14. Februar 2017

»Querfront«? – Benedikt Kaiser im Gespräch

von Nils Wegner / 18 Kommentare

Neben dem Vermächtnis Rolf Peter Sieferles erscheint in der reihe kaplaken ein Band, der zur Überwindung weltanschaulicher Grenzen aufruft. Was hat Benedikt Kaiser sich dabei gedacht? Ein Gespräch über einen Denkanstoß.

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

SEZESSION: Querfront lautet der Titel deines kaplaken-Bandes. „Querfront!“ lautet ein Vorwurf, den politisch Aktive immer dann zu hören bekommen, wenn Platzhirsche von rechts oder links befürchten, daß Grenzen zwischen den Lagern verschwimmen. Weshalb also ein Buch über das „Querfront“-Phänomen?

KAISER: Es ist zuallererst hervorzuheben, daß die Einstufung als „Querfront“-Zeitschrift oder als „Querfront“-Aktivist selten eine Eigentitulierung ist. Das Etikett stammt zumeist vom politischen Gegner, um Phänomene zu klassifizieren und angreifbar zu machen, bei denen die altbewährte politische Topographie überfordert bzw. nicht anwendbar ist. Diese Phänomene scheinen auf dem Vormarsch gegenüber den klassischen politischen Lagern zu sein.

Glaubt man etwa dem neokonservativen Magazin Cicero, ist eine gefährliche „Querfront in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, die den westlich-liberalen Grundkonsens von links und rechts gleichermaßen unter Beschuß nehme. Und liest man eine aufwendige Studie der IG-Metall-nahen Otto Brenner Stiftung (OBS), sieht man den Versuch der Gewerkschafter, einen drohenden Siegeszug von antiwestlichen und antiliberalen „Querfront-Medien“ zu erfinden, die dabei seien, „ein quantitativ beachtliches und ständig wachsendes Publikum zu erreichen und zu halten“.

Man sieht also, daß „Querfront“ sowohl im linksliberalen als auch im rechtsliberalen Umfeld auf Skepsis bis offene Feindschaft stößt. Aber das sagt noch nichts darüber aus, ob es eine „Querfront“ wirklich gibt, was sie ausmacht – und ob es sich überhaupt lohnt, sich für eine solche einzusetzen.

SEZESSION: Zu den unter „Querfront“ subsumierten Akteuren zählen deiner Aufzählung nach unter anderem der Blog nachdenkseiten.de und der Nationalökonom Albrecht Müller, Compact und Jürgen Elsässer, Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, Lars Mährholz und Ken Jebsen, der Finanzblogger Andreas Popp und der Verleger Jochen Kopp, „völkische“ Siedler und rechte „Bio-Bauern“, teils sogar PEGIDA oder „die Neue Rechte“...

KAISER: Genau. Und das zeigt, wie inhaltsleer dieser Begriff eigentlich ist. Wenn all diese genannten Akteure, die gänzlich unterschiedliche weltanschauliche Standpunkte vertreten, „Querfront“ sind, die es – aus links- und rechtsliberaler Sicht – zu bekämpfen gilt, ist der Begriff inhaltsleer und verkommt zur politischen Waffe, um sich mit den Inhalten der jeweils entsprechend Geschmähten nicht auseinandersetzen zu müssen.

Man kann von einem regelrechten Verfall einer Begrifflichkeit sprechen, da „Querfront“ nicht immer die inhaltslose Floskel gewesen ist, um politische Gegner als Outlaws ins Abseits zu stellen. Hierfür empfiehlt es sich, die historischen Urgründe der Theorie und Praxis von „Querfront“-Bestrebungen näher anzusehen. Sie liegen u. a. in den Trümmern der Weimarer Republik, und ich versuche aufzuzeigen, daß das Phänomen der Querfront – ob in Deutschland, Frankreich, Griechenland oder Rußland – mannigfaltige Entwicklungen kannte und zum Teil noch kennt, die mit der heutigen Floskel nichts gemein haben. 

SEZESSION: Du gräbst in Sachen Weimarer Republik auch einen linken Denker aus, der heute als Parade-Antifaschist galt, aber noch im Januar 1933 ein Zusammengehen mit Ernst Jünger, Otto Strasser und anderen revolutionären Rechten anstrebte. Ein Einzelfall?

