Sezession
1. Juni 2010

Sexpol – Die Linke, der Sex und die Politik

Gastbeitrag

Jedenfalls erregte die 1931 von Kommunisten, Sozialdemokraten, »heimatlosen Linken« und Liberalen getragene Kampagne »Dein Bauch gehört Dir!« großes Aufsehen. Denn es ging den Initiatoren nicht nur um die Beseitigung des Paragraphen 218, sondern auch darum, die Massen gegen die »katholische Diktatur« Brünings zu mobilisieren. Am 8. März – dem »Internationalen Frauentag« – erreichte die Aktion mit mehr als eintausendfünfhundert Veranstaltungen im ganzen Reichsgebiet ihren Höhepunkt. Zu den Initiatoren gehörten Friedrich Wolf und Else Kienle. Beide arbeiteten als Ärzte und verlangten in ihren öffentlichen Stellungnahmen, daß die Frau nicht länger von Staat, Kapital und Patriarchat zur »willenlosen Gebärmaschine« herabgewürdigt werde. Man verweigere ihr das »Recht auf den eigenen Körper« und zwinge sie, die »wahre, grauenvolle, schrecklichste, mörderischste Krankheit der Zeit« – die unerwünschte Schwangerschaft – zu erdulden. Kienle wurde kurze Zeit später im »Stuttgarter Abtreibungsprozeß« der gewerbsmäßigen Abtreibung in mehr als zweihundert Fällen angeklagt. Zu dem Zeitpunkt hatte sie sich wie vorher schon Wolf der KPD angeschlossen. Ihre Vorstellung von der »Anpassung der Sexualbeziehungen der Bevölkerung an die Produktionsverhältnisse der heutigen und der kommenden Weltwirtschaft« drohte allerdings rasch mit der Parteilinie in Konflikt zu geraten. Denn in der Sowjetunion hatte man das sexualpolitische Experiment der Anfangszeit längst liquidiert, das Rechtsinstitut der Ehe wiederhergestellt, die Homosexualität erneut unter Strafe gestellt und duldete Abtreibungen nur noch, wenn die Tötung des Ungeborenen im Interesse des Kollektivs lag. Eine Agitation gegen die Geltung des Paragraphen 218 in Deutschland unterstützte Moskau zwar aus taktischen Gründen, aber die »Selbstbestimmung der Frau«, die für Kienle und viele Unterstützer der Kampagne von 1931 (etwa das anarchistische »Komitee für Selbstbezichtigung gegen § 218«) im Vordergrund standen, war mit der kommunistischen Programmatik unvereinbar.
Die Diskrepanz bekamen auch andere linke Sexualreformer zu spüren, die der Meinung gewesen waren, daß man sich der KPD bedienen könne, um mit der sozialen auch die »sexuelle Revolution« durchzuführen. Der Begriff wurde zuerst von Wilhelm Reich verwendet, einem dissidenten Psychoanalytiker, der die »orgastische Potenz« des Menschen als ausschlaggebenden Faktor betrachtete. Reich war wie die Anhänger der »Frankfurter Schule« von dem Gedanken fasziniert, eine Synthese aus Marxismus und Psychoanalyse herzustellen. Seine politischen Vorstellungen waren aber viel zu stark von anarchistische Ideen geprägt, ebenso sein Seelenbild, nach dem alles darauf ankomme, dem »Ausleben « der »natürlichen Lustbedürfnisse« Raum zu geben. Reich hatte schon in seiner Wiener Zeit eine »Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung« gegründet, die illegal Verhütungsmittel an Jugendliche verteilte und Abtreibungen durchführte. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin trat er der KPD bei und beteiligte sich an der Gründung des »Deutschen Reichsverbands für Proletarische Sexualpolitik«. Allerdings kam es sogar an der kommunistischen Basis zu Protesten gegen die von Reich entworfene »Sex-Pol«: Es hieß, er verwandle die Versammlungssäle in »Bordelle«, seine Aufklärung sei nichts als »Bespeiung des proletarischen Mädchens« und die Befürwortung der »freien Liebe« ein »Verbrechen an unserer Jugend«.


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