Sezession
1. Dezember 2008

Die Ökonomie und das Außerökonomische

Gastbeitrag

Solche Zweifel treten periodisch auf. Schon als die alteuropäische Ökonomie durch die „Nationalökonomie" abgelöst wurde, hatte es Proteste gegen die neue Unübersichtlichkeit gegeben, gegen die Verlagerung und Anonymisierung der Abläufe. Dem konnten die Befürworter der Moderne entgegenhalten, daß der Markt von selbst zu einer Klärung aller Schieflagen und Engpässe, des Lohn- wie des Preisgefälles führen werde, wenn man nur seine Autonomie respektiere. Adam Smith sprach von der „unsichtbaren Hand", die letztlich dafür sorge, daß das Streben der Individuen nach Gewinnmaximierung in einem harmonischen Ganzen ausgeglichen werde und zur Förderung des „Wohlstands der Nationen" beitrage. Das war ein Konzept, das man nicht von seinen Voraussetzungen in Schottischer Aufklärung und deistischer Theologie des 18. Jahrhunderts ablösen kann, das diese Voraussetzungen aber erfolgreich vergessen machte und in Großbritannien zu bemerkenswerten Erfolgen führte. Allerdings haben sich die liberalen Anhänger von Smith niemals vollständig durchgesetzt, und der Aufstieg des Landes wie auch die Bewahrung seines inneren Friedens war eher dem Sieg über Napoleon, dem Niedergang des französischen Erbfeindes, dem technischen Vorsprung und einem erfolgreichen Imperialismus zu verdanken als der konsequenten Anwendung von Marktgesetzen. Ähnliches gilt für die USA, auch wenn man hier - in einem jungen Land - nicht nur ungehemmter auf Kapitalismus ohne Schranken setzte, sondern außerdem die Möglichkeiten erkannte, die in der Erschließung und Ausbeutung immer neuer Gebiete - zuerst auf dem eigenen Kontinent, dann im globalen Maßstab - lagen.
Die beiden Varianten des angelsächsischen Modells haben in Europa und dem Rest der Welt zwar immer Bewunderer, aber kaum je bedingungslose Nachahmung gefunden. Das hing nicht nur mit Entwicklungsunterschieden zusammen, sondern auch mit grundsätzlichen Vorbehalten. Schon Friedrich List wies darauf hin, daß das englische Beispiel keine allgemeine Geltung beanspruchen könne; die Insellage habe ihm früh das „Privilegium der Freiheit und des Asyls" verschafft und dadurch nicht nur seinen wirtschaftlichen Aufstieg befördert, sondern auch den Eindruck erweckt, als gehe es um eine Art von Idealkonzeption. In Wirklichkeit hätten aber Geopolitik und Geschichte erst jene Stellung geschaffen, in der sich Großbritannien befinde. Von solchen Voraussetzungen könne man nicht absehen und müsse prinzipiell zwischen „kosmopolitischer" und „politischer Ökonomie" unterscheiden, wobei die erste eine reine Ökonomie zu vertreten behaupte und anbiete, mittels allgemeinem, freiem Warenaustausch dem Zustand des Weltfriedens oder sogar der Weltrepublik näher zu kommen, während die andere jede Ökonomie an außerökonomische Machtverhältnisse gebunden sehe und annehme, daß die dauernde wirtschaftliche Konkurrenz Teil anderer - vor allem nationaler und imperialer - Konkurrenzen sei.


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