KAISER: Nein, auf keinen Fall. Es gab in der Weimarer Linken, auch in der radikalen Linken, immer auch Kräfte, die – keineswegs ausschließlich machtstrategisch orientiert wie Teile der Kommunisten 1923 und 1932 – ein Zusammengehen mit dem politischen Gegner favorisierten, um das liberale große Ganze zu stören. Das Beispiel, das du ansprichst, hat aber nochmal eine größere Bedeutung. Gemeint ist Kurt Hiller, und dieser revolutionäre Pazifist schrieb Anfang 1933, daß die Linke und die Rechte einen jeweiligen Selbstreinigungsprozeß bräuchten, an dessen Ende eine Kooperation (aka Querfront) möglich wäre.

Stießen die rechten Nationalrevolutionäre von Jünger bis Strasser, so Hiller, alten Ballast ab, stießen die linken Sozialrevolutionäre um Hiller die „Nationalblinden“ – die Antinationalen – ab, „dann wäre ein Bund möglich in Deutschland, groß, glänzend und stark, der endlich der Mittelmäßigkeit, dem Geldmachertum, allen Feinden des Lichts die Macht entreißt und den Geist verwirklicht.“ Das war der Hillersche pathetische Sound, klar, aber das war mindestens ein Gesprächsangebot. Freilich kam es zu spät.

SEZESSION: Und warum interessiert das heute noch?

KAISER: Weil das Beispiel – und viele weitere, vor allem auch aktuelle Beispiele folgen im kaplaken-Band – zeigt, daß in politischen Ausnahmesituationen Konstellationen denkbar sind, die jenseits einer fundamentalen geistigen, wirtschaftlichen und politischen Krise gar nicht denkbar wären. Aber in einem bestimmten historischen Moment kann es besondere Entwicklungen geben. Und hierfür sollte man auch inhaltlich vorbereitet sein.

Querfront ist hingegen ein taktisches, strukturelles und temporäres Modell, das in einem historischen Moment aufgrund des Drucks der Ereignisse entstehen kann; es ist jedoch kein Wert an sich, zumal es – damals wie heute – an lagerübergreifenden Projekten, ja bereits an bloßem Interesse bezüglich politischer Elemente, die „falsch“, also gegnerisch etikettiert sind, mangelt.

SEZESSION: Kein präventives Streben um Einheit mit Teilen der Linken?

KAISER: Keineswegs, zumindest nicht in Deutschland. Bei uns ist es die Linke von heute gar nicht wert, sich um sie zu bemühen. Weder weltanschaulich noch strategisch. Das schließt natürlich nicht aus, daß dort auch ehrliche Idealisten mit vernünftigen Standpunkten am Werke sind, aber diese sollten und werden dann eben den Weg zu „uns“ finden – oder sie bleiben isolierte Leuchttürme innerhalb linker Parallelwelten. Eine Querfront ist derzeit nicht möglich, nicht nötig, nicht erstrebenswert. Ich versuche aufzuzeigen, daß statt dessen etwas ganz anderes wichtiger ist: eine Neujustierung und weitgehende Profilschärfung neurechter politischer Theorie.

SEZESSION: Aha, also wieder deine soziale Frage...

KAISER: Ja, definitiv. Aber im Grunde umfaßt der Aufruf zu einer weltanschaulichen Erneuerung mehr als „nur“ die Besetzung des sozialen Feldes, das die Linke längst begonnen hat, zu räumen. Bei den Klügeren unter unseren Gegner nimmt man entsprechende Entwicklungen durchaus wahr. Man muß dort zähneknirschend zur Kenntnis nehmen, daß es sich bei der sozialen Ausrichtung "keineswegs lediglich um 'soziale Demagogie' (handelt), wie so gerne von links behauptet wird". Wir sind also auf dem richtigen Weg.

