Sezession
1. Juni 2008

Autorenportrait Peter Sloterdijk

Erik Lehnert

Schlagartig bekannt wurde Sloterdijk vor ziemlich genau 25 Jahren, als sein erstes Hauptwerk Kritik der zynischen Vernunft in zwei Bänden bei Suhrkamp erschien. Das Buch entwickelte sich rasch zu einem Bestseller, von dem bis heute 120.000 Exemplare verkauft worden sind und das mithin das erfolgreichste philosophische Buch nach 1945 ist. Der erstaunliche Erfolg (immerhin handelt es sich um ein Buch von fast tausend Seiten) erklärt sich zum einen aus der sprachlichen Eleganz, die von nahezu allen Rezensenten hervorgehoben wurde, zum anderen aus der kontroversen Art, mit der Sloterdijk den Zeitgeist darstellt.
An den politischen Rändern des öffentlichen Diskurses wurde das Buch zwiespältig beurteilt. Armin Mohler etwa warnte in seiner Besprechung vor „umgedrehten Wegweisern: ‚Kyniker‘ contra ‚Zyniker‘ - die neueste Finte unserer Intelligentzia", mußte aber zugeben, daß Sloterdijk den Punkt, „auf den alle Auseinandersetzungen von Rang zurückgehen" genau sah: die Frage, ob wir die Wirklichkeit erkennen und damit formen können oder ob sie uns nur einzeln im Handeln zugänglich ist. Mohler warf Sloterdijk dennoch Halbherzigkeit vor, weil er diesen entscheidenden Gedanken nicht zu Ende denke und damit hinter den Resultaten konservativen Denkens zurückbleibe.
Für die andere Seite bewertete Jürgen Habermas das Buch, trotz des offensiv vorgetragenen Angriffs auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, ebenfalls wohlwollend kritisch. Das verwundert angesichts von Sätzen wie: „Ihr Vorurteil lautet, daß aus dieser Welt nur böse Macht gegen das Lebendige kommen könne. Hierin gründet die Stagnation der Kritischen Theorie. Die Offensivwirkung des Sichverweigerns hat sich längst erschöpft." Habermas lobte die „glanzvolle Verbindung von philosophischer Essayistik und Zeitdiagnostik", unterstellte Sloterdijk jedoch eine „argumentfreie Methode", die sich lediglich an den Gedanken anderer abarbeite, ohne selbst schöpferisch zu sein.
Damit hatte Habermas die für ihn entscheidende Frage gestellt: Inwieweit führt Sloterdijk einen begrifflich argumentierenden Dialog, der nach Habermas Voraussetzung für die Verbesserung der Welt im gesellschaftlichen Diskurs ist? Jedoch: Darum geht es Sloterdijk nun gerade nicht. Vielmehr versucht er durch die von ihm favorisierte Haltung des Kynikers gegenüber der des Zynikers zu zeigen, daß es im Jahr des zweihundertjährigen Jubiläums von Kants Kritik der reinen Vernunft den Selbstbetrug der menschlichen Vernunft gibt, der schnell in die Haltung des Zynikers führt. Dagegen setzt Sloterdijk die nicht-dialektische Distanz zur Gesellschaft.
Wollte Habermas damals offenbar ein Beispiel für die Nützlichkeit seiner eigenen Theorie des kommunikativen Diskurses geben, der selbst den Kyniker (den Hundephilosophen) mit einbezieht, sah die Sache wenige Jahre später anders aus. Das lag vor allem an der veränderten Situation: Die deutsche Einheit hatte den beschaulichen bundesrepublikanischen Diskurs überholt. Sloterdijk nutzte die Gunst der Stunde und hielt am 10. Dezember 1989 eine Rede über das eigene Land, in der er die neue Lage in ihrer Widersprüchlichkeit zu fassen suchte: „Wer, wenn nicht wir, hatte denn das matte Leuchten, das aus der selbstgewollten Mittelmäßigkeit kommt, diese Behaglichkeit im Schuldigsein, diese Spannkraft in der Selbstbezichtigung, diese Sattheit in der Beschämung und diese aggressive Reserve gegen Überdurchschnittliches?" Wenn es Sloterdijk im Laufe seiner Rede auch nicht an den bekannten Mahnungen fehlen ließ, die vor einem Überschwang der Gefühle warnten, so bleibt doch bestehen, daß er in den Ereignissen so etwas wie die Manifestation einer deutschen Intelligenz auszumachen meinte. Dagegen setzte Habermas sein Diktum: „Der ganze intellektuelle Müll, den wir uns vom Hals geschafft hatten, wird wieder aufbereitet, und das mit dem Gestus, für das Neue Deutschland die neuen Antworten parat zu haben." Er sprach damit einer deutschen Intelligenz aus der Seele, die für die Deutschen das Schlimmste fürchtete.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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