Sezession
4. März 2010

Infelix Austria und Barbara Rosenkranz

Martin Lichtmesz

All das hat wohl damit zu, daß die Österreicher eingebunkert sind in ihren nationalen Lebenslügen, überholten Alpenfestungswunschbildern und in ihrem größenwahnsinnigen Kleinheitswahn. Österreich, das war im Grunde Habsburg, und der ganze große transleithanische und cisleithanische Raum. Nach 1918 war der Anschluß an das Deutsche Reich für den verbliebenen deutschsprachigen Rest die schlüssigste und vernünftigste Option. Aber zum Schicksal sollte eben die zunächst erzwungene, dann freiwillige Verschweizerung werden. In diesem Sinne war Dollfuß nicht weniger ein Schweizer als Schüssel oder Gusenbauer, ja sogar Haider mit seinem Ultra-Schweizertum, der Liechtensteinisierung Kärntens.  Die Einigelung und Ent-Deutschung ihrer Identität nach 1945 war Schutzwall und Gefängnis der Österreicher zugleich. Heute sind sie dadurch zu kleinlichen Krämerseelen geworden, wie die Bänker und Käsemacher jenseits der Grenze, nur halt schlampiger und weniger effektiv (meine Entschuldigung an alle mitlesenden Schweizer.)

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Oder sehe ich das alles nur subjektiv so nichtswürdig und peinlich, weil  es mir nochmal viel näher steht als irgendeine bundesdeutsche Kapriole und auf der eigenen Haut klebt wie eine nasse Lederhose? Gegenüber dem eigenen Stall ist man eben doch empfindlicher und intoleranter als in Nachbars Haus. "Right or wrong, my country", das ist wie "Drunk or not, my mother." Wenn die Verblödung im heimischen Akzent spricht, dann klingt sie noch viel, viel blöder als in der Hochsprache. Bei jedem Besuch in der alten Heimat kommt mir immer ein Qualtinger-Wort in den Sinn: "Dort, wo es einem schlecht geht, ist das Vaterland."

Und hier noch der (wohl beliebige) Anlaß meines Grundsatz-Ausbruchs:  ich habe eben ein TV-Interview mit der FPÖ-Politikerin und Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz gesehen, die so etwas wie die Sarah Palin Österreichs ist, nur klüger.  Schön, den Fragestil kennt man auch aus dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, aber aus dem Munde der Zeit-im-Bild-Moderatorin klingt das alles noch eine Spur einfältiger, hinterfotziger, wichtigtuerischer.  Da hagelt es Fang- und Suggestivfragen, Sippenhaftvorwürfe und Springreifen, offensichtlich nur um Rosenkranz dabei zu erwischen, wie sie à la Monty Python's "Jehovah" sagt, während der Stein schon wurfbereit in der Hand liegt.

Habe denn Rosenkranz gar kein Problem mit ihrem "rechtsextremen Umgang" und ihrem "eindeutig dem Rechtsextremismus zugeordneten Mann"? Nein, sie sehe sich "in der Mitte" sagt sie artig. Und dann natürlich die Jehovah-Frage aller Jehovah-Fragen, mit der klaren Absicht gestellt, sie aufs Kreuz zu legen: "Sie möchten gerne das Verbotsgesetz abschaffen, weil sie es für verfassungswidrig halten. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn in Österreich jeder Mensch ungestraft Naziparolen rufen kann?"

Rosenkranz antwortet darauf, einem aufgeklärten Menschen, durchaus nachvollziehbar, daß auch bestimmte Meinungen, die etwa in Deutschland dem  §130 unterliegen,  straffrei ausgehen sollten.  Das müsse man von faktischer Volksverhetzung unterscheiden. Den Rosenkranzhassern, insbesonders den Grünen, rinnt nun das Wasser im Mund zusammen, die Messer werden enthusiastisch gewetzt, und flugs macht die Presse aus der Antwort die verfälschende, nachzublökende Schlagzeile: "Rosenkranz für Aufhebung von NS-Verbotsgesetz." Flugs hat Rosenkranz "65.000 ermordete österreichische Juden verhöhnt", und  natürlich sind sofort die Denunzianten eilig zur Stelle und rufen nach dem Büttel.

Tja, deutsche Michels! Verklärt die Ösimark mal nicht zu sehr.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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