Sezession
1. August 2008

War Ernst Rowohlt ein Nazi?

Erik Lehnert

Die ganze Geschichte des Rowohlt-Verlags in den dreißiger Jahren ist oft erzählt worden, nicht zuletzt von Salomon in seinem Fragebogen, und auch schon oft genug kritisiert worden. Vor ziemlich genau 25 Jahren, zum 75. Jubiläum des Verlags, ritt die tageszeitung eine ähnlich Attacke: „Der Verleger Rowohlt war wirklich in keiner Lage verlegen um Ausreden, Geschichtsfälschung, unglaubliche Verdrängungsakrobatik, Eigenlob, Schönfärberei, doppelte Moral, Instinkt für die Forderungen der Zeit, Geschäftssinn. Nur eines war er nicht, ein Mann, der sich seiner Verantwortung bewußt ist." Der Sohn und Nachfolger, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt (1908-1992), kommentierte dies damals trocken: „Das können junge Leute heute schreiben, weil sie nicht wissen, wie es damals war." Heute wie damals muß man sich die Frage stellen, was wirft man Rowohlt eigentlich vor?
Zunächst einmal: Rowohlt verlegte bis 1938 in Deutschland Bücher, war damit ein glatter Opportunist, der Geschäfte machen wollte. Als Beleg dafür führt der Spiegel an, daß Rowohlt, der vor 1933 „nazikritische Schriften" verlegt hatte, den Bildband Ein Volk steht auf ins Programm nahm. Ledig spricht von Tarnung, was näherliegt als die Unterstellung einer Nazi-Gesinnung. Davon abgesehen: Es war bekannt, die vollständige Bibliographie der betreffenden Jahre liegt seit 1962 vor. Ledig: „Verborgen haben wir das nie." Was hätte Rowohlt nach Meinung des Spiegels tun sollen? Es wird zwar erwähnt, daß der Rowohlt-Verlag von den Bücherverboten nach 1933 mit am stärksten betroffen war, doch hätte man ebensogut Bücher anführen können, die die Argumentation des Spiegel ad absurdum führen würden: Erwin Topfs Die grüne Front, eine Kritik am „Blut und Boden"-Konzept erschien noch 1933. Und durch die Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen Rowohlt und seinem Bestsellerautor Fallada sind wir in der Lage, nachzuvollziehen, wie schwierig es war, damals vernünftige Bücher zu machen. Das ist aber nicht der Punkt.
Im Juli 1938 wird Rowohlt wegen „Tarnung jüdischer Autoren" aus der Reichsschriftumskammer (RSK) ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Im „Jahreslagebericht 1938 des Sicherheitshauptamtes" (Sicherheitsdienst der SS) heißt es rückblickend: „Die Ausschaltung politisch unzuverlässiger Elemente aus dem Buchverlag, der dem weltanschaulichen Gegner noch in weitem Umfange als Kampfbasis verblieben war, hielt an. Beispielsweise wurde der frühere kultur-bolschewistische Verleger Rowohlt von jeder verlegerischen Tätigkeit ausgeschlossen". Rowohlt verläßt am 19. November 1938 Deutschland und reist nach Brasilien, der Heimat seiner damaligen Frau, wo er bis 1940 bleibt. Der zweite Vorwurf lautet also: Rowohlt kehrte nach Deutschland zurück. Warum? Rowohlt selbst sagt: Er wollte wieder verlegen, sah 1940 den Zusammenbruch kommen, konnte nicht abseits stehen in der Stunde der Not. Der Spiegel bezweifelt dies und nennt als mögliche Gründe: Langeweile und Entfremdung von der Frau. Spontan fallen einem andere ein: Heimweh und Abenteuerlust. Was soll er in Brasilien, wenn Deutschland kämpft (als er verreiste, war noch kein Krieg)? Hinzu kommt, daß 1939 seine Mutter starb und ihm ein Erbe zustand, das er in Anspruch nehmen wollte. Der Verlegerkollege Karl Baur, Callwey-Verlag, hat die Situation erlebt: „Es kam der Krieg. Den alten Soldaten zog es, allen Erfahrungen zum Trotz, nach Hause. [...] Ob ich an seiner Stelle zurückgekommen wäre? Ihm aber wog seine Verpflichtung als Deutscher und Offizier schwerer als alles, was man ihm zugefügt hatte." Der Spiegel erweckt dagegen den Eindruck, als ob Rowohlt vom soldatischen Eifer zerfressen gewesen wäre, weil er unbedingt noch vor dem Endsieg seine Regimetreue unter Beweis stellen wollte.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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