Sezession
1. Januar 2006

Wer bringt die Verhältnisse zum Tanzen? Zur Frage des Subjekts eines konservativen Politikwechsels

Gastbeitrag

Der akademischen Frage, ob ein Konservativismus, der zur sozialen Bewegung wird, noch Konservativismus ist, soll hier aber nicht weiter nachgegangen werden. Vielmehr soll es um die soziologisch handfeste Frage gehen, ob es soziale Gruppen, Bewegungen, Parteiungen, soziale Schichten gibt, die eine zunehmende Affinität zum Konservativismus aufweisen und damit zum „sozialen Substrat“ eines nachhaltigen konservativen Politikwechsels in Deutschland werden können. Um diese Frage zu beantworten, müssen drei Dinge geklärt werden:

1. Was ist Konservativismus in unserer Zeit? Was sind seine Grundlagen und welche Formbestimmungen muß er annehmen, um zu einer sozialen und politischen Bewegung zu werden?
2. Wohin geht die gesellschaftliche Entwicklung? Wo gibt es auf soziostruktureller Ebene Anknüpfungspunkte für einen konservativen Mentalitätswandel zumindest von Teilen der Bevölkerung?
3. Welche Teilmenge der Bevölkerung ist für einen solchen Mentalitätswechsel prädestiniert, welche gesellschaftliche Situation muß eintreten, damit ein gesellschaftliches Subjekt eines konservativen Politikwechsels auf der politischen Bühne erscheint?

Zum ersten: Auf die Frage, was man brauche, um eine Revolution durchzuführen, hat Lenin geantwortet: Eine regulative Idee, die die Massen ergreifen kann und Organisation, Organisation, Organisation! Mit Verlaub: Mit beiden Komponenten steht es im konservativen Lager nicht gut! Bereits in den siebziger Jahren hat der Münchner Politologe Manfred Hättich formuliert: „Das konservative Denken und die konservative Grundstimmung vermögen in der Regel keine Massen zu bewegen, weil sie keine zündenden und sensationellen Ideen in die soziale Kommunikation einbringen. Mobilisierung in der Gesellschaft geschieht in der Regel nicht durch Konservative. Sensationell ist nicht das Bestehende und Hergebrachte, sondern das Neue und Umstürzlerische“.
So gibt es auch keine eigentliche „konservative Theorie“. Das Bestehende legitimiert sich durch sein Dasein, wohingegen die Progressiven eine Theorie brauchen, damit die Idee zur Wirklichkeit werden kann. Geht man in heutiger Zeit auf die Suche nach einer konservativen Theorie, so findet man allenthalben mehr oder weniger kompatible Theoriefragmente, begrifflich nicht entfaltete Wertebekundungen, subjektiv begründete Menschen- und Gesellschaftsbilder. Alleine die soziologische Anthropologie von Arnold Gehlen macht Hoffnung, die wieder eine gewisse Renaissance erlebt.
Gleichwohl ist eine konservative Mobilisierung der Massen möglich! Der seiner Natur nach passive Konservativismus wird aktualisiert und mobilisiert in der Abwehr revolutionärer Neuerungen! Konservativismus ist reaktiv, er ist immer Gegenbewegung. Die Antriebsursache kommt von außen, es gilt, Schäden zu vermeiden. Da der Konservativismus grundsätzlich die Verhältnisse nicht verändern will, braucht er auch keine sich selbst tragende soziale Bewegung, die kontinuierlich die Verhältnisse bis zur Isomorphie von Idee und Wirklichkeit verändert. Der Konservativismus wird aktiv in der Reaktion auf solche Bewegungen. Der Konservative ist im wahrsten Sinne des Wortes ein „Konter-Revolutionär“.


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