nach, etwa der Liebe, die Andersheit geradezu voraussetzt. In Theorie und Praxis eine kräftigende Therapie frei von unerwünschten Nebenwirkungen!

Die Austreibung hier bestellen.

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spurbreiteEllen Kositza
Götz Kubitschek: Die Spurbreite des schmalen Grats. 2000-2016, Schnellroda: Antaios 2016. 288 S., 19 €

Ob es schon „Nepotismus“ ist, wenn ich hier den Band aus der Feder meines Geliebten anpreise? Und wenn! Ich habe Kubitschek, noch bevor ich ihn kannte, über seine Texte liebengelernt. Poesie, Tatkraft und gelegentlich Schwermut, sich als Kulturpessimismus tarnend, sind die Ingredienzen dieser 34 ausgewählten Aufsätze. Nüchtern hinzuzufügen: Leitlinienkompetenz. Kubitscheks Artikel fließen ihm nicht in die Feder, sie werden je über Wochen ausgebrütet. Das ist unverkennbar. Daß Skrupulosität und souveräner Aktivismus Hand in Hand gehen, ist wohl einzigartig. Beinhaltet auch Kubitscheks seit langem vergriffenen Titel Provokation.

Die Spurbreite hier bestellen.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (6)

Stil-Blüte
28. November 2016 19:45
'Nepotismus'?

Da mußte ich nachschlagen. Natürlich ist es das! Mit Recht! Warum auch nicht? Ich kenne diese Empathie für Freunde, die Kunst produzieren. Auch wenn es nicht immer die allererste Sahne ist, empfinde ich ein starkes Bedürfnis, die Kunstwerke zu erwerben, sie w o h l w o l l e n d zu begleiten. Das ist doch genau das, was in unserem konservativem Raum als das E i g e n e empfunden wird.

Ja, wir kennen auch die Art und Weise, wie Witwen von großen Könnern ihre Verbundenheit mit dem Künstler übertreiben und ihn okkupieren. Das ist ja hier ganz anders .

Also ich bestelle mal gleich! Denn ich habe Ihren 'Liebsten' schon lange vor Ihrem Urteil für gut befunden. er hat mich nicht enttäuscht. Ich habe mich nicht getäuscht.
Winston Smith 78699
28. November 2016 21:31
@ Stil-Blüte

Ihr Kunstnepotismus erinnert mich an @ Raskolnikows Bemerkung über Omas Knödelrezept und den Schrank aus Ostpreußen und meine Frage, wie allgemeine Mythen sich aus den familiären ergeben können, durch eine Abstraktion oder Schnittmenge oder Angleichung vielleicht. (Das könnte irgendwas mit Ontologie und Whitehead zu tun haben, aber Sie brauchen das jetzt nicht nachschlagen ...) So auch mit dem Wert von Kunst und ihrer objektiven Qualität: entstehen diese gleichwohl oder erst recht, wenn jeder auf das familiäre Umfeld setzt und dort fördert? Haben dann Außenseiter ohne reiche oder kundige oder vernetzte, jedenfalls "bessere" Verwandtschaft überhaupt noch eine Chance? Eine muffige Welt ohne Aufstiegschancen für die Plebs will ich aber nicht, das darf nicht das rechte Weltbild werden. Jeder Fellachenbub im hintersten Winkel des Reiches muss hoffen dürfen und sich auszeichnen können, und dies am besten nicht nur durch Kriegskunst. Das Leben und Streben nach oben ausrichten, zur Exzellenz hin, dann ist auch die Armut vielleicht erträglich. Was wäre das sonst für uns kleine Leute wert? Und auch den großen Leuten mit ihren Familie, innerhalb welcher sie Kunst erwerben können, bliebe dann doch so ein großer Schreiber wie etwa Franz Innerhofer versagt, so sich ein solcher nicht irgendwo entwürdigend hündisch andient, beim Klerus oder beim Provinzfürsten vielleicht. Das können Sie nicht wollen.
Stil-Blüte
29. November 2016 23:36
@ Winston Shmith 78699
(Das könnte irgendwas mit Ontologie und Whitehead zu tun haben, aber Sie brauchen das jetzt nicht nachschlagen...)