Was wir aber darüber hinaus brauchen ist ein wahrer Neubeginn, eine „Neue Rechte“, die sich gegen konservativ-sozialdarwinistische Kapitalismusaffirmation stellt; eine Neue Rechte, die sich geopolitisch für eine „Pluralisierung der Hegemonien“ (Chantal Mouffe) positioniert; eine Neue Rechte, die europäisch denkt und mehr als nur einen populistischen Anti-Brüssel-Block formieren möchte, die die Idee des einigen Europas neu und innovativ, aber rückgebunden auch an Tradition und Herkunft betrachtet; eine Neue Rechte schließlich, die in der Lage ist, die größeren Zusammenhänge beim Großen Austausch und der aktuellen Lage des Finanzmarktkapitalismus zu analysieren und Gegenentwürfe zu entwickeln – eine solche Neue Rechte hätte es nicht nötig, auf der linken Seite nach Partnern zu suchen. Sie genügte sich selbst und verkörperte aus eigener Kraft und eigenem Ideenreichtum eine intellektuelle Alternative.

SEZESSION: Also kein pauschales Ende von rechts und links, wie es oftmals verkündet wird, sondern etwas Neues?

KAISER: Ja. Nicht Verschleierung oder Leugnung der substantiellen Bedeutung von rechts und links, sondern Überwindung von angeblichen ideologischen Gegensätzen, hin zu etwas Neuartigem, zu einer wahrhaft Neuen Rechten, die den Herausforderungen der multiplen Krisensituation Deutschlands und Europas überhaupt erst gerecht werden kann. Es ist wohl das, was diejenigen Kräfte am meisten fürchten, die den „Querfront“-Vorwurf als politische Waffe zur Stigmatisierung verwenden. Eine „Synthese der Gegensätze“, die Norberto Bobbio einmal „konservative Revolution“ nannte, ist jedenfalls heute mehr denn je vonnöten. Mein Büchlein Querfront, das gleich mehrere Irrtümer zu diesem Themenkomplex revidieren möchte, soll in diesem Sinne den Anstoß zu einer notwendigen Debatte geben.

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Benedikt Kaiser: Querfront, reihe kaplaken, Bd. 49, Schnellroda 2017. 96 S., 8,50 € – hier bestellen. 

Neben diesem Band erscheinen in dieser Woche zwei weitere kaplaken:
Martin Lichtmesz: Die Hierarchie der Opfer, Schnellroda 2017. 96 S., 8,50 € – hier bestellen.
Rolf Peter Sieferle: Finis Germania, Schnellroda 2017. 104 S., 8,50 € – hier bestellen. 

Die Dreierstaffel gibt es hier für den Vorzugspreis von 20 €, Sie sparen also 5,50 € gegenüber dem Einzelkauf. 

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (18)

Frieda Helbig
14. Februar 2017 14:26

Freu mich auf das Büchlein. Wird Zeit, daß aus Kaisers Feder was erscheint. Dürfen wir uns auch bald auf ein Wegner-Werk freuen?

Beste Grüße...

Der_Jürgen
14. Februar 2017 19:46

Obwohl das Thema "Rechts und links" hier schon öfters erörtert wurde, möchte ich dazu noch etwas sagen. Ich persönlich hatte mich vor einigen Jahren  entschieden, die Etikette "rechts" für mich selbst und meine Denkweise abzulehnen, weil ich in vielen Fragen sozialistische, also "linke" Positionen vertrete: Ich bin für die Verstaatlichung der Banken, ein staatliches Monopol auf Geldschöpfung, die Abschaffung des Finanzkapitalismus mit seinem "virtuellen Geld", seinen "Derivaten" und seinen "Hedgefonds" und für eine gelenkte Martwirtschaft.

Inzwischen bezeichne ich mich aber wieder dezidiert als Rechter, denn die von mir verfochtenen Positionen sind ja längst nicht mehr links. Die Linke hat mit dem Kapitalismus, auch seinen räuberischsten Formen, schon vor geraumer Zeit ihren Frieden gemacht, ja noch mehr: Sie ist heute nur noch dessen Hilfs- und Schlägertruppe. Ihr ganzer Hass richtet sich gegen "Rassisten", "Faschisten", "Rechtsradikale" etc., wobei mit diesen Kosewörtern jeder bedacht wird, der für die Bewahrung seines Volkes eintritt. Dieselben "Rassisten", "Faschisten" und "Rechtsradikale" gelten aber auch dem Finanzkapital als Hauptfeind, wenn nicht gar als einziger Feind. Es will ja eine Welt ohne Grenzen, ohne Nationen, ohne nationale Kulturen und Identitäten.

Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen jenes linken Esels, der in einem Videostreifen darlegt, dass jede Kritik am Finanzkapitalismus und an den grossen Banken implizit antisemtisch sei, auch wenn der betreffende Kritiker das Wort "Jude" gar nicht in den Mund nehme... Ein Kommentar hierzu erübrigt sich wohl.

Es gibt durchaus noch ein paar bekennende Linke, die weiterhin die Fahne des Antikapitalismus schwenken; mir fallen da auf Anhieb Namen wie Peter Feist und Reinhold Oberlechner ein. Diese Menschen beharren darauf, "Linke" oder gar "Marxisten" zu sein, nehmen aber einen ausgeprägt patriotischen Standpunkt ein. Sie sind selbstverständlich nicht unsere Feinde.

Rechts sein heisst für mich:

1) Betont national und zugleich betont sozial sein. Ein national gesinnter Mensch kann nicht hinnehmen, dass ein Teil seines eigenen Volkes in Armut lebt; er muss also für existenzsichernde Löhne und Renten für alle eintreten. (Zugleich wird er jeden Parasitismus ablehnen und von Arbeitsfähigen, die ihre Stelle verloren haben, verlangen, dass sie notfalls auch eine Arbeit annehmen, für die sie überqualifiziert sind. Ein arbeitsloser Soziologe soll nicht endlos vom Staat durchgefüttert werden, sondern notfalls eben als Verkäufer oder Kassier arbeiten.)

2) Den Menschen so sehen, wie er ist, und nicht, wie er irgendeiner Theorie zufolge sein sollte. Dies bedingt eine Anerkennung der menschlichen Ungleichheit in bezug nicht nur auf körperliche Eigenschaften, sondern auch auf Begabung, Willenskraft und moralische Qualitäten. Die logische Folgerug hieraus ist, dass man als Rechter eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft ausdrücklich bejaht. Natürlich ist jede Gesellschaft ihrer Natur nach hierarchisch; die Frage lautet nur, nach welchen Massstäben die Hierarchie konstruiert sein soll. Die richtige rechte Antwort auf diese Frage scheint mir ein Bekenntnis zur Meritokratie zu sein, in dem zumindest theoretisch jeder den Rang einnimmt, der ihm aufgrund seiner Fähigkeiten und seinen Leistungen zukommt.

Benedikt Kaiser hat hundertprozentig recht, wenn er hervorhebt, dass wir Rechten (im oben definierten Sinn) die Linke längst nicht mehr brauchen und es nicht mehr nötig haben, um ihre Gunst zu buhlen. Wer aus dem linken Lager ins unsere wechselt, solluns jedoch als Bundesgenosse herzlich willkommen sein. Wir sind jedoch nicht darauf angewiesen, ihm den Übertritt durch ideologische Konzessionen zu erleichtern.

RMH
14. Februar 2017 20:28

Im Moment muss man zunächst einmal (leider wieder!) feststellen, dass wir noch nicht einmal eine rechte oder patriotische und konservative "Front" haben, sondern nur zerstrittene Haufen.  Querfront hört sich im Moment so ferne an, wie im November 1849 die deutsche Einheit ... Leider!

Ruewald
14. Februar 2017 22:27

@Der_Jürgen

Eine hervorragende und treffsichere Charakerisierung für die "rechte Sicht": national und sozial, Anerkennung der Ungleichheit und Respektierung des Andersseins des Einzelnen in seinem Sein in der Gemeinschaft, meritokratische Hierarchie ...

Dietrich Stahl
14. Februar 2017 23:44

Ein wichtiges Interview. Die Forderungen von Benedikt Kaiser würde ich gern mit einem Ausrufungszeichen zu versehen:

Ich versuche aufzuzeigen, daß stattdessen etwas ganz anderes wichtiger ist: eine Neujustierung und weitgehende Profilschärfung neurechter politischer Theorie. […] Was wir aber darüber hinaus brauchen ist ein wahrer Neubeginn, […] eine Neue Rechte, die die Idee des einigen Europas neu und innovativ, aber rückgebunden auch an Tradition und Herkunft betrachtet; eine Neue Rechte schließlich, […] die in der Lage ist, Gegenentwürfe zu entwickeln […] Überwindung von angeblichen ideologischen Gegensätzen, hin zu etwas Neuartigem, zu einer wahrhaft Neuen Rechten, die den Herausforderungen der multiplen Krisensituation Deutschlands und Europas überhaupt erst gerecht werden kann.

