Sezession
1. Oktober 2008

Anonyma – eine von zwei Millionen

Ellen Kositza

Auch mit dieser Thematik hat sich nun die Publizistin und ZDF-Autorin Ingeborg Jacobs befaßt. In ihrem gerade erschienen Buch Freiwild (Freiwild. das Schicksal deutscher Frauen 1945, München: Propyläen 2008. 259 S., zahlreiche Abb., geb, 19.90 €) hat sie Frauen aus Berlin, Mecklenburg und den deutschen Ostgebieten ihre Geschichten vom Kriegsende erzählen lassen. Wir lesen im Bericht der Ostpreußin Ruth Irmgard Perplies, wie die damals 13jährige vergewaltigt wurde und vielfach Zeuge wurde, wie das gleiche ihrer Mutter widerfuhr. Das achte Kind der Marta Perplies war Resultat einer dieser Schandtaten, es verhungerte ihr nach wenigen Wochen an der Brust. Da waren es schon drei Kinder, die die Mutter binnen eines Jahres verloren hatte. Erst Jahre später erfuhr Martas Ehemann von diesem fremden Kind - seine Frau hatte es aus Scham verschwiegen. Die Tochter schildert in einer beklemmenden Szene, wie auch ihr dieses Schweigen gleichsam als elftes Gebot nahegelegt wurde. Dies, obwohl die Rangen, die noch Jahre später auf den Straßen „Frau komm!" spielten, ziemlich genau wußten, was diese Zurufe bedeuteten.
Auch wenn Jacobs von rund zweieinhalb Millionen vergewaltigten Frauen, davon knapp 130.000 allein in Berlin, spricht und damit die Schätzungen von Franz W. Seidler und Alfred de Zayas sogar leicht übersteigt, liegt ihrer atemberaubenden, die Kehle zuschnürenden Dokumentation keinerlei politische Stoßrichtung zugrunde. Sie bettet die oral history-Dokumente zeitgeschichtlich ein - mehr ist nicht nötig. Wie wiederum Guido Knopp Jacobs Dokumentation (Sendetermin 19.10., 23.30 Uhr, ZDF-History) einbetten wird, ist eine andere Frage.
Ist es eigentlich von Bedeutung, ob solche Geschichten von einer Frau oder einem Mann erzählt werden? Ist das unsachgemäße Gefühligkeit? Vage unangenehm berührt es jedenfalls, daß Anonymas Bericht durch Männerhände (die des Regisseurs und des Produzenten) ging und „künstlerisch" hin zur Schmonzette verfremdet wurde. Dabei berichtet auch Jacobs von „Liebesverhältnissen" zwischen Russen und deutschen Frauen. Trotz des sowjetischen Fraternisierungsverbots mit dem Feind hat es solche gegeben - Frauen tendieren eben dazu, mit dem Sieger zu gehen; nicht nur die bekannten Affären zwischen GIs und „Frolleins" im Westen zeugen davon.
Wie wichtig eine ausführliche „Kontextualisierung" der russischen Sexualverbrechen an deutschen Frauen genommen wird, hatte bereits 1991 die Regisseurin Helke Sander erfahren. Ihrem von Linken vielfach kritisierten Film und dem gleichnamigen Buch BeFreier und Befreite (Helke Sander/Barbara John (Hrsg.): BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung, Kinder. München: Fischer 2005. 228 S. Tb, 9.95 €) mußte sie ein peinliches Distanzierungs-Elaborat hinterherschieben.
Der Vorwurf des Revisionismus gegen Sander wog hier insofern schwer, da es sich nicht um irgendeine Feministin, sondern die linke Frontfrau der 68er-Bewegung (sie hielt die berüchtigte Tomatenwurf-Rede vor dem SDS) handelte. Wie hatte sie es wagen können, mit solch eindringlichen Bildern der „Reaktion" Vorschub zu leisten! In der DDR übrigens waren die Verbrechen der Roten Armee vollkommen tabu - mag sein, daß Anonyma regional unterschiedlich zünden wird.
Wer melodramatische Unterhaltung sucht und packende Bilder, ist in diesem Kinofilm gar nicht schlecht aufgehoben. Wer tiefer und redlicher einsteigen will, muß Ingeborg Jacobs Buch lesen.
Der Film „Anonyma - Eine Frau in Berlin" läuft am 23. Oktober bundesweit in den Kinos an.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.