Wenn Sie so was sagen, nehmen Sie weder mich, was weniger schlimm ist, als sich selbst nicht ernst. Schade. Warum man manche Ihrer Sätze, hin und wieder, mehrmals lesen muß, um dahinter zu kommen, was Sie meinen, diese Frage zu beantworten, überlasse ich Ihnen. Auch diesmal mußte ich googlen (naja, Ontologie wußte ich, aber dieses Whithead - erst mal Kopfzerbrechen.

Eine muffige Welt ohne Aufstiegschancen...das darf nicht das rechte Weltbild werden.


Bitteschön, was ist für Sie 'muffige Welt'? Eingestaubte Bücherregale? Gemütlicher Ohrensessel? Eine Gartenlaube? Dielen?

Das Leben und Streben nach oben ausrichten, zur Exzellenz hin, dann ist auch die Armut vielleicht erträglich.


Kennen Sie den Aufstieg, 'nach oben'? Wie fühlt es sich an, wenn man die unterste Schicht der oberen Schicht erreicht hat? Fühlt es sich nicht viel besser an, zur oberen Schicht der unteren Schicht zu gehören?

Wie Sie es formulieren, fällt mir schwer zu denken. Den Platz, m e i n e n Platz finden, ist unabhängig von der Exzellenz, obwohl sich das Wort in diesem Zusammenhang vorzüglich anhört. Habe ich den Platz gefunden, ist er exzellent, unabhängig davon, ob ich Forstarbeiter, IT-Experte, Hausfrau, Heimleiter, Taxifahrer...geworden bin. Alle wollen immer nur eine Position errteichen, wollen herrschen. Einer Sache dienen, ohne sich 'anzudienen', bringt mehr Genugtuung als das 'Streben nach oben'.

dann ist auch Armut vielleicht erträglich


Armut ist in unseren Breitengraden nur deshalb so unerträglich, weil sie so billig, spottbillig, verwahrlost daherkommt. Wirklich unerträglich ist, nicht dort dazuzugehören, wo man dazugehören möchte (Familie, Stamm, Stammtisch, Freundeskreis, Kollegenkreis, Heimat).

Franz Innerhofer
: Danke für den Tipp. Ich mag
Korrektheiten
26. November 2016 12:17
Sezession:Buchtips zu Weihnachten: Denken, Teil I: Kommen wir zur… https://t.co/9R3eosM8og #Nichtkategorisiert #Buchgeschenke #ByungChulHan
Lenamaria11
26. November 2016 12:37
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Winston Smith 78699
01. Dezember 2016 09:57
@ Stil-Blüte (I)

Hab jetzt extra einen Tag gewartet, damit ich nicht wieder von Urwinkel Plappermaul geheißen werde (weswegen, und nicht aus Manier, ich mich auch so kurz zu fassen versuche und man daher - ich auch - einen kryptischen Satz vielleicht mehrfach lesen muss). Daher auch erst eine allgemeine Anmerkung. Die ersten drei Seite von Han (Meyers Vorschlag) lesen sich fulminant und lustvoll, aber dann dies (rausgetippt aus Google-Books, dort S.3 vom Text):

Selbst die größte Ansammlung von Informationen, Big Data, verfügt über sehr wenig Wissen. anhand von Big Data werden Korrelationen ermittelt. Die Korrelation besagt: Wenn A stattfindet, so findet auch B statt. Warum es so ist , weiß man aber nicht. Die Korrelation ist die primitivste Wissensform., die nicht einmal in der Lage ist, das Kausalverhältnis, d.h. das Verhältnis von Ursache und Wirkung, zu ermitteln. Es ist so. Die Frage nach dem erübrigt sich hier. Es wird also nichts begriffen. Wissen ist aber Begreifen. So macht Big Data das Denken überflüssig Wir überlassen uns bedenkenlos dem Es ist-so. / Das Denken hat Zugeng zum ganz Anderen. Es kann das Gleiche unterbrechen.


Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute

Solche ignoranten wie beiläufigen Verdikte gibt es bei Bateson (z.B. gegen Descartes) auch. Das ist eklig unfachlich und billig, redet den mentalen Reformhauskunden edel nach dem Mund. Als hätte Han keine Ahnung, was causa efficiens (Wirkursächlichkeit) ist und was diese ausmacht. Ohne sie und ohne das Ausformulieren von fremdartigen, nicht intuitiv einleuchtenden Korrelationen, wäre man wohl reichlich länger im Immergleichen verharrt - in einem Aristotelismuis meinetwegen, wo Dinge an ihren "natürlichen Ort" streben und nicht Massen sich anziehen - und hätte eben keinen "Zugang zum ganz Anderen" der Natur erlangt. Auf gesunden Menschenverstand (common sense) und Tradition zu setzen ist im Theoretischen eine eitle Luxuskrankheit, nachdem über Wagnisse echter Forscher und deren Revolutionen und den Fortschritt alles schön eingerichtet worden ist. Im Praktischen baut das keinen Computer und fliegt nicht zum Mond, dem natürlichen Ort des Würfelhasen.

@ Stil-Blüte (II)

Mit der Anspielung auf das Nachschlagen wollte ich nur den Gag aus Ihrem ersten Kommentar weiterspielen. Entschuldigung. Zu Whitehead gerne, aber das nervt die anderen doch wieder. Jetzt nur einen Satz zu Ihrem wichtigen Punkt: hätten Sie zu Adalbert Stifter gesagt, er solle mal Leinweber bleiben, und zu Jesus von Nazareth, dass Holzarbeit doch glücklich machen kann, zu Immanuel Kant was von Leder und Nieten als Erfüllung?

In Langform: ein Ständestaat mit Handwerkern und Zünften und der Weitergabe vom Vater zum Sohn klingt romantisch wie aus dem Fantasyroman, aber diese Welt darf nicht verordnet werden und kann es nicht, außer gewaltsam gegen helle Köpfe. Und damit Schuster bei seinen Leisten auch bleiben kann, sorge mal erst einer dafür, dass nicht ganze Industriezweige für Regionen wegbrechen und es plötzlich keine Schuster mehr gibt (großmütterlicherseits komme ich tatsächlich von Schustern) und dann auch weit und breit keine Fabriken mehr (in die sich vormalige Schuster flüchten konnten). Außerdem kommt der Spruch von Schusters Leisten gerne mal gebieterisch und altklug von ebenjenen, in deren eigenen Familien seit Generationen niemand mehr ein solides Werkzeug in der Hand gehalten hat, außer vielleicht Flinten, Peitschen, Ochsenziemern. Ich komme aus kleinen Verhältnissen und höre solche Weisheiten seit Jahrzehnten von den Reichgeheirateten, die selbst nie um was kämpfen mußten außer vielleicht den Gatten, deren eigene Kinder so bescheuert sind, das man für ihr Fortkommen so offensichtlich anders sorgen muß, dass die ganze Stadt darüber lacht. (Man kennt die Nieten mit Abstammung dann auch landauf landab als solche.) Und hier beginnt diese Abschottung der Elite, die uns durch Negativauslese an den Rand des Völkermords geführt hat. Das wird uns nicht retten, wir müssen vielmehr die Besten finden und fördern. Was Sie da fordern, ist nicht nun nicht der Egaltiarismus unserer (Neo-) Marxisten, sondern das Verkümmernlassen von Sonderbegabungen und Ambitionen in der Schufterei der Stuben. Sogar die Römische Kirche und die Orden hielten das nicht aus und schufen Aufstiegswege, das Militärwesen bedingt auch. So ein Ruhen im bescheidenen Tun, das friedliche Aufgehen im Handwerk, die Freude am Werkstück und an der Qualität und am Tagwerk des Landmanns und dergleichen - stellt sich heute ja selbst als Aussteigerei aus der industrialisierten Welt dar (und könnte zurückverfolgbar bis bereits in die Industrialisierung selbst sein). Das kann man heutzutage noch fliehend aufsuchen, darf aber diese Welt der geistigen Schranken nicht aufzwingen. Ob Reformhäuser auch Tempel der Beschränktheit sind?

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