Sezession
1. Juni 2010

Sexpol – Die Linke, der Sex und die Politik

Gastbeitrag

Nach einem Jahr löste die KPD den Verband auf und Reich wandte sich enttäuscht von der Partei und der Politik überhaupt ab. Er floh nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in die USA und entwickelte eine immer exzentrischere Weltanschauung, in deren Zentrum nach wie vor der »Orgasmus« stand. 1957 starb er fast vergessen in einem amerikanischen Gefängnis, seine Anhängerschaft hatte im Grunde nur noch Sektencharakter. Reichs Ideen sollten sich erst verspätet entfalten, dann allerdings mit erstaunlicher Vehemenz. Als 1966 posthum seine Programmschrift Die sexuelle Revolution in der Bundesrepublik erschien, war das ein Vorgang von symbolischem Charakter. Denn die Thesen Reichs wirkten im Grunde noch ähnlich skandalös wie in den dreißiger Jahren. Alle Vorstöße der Linken, die auf weitergehende Veränderungen der Sexualpolitik gezielt hatten, waren bis dahin gescheitert. Die gegenüber der NS-Zeit verschlechterte Stellung unehelicher Kinder und lediger Mütter, die Aufrechterhaltung des Paragraphen 218 und der Strafbarkeit von Homosexualität kennzeichneten zusammen mit einer gewissen Prüderie die Adenauer-Jahre. Gegentendenzen hatten sich nur in der amerikanisierten Jugend- und Massenkultur bemerkbar gemacht, die das vorbereitete, was man die »Sexwelle« nannte. Dabei spielte die Aufweichung des Pornographieverbots eine Rolle, aber auch ein von Modernisierungsbedürfnissen geprägtes Zeitklima. Die Linke nutzte diese Entwicklung zum Teil, ebenso die modische Verknüpfung von progressiver Politik und kommerziellem Sex. Unerwartet kam das Auftreten der Kommunen hinzu, eine Boheme als Medienereignis, deren Lebensstil, gemischt aus Verweigerung, Politisierung des Privaten und Bindungsverbot, bewußter Tabuverletzung und provokativer Nacktheit, als avantgardistisches Modell eines radikal veränderten Sexualverhaltens wahrgenommen wurde. Das ideologische Konzept dahinter wirkte nachgereicht, bediente sich aber ausdrücklich bei jener Linie linker »Sex-Pol«, die auf die anarchistische Tradition, vor allem die Ideen Reichs, zurückwies.
Auch sonst konnte man den Eindruck haben, dass die Neue Linke die Schlachten der alten noch einmal schlagen und jetzt gewinnen wollte. Die Übereinstimmung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ging bis ins Detail, von Plakatbildern bis zu Slogans, von Argumentationsmustern bis zu Kampagneformen. Das berühmte Motiv mit den Frauen, die das Kreuz stürzen, auf dem »§ 218« steht, war ursprünglich 1931 von der kommunistischen Künstlerin Alice Lex-Nerlinger gezeichnet und schon von der KPD verwendet worden; die Formulierung, daß jedes Kind ein Recht habe, »Wunschkind« zu sein, geht auf einen sowjetischen Volkskommissar für Bevölkerungsfragen zurück; die Parole »Mein Bauch gehört mir!« war genauso wenig originell wie die Stern-Ausgabe von 1971 mit dem Titel »Ich habe abgetrieben«, die exakt der Selbstbezichtigungsaufforderung der linken Sexualreformer von 1931 entsprach.


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