Sezession
1. Juni 2010

Sexpol – Die Linke, der Sex und die Politik

Gastbeitrag

Es ist erstaunlich, wie schnell sich 68 ein im Grunde immer nur subkulturelles Konzept durchsetzte und zur Norm wurde. Ein wichtiger Grund für den Erfolg war sicher die Möglichkeit, der Generalkritik eine besondere Stoßrichtung zu geben und ihr Entlarvungspotential weiter zu verschärfen,

• durch die Behauptung, daß »Faschismus« und »Verdrängung« zusammenhingen,

• daß »Auschwitz« irgendwie Folge der Machtergreifung des »analen Charakters« sei,

• weshalb »Antifaschismus« nur möglich sei mittels Enthemmung der Libido,

• von der systematischen Förderung kindlicher Sexualität und Beseitigung aller erzieherischen Restriktionen (Reich war mit A. S. Neill, dem Gründer von Summerhill, befreundet gewesen),

• über die Entkoppelung von Geschlechtsakt und Fortpflanzung, die Freigabe der Abtreibung im Namen weiblicher Selbstbestimmung,

• bis hin zur »Entkriminalisierung« aller Spielarten von Sexualität, insbesondere der Homosexualität.

Eine Schlüsselrolle spielte in dem Zusammenhang die Behauptung der Sexualfeindlichkeit des »Faschismus«, die ihre Plausibilität gerade nicht aus der Analyse des NS-Regimes gewann (das eher eine Polemik gegen kirchliche wie bürgerliche Moralvorstellungen pflegte, die Berührungspunkte mit der der Neuen Linken aufwies), sondern aus der Auseinandersetzung mit den im Nachkriegsdeutschland geltenden Sittlichkeitsmaßstäben und Strafgesetzen, die man kurzweg als »faschistisch« bezeichnete – eine Behauptung, die die Mehrheitsbevölkerung ablehnte, aber auch einschüchterte, während im Hinblick auf die linke Forderung einer Justizreform, die Homosexualität vollständig und Abtreibung teilweise legalisierte, Konsens mit den Anschauungen der Sozialdemokratie und der fortschrittlichen Intelligenz bestand.
Selbst der Einfluß dieser Koalition kann aber nicht erklären, warum im Gefolge von 68 Auffassungen durchsetzbar waren, deren Durchsetzung bis dahin immer scheiterte, wegen ihres utopischen Charakters auch scheitern mußte. Die Linke selbst hat der Erfolg überrascht und irritiert, und man ahnte früh, daß nicht der eigene revolutionäre Impetus oder die richtige Analyse der Klassenlage den Ausschlag gegeben hatten. Entscheidend war das Maß des gesamtgesellschaftlichen Wandels, die Erosion der tradierten Bestände und älteren Formen sozialer Kontrolle, die Verstädterung mit ihren seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beobachtbaren Auswirkungen auf das Leben der Geschlechter im allgemeinen, den Bedeutungsverlust des Mannes und die Emanzipation der Frau und das Sexualverhalten im besonderen, die steigende Zahl der Scheidungen und der unehelichen Geburten, der illegalen Abtreibungen und der Möglichkeiten, in der Anonymität mit einem abweichenden Sexualverhalten mehr oder weniger unbehelligt zu bleiben. Den Ausschlag gab letztlich die Veränderung auf dem Gebiet der Kontrazeptiva durch Erfindung der »Pille«, die zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit eröffnete, Sexualität und Fortpflanzung vollständig und sicher zu trennen.


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