Sezession
1. August 2008

War Ernst Rowohlt ein Nazi?

Erik Lehnert

Löblich ist, daß der Spiegel recherchiert hat, was Rowohlt bei der Wehrmacht machte (dritter Vorwurf: Rowohlt war in der Wehrmacht). Er war bei einer Propagandatruppe in Griechenland und im Kaukasus eingesetzt. Was ist daran schlimm? Die Eckdaten stehen bereits in der Biographie von Mayer, über die genauen Aufgaben, insbesondere seine konkreten Beteiligungen an irgendwelchen antisemitischen Propagandaaktionen kann auch der Spiegel nur spekulieren, da im Januar 1943, beim Rückzug aus dem Kaukasus, alle Akten vernichtet wurden.
Rowohlt wurde am 30. Juni 1943 als „politisch unzuverlässig" aus der Wehrmacht entlassen, vermutlich weil man seine Unterschrift unter einem Aufruf von 1927 zur Überprüfung des Urteils gegen Max Hoelz fand. Der Spiegel schreibt: „Seine Entlassung bedauerte er." Was den Eindruck erwecken soll, daß Rowohlt lieber weiter Krieg geführt hätte. Vielleicht. Näher liegt aber die Annahme, daß er befürchtete damit aus dem Schutz der Wehrmacht entlassen zu sein. Daß die Wehrmacht Schutz bot, ist bekannt. Der oben erwähnte Erwin Topf ist, wie auch Gottfried Benn, ein schönes Beispiel: „Dr. Topf hatte genau das getan, was man damals machte, wenn man in Gefahr geriet, von der Gestapo verhaftet zu werden: Er hatte sich reaktivieren lassen als Oberst der Wehrmacht - da konnte auch die Gestapo nichts mehr wollen." (Ledig)
Vierter Vorwurf: „Was er [im März 1946] verschwieg und was auch in der Rowohlt-Chronik nicht vorkommt: Er spendete vor seiner Brasilien-Fahrt Geld an eine SS-Staffel in unbekannter Höhe." Zunächst: Wer hätte das damals nicht verschwiegen? Auch klingt der Vorwurf so, als hätte Rowohlt jemanden umgebracht, oder es läge eine Spendenaffäre wie bei der CDU vor. Vielleicht waren es zehn Mark für eine verlorene Wette? Vielleicht wollte er sich das Wohlwollen von irgend jemandem erkaufen? Immerhin versuchte er, gegen das im Juli 1938 ausgesprochene Berufsverbot vorzugehen und hoffte vielleicht, auf diese Weise Unterstützung zu erhalten? Nicht schön - aber doch zu verstehen. Daß hinter den Kulissen die Strippen gezogen wurden, belegt Baur, der mehrfach das Ministerium einschaltete, um eben das Schlimmste, ein Berufsverbot, zu verhindern.
Daher läßt sich auch Rowohlts Mitgliedschaft in der NSDAP (fünfter Vorwurf) erklären. Er selbst kommentierte dies so: „Wenn ich nicht Mitglied bin, können sie mich um so leichter matt setzen." Zeitgenossen nahmen diesen Schritt nicht ernst (Hans Zehrer) oder hielten ihn für naiv (Theodor Eschenburg). Keiner wäre auf die Idee gekommen, darin Rowohlts Gesinnung ausgedrückt zu sehen. Zu verstehen ist auch, warum Rowohlt sich im August 1943 um die Bestätigung seiner Parteimitgliedschaft bemühte. In der NS-Polykratie war es überlebenswichtig, irgendeiner Organisation anzugehören, um deren Schutz in Anspruch nehmen zu können.
Sechster Vorwurf ist ein Brief an Sinclair Lewis von 1933. Die zitierten Stellen aus dem Brief an Lewis rechtfertigen das Vorgehen gegen die Juden. Eine „gewisse antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten" sei angesichts des jüdischen Einflusses durchaus berechtigt gewesen. Allerdings kam das Schlimmste für die Juden noch. Bis Ende 1933 waren Juden durch Gesetze und Boykott entrechtet worden. Daß Rowohlt angesichts dieser Maßnahmen von „ungeheuren Härten" spricht, zeigt doch, daß er bereits das als ungeheuerlich empfindet - und dennoch rechtfertigt. Rowohlts Sohn Harry (geb. 1945), der bekannte Übersetzer, hat dazu die Vermutung geäußert, daß diese Aussagen von einem Linken (Theodor Eschenburg: „Im Grunde genommen war Rowohlt immer ein Linksradikaler gewesen. Aber das nicht etwa, weil er selber linksradikal war, sondern weil er fand, daß das die interessanteren Leute seien." Rowohlt war Mitglied der „Freunde der Sowjetunion".) an einen Linken „vielleicht für Mitleser" gedacht waren. Damit demonstriert er eine Möglichkeit, die verstehen möchte, weil das Zitat so gar nicht mit dem zusammenpaßt, was man von Rowohlt sonst über sein Verhältnis zu Juden weiß.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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