Krisen-Vernebelung

von Claus Wolfschlag

Die heraufziehende Wirtschaftskrise, die auch eine Systemkrise werden wird, bringt Bewegung in die politische Szenerie.

Leu­te im eige­nen Bekann­ten­kreis, denen bis vor kur­zem kei­ne noch so gewich­tig vor­ge­tra­ge­ne War­nung das Wäs­ser­chen ihrer Gewiß­heit vom ewi­gen Wohl­stand und siche­ren Fort­be­stand unse­rer Gesell­schafts­form, vom „unum­kehr­ba­ren“ Pro­zeß der EU-Eini­gung trü­ben konn­te, fan­gen auf ein­mal an, nach­denk­lich zu werden.

Von dro­hen­den Auf­stän­den und Bür­ger­krieg ist auf ein­mal die Rede, und daß alles noch so unheim­lich ruhig sei hier und erst recht in Grie­chen­land. Ein ande­res Zei­chen für die begin­nen­de Unru­he sind die hek­ti­schen Reform­ver­su­che und wirr wir­ken­den Ideen aus dem Bereich der alten Nomen­kla­tu­ra, mit denen man die über­kom­me­nen Zustän­de zu ret­ten versucht.

In den Nie­der­lan­den sind nun Ver­tre­ter der links­li­be­ra­len Füh­rungs­eli­ten mit dem Vor­schlag vor­ge­prescht, sämt­li­che Dro­gen zu lega­li­sie­ren, also nicht nur Can­na­bis, son­dern auch den Ver­kauf von Koka­in und Hero­in zu erlau­ben. Dies ist eine ohne­hin alte Posi­ti­on in der kon­tro­ver­sen Dis­kus­si­on vom Umgang mit den har­ten Dro­gen. So ver­tre­ten Links­li­be­ra­le eher die Auf­fas­sung, die­se Dro­gen zu lega­li­sie­ren, um dadurch der Mafia den Boden zu ent­zie­hen, zugleich sau­be­ren Stoff unter die Kon­su­men­ten zu brin­gen, der weni­ger Krank­heits­ri­si­ken birgt, und durch eine den Her­stel­lungs­kos­ten ange­mes­se­ne Preis­po­li­tik die Beschaf­fungs­kri­mi­na­li­tät und sozia­le Ver­elen­dung Süch­ti­ger zu verhindern.

Kon­ser­va­ti­ve hin­ge­gen befürch­ten ten­den­zi­ell mit einer Lega­li­sie­rung ein Anwach­sen der Sucht nach har­ten Dro­gen, gera­de unter Jugend­li­chen, die nun weit­aus leich­ter ange­fixt wer­den, also den Weg in den Ein­stieg fin­den kön­nen – mit allen Fol­gen auch für das Sozi­al­ge­fü­ge und die Wirt­schafts­leis­tung des Lan­des. Von der see­li­schen Ver­fas­sung der Men­schen ganz abgesehen.

In den Nie­der­lan­den hat der Vor­stoß aller­dings einen aktu­el­len Auf­hän­ger. Die Links­li­be­ra­len erklä­ren, daß sie sich von einer Lega­li­sie­rung mit ein­her­ge­hen­der Besteue­rung der Dro­gen ein sat­tes Mehr an staat­li­chen Ein­nah­men ver­spre­chen. Statt 15 Mil­li­ar­den Euro jähr­lich durch die Schä­den der Beschaf­fungs­kri­mi­na­li­tät und die auf­wen­di­ge Dro­gen­fahn­dung zu ver­lie­ren, wür­de der Staat nun ein finan­zi­el­les Plus aus dem Kon­sum von Koka­in und Hero­in ziehen.

Das ist natür­lich eine mora­lisch heik­le Posi­ti­on. Der Staat ver­dient an der Sucht sei­ner Bür­ger. Doch steht die­se nicht in der Tra­di­ti­on staat­li­cher Dop­pel­mo­ral, auch hier­zu­lan­de? Einer­seits ver­bie­tet der Staat das Rau­chen inner­halb von Gast­stät­ten­räum­lich­kei­ten (ein Ver­bot, das zumin­dest für klei­ne­re Eck­bars, die exis­ten­ti­ell bedroht waren, wie­der gelo­ckert wur­de), ande­rer­seits fährt er sat­te Gewin­ne aus der Tabak­steu­er ein. Ähn­li­ches gilt für die Steu­er auf alko­ho­li­sche Geträn­ke, wäh­rend es im Gegen­zug immer mal wie­der poli­ti­sche Vor­stö­ße gibt, deren Wer­bung weit­ge­hend zu ver­bie­ten. Man könn­te auch die Mine­ral­öl­steu­er anfüh­ren, die kei­nes­falls vor­ran­gig für öko­lo­gi­sche Aus­gleichs­pro­jek­te ver­wen­det wird.

