Sezession
1. Juni 2008

Autorenportrait Peter Sloterdijk

Erik Lehnert

Sloterdijk ließ sich davon nicht einschüchtern. Für ihn war das „Ende der Geschichte" noch längst nicht in Sicht. Er hatte offenbar als einer der wenigen das gleichnamige Buch von Francis Fukuyama zu Ende gelesen, der immerhin die Möglichkeit sah, daß die Menschen sich in der liberalen Demokratie langweilen und deshalb „zu einer neuen, noch weiteren Reise" aufbrechen könnten. In diesem Sinne ist sein Versuch über Hyperpolitik zu verstehen, in dem er bereits 1993 die Konsequenzen aus der voranschreitenden Globalisierung zog und die Kunst des Möglichen nicht mehr als Politik, sondern als Hyperpolitik definierte, weil die Bindungskräfte der klassischen politischen Einheiten überfordert würden. Anhand eines Drei-Stadien-Modells (Paläopolitik, Politik, Hyperpolitik) gelingt ihm die theoretische Begründung einer „konservativen Revolution": Die Aufhebung der Politik wie auch der Paläopolitik in der Hyperpolitik bedeutet, den Menschen wieder zum Dreh- und Angelpunkt zu machen und seinen Fortbestand zu sichern. Sloterdijk schießt in diesem weiterhin hochaktuellen Bändchen scharf gegen das „Lager der Wohlgesinnten", die nicht wahrhaben wollen, daß dem Demokratie-Export Grenzen gesetzt sind. Um diese Grenzen geht es Sloterdijk: Nüchtern stellt er den „Zerfall der Superstrukturen" fest und sieht ebenso nüchtern die Möglichkeit der „Regeneration auf kleiner Ebene".
Hyperpolitik ist Politik für das „Zeitalter der Reichslosigkeit", das an frühmittelalterliche Strukturen erinnert. Sloterdijk stellte deshalb die ketzerische Frage, wie „Europa zur Werkstatt einer zeitgemäßen Reichsmetamorphose werden" könnte. Das spezifisch Europäische sei der Reichsgedanke, der im „Prinzip Staaten-Union" aufgehoben werden müsse. Dabei hat Sloterdijk nicht die Vereinigten Staaten von Amerika vor Augen, sondern einen eigenen „großen" Entwurf: Falls Europa erwacht, werde das vom Glauben der Europäer an „ihre Rechte auf Erfolg" und der Begegnung mit den „Chancen des Weltaugenblicks auf Augenhöhe" abhängen. Aber trotz der Rede von einer „europäischen Vision" verkannte Sloterdijk nicht, daß dieser Formierungsprozeß in eine Zeit fiel, in der sich „große Stürme" ankündigten. Hier komme den Europäern ihre Tradition zugute, die auf eigene Weise nach der Wahrheit frage und Erkenntnis an den Anfang des Handelns setze: „Sehkraft für Großes wird aber in riskanten Erziehungen erlernt und überliefert."
Für die deutsche Gemütlichkeit sah Sloterdijk (seit 1992 Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und seit 2001 deren Rektor) Mitte der neunziger Jahre also das Ende gekommen, erst recht aber als der Regierungswechsel 1998 ganz offensiv die neue „Berliner Republik" propagierte und damit gleich die Befürchtungen neuen Großmachtstrebens und Schuldverleugnung hervorrief. Sloterdijk beschreibt die Nation als einen „unierten Anstrengungskörper", der sich „selbst moralisch die Sporen" geben muß, was ohne Feinde schwerlich zu bewerkstelligen sei. Hinzu kommt, daß eben das, was Sloterdijk den „starken Grund zusammen zu sein" nennt, durch den liberaldemokratischen Kapitalismus notwendig geschwächt wird. Er deutet an, daß uns nur der schwache Grund: die gemeinsame Sprache bleibt. Doch angesichts der „Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft" kann man auch von einem zu schwachen Grund reden. Wenn die Nation „von der existentiellen Paranoia, von der unmittelbaren Eifersucht auf den nächsten Rivalen" bestimmt ist, bedarf es stärkerer Gründe, um zusammenzubleiben.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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