Sezession
4. März 2010

Infelix Austria und Barbara Rosenkranz

Martin Lichtmesz

Ich weiß, daß viele Bundesdeutsche Österreich als eine Art Insel der Seligen betrachten, was die politische Kultur betrifft. Nicht nur gibt es dort in Form der FPÖ eine starke, in breiten Schichten der Gesellschaft etablierte Rechtspartei, Österreich hat auch generell den Ruf, daß man dort rechts von der Mitte mehr sagen, denken und tun, pompöser, zünftiger und patriotischer sein darf als in Deutschland.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Dieses Image hat einiges für sich. Der Festkommers der Burschenschaften findet mitten in der Wiener Hofburg statt, der Tod Jörg Haiders führt beinah zu dessen nationaler Heiligsprechung, und ein Andreas Mölzer hat eine Kolumne in der riesigen Kronen-Zeitung, die ihm im Nachbarland sogar die winzige Junge Freiheit verweigert. In Österreich bezeichnen sich alt-kommunistische Bildhauer mit antifaschistischen Staatsaufträgen unironisch als "großdeutsch" und wünschen gelegentlich auch mal die "Nürnberger Rassengesetze" an "den Hals" von Gregor Gysi.

Ja, sogar den Sozialdemokraten wird nachgesagt, daß sie vaterlandsliebende Gesellen sein sollen, und sei es nur, um das Rot-Weiß-Rot gegen die deutschnationalen Blauen in Front zu bringen. Nach einem apokryphen Kreisky-Wort bestand ja die bedeutendste politische Leistung des Landes nach 1945 darin, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen gemacht zu haben.  Wobei unter Kreisky, dem jüdischstämmigen Sozialdemokraten, Wiesenthal-Intimfeind und wohl populärsten Staatsmann der zweiten Republik mehr "Ehemalige" in der Regierung saßen als vorher oder nachher, von ihrem Kanzler unnachgiebig verteidigt.

Österreich ist also so etwas wie das Italien Deutschlands. Wenn's dann doch mal hart auf hart kommen sollte, hat man immer noch den Schmäh als Dauerausrede parat, frei nach dem altbewährten Motto: die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst, also wird erstmal losgewalzert statt beispielsweise wieder so garschtig zu Tode bewältigt, wo man eh zu keinem Ende kommen kann. Die Stockwerke werden schön separat gehalten, Sprüchlein und Taten sind zwei verschiedene Dinge, und statt deutscher Gründlichkeit ist das muntere Durchwurschteln angesagt, welches sich schon im Gründungsakt der Nation nach dem Krieg zeigte, als man sich zum "ersten Opfer" der Hitlerschen Okkupationspolitik stilisiert hat.

Das empfinden heute manche Leute als grundlegendes Defizit, Erbsünde und sonstwie böse Verfehlung, aber letzten Endes war das nix anderes als die rettende Notlüge, die uns vor der kompletten Neurotisierung und Erpreßbarkeit im bundesdeutschen Stil ebenso bewahrt hat wie die Mitteldeutschen die staatlichen Lebenslügen der DDR, die immerhin von außen aufoktroyiert waren. Wir aber haben uns unsere Lügen wenigstens selber gemacht.  Und das ist gekonntes Durchwurschteln, konsequentes Inkonsequentsein. Und das war im großen und ganzen gut.

Das ist aber nur die eine Seite der Sachertorte.  Die andere ist, daß alles, was in Deutschland an politischen und gesellschaftlichen Übeln, Affekten und Komplexen kursiert, eben auch in Österreich alive and kicking sein Unwesen treibt. Dabei werden Grade an Grunzdummheit, Niedertracht und Giftigkeit erreicht, die man sich in der Bundesrepublik, wo die Verve schon längst in klappernde, ritualistische Routine verpufft ist, kaum vorstellen kann. (Von dem haarsträubenden Unfug, der in Österreich regelmäßig ohne den geringsten Widerstand durchgesetzt wird, will ich mal schweigen.)

Nirgendwo sind die Politiker geschwätziger, unsäglicher, peinlicher, anbiedernder als in der Alpenrepublik, nirgendwo die Bewältiger bösartiger, hetzerischer und hemmungsloser, nirgendwo der gemeine Mann auf der Straße (der sog. "Neidgenosse") dreister, besserwisserischer und anmaßender in seinen Ansprüchen.

Das berühmt-berüchtigte "Mir-san-mir"-Feeling schmiedet hier ein zweischneidiges Schwert:  einerseits hält es sein Zentralorgan, die Kronen-Zeitung, in erfolgreicher Front- und Katechonstellung gegen den Rest der mehr oder weniger gleichgeschalteten Medien (News, Profil, Die Presse, Der Standard, Kurier, ORF...), andererseits hat es auch ein quer durch alle Lager gehendes, illusorisches Igelbewußtsein erzeugt, das zur Folge hat, daß mich auch intelligente Menschen oft fragen, was ich denn immer mit Deutschland hätte, mir aber gleichzeitig ständig was von Europa und der Globalisierung erzählen wollen. Als ob Österreich irgendeine politische Relevanz in Europa hätte, trotz allem Neutralitäts-Isolationismus aus dem Jahre Chruschtschow.  Wer aber ja zu Europa sagt, muß zuerst nein zur EU und dann ja zu Deutschland sagen.

