Sezession
16. März 2010

Verteidigungsrede eines Kollaborateurs

Gastbeitrag

II. Seit Kriegsbeginn

Ich bin nicht, wie viele andere, von der Idee der französischen Niederlage ausgegangen: für mich war das nur ein bezeichnendes Faktum für eine allgemeinere Situation. Frankreichs beherrschende Stellung in Euroopa war vorbei seit der Ausdehnung des englischen Empire, der deutschen Einheit sowie der Entwicklung in Rußland und in den Vereinigten Staaten.
Die neue Mächteskala verwies uns in die zweite Reihe. Wir mußten uns zwangsläufig in ein Bündnis-System begeben und in diesem System eine untergeordnete Stellung einnehmen. Das war uns dreißig Jahre lang durch unser Bündnis mit England gelehrt worden. Gegen diese Tatsache war nichts zu machen.
Weil ich diese Tatsache eindeutig akzeptiert und verkündet habe – sie ist meiner Meinung nach nicht schmerzlich, da sie zur Entwicklung der Welt und zur Sicht des Humanisten und Europäers gehört –, hat man mich vor allem verabscheut. Diese Abscheu ist natürlich, und nur ein dieses Namens würdiger Intellektueller vermag sie stoisch zu ertragen: er muß diese undankbare Aufgabe weiterführen.
Von dem Augenblick an, wo wir eine zweitrangige Macht sind, uns einem Paktsystem zuwenden müssen, bleibt die Frage, welches französische Bündnis für das Land selber und für Europa nützlicher ist. Ich trennte diese beiden Ziele, die für mich nur eins sein können, niemals voneinander.
Das deutsche System schien mir den anderen gegenüber vorteilhafter zu sein, weil Amerika, das englische Empire, das russische Reich zu viele Eigeninteressen haben – und zu viele Interessen außerhalb Europas, um diese Europa auch noch zu übernehmen. Oder aber sie teilen sich Europa: das geschieht gerade. Hingegen wollte ich die Einheit Europas erhalten von Warschau bis Paris, von Helsinki bis Lissabon. Einzig die Entente zwischen Deutschland, der ersten und zentralen Macht, mit gewaltigem industriellem und wissenschaftlichem Potential und den übrigen kontinentalen Nationen konnte diese Einheit aufrechterhalten.
Deutschland stellte sich diese Entente als deutsche Hegemonie vor. Ich akzeptierte diese Hegemonie, wie ich die französische und englische in Genf akzeptiert hatte, zum Wohle der europäischen Einheit.
Über diesen Punkt bin ich wechselnder Meinung gewesen; ich hatte zuzeiten den Hegemonie-Gedanken bemängelt und dafür die Idee der Föderation aufgeworfen. Manchmal meinte ich, der eine Gedanke begreife den anderen mit ein: keine existenzfähige Föderation ohne Hegemonie, keine existenzfähige Hegemonie ohne Föderation.
Aufgrund dieser allgemeinen Vorstellung habe ich das Prinzip der Kollaboration akzeptiert. Ich bin 1940 nach Paris gekommen, fest entschlossen und mit dem Bewußtsein, daß ich für lange Zeit mit dem größten Teil der französischen öffentlichen Meinung brechen würde. Ich war mir auch der Unannehmlichkeiten, die ich mir zuziehen würde, vollkommen bewußt; aber trotz meiner Befürchtungen und der Rückschläge zwang ich mich, das zu tun, was ich als meine Pflicht ansah.
Drei wesentliche Gedanken, die ich stets und ständig betont und weiterentwickelt habe, waren:
1. Die Kollaboration zwischen Deutschland und Frankreich konnte nur als einer der Aspekte einer europäischen Situation betrachtet werden. Es handelte sich nicht nur um Frankreich, sondern ebenso um alle anderen Länder. Es handelte sich also nicht um ein einzelnes Bündnis, sondern um ein Element eines ganzen Systems. Es war auch kein Gefühlselement darin enthalten. Ich bin niemals germanophil gewesen, ich habe es laut und deutlich ausgesprochen. Ich bewahrte mir eine ganz besondere Sympathie für das englische Wesen, das ich viel besser kannte.
2. Ich war entschlossen, mir mein kritisches Vermögen zu bewahren, und kann sagen, daß ich es so gut wie möglich getan habe, sogar über das Mögliche hinaus – gegenüber dem deutschen System wie gegenüber dem englischen, amerikanischen oder russischen. Ich habe sofort gesehen, daß die Deutschen die Größe ihrer Aufgabe und den Einsatz neuer Mittel, den sie erforderte, nicht begriffen.
3. Obwohl ich mich in ein System von Gleichschaltung und Unterordnung eingliederte, das meine internationalen, europäischen Vorstellungen befriedigte, wollte ich die französische Autonomie verteidigen, und ich hatte sehr klare Vorstellungen von der Innenpolitik, durch welche diese Verteidigung Frankreichs bewerkstelligt werden sollte. Welche Mittel habe ich benutzt, um diese allgemeinen Gedanken zu verteidigen? Verlassen wir den Bereich des Begrifflichen und Abstakten und wenden wir uns dem persönlichen Verhalten zu.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.