Sezession
1. Juni 2010

Sexpol – Die Linke, der Sex und die Politik

Gastbeitrag

Daß dahinter ein Marktinteresse stand, war für die klügeren Köpfe der Linken offenkundig, so offenkundig wie das Marktinteresse an den Möglichkeiten, die die Mobilisierung der Frau für den Arbeitseinsatz und die Pornographisierung der Gesellschaft bot. Schon 1969 schrieb Peter Schneider in einem Aufsatz für das linke Leitorgan Kursbuch, daß die Vorstellung von befreiter Sexualität an revolutionärer Bedeutung verlieren müsse, wenn dem Unterdrückten »an jedem Kiosk … buchstäblich eine Erektion versetzt« werde. Es war diese Einsicht nicht massentauglich, und innerhalb der Gesamtlinken blieben es Minderheiten, die das Problem durch Radikalisierung (die »Stadtindianer« bei den Grünen der siebziger und achtziger Jahre) oder Korrektur im Grundsätzlichen (Emmas Kampf gegen Pornographie und Prostitution) zu beheben suchten. Die meisten gaben sich mit dem Erreichten zufrieden, was um so leichter fiel, als man die Kontrolle des »Überbaus« gewonnen hatte. Die heute übliche Einschätzung von Feminismus und gender studies, Beurteilung von Abtreibung und Ehebruch, Akzeptanz von Aufklärung im Kindergarten und Obszönität im Wortschatz entspricht linken Vorgaben. Und auch die Unzufriedenheit mit den Folgen dieser Situation ist typisch für die Linke – eine unvermeidbare Erwartungsenttäuschung.
Um deren Bedeutung zu verstehen, muß noch einmal auf den Ausgangspunkt Bezug genommen werden. Die Orgie war zu Beginn ein religiöser Akt, Wiederherstellung des chaotischen Urzustands durch Kopulation aller mit allen. In antiken Kulten haben solche Praktiken lange überlebt, wenngleich gebändigt. Das Christentum lehnte sie ab, aus einer prinzipiellen Sexualskepsis, vor allem aber aus theologischen Erwägungen. Trotzdem war nie zu verhindern, daß häretische Gruppen auftraten, die meinten, daß nach vollbrachter Erlösung der Mensch in einen paradiesischen Zustand zurückkehren könne. In solchen »adamitischen« Sekten galt die Ehe als aufgehoben und der Sexus selbst als geheiligt, weil der Mensch wieder seiner »Natur« leben konnte wie einst im Garten Eden. Derartige Ideen haben im Untergrund des Abendlands überdauert, traten in revolutionären Zeiten, etwa während der Hussitenstürme, wieder an die Oberfläche, zuletzt noch im England der religiösen Revolution des 17. Jahrhunderts.
Man darf den Einfluß solcher Art politischer Theologie auf die »ewige Linke« (Ernst Nolte) nicht unterschätzen, nicht die Macht der dahinter stehenden Sehnsucht und die Wahrscheinlichkeit des Desasters, sobald man die Utopie zu verwirklichen sucht. Reich meinte, daß es bei der »sexuellen Revolution« nicht um die Beseitigung »einer 200 Jahre alten Maschinenindustrie (das kapitalistische System), sondern um eine etwa 6000 Jahre alte menschliche Struktur« gehe, die von Hemmung, vor allem der kindlichen Libido, Tabuisierung abweichender Sexualität, Askese, Zwangsehe und Patriarchat geprägt sei. Man könnte auch von den 6000 Jahren der Hochkultur sprechen, die beendet wurde durch Freisetzung jener destruktiven Kräfte, die man bis dahin einer mehr oder weniger strengen Kontrolle unterworfen hatte.


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