Zumindest den Part mit der EU haben die Krone und ihre Leserbriefschreiber verstanden und sie minder zu achten, ist das untrügliche Kennzeichen eines provinziellen und unaufgeklärten Gemüts. Aber wie soll das auch anders sein? Es gibt schlechthin keine Qualitätspresse in Österreich, weit und breit keine FAZ, keine SZ, ja nicht mal eine Frankfurter Rundschau oder taz.  Wir sprechen von einem Land, in dem man ein seichtes Linksliberalen-Blättchen wie den Standard für "intellektuell" hält, weil einem das die näselnde Stimme von Oscar Bronner zwölftausendmal in der Radiowerbung erzählt hat.

All das hat wohl damit zu, daß die Österreicher eingebunkert sind in ihren nationalen Lebenslügen, überholten Alpenfestungswunschbildern und in ihrem größenwahnsinnigen Kleinheitswahn. Österreich, das war im Grunde Habsburg, und der ganze große transleithanische und cisleithanische Raum. Nach 1918 war der Anschluß an das Deutsche Reich für den verbliebenen deutschsprachigen Rest die schlüssigste und vernünftigste Option. Aber zum Schicksal sollte eben die zunächst erzwungene, dann freiwillige Verschweizerung werden. In diesem Sinne war Dollfuß nicht weniger ein Schweizer als Schüssel oder Gusenbauer, ja sogar Haider mit seinem Ultra-Schweizertum, der Liechtensteinisierung Kärntens.  Die Einigelung und Ent-Deutschung ihrer Identität nach 1945 war Schutzwall und Gefängnis der Österreicher zugleich. Heute sind sie dadurch zu kleinlichen Krämerseelen geworden, wie die Bänker und Käsemacher jenseits der Grenze, nur halt schlampiger und weniger effektiv (meine Entschuldigung an alle mitlesenden Schweizer.)

Oder sehe ich das alles nur subjektiv so nichtswürdig und peinlich, weil  es mir nochmal viel näher steht als irgendeine bundesdeutsche Kapriole und auf der eigenen Haut klebt wie eine nasse Lederhose? Gegenüber dem eigenen Stall ist man eben doch empfindlicher und intoleranter als in Nachbars Haus. "Right or wrong, my country", das ist wie "Drunk or not, my mother." Wenn die Verblödung im heimischen Akzent spricht, dann klingt sie noch viel, viel blöder als in der Hochsprache. Bei jedem Besuch in der alten Heimat kommt mir immer ein Qualtinger-Wort in den Sinn: "Dort, wo es einem schlecht geht, ist das Vaterland."

Und hier noch der (wohl beliebige) Anlaß meines Grundsatz-Ausbruchs:  ich habe eben ein TV-Interview mit der FPÖ-Politikerin und Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz gesehen, die so etwas wie die Sarah Palin Österreichs ist, nur klüger.  Schön, den Fragestil kennt man auch aus dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, aber aus dem Munde der Zeit-im-Bild-Moderatorin klingt das alles noch eine Spur einfältiger, hinterfotziger, wichtigtuerischer.  Da hagelt es Fang- und Suggestivfragen, Sippenhaftvorwürfe und Springreifen, offensichtlich nur um Rosenkranz dabei zu erwischen, wie sie à la Monty Python's "Jehovah" sagt, während der Stein schon wurfbereit in der Hand liegt.

Habe denn Rosenkranz gar kein Problem mit ihrem "rechtsextremen Umgang" und ihrem "eindeutig dem Rechtsextremismus zugeordneten Mann"? Nein, sie sehe sich "in der Mitte" sagt sie artig. Und dann natürlich die Jehovah-Frage aller Jehovah-Fragen, mit der klaren Absicht gestellt, sie aufs Kreuz zu legen: "Sie möchten gerne das Verbotsgesetz abschaffen, weil sie es für verfassungswidrig halten. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn in Österreich jeder Mensch ungestraft Naziparolen rufen kann?"

Rosenkranz antwortet darauf, einem aufgeklärten Menschen, durchaus nachvollziehbar, daß auch bestimmte Meinungen, die etwa in Deutschland dem  §130 unterliegen,  straffrei ausgehen sollten.  Das müsse man von faktischer Volksverhetzung unterscheiden. Den Rosenkranzhassern, insbesonders den Grünen, rinnt nun das Wasser im Mund zusammen, die Messer werden enthusiastisch gewetzt, und flugs macht die Presse aus der Antwort die verfälschende, nachzublökende Schlagzeile: "Rosenkranz für Aufhebung von NS-Verbotsgesetz." Flugs hat Rosenkranz "65.000 ermordete österreichische Juden verhöhnt", und  natürlich sind sofort die Denunzianten eilig zur Stelle und rufen nach dem Büttel.

Tja, deutsche Michels! Verklärt die Ösimark mal nicht zu sehr.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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