23. April 2010

Hexen, Jäger und Exorzisten

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Für die aktuelle Ausgabe der Jungen Freiheit habe ich einen Leitartikel über Eva Hermans neues Buch Die Wahrheit und ihr Preis geschrieben.  Dies geschah auf Anfrage der Redaktion, und sonst hätte ich mich mit dem Fall auch nicht weiter beschäftigt. Unerwarteterweise hat mich das Buch völlig umgehauen, und mein Respekt für Eva Herman ist seither ins schier Unermeßliche gewachsen.

Herman blickt in dem Buch auf die Medienkampagne von 2006/7 zurück und dokumentiert chronologisch deren Ablauf und Eskalationstufen. Ich hatte  noch in Erinnerung, daß das Ganze eine ziemlich widerwärtige Sache war, aber wie übel wurde mir nun erst so richtig durch die Lektüre des Buches bewußt.  Dazu noch ein paar Bemerkungen, die in dem Artikel keinen Platz mehr hatten.

Das Frappierendste an der ganzen Geschichte ist wohl, daß der ganze Schmutz, der Herman um die Ohren geworfen wurde, auf einer eindeutig nachweisbaren Ente beruhte.  Diese wurde dann von nahezu sämtlichen Medien von taz bis FAZ abgeschrieben, und ist metastasenartig weitergewuchert, bis das Zerrbild von der geistig verwirrten Nazischrulle, an der sich jeder Depp gütlich tun konnte, perfekt war.

Man kann Herman dabei nicht einmal, wie im Falle Martin Hohmann, vorwerfen, sie hätte sich freiwillig auf unsicheres Terrain begeben. Im Gegenteil ist sie von Anfang an von außen auf dieses Schlachtfeld gezerrt worden. Bereits im Frühjahr 2006, nach Erscheinen eines Artikels für Cicero, sprach Alice Schwarzer (dazu auch ein lesenswertes Porträt von Ellen Kositza in der neuen JF) von "Steinzeitkeule und Mutterkreuz".  Je nachhaltiger die Nazikarte ins Spiel gebracht wurde, umso weniger mußte man bequemerweise über den Inhalt ihrer Bücher sprechen.

Der Höhepunkt war bekanntlich das öffentliche "Sozialistische-Selbstkritik"-Tribunal in der Kerner-Show am 9. Oktober 2007.  Als "polidische Krampfhenna" wurde die abgehalfterte Margarethe Schreinermakers von der Leine gelassen, flankiert von einer völlig ahnungslosen Senta Berger, die keine müde Zeile von Herman gelesen hatte, und einem deplazierten Komiker namens Mario Barth, der zwei, drei Sätze auf berlinerisch dazuquacken dürfte. Aus der Flanke der Publikumsreihen schoß unerwartet der Historiker Wolfgang Wippermann in der Rolle des besserwissenden Onkels, der mal wieder unter Beweis stellte, daß er zu den niedrigsten, schamfreiesten Wirbellosen dieser ganzen schönen Bundesrepublik zählt.  Am schlimmsten war wohl Kerners ranschmeißerischer Ikea-Duz-Faschismus, den er Herman vor Beginn der Sendung noch schnell aufgenötigt hatte. Angesichts dieser gezielt arrangierten Suboptimalbedingungen hat sich Herman wacker geschlagen, und als sie nach einer knappen Stunde noch immer nicht "Jehovah" gesagt hatte ("Autobahn" war's noch nicht so richtig), wurde sie kurzerhand rausgeschmissen.

Ich jedenfalls kann mir die Aufzeichnung der Show keine drei Minuten lang angucken, ohne meine Tischkante aufzuessen. Ich habe auch kein Vokabular mehr zur Verfügung, um diesen haarsträubenden Irrsinn adäquat zu beschreiben. Da ist kein Wort zu stark. Eine der schönsten  Stellen, die jeden Monty Python-Sketch schlägt, ist wohl die, als Kerner auf eine Bemerkung Eva Hermans zurückkommt, in der sie den Medien eine faktische "Gleichschaltung" vorwarf (quod erat demonstrandum).