Es ist symptomatisch, daß die erste Strophe der Nationalhymne erstmals seit langem öffentlich in Hawaii – vor einem Tennisturnier – gesungen wird. Trotzdem, Danke Hawii. Immerhin haben einige der deutschen Tennisspielerinnen mit einem Lächeln mitgesungen.

Den Fokus auf das Eigene und die Essenz des Deutschseins, den Erfahrungsschatz der Geschichte und neu gewonnene Ausdrucksmöglichkeiten nutzen, niegedachte Ideen und eine Rückbesinnung auf die geistigen Prinzipien des Lebens – das brauchen wir. Das Tor zu geschichtlich einmaligen Möglichkeiten ist heute schon einen Spalt offen. Es liegt an uns.

Wahrheitssucher
15. Februar 2017 05:14

@ Der Jürgen

Ihre Beiträge sind eigentlich immer das Salz in der Suppe...

Monika L.
15. Februar 2017 08:35

"Wenn diese Leute von »Identität« sprechen, meinen sie nicht die eines Individuums, sondern stets die eines Kollektivs. Die »Identitären« leiten ihr Konstrukt einer kollektiven Identität aus imaginierten Gemeinschaften wie Volk, Nation, dem »christlichen Abendland« oder der gemeinsamen europäischen Kultur ab. "

heißt es in dem verlinkten Beitrag aus der Jungen Welt, 10.2.17

Ich zähle mich zu den eher "rechtsliberalen Skeptikern" des Querfrontgedankens.

Mit Marcello Pera sehe ich die Liberalen allerdings am  Scheideweg der Religion. Marcello Pero übernimmt die " antiliberalen Positionen nicht, die für zahlreiche Faschisten, Nationalsozialisten, Kommunisten eine verhängnisvolle intellektuelle und politische Übung gewesen sind..." Pera schreibt: "Insbesondere teile ich den Einwand nicht, daß der Liberalismus eine Lehre sei, die auf dem Individualismus, dem Egoismus, dem Hedonismus gründe und daß er sich für die Tugenden und das Gemeinwohl nicht interessiere." Pera kritisiert die Gleichsetzung von Liberalismus mit dem Säkularismus. Weshalb der Titel seines Buches lautet: Warum wir uns Christen nennen müssen, Plädoyer eines Liberalen

Sag, wie hältst du es mit der Religion. Hier wird in Europa in Zukunft die Scheidelinie verlaufen...Die Moslems haben damit kein Problem. Allerdings lässt sich mit einigen von ihnen auch eine Querfront denken....

Jürg_Jenatsch
15. Februar 2017 09:26

@ Der Jürgen

Dieser Kommentar ist exzellent gewesen und hat genau das akzentuiert, was auch mir wichtig ist. Ich habe mich bei den Linken, gerade wegen ihrer antinationalen Haltung nie so richtig heimisch gefühlt. Aber auch mit Rechten habe ich meine Probleme, die den Kapitalismus glorifizieren und dem Elend des eigenen Volkes freien Lauf lassen. Man kann nicht das Volk theoretisch hochleben lassen, praktisch aber auf großen Teilen herumtrampeln.

deutscheridentitärer
15. Februar 2017 09:54

Welche Rechten verherrlichen denn den Kapitalismus? Alle in meinen Augen maßgeblichen Denker (Spengler, Jünger), die sich zu Wirtschaftsfragen geäußert haben, haben klar "sozialistische" Standpunkte vertreten. Also da ist doch Konsens im rechten Lager, warum ist das eigentlich dennoch immer so ein großes Thema? Allerdings ist der überbordende (!) Sozialstaat ein riesiges Problem, eine der Hauptursachen der allgemeinen Lähmung und Lethargie. Ein deutscher ("preußischer", wie auch immer), nimmt den Menschen in seiner Eigenverantwortung ernst und forder, wie er fördert. Gutes Geld für Gute Arbeit, und für keine Arbeit kein Geld, damit ist zu dem Thema doch alles gesagt.

RMH
15. Februar 2017 10:37

"Welche Rechten verherrlichen denn den Kapitalismus?"

