Sezession
30. Juni 2010

Beim Knacken der türkisen Nuß

Martin Lichtmesz

Ich nehme einmal an, daß dieses Mißverständnis auch darauf beruht, daß Brodkorb die von Hinz besprochenen Romane dieser beiden Autoren gar nicht kennt. Besonders Salomons "Fragebogen" spielt hier eine Schlüsselrolle: dem abstrahierenden Schubladen-Vokabular des amerikanischen Entnazifizierungs-"Fragebogens" setzt Salomon das Erzählen einer Geschichte, vieler Geschichten entgegen - mit allen ihren Windungen, Unebenheiten, Widersprüchen und eben Brüchen. Ein Walter Kempowski, den Hinz ebenfalls positiv hervorhebt, hat später bewußt zu "multiperspektivischen" Mitteln gegriffen, um eine historische Lage in ihrer Komplexität nachzuzeichnen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Auch die Nation umfaßt letztlich nichts anderes als eine solche gemeinsam geteilte und erinnerte Geschichte,  bzw. eine Verflechtung von Geschichten.

Schon gar nicht aber läßt sich dieser angebliche, angeblich spiegelverkehrte Ruf nach einer Tendenzliteratur aus der bloßen Forderung nach einer Thematisierung des "Selbsterlittenen" ableiten. Es geht vielmehr um die Wiederherstellung und die Formgebung der Erinnerung. Das hat mit "rechten" Tendenzen erstmal rein gar nichts zu tun. Es ist nicht die Thematik (etwa "Auschwitz" vs. "Selbsterlittene"), die das "Tendenziöse" an der Tendenzliteratur ausmacht, sondern die Form der Erzählung.

Hinz' Kernthese ist, daß die literarische Verarbeitung des traumatischen Erlebens und der moralischen Tragik der Deutschen, sowohl in kollektiver als auch individueller Hinsicht, in der deutschen Literatur nach 1945 nicht ungefiltert erfolgt ist, nicht ungefiltert erfolgen konnte. Unter den buchstäblichen und symbolischen Trümmern und dem Schutt der Stunde Null lagen und liegen noch Erfahrungen, Perspektiven, Schicksale und Geschichten begraben, die keinen adäquaten und aufrichtigen Ausdruck gefunden haben, deren existenzielle Tiefe bisher kaum dichterisch ausgeschöpft wurde. Das hat politische, psychologische, gesellschaftliche und künstlerische Gründe, die Hinz alle benennt und stets im Auge behält. Exemplarisch für diese Entwicklung ist für ihn eben das Schicksal und die Entwicklung von Günter Grass.

Damit gleich zum nächsten groben Schnitzer.

3. Brodkorb wirft Hinz ein doppeltes Maß der menschlichen Beurteilung vor:

Indes richtet Hinz, indem er auf die „politische Tendenzliteratur“ (39) von links mit dem Zeigefinger zeigt, dabei zugleich dreie auf das eigene Lager. Besonders deutlich wird dies angesichts der Tatsache, daß er für Alfred Andersch dahingehend ein gewisses Verständnis aufzubringen bereit ist, daß dieser sich im Jahre 1943 von seiner halbjüdischen Frau scheiden ließ, um die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer zu erwirken: „Dieses Handeln mag menschlich schäbig sein, doch es gehört zur conditio humana.“ (88) Wenn Hinz allerdings ausgerechnet dies ernst meint, läßt sich – und zwar aus seiner ganz eigenen Perspektive – mit einer gewissen Berechtigung umgekehrt die Frage an ihn richten, ob denn nicht auch das Bedürfnis der Bölls, Grass’ und Co., in die „Bundesrepublikanische Schrifttumskammer“ durch „Tendenzliteratur“ aufgenommen zu werden, ebenfalls – zumal nach Auschwitz und einem eigenen Verstricktsein – nachsichtig der viel beschworenen conditio humana zugerechnet werden müßte.

Hier hat Brodkorb offenbar schlampig gelesen, denn genau diese fortgesetzte conditio humana wird doch von Hinz nicht nur laufend berücksichtigt,  sie ist der Schlüssel schlechthin, um zu verstehen, unter welchen Umständen die Welterfassung der Nachkriegsliteratur stark beeinträchtigt, ja zum Teil zum Scheitern verurteilt war. Hinz macht Grass, Böll & Co an keiner Stelle einen moralischen Vorwurf, der an Rigorosität das Urteil über Andersch ("menschlich schäbig, aber so sind die Menschen") überträfe. Psychologisch besonders einfühlsam ist etwa der Abschnitt über Wolfgang Koeppen geraten - gerade jenen Autor, dem Hinz am explizitesten die Produktion von "politischer Tendenzliteratur" vorwirft.

Es kommt indessen nicht im geringsten darauf an, etwas "nachsichtig" durchzuwinken, oder es im Gegenteil moralisch zu verurteilen, womit sich die Sache dann, so oder so, erledigt hätte. Sondern es geht darum, zu verstehen, welche inneren und äußeren Dispositionen hier wirksam waren, und welche ästhetischen Formen sie gefunden (oder verfehlt) haben. Es geht nicht um ein Urteil über die Autoren in menschlicher Hinsicht, sondern um die Frage, warum und wie deren Literatur eben zu dem wurde, was sie ist, was sie nicht ist, und was sie hätte sein können.

Indem Brodkorb Hinz zu unterstellen versucht, auf einem Auge blind zu sein, hat er lediglich gezeigt, daß er selbst auf beiden Augen nichts sehen kann, außer daß der Einband des Büchleins schön türkis geraten ist (was auch stimmt). Darum bleibt ihm auch der Kern des "nationalkonservativen", oder sagen wir einfach: des nationalen Arguments, oder sagen wir noch einfacher: des "Gesamtzusammenhangs" verschlossen, und kein angestrengtes Grübeln und Begriffshantieren kann diese Nuß knacken, wenn einem sowohl das historische als auch das ästhetische Sensorium fehlt. "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen." Ob das eher ärgerlich oder beruhigend ist, muß ich noch entscheiden.

Das - ich muß es wohl nicht extra dazusagen - exzellente Büchlein von Thorsten Hinz gibt es hier zu bestellen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.