Sezession
1. Dezember 2009

Der kalte Schweiß der Lebensschwäche

Martin Lichtmesz

Ein täglicher, unterschwelliger Kampf herrscht in jeder noch so harmonischen Partnerschaft. Frauen »testen« ihre Männer unermüdlich auf ihre Überlebenstauglichkeit, aus kaum bewußten, instinktiven, wohl evolutionär bedingten Impulsen heraus. Insofern wäre das Projekt des Feminismus zum Teil ein riesiger, aus dem Ufer gelaufener Härtetest gewesen, um die Männer zu zwingen, doch noch den unteilbaren Kern selbstsicherer Maskulinität freizulegen, nach dem sich im Grunde jede Frau sehnt, dem manischen Atheisten gleich, der prüfen will, ob Gott nicht doch noch den härtesten Argumenten standhält – wäre er ja sonst nicht Gott. Blüher hielt der Frauenbewegung entgegen: »Ihr wollt ja im Grunde gerade das Gegenteil von dem, was ihr – ›wollt‹.« Der Feminismus wäre dann nichts anderes als die Quittung für ein viel früher ansetzenderes Versagen gewesen, für einen Schwund der souveränen Maskulinität. Dieser Vorgang hat seine Analogie in den Thesen Alain de Benoists oder Timo Vihavainens, daß nicht die Masseneinwanderung an sich die Ursache der Zerstörung des Westens, sondern nur die Folge seiner viel früher erfolgten Aufweichung und Selbstaufgabe durch den Liberalismus sei.
Damit eröffnet sich auch die Synthese der identitätspolitischen Brennpunkte: Die Krise des Westens ist im Grunde eine Krise der Männlichkeit, eines Krise des weißen Mannes im buchstäblichen Sinn. Der Topos der Dekadenz wird klassischerweise mit der Verweiblichung assoziiert. »In Spätzeiten befindet sich die Männlichkeit immer auf dem Rückzug,« schreibt Paglia. Manche verwechseln dieses Fallen mit einem Steigen in eine feminin-weiche, pazifistische, demokratische Welt, während demographische youth bulges testosterongeladener Militanz gegen die mürb gewordene Festung Europa drängen. Die westlichen Männer müssen begreifen, daß auch die Frauen, die sich heute frenetisch an der Schleifung der Festung beteiligen, wie stets als die freiwilligen oder unfreiwilligen Trophäen der Sieger enden werden. Reconquista der Maskulinität, die drängende Aufgabe jedes einzelnen ist, hat eine Dimension und Verantwortung, die über das Individuelle weit hinausführt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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