@deutschidentitärer

"Verherrlichen" ist das falsche Wort. Rechts sein ging in der Vergangenheit immer davon aus, einer bestimmten, einstens bestehenden "Rechts"ordnung anzuhängen, zu welcher immer auch eine bestehende Eigentums- und Besitzordnung gehörte, die akzeptiert, gewahrt und geachtet wurde. Man war damit als Rechter also im wahrsten Sinne des Wortes im "Recht", während der "Linke" eben dieses Recht nicht anerkannt hat und die entsprechenden Verhältnisse zu seinen Gunsten mit allen Mitteln ändern wollte. 

Ein echter "Rechter" achtet daher Besitz und Eigentum und neidet ihn nicht. Ein echter "Rechter" hat immer Bauchschmerzen, bei Begriffen wie Umverteilung. Ein echter Rechter kann Steuern nur akzeptieren, wenn er damit einen echten, staatlichen und ALLEN zu Gute kommenden Zweck damit finanziert, wie bspw. Landesverteidigung, Schulen, innere Sicherheit, Rechtsweg etc.

Der Linke hingegen achtet kein Recht, schon gar nicht ein Eigentumsrecht. Er nimmt sich im Zweifel das von den Habenden, was ihm für seine Zwecke opportun erscheint und dies ist auch einer der Gründe, warum der Volksmund schon seit Jahrzehnten zu sagen pflegt "die Sozis können nicht mit Geld umgehen".

Man könnte das jetzt noch weiter darlegen, würde aber zu weit führen. Ich denke, es wird erkennbar, was gemeint ist. 

deutscheridentitärer
15. Februar 2017 11:17

@RHM

Dem kann ich mich vorbehaltlos anschließen.

Bran
15. Februar 2017 11:54

deutscheridentitärer: Auf unserer Seite tummeln sich schon einige, die der Fraktion der Wirtschaftsliberalen und Libertären angehören und denen der Glaube, dass der Markt schon alles richte, verinnerlicht ist. Für gewöhnlich werden diese  Leute unter dem Begriff "rechts" subsummiert, obwohl ich persönlich finde, dass es eben nicht einfach nur rechts und links gibt, sondern eben auch liberal in seinen verschiedensten Ausprägungen. Bei allen Seiten gibt es gewisse Überschneidungen zu den Anderen, aber gerade an gewissen Grundsatzfragen zeigt sich dann auch wieder die Bruchlinie.

Jürgens Eintrag kann ich aber vollumfänglich unterschreiben.

Schneekette
15. Februar 2017 14:01

Bringen wir die Dinge auf den Punkt: Es gibt Ungleichheit. Das ist Realität. Das ist rechts. Aus der Ungleichheit folgen Hierarchien. Das ist ebenfalls Realität und damit rechts. Nun werden die Dinge komplziert. Alle Libertären und fast alle Rechte interpretieren Ungleichheit als natürliche Ordnung und Hierarchien werden als Hackordnung missverstanden. Dies wird landläufig unter rechts verstanden. Alle Libertären und viele Rechte verstehen unter Hackordnung und Hierarchie dasselbe und bejahen dies ausdrücklich. Es geht um eine Bejubleung der Brutalität. Das ist dämlich. Denn den eigenen Platz in der Hackordnung sieht der so verstanden Rechte natürlich ganz oben. Falls der eigene Platz sich nicht dort finden sollte, wo er "naturgegeben" hingehört", sind die "Anderen", Kommunisten etc. daran schuld. Das ist feige. An den Gedanken, die !Auswirkungen! natürlicher Hierarchien abzumildern, vielleicht sogar den Gedanken, dass es die naturgegebene Aufgabe eines natürlichen "Alphas" primär ist, gerade für andere zu sorgen und Grausamkeit abzumildern - Das wäre klug.

Utz
15. Februar 2017 14:02

Wenn deutschidentitärer sagt: "kein Geld für keine Arbeit", dann sind wir genau bei des Pudels Kern gelandet. Die Frage, die die Rechten trennt, ist ob ich dem Satz "jeder ist seines Glückes Schmid, und wer kein Glück hat, hat es genau so verdient, es sei denn, er ist krank oder behindert" zustimme oder nicht.

