30. August 2010

Sarrazins Buch

von Erik Lehnert / 0 Kommentare

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Eigentlich hätten wir bis heute warten müssen, um das Buch kaufen zu können. Der Erfolg der Vorabdrucke in Bild und Spiegel war aber offenbar so groß, daß sich der Verlag entschloß, das Buch schon Mitte letzter Woche auf den Markt zu bringen. Und auch die Sperrfrist für Besprechungen (mit 500.000 Euro abgesichert) war damit vom Tisch.

Die erste Auflage (70.000 Exemplare) war sofort vergriffen, die dritte Auflage wurde noch in der letzten Woche gedruckt. Wenn man den Reaktionen aus Politik und Medien glaubt, muß es sich um ein krudes Machwerk handeln. Nach der Lektüre ist klar: es ist alles ganz anders.

Deutschland schafft sich ab hat 463 Seiten, enthält zahlreiche Statistiken und Diagramme, ist streckenweise redundant und um eine betont nüchterne Diktion bemüht. Sarrazins Thesen klingen nicht mehr ganz so provokativ wie noch im legendären Lettre-Interview. Hinzu kommt, daß das Buch verhältnismäßig wenig Neues enthält – gemessen an dem, was man seit 30 Jahren wissen konnte, wenn man nur die Bücher von Robert Hepp oder Martin Neuffer zur Kenntnis genommen hätte.

Allerdings: Verglichen mit dem, was sich gegenwärtig Politik und Medien entlocken lassen, enthält es brisantes Material: „Die sozialen Belastungen einer ungesteuerten Migration waren stets tabu, und schon gar nicht durfte man darüber reden, daß Menschen unterschiedlich sind […]. Es war tabu darüber zu reden, […] daß der einzelne selbst für sein Verhalten verantwortlich ist und nicht die Gesellschaft.“

Sarrazin analysiert dagegen die Zustände in unserem Land – faktengesättigt, realistisch und differenziert. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Themen Armut, Bildung, Arbeit, Integration und Demographie geht. Kurz zusammengefaßt lauten seine Erkenntnisse: In Deutschland gibt es relative Armut, die von Lobbyisten zu einer absoluten aufgebauscht wird. Dabei ist Armut für die Betroffenen weniger ein finanzielles als ein geistiges Problem, aus dem die Unfähigkeit resultiert, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln ein selbstverantwortliches Leben zu führen. Die übermäßige Alimentierung des Nichtstuns führt dazu, daß es wenig Anreize gibt, dem zu entkommen. Ähnlich verhält es sich beim Bildungssystem, das nicht in der Lage ist, den hochqualifizierten Nachwuchs hervorzubringen, den Deutschland benötigt.

Verschärft werde diese Problematik durch islamische Migranten, die nicht zuletzt deshalb nach Deutschland kommen, weil es hier ein Auskommen ohne Arbeit gibt, so Sarrazin weiter. Deshalb kommen vor allem die Zuwanderer, die in ihrer Heimat zu den untersten Schichten zählen. Hochqualifizierte meiden Deutschland, weil ihnen hier wegen der Gleichheitsideologie die Entwicklungsmöglichkeiten fehlen. Der Islam verschärft die Situation zusätzlich, da Moslems den geringsten Willen zur Anpassung an deutsche Normen und Werte zeigen. Damit hat die Einwanderung für Deutschland keine positiven Effekte. Weil Dumme mehr Kinder bekommen als Kluge, Ausländer mehr als Deutsche, und Intelligenz zu 50 bis 80 % vererbt würde, kommt Sarrazin zu dem Schluß, daß Deutschland auf natürlichem Weg immer dümmer wird. (Hierbei bezieht sich Sarrazin auf Volkmar Weiss!)

Deshalb war die Einwanderung laut Sarrazin ein „gigantischer Irrtum“ und muß in Zukunft aus muslimischen Ländern unterbunden werden. Integration ist eine Bringschuld der Zugewanderten nicht der Einheimischen. Es muß mehr Anreize zur Arbeitsaufnahme geben. Die Intelligenten müssen angehalten werden, mehr Kinder zu bekommen. Die Ehe darf nur dann privilegiert werden, wenn daraus Kinder folgen könnten, die bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften „allerdings nicht zu erwarten“ sind. Weiterhin plädiert er für eine durchgehende Betreuung der Kinder, um sie dem negativen Einfluß des Elternhauses zu entziehen.

Allerdings ist es für Sarrazin „eine offene Frage, ob und inwieweit es überhaupt möglich ist, Reformen gegen strukturelle Veränderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und deren beständig sich ändernde Rahmenbedingungen durchzusetzen.“ Immerhin hält Sarrazin das Bewußtsein dafür wach, daß vieles möglich ist, wenn man nur will. Paradoxerweise sind wir bei der Rettung des Weltklimas auch zu vielen bereit, bei der Rettung Deutschlands nicht. Und er zeigt abschließend in einem "Alptraum", was passiert, wenn die Entwicklung so weitergeht wie bisher.

Das war's. Selbst wer nur die Bücher von Stefan Luft, Herwig Birg, Bernhard Bueb und Necla Kelek kennt, weiß das alles. Natürlich finden sich auch einige griffige Formulierungen in dem Buch. Aber generell dürften die Leser, die Krawall erwartet haben, enttäuscht sein. Jetzt kann man über den großen Tabubruch jubeln und Sarrazin als Lichtblick am trüben Himmel des Kartells der Verschweiger vergöttern. Und jeder, der die Wahrheit sagt, bahnt zumindest der Möglichkeit, daß sich etwas ändert, den Weg. Hinzu kommt: Niemand hat bei diesen Themen zuvor solch eine Resonanz in der Bevölkerung gehabt wie Sarrazin. Der Aufschrei in Politik und Medien ist verräterisch genug.

Da ist es eine merkwürdige strategische Fehlleistung von Sarrazin, daß er in einem seiner ersten Interviews nach Erscheinen des Buches, u.a. auf die "Gene der Juden" zu sprechen kommt. Damit will er zeigen, wie legitim seine Auffassung von der Vererbbarkeit der Intelligenz ist. Erreicht hat er damit aber nur, daß diejenigen, die über die wirklichen Probleme nicht reden wollen, einen Grund gefunden haben, ihn als Irren abzustempeln. Eine Auseinandersetzung ist also nicht mehr notwendig. Der Fall Sarrazin ist aber noch längst nicht abgeschlossen.

Sicher ist es mutig, die Wahrheit auch hier so vehement zu verteidigen. Aber es weckt leise Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit. Geht es Sarrazin wirklich um Deutschland, um den Erhalt des deutschen Staates? Oder will er nur provozieren und sein Ego streicheln? Immerhin war Sarrazin über dreißig Jahre Teil dieses Kartells und er betont am Anfang des Buches selbst, daß er seinen Dienstherren Reden geschrieben hat, in denen die Probleme ganz bewußt ausgespart wurden. Fakt ist zudem, daß das Lettre-Interview bald ein Jahr her ist und sich seitdem nicht das geringste im Wahlverhalten der Deutschen geändert hat. Hier liegt das eigentliche Problem, das auch Sarrazin nicht angeht: Warum haben die Deutschen keinen Selbstbehauptungswillen?

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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