Sezession
1. Oktober 2008

Anonyma – eine von zwei Millionen

Ellen Kositza

Etwa, wo es um das Verhalten der deutschen Männer geht, die noch oder bereits wieder in Berlin sind. „Unsere Männer", so schreibt die Anonyma, „müssen sich noch schmutziger fühlen als wir besudelten Frauen. In der Pumpenschlange erzählt eine Frau, wie in ihrem Keller ein Nachbar ihr zugerufen habe, als die Iwans an ihr zerrten: ‚Nu gehen Sie doch schon mit, Sie gefährden uns ja alle!‘ Kleine Fußnote zum Untergang des Abendlandes."
In Buch wie Film stellt der Untermieter der Witwe, ein ehemaliger Volkssturmmann, die Minusfigur deutschen Mannestums dar. Parteigläubig bis zuletzt - und nun so flexibel! Im Buch liegt der Mann vorwiegend „unpäßlich" im Bett und unterhält von dort die deutsch-russische Hausgemeinschaft mit wohlfeilen Einschätzungen zur Weltlage, im Film geistert er als schleimig-jovialer Untertan durch die Räume - immer ein launiges Bonmot auf den Lippen. Daß der Begriff des „Volkes" endlich tot sei, daß es nunmehr um „Bevölkerungen" gehen werde - diese Weisheit wurde ihm freilich erst vom Drehbuch in den Mund gelegt. Den Gegentypus zum geschwätzigen Kriecher markiert ein weiterer Mitbewohner, der unerwartet zu Frau und Kindern heimgekehrt ist. Der sitzt und schweigt, unfähig, den Bitten seiner Frau, doch endlich zu reden, wenigstens wirklich dazusein, zu entsprechen.
Diese Szenen gehören zu den stärksten des Films - der uns insgesamt ratlos hinterläßt. „Historiendrama", gut, das Genre ist erfüllt - doch wo bliebe die Botschaft? Wo der Eklat? Das blieb schon während der Debatte um das Buch, also: dessen Neuauflage 2003, unklar. Zumal die Sprengkraft von Fakten auch zeitgebunden ist. Während einer (unverheirateten) Mittdreißigerin mit einem guten Dutzend Sexualkontakten auf dem Kerbholz - und seien die Mehrzahl davon rückblickend verzichtbar oder erniedrigend - heute ein beinahe mäßiges Intimverhalten bescheinigt werden kann, dürfte dieselbe Anzahl anno 1945 oder 1959 eine skandalöse Vorstellung bedeutet haben. Darum stieß der Kladdeninhalt bei Anonymas noch 1945 heimgekehrtem Freund auf Argwohn. Darum wurde 1959 das Buch als „Schande für die Ehre der deutschen Frau" bezeichnet.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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