Sezession
1. Juni 2008

Autorenportrait Peter Sloterdijk

Erik Lehnert

Doch diese stärkeren Gründe sind nirgends in Sicht. Die Massengesellschaft richtet sich an inneren, nicht an äußeren Kämpfen aus: „Emanzipation" lautet das Stichwort. Die Zeiten aber, in denen sich die Masse massenhaft zur Emanzipation versammelte, sind vorbei und insofern treffen auch, so Sloterdijk, die klassischen Massenanalysen nicht mehr auf die heutigen Verhältnisse zu. Der Massencharakter komme heute als „Massenindividualismus" „in der Teilnahme an Programmen von Massenmedien" zum Ausdruck, die sich von der Notwendigkeit eines Versammlungsortes emanzipiert haben: In der „programmbezogenen Masse" ist man „als Individuum Masse. Man ist jetzt Masse, ohne die anderen zu sehen."
Das ist aber gleichsam nur die von außen sichtbare Seite. In Wirklichkeit herrsche nach wie vor ein erbitterter Anerkennungskampf, der mit Hilfe des Entfremdungstheorems geführt werde. Da die Masse immer zur Verachtung herausfordere, entwickele sie, so Sloterdijk, eine Leidenschaft zur Selbstachtung, die zur Entscheidung zwinge: Es bleibt nichts weiter übrig, als sich ihr gegenüber entweder schmeichelnd (horizontal) oder beleidigend (vertikal) zu verhalten. Beim ersteren gehört man dazu, das zweite ist seit den Zeiten des „anthropologischen Egalitarismus" zunehmend unmöglich geworden. Die Frage nach dem Sinn politischen Handelns stellt sich damit für jeden Einzelnen: Will ich mehr verändern als nur mich selbst, brauche ich die Masse, die mich nicht legitimieren wird, wenn ich sie beleidige. Also muß ich mich verstellen, ihr schmeicheln, um so selbst dazuzugehören oder als Zyniker zu enden. Die von Sloterdijk ins Spiel gebrachte kynische Haltung ist vielleicht die ehrlichste, bedeutet aber auch, der Masse vor der Haustür das Feld zu überlassen.
Was bleibt, ist die Beleidigung, die Provokation als Mittel der Machtlosen, der Minderheit: „Die Philosophen haben den Gesellschaften nur verschieden geschmeichelt; es kommt darauf an, sie zu provozieren." Dieses Mittel hat einige Aussicht auf Erfolg, weil die Masse als Emporkömmling für Beleidigungen sehr empfänglich ist. Daher wird Sloterdijk in dem Text ungewohnt scharf, er will dem „aufrechten Gang in die Banalität" etwas entgegensetzen. Die Masse münde zwangsläufig in das „demokratische Projekt", das vorgefundene Unterschiede durch gemachte ersetzte. Dadurch werde jede anthropologische Differenz unmöglich, gleichzeitig zwinge der „horizontale Differenzkult" zur Unterscheidung, so daß die Masse als „differenzierte Indifferenz" dastehe, in der es nur ein Tabu gebe: das der gegen das Gleichheitstheorem gerichteten vertikalen Unterscheidung.
Ein schönes Beispiel für den aus dem Verbot notwendig folgenden Verlust an Wertempfinden und Differenzvermögen war die Diskussion um Sloterdijks Vortrag Regeln für den Menschenpark, in dem er nach der Formung des gegenwärtigen Menschen fragte. Die Aufregung, die damals, im Herbst 1999, herrschte, ist sachlich kaum nachzuvollziehen. Der Skandal lag vielleicht schon darin begründet, daß Sloterdijk in seinem Vortrag Platon, Nietzsche und Heidegger als Philosophen ernst nimmt und nicht, wie üblich, versucht, ihnen lediglich philosophiegeschichtlich etwas abzugewinnen. (Bereits Sloterdijks Sammlung philosophischer Klassiker unter dem Motto „Philosophie jetzt!" wies in diese Richtung.) Das hätte vielleicht schon gereicht. Hinzu kam, daß Sloterdijk in seinem Vortrag die Worte „Biopolitik" und „Selektion" verwendete, was natürlich Betroffenheit auslösen mußte.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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