Sezession
1. Juni 2010

Vom faschistischen Eros

Gastbeitrag

Sowenig es mithin dem geistigen Frühfaschismus, der sich in seinen radikalsten Wortführern selbst der Herrschaft des Thanatos unterstellte, an einem wie immer gearteten Eros mangelte, sowenig gewährte andererseits der mythische Eros einfach nur Lust und Liebe — auch er konnte den Sterblichen Tod und Opfer abverlangen. Die vertrauten ästhetischen Metamorphosen des peitschenbewehrten Liebesgottes zum geflügelten Jüngling und schalkhaften Amor verharmlosten bereits dessen dämonische Natur. Aber auch seine philosophische Verklärung zur Allegorie der Schönheit und seine psychologische Verengung zur Metapher der Sexualität verfehlten sein elementares Wesen, welches Ludwig Klages und Alfred Schuler in den orphischen Mysterien wiederentdeckten: Als sich selbst begattender Gott trug der ursprüngliche Eros die Keime aller übrigen Götter in sich, und so wurde er als mannweiblicher Dämon planetarischer Schwangerschaft und kosmischer Wiedergeburt verehrt. Insofern er das Weltgeschehen nicht nur durchwaltete, sondern allererst hervorbrachte, durfte dieser »kosmische« auch der »kosmogonische Eros« heißen. Einige Charaktere dieses weltschöpferischen und seinserfüllten Eros gingen auf Dionysos über, aber dem Gott der Frauen und der Fruchtbarkeit stand keine Schöpfungs- und Deutungskraft mehr zu Gebote, die der Welt im ganzen hätte Sinn und Form geben können. Im phallischen Kult um den sterbenden und wiederauferstehenden Dionysos erglühte nurmehr die alle erkalteten Weltgestalten und erstarrten Lebensformen einschmelzende oder sprengende Lebenssubstanz selbst. Nach der Wiedererweckung des trunkenen Gottes durch die deutsche Frühromantik ließ der spätromantische Wagnerianer Friedrich Nietzsche unter dem schönen Schein der griechischen Kunst- und Körperformen, die der deutschen Klassik noch als Vorbild dienten, ein schreckliches Chaos aufbrechen: Im dionysischen Taumel waren Lust und Schmerz, Sexualität und Grausamkeit, Lebenssteigerung und Selbstauflösung noch ungeschieden, und gerade in der weiblichen Grenzenlosigkeit dieses sich selbst genießenden Lebensstroms offenbarte sich das rauschhafte Wesen der Welt, mochte deren dem männlichen principium individuationis unterworfenes Erscheinungsbild auch eine apollinische Ruhe und Ordnung ausstrahlen.
Im Gegensatz zu Johann Jakob Bachofen, der den mythischen Widerstreit zwischen Dionysischem und Apollinischem in ein kulturhistorisches Nacheinander von Matriarchat und Patriarchat auflöste, suchte der Kosmische Kreis um Klages die heterosexuelle Entzweiung jener beiden Prinzipien in die hermaphroditische Einheit des kosmogonischen Eros zurückzunehmen, der noch kein animalisches Verlangen und keinen menschlichen Mangel kannte, in dem sich vielmehr eine göttliche Seinsfülle seelenvoll verströmte. Denn anders als die sexuelle Begierde oder die narkotische Sucht, die sich in triebhafter Befriedigung oder rauschhafter Selbstzerstörung erschöpfen, hebt die erotische Sehnsucht auf eine aufopfernde Selbstüberschreitung ab, wie sie nur in den Ekstasen einer aus dem Gefängnis des Geistes befreiten Seele erfahren werden kann. Schon der »Eros der Nähe«, der die heterosexuelle Zweisamkeit belebt, vermag die Einsamkeit der Seelen aufzuheben, sofern die Leiber nicht einfach im Dunkel des Rausches versinken; aber allein die homoerotische Gemeinschaft empfängt das Licht seelenvoller Begeisterung noch dort, wo sie offen sexuelle Züge annimmt. Gemäß diesem von Alfred Schuler so genannten »Eros der Ferne« wurde nicht der begehrende und besitzergreifende, sondern der schenkende und verklärende Liebhaber zum Musterbild aller abendländischen Führer- und Erlösergestalten bis zu jenem völkischen Retter, dessen »Neues Reich« Stefan George herbeisehnte. Die Gefolgschaft freilich kannte neben dem liebenden von jeher auch einen kriegerischen Eros, wie er in der altgermanischen Blutsbrüderschaft exemplarische Gestalt angenommen hatte. Hans Blüher ließ auf dem jugendbewegten Wirken der männerbündischen Erotik schließlich die gesamte patriarchalische Geschichte beruhen, denn nicht die Familiengemeinschaft, sondern die Männergesellschaft bildete die Keimzelle des starken Staates und aller höheren Kultur. Mit der Verhängung der Monogamie indessen war der Mann vor dem strengen Ethos dieses Eros zurückgewichen, dessen Macht im alten Sparta noch ungebrochen war. Sehnsucht nach der harten dorischen Männerwelt ergriff auch den zivilisationsmüden Gottfried Benn, der die spartanische Züchtung von »ewig jugendlichen Kriegern« und die ihr dienende Knabenliebe pries, bei welcher der Geliebte die im Samen liegende Seele des Liebhabers in sich aufzunehmen hatte, um dessen Stärke und Tapferkeit zu erlangen.


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