Sezession
1. Juni 2010

Autorenportrait Camille Paglia

Ellen Kositza

In den USA reüssiert sie bis heute als streitbarer Gast in Talkshows, sehr klein und zierlich, augenrollend und – intellektuell stets eloquent – Wortkaskaden auftürmend. Wir dürfen trotz einer offenkundigen Geistesverwandtschaft kaum annehmen, in Paglia die heimliche Enkelin des früh und freiwillig aus dem Leben geschiedenen Otto Weininger (1880– 1903) zu entdecken. Nicht nur, weil Weiningers Homosexualität das unwahrscheinlich macht; in den Literaturverzeichnissen Paglias taucht der jüdische Antisemit und Vater eines modernen Antifeminismus nicht einmal auf. Ihre Lehrer und Ikonen heißen Edmund Spenser, Shakespeare, Lord Byron und, allen voran, de Sade. Von Paglia hingegen läßt sich kaum sagen, sie hätte eine Denkschule begründet. Mit Abstrichen allerdings könnte man behaupten, Charlotte Roche hätte mit ihren »Feuchtgebieten « Paglias Thesen trivialisiert.
Paglia, die angeblich gern blutige Steaks in rauhen Mengen verzehrt, ist mittlerweile 63 Jahre alt. Sie lehrt als Professorin für Medien- und Geisteswissenschaften in Philadelphia. Bewußt lebe sie in einem kleinen Vorort anstatt in den brodelnden Städten wie New York oder Washington, die keine guten Orten seien, um sich als Intellektuelle einen unabhängigen Status zu bewahren. Das Leben dort mit seinen sozialen Netzwerken, Partys und Empfängen, mache verletzlich und abhängig von der veröffentlichten Meinung. Großstadtleben schaffe Duckmäuser, sie kenne das aus eigener Anschauung.
Jene Camille Paglia, die die gesamte abendländische Geistesgeschichte griffbereit im Marschgepäck vorhält, scheut sich nicht vor den Niederungen des Trivialen. Es ist einigermaßen irritierend, sie – etwa auf ihrem Kolumnenplatz des amerikanischen Internetmagazins www.salon.com – über Pop-Phänomene schwadronieren zu sehen. Nichts aus der Welt des Boulevards ist ihr fremd. Sie hat ellenlange Lobeshymnen über Madonna verfaßt, beurteilt Lady Gaga kritisch, und so weiter. Paglia sieht sich als provozierende Vermittlerin zwischen der weltfremden linken, nach wie vor von Marxismus und Frankfurter Schule beeinflußten Welt der Universitäten einerseits und den Massenmedien andererseits, wo das Herz des Volkes schlage. »Establishmentfeindliche Einzelgänger wie ich sind wieder in Mode«, schreibt sie selbstironisch. Das sei typisch amerikanisch: sie dürfe den »lonesome Cowboy« geben, der »aus der Wüste kommt, um im Salon herumzuballern und die Ratten aus der Stadt zu jagen. « Hillary Clinton (deren Einstellungen sie mit dem üblichen männerfeindlichen »Feminazi«-Gepäck beladen sah) erntete ebenso Paglias Kritik wie vordem deren Mann Bill. Als eine der wenigen US-Intellektuellen befand sie Clinton nach seiner Sex-Affäre mit Monica Lewinsky als untragbar für ein repräsentatives politisches Amt.
In jüngerer Zeit hat Paglia als Verteidigerin der geschaßten konservativen Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin von sich reden gemacht. Die Medienhetze gegen Palin verglich Paglia mit der Hysterie der Hexenprozesse. Die Demokraten verhöhnten die Religiosität der Republikaner, hätten mit ihrer eigenen, neuerdings so intoleranten, Ideologie jedoch eine säkulare Ersatzreligion geschaffen. Mit Palin, die ihr Selbstbild eben nicht aus Gender-Studies kreiiert habe, würde endlich ein wahrhaft »muskulöser Feminismus « Zähne zeigen. Ihr, der konsequenten Abtreibungsgegnerin, sei es gelungen, die pseudohumanistische Inkonsequenz der Linksliberalen zu entlarven. Denn wie könne man gleichzeitig das Recht auf Abtreibungen befürworten und die Todesstrafe für barbarisch halten? Paglia: »Verdient nicht ein Verbrecher eher seine Auslöschung als ein Unschuldiger?«
Der Vergleich Paglias mit einer deutschen Feminismuskritikerin vom Schlage Eva Hermans gleicht dem eines aggressiven Kampfhunds mit einem gepflegten Labrador. Wo Herman »ausholt«, heißt das: Sie setzt an zu einer detaillierten Rechtfertigung. Wenn Paglia »ausholt«, dann zum Angriff! Daß sie auf Schmähungen – die sie zahlreich trafen und treffen – überhaupt je reagierte, wäre unbekannt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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