Kerner, besorgter Du-Du-Tonfall, vorwurfsvoll raunend: "Das ist keine glückliche Wortwahl... in diesem Zusammenhang! Denn auch dieser Begriff stammt aus dem Dritten Reich."  Als nächstes wird Wippermann hergewinkt: "Wie uns der Historiker sagen kann." Herman wendet ein, daß der Ausdruck ja durchaus allgemein gebräuchlich sei, Wippermann, heftig zeigefingernd: "Nein, nein, nein, das stimmt ja nun nicht, daß Gleichschaltung kein nationalsozialistischer Begriff ist. Natürlich war Gleichschaltung ein nationalsozialistischer Begriff, die Gleichschaltung der Parteien, der Verbände und der Länder. Und Sie haben hier einen nationalsozialistischen Begriff gebraucht!" Bamm. Munteres Weitergeblubber und Herumgereite. Herman, genervt: "Sie müssen nur Google eingeben, und Sie können jede Zeitung durchgehen, die diesen Begriff bereits benutzt hat." Kerner: "Auch falsch! Auch falsch!"

Das zum Himmel schreiend, konkurrenzlos atemberaubend Hirnrissige, das Dadaistisch-Surreale, das Kafkaesk-Orwellisch-Hochironische an dieser ganzen realsatirischen Szene ist ja das: daß der Begriff  "Gleichschaltung" heute eben deswegen polemisch, also als Vorwurf verwendet wird, eben weil die Nazis ihn geprägt haben. Für die Nazis war dieser Begriff nämlich positiv besetzt, weswegen er eben heute eine negative Konnotation hat. Und nicht anders hat Eva Herman das gemeint. Sie hat quasi gegenüber den Medien ihrerseits versucht, die Nazikeule zu schwingen. Mit exakt demselben Recht könnte man auch Alice Schwarzer "nationalsozialistisches Vokabular" vorwerfen, weil sie den Begriff "Mutterkreuz" benutzt hat. Und wenn ich darüber nachdenke, während ich all das darniedertippe, dann kaue ich wieder mal an der Tischkante, weil Kopfklatschen da schon lange nicht mehr hilft...


In meinem Leitartikel habe ich aus einem alten Essay von Carl Amery zitiert, abgedruckt in dem Band "Die Macht der Meinungsmacher" (1976) in der legendären, von Gerd-Klaus Kaltenbrunner herausgegebenen Buchreihe "Initiative". Der blieb bei mir wegen des Titels hängen: "Der Publizist als Exorzist". Amery bezog sich auf eine Bemerkung von Edgar Morin über
... die lebendige Existenz der noologischen Wesenheiten, der Ideen, Symbole, Geister, Götter, die nicht nur eine subjektive Realität, sondern auch eine gewisse Autonomie besitzen. Von den Gehirnen hervorgebracht, werden sie zu neuartigen Lebewesen, denen gegenüber sich die Gehirne (als Systeme, die nur in geringem Maße kontrolliert sind) sich gewissermaßen wie Zauberlehrlinge verhalten; besser, sie stellen Nahrung spendende Ökosysteme dar, von denen diese Wesen leben und ohne die sie nicht leben können.

Daran anschließend sah Amery die Medien von Schlagwortdämonen beherrscht, die nichts weiter als „Scheinkontroversen“ produzieren. Der Publizist habe die Pflicht, diesen Begriffsgespenstern zum "Exorzisten" zu werden. Leider nehme die Publizistik in realiter „zu fünfundneunzig Prozent keine exorzistische, sondern im Gegenteil eine kultisch-verstärkende Funktion“ wahr, produziere selbst den "rituellen Lärm" des "Dämonenkults". Würde man diese weitverbreitete "Besessenheit" nicht in Betracht ziehen, "könnte man nur schließen, daß die Mehrzahl unserer Publizisten entweder Dummköpfe oder Kriminelle sind."

Die Kerner-Tribunal ging allerdings, sofern es die öffentliche Wirkung angeht, dicke nach hinten los. Wie immer, wenn eine Inquisition im Gange ist, steckten die Teufel eher in den Verfolgern als in den Beschuldigten. Es ist jedenfalls immer wieder verblüffend zu sehen, wie schnell jegliches klare Denken und jeglicher simpler menschlicher Abstand über Bord geworfen werden, wenn einmal wieder das Lieblingsgespenst der Deutschen,  der braune Teufel, epidemisch die Gehirne infiziert hat.

Manchmal habe ich nebenbei gesagt den Eindruck, daß die JF gerade deshalb immer wieder unter einschlägigen Verdacht gestellt wird, weil sie als eines der wenigen Medien gegen diesen Spuk immun ist, wie sich überhaupt heute die authentischen Konservativen am wenigsten von allen in diesem Land für Adolf & Co interessieren. Soll der Mainstream seinen Antichristen und der von ihm gezüchtete extremistische lunatic fringe seinen Messias haben, das braucht den nach beiden Seiten hin Ungläubigen nicht zu bekümmern.

"Die Wahrheit und ihr" Preis kann man hier bestellen.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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