Sezession
1. Oktober 2008

Anonyma – eine von zwei Millionen

Ellen Kositza

Welchen Ton nun schlägt der Film an? Zunächst - er fesselt, entfacht einen schaurigen Sog, spinnt seine Fäden, wickelt den Zuschauer ein. Das abgedroschene Wort der „Leinwandpräsenz": Durch Nina Hoss als Anonyma mit halbwegs glamourösem Vorleben wird es erfahrbar. In ihrem leuchtend petrolfarbenen Wintermantel eilt sie durch die trümmergrauen Schauplätze des Endkampfes, umtost vom Pfeifen der Stalinorgeln. Ziel ist der Keller eines Berliner Mehrfamilienhauses, dessen Dachgeschoß sie bewohnt. In beklemmender Düsternis hat sich hier ein Dutzend Menschen eingefunden, die in den kommenden Wochen - im Film erscheinen sie wie lange Monate - eine Schicksalsgemeinschaft bilden werden.
Nach ersten Heimsuchungen der Kellerfrauen durch russische Soldaten begibt sich die Anonyma auf die Suche nach einem Verantwortlichen - ohne Kenntnis von Rängen und Hierarchien. Sie wird ausgelacht: „Was wollen Sie? Unsere Männer sind alle gesund!" Das wiederholte Auftreten der couragierten Frau mit Russischkenntnissen spricht sich herum. Mittlerweile sind die Kellerinsassen in die großzügigen, unzerstörten Räume einer verwitweten Mitbewohnerin umgezogen. Zeitweise geben sich die Rotarmisten hier die Klinke in die Hand. Sie bringen auch Lebensmittel mit und Unmengen Alkohol. Allabendlich finden Trinkgelage statt - gemeinsam mit den Frauen, die sich notgedrungen in ihre Lage fügen. Ungläubig, ja abgestoßen, lauscht der Zuschauer den unter Gekicher vorgebrachten Zoten, die sich die versammelten Frauen erzählen - doch nein, das ist nicht bloß zynischer Galgenhumor. Es ist Hysterie, die hier aufkeimt. Als „kranke Lustigkeit" beschreibt Anonyma im Buch dieses Symptom.
Anonymas Entschluß, sich einen „Wolf unter den Wölfen" zu suchen, der sie als „fester Liebhaber" vor Übergriffen anderer Männer schützt, ist unterdessen einigermaßen geglückt. Da wird der hochrangige Offizier Andrej (Evgeny Sidikhin) auf sie aufmerksam. Neben Suff und „Liebemachen" kommt es am einst feinen, nun vielfach geschundenen Mahagonitisch zu tiefsinnigen Gesprächen. Über Musisches, über Heimweh - und über Schuld und Schande. Als Zuschauer ist man hier längst eingewickelt, hat sich führen lassen vom Zug der Handlung - da merkt man, daß unter der Hand die Weichen umgestellt worden sind, daß das Mitgefühl auf Gleisen fährt, die ein anderes Ziel verfolgen als das zunächst vorgegebene. Nicht, daß die Perspektive der Russen hinzutritt - nach und nach dominiert sie den Film. Schon früh hat Anonyma eingestanden, daß das Leiden der Berliner Frauen heute in keinem Verhältnis stehe zu dem, was die Deutschen den Russen angetan haben. Später, nachdem sie von zerschmetterten Schädeln russischer Kinder hört, läßt sie das Hilfegesuch einer Mitleidenden stumpf an sich vorbeiziehen.
Während im Buch das Aufkommen romantischer Gefühle gegenüber ihrem Beschützer angedeutet wird, spielt der Film dies zu einer hanebüchenen, ja grotesken Love-Story aus. Das ist nicht schade, es ist geschmacklos. (Regisseur Färberböck übrigens verdankt seine Bekanntheit allein dem Lesbenstreifen Aimée und Jaguar von 1999.) Und es schmälert im Nachklang jene Szenen, die so einschneidend gelungen erscheinen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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