Sezession
1. Dezember 2009

Der kalte Schweiß der Lebensschwäche

Martin Lichtmesz

Während die »Gender Studies« an den Universitäten selbstreferentielle Papierstapel produzieren und die Thesen des »Gender Mainstreaming« bereits fahrlässig in die politische Wirklichkeit umgesetzt werden, fehlt es an einer ernsthaften Philosophie des Sexus, die dem Potential und den soziobiologischen Grundlagen beider Geschlechter gerecht würde. Dabei könnte man sich durchaus eine brauchbare »Gendertheorie« im Anschluß an Otto Weininger vorstellen. Weininger ging von einer prinzipiellen seelischen Bisexualität jedes Menschen aus, die sich in einem Gemisch von männlichen und weiblichen Elementen spiegele. Der wesentliche Unterschied zu den modernen Gender-Theorien besteht in der Anerkennung der tatsächlichen Existenz dieser männlichen und weiblichen Essenz anstelle ihrer Dekonstruktion. Hier hätte man die Wissenschaft gänzlich hinter sich, die unzweifelhaft nachweisen kann, daß Östrogene und Testosteron das soziale Verhalten erheblich beeinflussen und daß die Partnerwahl immer noch stark von evolutionär-biologischen Triebkräften bestimmt wird.
Über die Biologie hinaus aber ist auch eine Metaphysik des Sexus notwendig, wie sie Julius Evola bereits 1962 verfaßt hat: »Man existiert nur als Mann und Frau. Diesen Gesichtspunkt werden wir gegen alle diejenigen streng verteidigen, die da sagen, daß das Mannsein oder Frausein gegenüber dem generellen Menschsein etwas Zufälliges und Sekundäres sei; daß das Geschlecht eine Verschiedenheit sei, die fast ausschließlich den physischen und biologischen Teil der menschlichen Natur angehe (…). Ein derartiger Gesichtspunkt ist abstrakt und unorganisch; in der Wirklichkeit kann man ihn nur auf ein durch Regression und Degenerierung geschwächtes Menschentum anwenden. Wer ihn vertritt, beweist, daß er nur die gröbsten und oberflächlichsten Seiten des Geschlechts zu sehen vermag.«
Diese Erkenntnis steht auch im Zentrum der immer noch unerreicht brillanten Attacke gegen den »Genderismus«, geschrieben ausgerechnet von einer lesbischen Radikalfeministin. »Was für ein Abgrund zwischen den Geschlechtern!« schrieb Camille Paglia in ihrem Mammutwerk Die Masken der Sexualität, das Anfang der neunziger Jahre das feministische Establishment bis aufs Blut reizte. »Hören wir auf so zu tun, als sei Sexualität für alle das gleiche, und stellen wir uns der Tatsache der ungeheuren geschlechtlichen Dualität.« Paglia sah die Kultur als Ergebnis eines ewig unentschiedenen Krieges gegen die chthonischen Bedingtheiten der Natur. Diesen Krieg, dem »alles Große in der Kultur des Westens« entsprungen sei, zu führen, war aber stets die Sache der Männer gewesen. Der Mann ist zwar das physisch stärkere, psychisch aber um so gefährdetere Wesen. Er befindet sich im ständigen Kampf mit der Urmutter im Inneren, der mörderischen Natur, dem Weiblichen, das ihn zu verschlingen sucht. »Männliche Sexualität« ist darum ein heroischer »Roman von Ausfahrt, Suche, Abenteuer.« Die Individualität entsteht immer im Kampf gegen das Formlose, unter dem Zeichen des Mars. Während die Frau von selbst zur Frau wird, muß der Mann erst zum Mann gemacht werden, muß den Schrecken des Initiatischen passieren, um die kindliche Welt des Knaben und der Mutter hinter sich zu lassen, eine Welt, der die Frau ihr Leben lang in weitaus stärkerem Maß verhaftet bleibt. Auch darum hat er ein anderes Verhältnis zur Gewalt und zur Macht, die der Feminismus rein negativ sehen wollte: »Identität ist Macht. Sex ist Macht. Romantische Liebe ist Sex und Macht.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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