Die Fahne der Vernunft

von Claus Wolfschlag

Die derzeitige, vom Sozialdemokraten Thilo Sarrazin angestoßene, Diskussion um soziale und kulturelle Standards zeigt denn doch mal wieder,...

dass auch auf der Lin­ken gesun­der Men­schen­ver­stand, das Den­ken jen­seits von Scha­blo­nen und ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hän­gen, nicht gänz­lich aus­ge­stor­ben ist – zumal eine fik­ti­ve “Sar­ra­zin-Par­tei” unter Links­par­tei-Wäh­lern weit­aus mehr Anhän­ger fän­de als unter Freun­den der CDU.

Ein wei­te­res Bei­spiel für die­sen Erhalt von Ver­nunft im lin­ken Spek­trum ist offen­bar das Ber­li­ner Online-Maga­zin „Rote Fah­ne“, das sich nun zu einer kri­ti­schen Bestands­auf­nah­me des „Kamp­fes gegen rechts“ auf­raf­fen konn­te – und dabei sogar die durch­aus heik­le Rudolf Heß-Sto­ry neu auf­zu­rol­len wagte.

In den letz­ten Jah­ren hat die poli­ti­sche Lin­ke, sieht man von den übli­chen Sozi­al­for­de­run­gen an lee­re Kas­sen ab, vor allem nur durch geleb­ten „Anti­fa­schis­mus“ auf sich auf­merk­sam gemacht. Die­se schlich­te Erfolgs­ge­schich­te scheint aber selbst bür­ger­li­che Krei­se mitt­ler­wei­le mür­be gemacht zu haben. Denn wenn Mar­tin Otto in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen“ glaubt, daß “Anti­fa­schis­mus” mitt­ler­wei­le „so intel­li­gent“ sein kön­ne, liegt er defi­ni­tiv falsch. „Anti­fa­schis­mus“ im Jah­re 10 nach dem Mill­en­ni­um ist womög­lich stra­te­gisch durch­dacht, aber nie und nim­mer intel­li­gent im Sin­ne von ver­ant­wor­tungs­vol­ler sozi­al­po­li­ti­scher Weit­sicht. Allen­falls als cle­ver kann man ihn bezeich­nen, aber Cle­ver­ness bedeu­tet gera­de hier eher eine Res­sour­cen­ver­schwen­dung, steht also letzt­lich ten­den­zi­ell für man­geln­de Intel­li­genz. Denn gera­de je unkom­pli­zier­ter, düm­mer, ste­reo­ty­per und dreis­ter sich der „Kampf gegen rechts“ gebiert, je mehr Clau­dia Roth in ihm steckt, umso bes­ser gelingt ihm die Brei­ten­wir­kung in Medi­en und Poli­tik. Der Kon­su­ment der offi­zi­ell ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung möch­te immer wie­der die glei­chen Bil­der vor­ex­er­ziert bekom­men, um die immer glei­chen, befrie­di­gen­den Ritua­le voll­zie­hen zu dürfen.

Inso­fern woll­te ich der „Kom­mu­nis­ti­schen Platt­form“ der Par­tei „Die Lin­ke“ gar nicht unrecht tun, indem ich ihre For­de­rung nach täti­ger Reue Anders­den­ker vom Kopf auf die Füße zu stel­len bemüht war. Die Fest­stel­lung der „Platt­form“, dass es auch „rechts“ den­ken­de und reflek­tie­ren­den Men­schen geben kön­ne, unter­schei­det selbst sie doch immer­hin mei­len­weit von jenen “links” immer noch ton­an­ge­ben­den Schrei­häl­sen, die sich im „Nazi“ oder „Fascho“ stets nur eine bedroh­lich auf­mar­schie­ren­de Wel­le von Zom­bie­we­sen vor­stel­len können.

Recht weit dar­in, die lin­ke Fah­ne der Ver­nunft auf­recht zu hal­ten, ging nun die Zeit­schrift „Rote Fah­ne“ (nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen wüs­ten MLPD-Blätt­chen), die sich gar zu einer grund­sätz­li­chen Kri­tik des gegen­wär­tig geleb­ten „Anti­fa­schis­mus“ auf­raf­fen konnte:

Das Pro­blem beginnt bereits damit, dass kaum jemand unter den gut­wil­li­gen Anti­fa­schis­ten weiss, wor­um es in der Sache über­haupt geht. Und in der Auf­recht­erhal­tung der impe­ria­len Des­in­for­ma­ti­on lie­gen auch Motiv und Nut­zen für die impe­ria­le Rech­te (= die bür­ger­li­chen Par­tei­en der NATO/Imperium) in ihrer Unter­stüt­zung die­ser Inter­pre­ta­ti­on von „Anti­fa­schis­mus“.