Ich kann dem nicht zustimmen. Dazu kenne ich zuviele alleinerziehende Mütter (Vater gestorben, Alkoholiker, verschwunden), die sich mit 2-3 Jobs mehr schlecht als recht über Wasser halten, zu viele hart arbeitende Männer, die als Scheinselbstständige ausgelagert wurden, usw. usf..

Die Lager unterscheiden sich auch bei der Frage, was der Staat dürfen soll, und was nicht. Die einen sehen in ihm ein nutzloses, gefräßiges Raubtier, die anderen sehen in ihm eine Gemeinschaftsaufgabe, in der zwar einige Rädchen schlecht funktionieren und es sogar Korruption gibt, aber der prinzipiell veränderbar ist und sie sehen es als ihre Aufgabe, den Staat dann auch in eine gute Richtung zu verändern.

Was Eigentum anbelangt, sind wir glaube ich einig, daß das Konzept "alles gehört allen" nicht funktioniert. Aber an dem Satz (von Brecht?) "hinter jedem großen Vermögen steht ein großes Verbrechen" ist doch hin und wieder auch was wahres dran. Warum sollte dann (ihm Rahmen) bei den ganz großen Vermögen nicht eine gewisse Umverteilung (über Steuern) stattfinden? 

Schneekette
15. Februar 2017 14:04

Ergänzung:

Der Moment, in dem Menschen auf die Idee kamen,

- in einem natürlichen Loyalitätsrahmen

- eine Gemeinschaft zu entwickeln

- in dem alle ein Mindestmaß partzipieren können

- und denjenigen, die außerhalb dieses Rahmens stehen, keine unnötige Brutalität entgegenzubringen,

war die Erfindung der Zivilisation.

deutscheridentitärer
15. Februar 2017 15:22

"Ich kann dem nicht zustimmen. Dazu kenne ich zuviele alleinerziehende Mütter (Vater gestorben, Alkoholiker, verschwunden), die sich mit 2-3 Jobs mehr schlecht als recht über Wasser halten, zu viele hart arbeitende Männer, die als Scheinselbstständige ausgelagert wurden, usw. usf.."

Sie haben Recht, ich hätte besser geschrieben "kein Geld für Faulheit". Dass unverschuldete Krisen von der Gemeinschaft mitgetragen werden sollen, ist für mich selbstverständlich. Ich will noch anmerken, dass die von Ihnen genannten Beispiele der hart arbeitenden Geringverdiener bekannt sind und diese Fälle auch unter meiner ursprünglichen Aussage nicht gutgeheißen wurde. Ich bin kein Wirtschaftskenner, aber die in der Sackgasse geendeten Lebensläufe die mir als Student in Leiharbeitsfirmen begegnen halte ich für eine perverse Erscheinung.

Rohmer
15. Februar 2017 19:10

Heute das Bändchen von Herrn Kaiser erhalten und sofort durchgearbeitet. Sehr schön! Spricht mir in vielen Punkten aus der Seele. Es gefällt mir auch, dass ein breites Spektrum an linker Literatur zitiert wird, Lenin, Zizek, Honneth etc. Das beweist fundierte Analyse der Gesamtlage und macht einen vollumfänglich befassten Eindruck. 

Ich würde keinesfalls sagen, dass es im rechten Lager Konsens ist, was hier so an Links-Rechts-Synthese geschildert wurde. Die AfD ist doch recht eindeutig wirtschaftsliberal und entspricht in ihrer finanzpolitischen Ausrichtung keinesfalls dem, was hier als vermeintlicher Konsens skizziert wird. 

Und von ungefähr kommt es ja nicht, dass bei der klassischen BRD-Dichotomie seit den 60er Jahren "Konservativ / Rechts" für kapitalistische Unioner steht und "Links" eben für die Antikapitalisten. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Karlheinz Weißmann aus "Unsere Zeit kommt", wo er erzählt, er hätte in den 80ern gar nicht der JU beitreten können, die Herren seien ihm einfach immer eine Spur zu glatt gewesen, eine Spur zu sehr aufs Konto fixiert und auf die Karriere. Ich bin selbst auch mit einem sehr negativen Bild des Konservativen aufgewachsen. Also so komplett aus dem lufleeren Raum kommt dieses Bild wohl nicht. 

destijl
16. Februar 2017 01:44

Sehr lohnende Lektüre:  https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Analysen/Analysen31_KonservRevolution.pdf

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