Sezession
1. Juni 2010

Autorenportrait Camille Paglia

Ellen Kositza

Gleich mit dem ersten Satz läutet Paglia, streng katholisch sozialisierte Tochter, häretisch ein: »Am Anfang war Natur.« Nicht: das Wort, da Worte zu Lüge und Verbrämung neigten und eine der Maskeraden der sexuellen Determination darstellten. Ewig sei der Unterschied zwischen Mann und Frau. Mithin interessiert sich die Wissenschaftlerin Paglia in bezug auf das Christentum allein für dessen heidnische Urgründe. Die Sexualität, bestimmt durch »dunkle pagane Mächte« und nur oberflächlich gebahnt durch kulturelle Transformationen, markiere dabei die »heikle Schnittstelle zwischen Natur und Kultur«. In den Masken läßt Paglia die Kultur- und Literaturgeschichte vom alten Ägypten bis ins 19. Jahrhundert unter den – für sie bestimmenden – Vorzeichen der Geschlechterdifferenz antreten. Kultur, so ihre These, entstehe im wesentlichen durch die Domestizierung von Sexualität. Die Geschichte sei geprägt durch das Ringen zwischen hebräischer Wort- und heidnischer Bildkultur. Von Nietzsches Interpretation beeinflußt sind die Gegensatzpaare, mit denen Paglia arbeitet und aus deren stetigem Ringen sie sämtliche Kulturleistungen ableitet: Hier das Appolinische als genuin männliches (und westliches) Prinzip, als Klarheit, Sprache, Struktur und Erfindungsgabe zutage tretend – dort die dionysischen Kräfte: das Erdgebundene, irrationale, fließende, weibliche, der fruchtbare Urschlamm. Kunstschaffen und Transzendenz entstehe allein aus männlich-appollinischer Abwehr der chthonischen Verlockung. Der weibliche Körper, gleichgültig gegen den Geist, der ihn bewohnt, habe organisch nur eine Bestimmung, »die Schwangerschaft, deren Verhinderung uns ein Leben lang beschäftigen kann. Die Natur kümmert sich nur um die Gattung, nie um den einzelnen.« Die nicht unwesentliche Rolle der Frau als Kulturvermittler allerdings spart Paglia aus.
Ihr eigenes »sexuelles Versagen« hat die Lesbierin Paglia eingeräumt. Doch gesteht diese »woman warrior«, als die sie tituliert wurde, diese »narbenbedeckte Veteranin der Geschlechterkriege« (Paglia über Paglia), daß ihr eigener juveniler Protest gegen die primäre Sozialisation (die Erziehung als Mädchen also) sie mit ähnlichem Furor »geradenwegs zur Biologie « zurückgeführt habe. Niemand, auch nicht die gleichsam »männlich « auftretende Frau, könne letztlich aus seiner, aus ihrer Haut. Einer ihrer wenn auch banalen, doch luziden Belege zielt auf das Urinieren der Geschlechter: Während der Mann einen ausgreifenden Strahl herstelle, dünge die Frau bezeichnenderweise nur den Boden unter sich. (erfindungsreiche Feministinnen haben längst Stehpinkelhilfen erfunden, und das Sitzpinkelgebot für Männer ist hinlänglich bekannt). Die Geschlechterdifferenz sei zwingend: »Wir können dem Leben in diesen faschistischen Körpern nicht entfliehen.«. Der zivilisierte Mensch verheimliche sich gern, wie sehr er der Natur ausgeliefert ist. »Die Macht der Kultur, der Trost der Religion: Darauf konzentriert er sich, daran glaubt der Mensch.« Ein »Schulterzucken der Natur« reiche, um dieses brüchige Gefüge einstürzen zu lassen und atavistische Verhaltensweisen zum Vorschein zu bringen.
Paglia ist eine Kritikerin Rousseaus, und in dessen Gefolge ebenso der Milieutheorie. Die Dekonstruktivisten und Poststrukturalisten (»französischer Quatsch«, »intellektuelle Leichen«) haßt sie leidenschaftlich. Die breite Wirkung, die Derrida, Lacan, vor allem aber Foucault in akademischen Kreisen feierten, nennt Paglia ein krankes »Führer-Syndrom«, »die Sehnsucht vermeintlich freier, liberaler Denker nach einer Autorität.« Der moderne Feminismus (Paglia spricht sich durchaus für eine formale, politische Gleichstellung von Frauen aus) gilt ihr als eine Hauptströmung, die den wirklichkeitsblinden Machbarkeitsglauben jener Vorväter beerbt hätten. Indem sie »sich bemühen, der Sexualität Machtverhältnisse auszutreiben, wenden sie sich gegen die Natur. Sexualität ist Macht.« Während Paglias Fokus der Natur (als »Schicksal«) und ihren Gesetzen gilt, ist ihre Leidenschaft der Kunst gewidmet, der kreativen Schaffenskraft, dem, was ihr als männliches Prinzip gilt: »Wäre die Zivilisation den Frauen überlassen, säßen wir heute noch in Schilfhütten.« Daß sie regelmäßig der Misogynie bezichtigt wird, ficht sie nicht an. Sie beschreibe nur, was sie sehe, und vor Frauen, die sich selbst ermächtigen, zieht sie den Hut.
Gewohnt brachial zeigt sie jeglichem Machbarkeitsdenken in punkto »Rollentausch« die rote Karte: Dafür sei die Natur ein zu »strenger Lehrmeister. Sie ist die Schmiede, auf deren Amboß der Individualismus zertrümmert wird.« Keine Gesetzgebung, kein Beschwerde-Ausschuß könnten an den Grundtatsachen geschlechtlicher Bedingtheit rütteln.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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