Fazit: Der Staat ver­dient kräf­tig mit an den Sün­den, die von der Poli­tik offi­zi­ell und oft so ger­ne – und manch­mal aus­ge­spro­chen pene­trant – ange­mahnt wer­den. Inso­fern wäre eine – natür­lich “kri­tisch” und „auf­klä­re­risch“ beglei­te­te – Dro­gen­frei­ga­be bei gleich­zei­ti­ger Besteue­rung eine logi­sche Konsequenz.

Doch der nie­der­län­di­sche Vor­stoß könn­te noch einen drit­ten Grund neben der Suche nach Finanz­quel­len und der Hoff­nung auf Ver­wirk­li­chung alter links­li­be­ra­ler Posi­tio­nen haben. Dro­gen len­ken ab. Sie beein­träch­ti­gen das Den­ken, das kla­re Erken­nen der Wirk­lich­keit und das Reagie­ren dar­auf. Wer im Hero­in­rausch den Abend auf der Couch ver­gam­melt, stellt kei­ne unbe­que­men Fra­gen mehr, er sorgt sich nicht um sei­ne Zukunft, er ent­wi­ckelt kei­ne poli­ti­sche Akti­vi­tät, die den herr­schen­den Eli­ten bedroh­lich wer­den könn­te. Ein Schuß nur, und die Ver­hält­nis­se bekom­men eine rosa­ro­te Far­be. Was kann den Links­li­be­ra­len lie­ber sein? Schließ­lich mühen sich ihre Ver­tre­ter in den Inter­views und Talk­shows der TV-Kanä­le fast täg­lich damit ab, gera­de die­sen Ein­druck bei den glot­zen­den Zuschau­ern zu hin­ter­las­sen: “Es wird schon, lehnt Euch zurück, Schmet­ter­lin­ge wer­den Eure Nasen­spit­zen kit­zeln, wenn der nächs­te Auf­schwung kommt…” Doch die Dro­ge Fern­se­hen könn­te lang­sam ihre Wir­kung ver­lie­ren. War­um dann nicht här­te­re Ban­da­gen zulassen?

Das erin­nert ein wenig an ein Motiv in Joss Whe­dons Sci­ence-Fic­tion-Action-Film “Sere­ni­ty – Flucht in neue Wel­ten” (2005). Eine Regie­rung hat dar­in an der Bevöl­ke­rung eine dro­gen­ähn­li­che Sub­stanz namens Pax (lat. Frie­de) getes­tet, mit der die Pla­ne­ten­be­woh­ner beru­higt und sozia­le Aggres­sio­nen unter­drückt wer­den soll­ten. Bei den meis­ten Leu­ten funk­tier­te das Expe­ri­ment offen­bar. Sie hör­ten mit allen Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens auf, ver­ga­ßen sogar die Nah­rungs­auf­nah­me, und ver­hun­ger­ten ein­fach. Bei einer Min­der­heit aller­dings führ­te das Gan­ze zum Gegen­teil. Sie wur­den so etwas wie U‑Bahn-Mes­ser­ste­cher im Dauerrausch.

Der Rausch, die Ver­ne­be­lung trifft auch auf ein weit ver­brei­te­tes Bedürf­nis in unse­rer hie­si­gen Bevöl­ke­rung. Die Ablen­kung, die Ver­drän­gung scheint seit jeher ein all­ge­mein­gül­ti­ges Ver­hal­tens­mus­ter. Das Absa­cken beim Fei­er­abend­bier auf der Couch, die Fuß­ball­über­tra­gun­gen und Fern­seh­se­ri­en, die ewig glei­chen täg­li­chen Spa­zier­gän­ge mit dem Hund, dem wir Für­sor­ge ent­ge­gen­brin­gen wol­len und mit dem wir Lie­be simu­lie­ren, die unend­li­che Musik­ku­lis­se in den Beklei­dungs­lä­den, die “Promi”-Geschwätzigkeit in den Bou­le­vard­me­di­en, das Han­dy-Dis­play, der zur Rou­ti­ne gewor­de­ne Small­talk mit den immer glei­chen Denk­scha­blo­nen. All die­se unbe­wußt voll­zo­ge­nen Hand­lun­gen kön­nen doch so her­vor­ra­gend der Ablen­kung von uns die­nen, unse­ren See­len, unse­ren Lebens­um­stän­den. Nur nicht nach­den­ken, nur nicht wei­ter­ent­wi­ckeln, scheint die Devi­se. Und all dies dient dadurch auch den­je­ni­gen, die dar­an ver­die­nen. Die har­ten Dro­gen wären dem­nach nur noch die Spit­ze des Eis­bergs jener rie­si­gen abstump­fen­den Enter­tain­ment­be­schal­lung, die in unse­re Leben hin­ein­wirkt und der wir uns auch gar nicht voll­ends ent­zie­hen kön­nen oder wollen.

Foto: fiee.visuelle, Hen­ning-Hra­ban-Ramm, pixelio.de

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