Sezession
1. Juni 2008

Autorenportrait Peter Sloterdijk

Erik Lehnert

Weiterhin hat Sloterdijk in der Debatte nicht nachgegeben, sondern nachgelegt, indem er der Kritischen Theorie den Totenschein ausgestellte, was deren Verweser Habermas auf den Plan rief und lange aufgestauten Groll zutage förderte: „Der neuheidnische Sloterdijk präsentiert sich als die gesunde Vorhut einer nachrückenden Generation ..., etwas Neues auf dem Markt der Berliner Republik ..., der 1999 von sich behauptet, er könne sich seine Vergangenheit frei aussuchen." Da sind alle Vorwürfe versammelt, obwohl oder gerade weil Habermas in der Sache ausdrücklich nicht Stellung beziehen wollte. Sloterdijk kommentiert die Angriffe auf sich mit einem Verweis auf die „neue anti-ironische Stimmung im Westen", die von „der Komplexität des anderen" nichts mehr hören wolle.
Diese Auseinandersetzung fand vor dem Hintergrund des Sphären-Projekts statt. Sloterdijk führt darin einen Schlag gegen die abendländische Substanzmetaphysik. Sphären (3 Bände, 1998-2004) ist ein opus magnum, das sich sowohl vom Umfang als auch von der Bedeutung her hinter dem Untergang des Abendlandes oder dem Geist als Widersacher der Seele nicht verstecken muß. Seine These lautet, Leben bedeutet Sphären zu bilden. Von der Blase, in der sich der Mensch im Mutterleib befinde, über die Globen als begreifbaren Vorstellungskosmos bis hin zu den Schäumen, in denen wir existieren, ohne es wahrhaben zu wollen. Neben diesem anthropologischen Ansatz verfolgt Sloterdijk die Absicht, die große Erzählung der Menschheit zu schreiben, ohne dabei im Seienden stehenzubleiben; getreu Heideggers Satz: „Der vulgäre Verstand sieht vor lauter Seiendem die Welt nicht". Die unfaßbare Komplexität der Wirklichkeit ordnet Sloterdijk, im Anschluß an Spenglers Morphologie, in Sphären, um sie so theoretisch beschreiben zu können.
Darauf aufbauend, entwickelt er mit Im Weltinnenraum des Kapitals Grundlagen für eine philosophische Theorie der Globalisierung. Wiederum in einem Drei-Phasen-Modell schildert er den Vorgang von der antiken Kosmologie über die „terrestrische Globalisierung" (1492-1944) bis hin zur seitdem einsetzenden und bis heute anhaltenden Auflösung (Sloterdijk spricht von „Kompression") des globalen Raums in der Kommunikation. Damit sei die klassische Verbindung von Ordnung und Ortung (Carl Schmitt) aufgehoben. Was bei Schmitt zum Nihilismus führt, ist bei Sloterdijk eine offene Möglichkeit, da die conditio humana nicht an den Raum gebunden sei.
Über die Gefährdung des Menschen macht sich Sloterdijk dennoch keine Illusionen. Der Humanismus ist es, wie Sloterdijk in Anlehnung an Gehlen und Heidegger behauptet, der uns schwächt und uns vor den Herausforderungen versagen läßt. Deshalb fordert er in seinem „politisch-psychologischen Versuch" Zorn und Zeit eine Rehabilitierung des Zorns im Sinne der bipolaren Psychologie der Griechen als Gegengewicht zur humanitären Gesinnung. Unter Zorn versteht Sloterdijk das „Einswerden mit dem puren Antrieb", wie er es am Beispiel des Achill demonstriert. Diese kriegerische Tugend verfiel bereits in Griechenland, dennoch sei das Bewußtsein erhalten geblieben, daß es ohne „Beherztheit" (einer Schwundstufe des Zorns) nicht möglich sei, ein Gemeinwesen zu verteidigen. In der durch die Psychoanalyse verdorbenen Kultur Westeuropas, so Sloterdijk, gelte jede dieser Regungen wie „Stolz, Empörung, Zorn, Ambition, hoher Selbstbehauptungswille und akute Kampfbereitschaft" als Folge eines neurotischen Komplexes. Sloterdijk fordert den Stolz als notwendiges Korrektiv, um unser Handeln aus der Einseitigkeit zu befreien: „Große Politik geschieht allein im Modus von Balanceübungen. Die Balance üben heißt keinem notwendigen Kampf ausweichen, keinen überflüssigen provozieren."

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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