Sezession
1. Juni 2008

Autorenportrait Peter Sloterdijk

Erik Lehnert

Dieser bipolaren Sicht der Dinge ist Sloterdijk auch in seinem jüngsten Buch Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen verpflichtet. Vor dem Hintergrund einer vielbeschworenen „Rückkehr der Religionen" bleibt Sloterdijk seiner Religionskritik treu und wirkt damit um vieles ehrlicher als ein Jürgen Habermas, der auf seine alten Tage zu der Einsicht kommt, daß es doch ganz nützlich sei, wenn die anderen an Gott glauben. Sloterdijk sieht bei den betreffenden Intellektuellen „eine zum Finden entschlossene Suche nach dem Halt im Objektiven" am Werk, die daraus zu erklären sei, daß eben Stolz und Zorn keinen Platz in unseren Gesellschaften haben. Der Eifer der Religionen folge aus deren einwertigem Denken, das sich weigere anzuerkennen, daß Leben nicht entweder schwarz oder weiß bedeute, sondern durch die Farbe Grau geprägt sei. Inwieweit man dann, wenn die Religionen diesen „zivilisatorischen Weg" eingeschlagen haben (was im Protestantismus ja lange der Fall ist), noch im Wortsinne von Religionen und nicht lediglich von Weltanschauungen sprechen kann, bleibt fraglich. Und damit ist das Problem des Eifers, der offenbar zur Grundausstattung des Menschen gehört, nicht erledigt. Das weiß Sloterdijk, der diesen religiösen Eifer auch bei säkularen Erscheinungen ausmacht, und das nicht nur beim Kommunismus, sondern auch beim Liberalismus, den „aufgeklärten ‚Gesellschaften‘ des heutigen Westens". Hier fehle es nicht an Beispielen dafür, „wie die zivilreligiös engagierte totale Mitte zur Treibjagd auf einzelne Frevler gegen den liberalen Konsensus bläst - einer Jagd, die den sozialen Tod des Gejagten billigend in Kauf nimmt."
Durch die ungeheure Produktivität und übermäßige mediale Präsenz Sloterdijks (seit 2002 moderiert er mit Rüdiger Safranski im ZDF das „Philosophische Quartett") droht ihm manchmal der rote Faden verlorenzugehen. Man kann in dieser Schwäche Sloterdijks eigentliche Stärke sehen: Er zeigt, daß die Welt nicht in ein System paßt, daß Utopien Selbstbetrug sind und daß die Wahrheit keine ausgemachte Sache ist. Damit bestätigt er auf verblüffende Weise alte Einsichten. Im Gegensatz zu denen, die das immer wußten und immer wissen, hat Sloterdijk den Anspruch, diese Erkenntnis immer wieder zu überprüfen. Dabei geht er denkerische Wagnisse ein und stellt in jede Richtung ketzerische Fragen. Vielleicht ist dies ein Weg, auf dem etwas von der philosophischen Souveränität zurückgewonnen wird, die uns Deutschen im 20. Jahrhundert auf dramatische Weise abhanden gekommen ist.
Aber: Eine Schwäche ist eben doch immer eine Schwäche. Das Unsystematische im Denken Sloterdijks stellt uns vor ein Dilemma: Er trifft in seinen Büchern den Punkt, wie gegenwärtig kein Zweiter. Dennoch kommt es immer wieder dazu, daß er längst überwundene Standpunkte, die er in seinem Werk selbst demontiert hat, punktuell wieder einnimmt - so wie jüngst im „Philosophischen Quartett", als er sich ohne Not und tieferen Sinn als Linker glaubte bezeichnen zu müssen. Diese typisch postmoderne Inkonsequenz (Wie Habermas bereits 1983 bemängelte) hat ihren Grund auch in seiner phänomenologischen Methode, die es ihm verbietet, Konsequenzen zu formulieren und einen Standpunkt einzunehmen - der sogar ein verlorener Posten sein könnte, wiederum mit Konsequenzen für den Denker selbst.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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