Das hat Autor Ste­phan Steins rich­tig erkannt. Seit 1968 fun­giert die „Lin­ke“ immer wie­der als Unter­stüt­zer des offi­zi­ell von ihr so ver­hass­ten kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems. Zwar ist man als „Rech­ter“ davon gar nicht so über­rascht, denn schließ­lich hat schon Marx den Kapi­ta­lis­mus als Weg­be­rei­ter des kom­men­den Para­die­ses beschrie­ben, und zudem hat bei­spiels­wei­se ein Alain de Benoist die ega­li­tä­re Wesens­ver­wandt­schaft der bei­den mate­ria­lis­ti­schen Denk­sys­te­me bereits dar­ge­legt. Den­noch mag sich in der lin­ken Befind­lich­keit hier eine Art Grund­wi­der­spruch auf­tun, den die „Rote Fah­ne“ sehr klar­sich­tig dar­ge­legt hat:

Es wird höchs­te Zeit, dass Lin­ke begin­nen hin­ter die impe­ria­le Matrix zu schau­en und wie­der wis­sen­schaft­li­ches und fun­dier­tes Arbei­ten zur Grund­la­ge ihres Wir­kens zu machen. Was sich da in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten als ver­meint­li­che „Lin­ke“ ent­wi­ckelt hat, mutet mit­un­ter eher wie ein sys­tem­treu­er Popanz zwi­schen Pisa-Stu­die und Spass­ge­sell­schaft an, denn als revo­lu­tio­nä­res poli­ti­sches Subjekt.

Doch das Blatt geht noch wei­ter und wagt den Blick auf die Wirk­lich­keit jen­seits ideo­lo­gi­scher Ver­här­tun­gen und Feind­bil­der. Und so wird gar die Auf­klä­rung der Umstän­de des Todes von Hit­ler-Stell­ver­tre­ter Rudolf Heß gefor­dert. Das ist nun wirk­lich bemerkenswert:

Hin­ter­grund der mög­li­chen Ermor­dung Rudolf Heß´ könn­te dem­nach der Umstand gewe­sen sein, dass der dama­li­ge sowje­ti­sche Staats­chef Michail Gor­bat­schow laut Radio Mos­kau ver­kün­den liess, Heß noch vor Weih­nach­ten aus der Haft nach Hau­se zu ent­las­sen. Aus Sicht des Impe­ri­ums und sei­ner Pro­pa­gan­da wäre dar­an pro­ble­ma­tisch gewe­sen, dass Heß trotz sei­nes hohen Alters mög­li­cher­wei­se noch die Kraft auf­ge­bracht hät­te, als Prot­ago­nist öffent­lich zu Akten und Doku­men­ten aus der Zeit des zwei­ten Welt­kriegs Stel­lung zu neh­men, wel­che noch min­des­tens bis zum Jah­re 2019 im bri­ti­schen Natio­nal­ar­chiv „The Natio­nal Archi­ves“ (TNA) unter Geheim­hal­tung und Ver­schluss durch die bri­ti­schen Behör­den gela­gert wer­den. Die­ser gesam­te his­to­ri­sche Kom­plex ist recht umfang­reich, Die Rote Fah­ne wird den Fall Heß, nicht nur die Umstän­de sei­nes Todes, son­dern sei­ne Rol­le im zwei­ten Welt­krieg, im Rah­men his­to­ri­scher For­schung dem­nächst in einem Pro­jekt aus­führ­lich behandeln. (…)

Nun stel­len sich Man­che auf den Stand­punkt, dass Rudolf Heß als Nazi sowie­so den Tod ver­dient hat­te. War­um also den Fall auf­klä­ren wol­len? Hal­ten wir fest, dass Heß nicht zum Tode ver­ur­teilt wur­de. Und völ­lig unab­hän­gig davon, wie man zur Todes­stra­fe ste­hen mag, geht eine sol­che Hal­tung voll­stän­dig am eigent­li­chen The­ma vor­bei. Der Punkt hier liegt nicht in den Taten oder Nicht­ta­ten des Nazis Heß, son­dern in der Auto­ri­tät und Gewalt, in den Taten und Ver­bre­chen impe­ria­ler Diens­te und Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen jen­seits des inter­na­tio­na­len Völ­ker­rechts und der mehr oder weni­ger demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren und Rechts­nor­men des repu­bli­ka­ni­schen Staa­tes. Heß durch ein impe­ria­les Kil­ler­kom­man­do an der Legis­la­ti­ve vor­bei ermor­den zu las­sen bedeu­tet nichts ande­res, als genau jene faschis­ti­sche Tat zu ver­üben, deren man sein poli­ti­sches Lager bezich­tigt. Für Lin­ke kann es kei­ne Opti­on sein, his­to­ri­sche Wahr­hei­ten des­we­gen unter­drü­cken zu wol­len, weil Neo­na­zis die­se für ihre poli­ti­schen Zie­le miss­brau­chen könn­ten. Die so den­ken, begrei­fen nicht, dass sie dem neu­en Faschis­mus und Tota­li­ta­ris­mus in der Kon­se­quenz in die Hän­de spie­len und des­sen Geschäft erle­di­gen. Die impe­ria­le Rech­te benutzt die natio­na­le Rech­te, um von sich selbst abzulenken.

Das alles ist natür­lich kei­ne Freund­schafts­er­klä­rung an die „natio­na­le Rech­te“. Kei­nes­falls. Soll es auch nicht. Aber es ist ein Beweis dafür, dass sich bei klei­nen Tei­len der „Lin­ken“ immer­hin Rest­be­stän­de selb­stän­di­gen und kri­ti­schen Den­kens erhal­ten haben.

 

 

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